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Legende der acht Hundekrieger


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Im Anwesen von Hokita

Im Herbst desselben 14.Jahres Bunmei (1482), in dem sich Inuzaka Keno auf der Straße durch Shinano von Inukawa Sôsuke und Inuta Kobungo getrennt hatte, zogen Inukai Genpachi und Inumura Daikaku auf Wegen des Landes Musashi dahin. Um die schon bekannten und noch unbekannten Hundekrieger zu finden, setzten sie ihre Wanderung von der Landstraße Tôkaidô aus rings durch die Lande von Ostjapan fort; sie hielten sich einmal hier ein halbes Jahr, dann wieder dort drei Monate lang auf, und jetzt schritten sie über die Felder in der Nähe von Senju, um nach Gyôtoku im Lande Shimôsa zu gelangen, das Genpachi gut kannte. 
Der Abend war schon nahe, weshalb sie den Fluss Sumidagawa am andern Morgen überqueren und sich für die Nacht eine Herberge irgendwo in der Nähe suchen wollten. Während sie einem Dorf am Ende der Wiese zustrebten, setzte aus dem dunkel bewölkten Himmel ein herbstlicher Schauer ein.
"Beeilen wir uns!"
Erst begann Genpachi, dann auch Daikaku in Richtung des Ortes in den Laufschritt überzugehen. Da kam ihnen ein Mann mit einem Tuch um die Mundpartie auf dem Feldweg entgegengerannt. Als sie aneinander vorüberliefen, löste sich das Bündel Reisegepäck, das Daikaku schräg auf dem Rücken trug, und fiel auf den Weg. Einige Schritte lief Daikaku noch weiter, dann blieb er stehen und sah sich um. Der Mann hob gerade das Bündel vom Boden auf. Daikaku meinte, er höbe es für ihn auf, aber als sich ihre Blicke trafen, schlug sich der junge Mann mit Daikakus Bündel stracks seitlich ins Gebüsch und eilte davon.
"Halt!", rief Daikaku und rannte ihm gleich nach. Genpachi, der dies gewahrte, kam sofort zurückgelaufen und nahm ebenfalls die Verfolgung auf.
"Ein Dieb?"
"Scheint so."
"So ein Gauner!"
Zornig liefen die beiden hinterher, aber der Dieb war schnell. Hinein in das zur Seite schlagende, wogende Gestrüpp, sie verloren ihn beinahe aus den Augen. Auf einem Damm, der sich weiter vorne erhob, war noch eine Gestalt zu sehen. Neben sich hatte der Mann eine Art Kiepe stehen. Der Dieb hier im Gras rief ihm irgendetwas zu, woraufhin der Mann auf dem Damm hastig die Kiepe schultern wollte. Als er aber die zwei verfolgenden Krieger erblickte, setzte er sie sofort wieder ab. Von oben hörte man ihn brüllen:
"Was ist mit dir?"
"Dieses Reisegepäck, ich hab es mir schnell gegriffen..."
"Du Dummkopf!" 
"Jetzt hilf mir doch!"
Unter solchem Wortwechsel kletterte der Dieb den Damm hinauf. Und hinter ihm Daikaku und Genpachi.
Der fliehende Dieb sah mehr wie ein streunender Strolch aus, aber der Mann, der ihn oben erwartete, war ein großgewachsener Mensch in einem ausgebleichten formellen Gewand mit Wappen, wenn auch der eine Ärmel zerschlissen war und der rechte Ärmel gänzlich fehlte. Er schien ein heruntergekommener Samurai zu sein. Er erhob einen Knüppel, den er in der Hand hielt, und wollte damit auf Genpachi eindreschen. Genpachi wich ihm geschickt aus und packte ihn am Arm, ohne auch nur das Schwert zu ziehen. Der andere, der Dieb, stürzte auf Daikaku los.
Nach einem sehr kurzen Kampf waren die beiden Männer zu Boden geschlagen, aber als Genpachi und Daikaku sie festhalten wollten, sprangen sie in irrer Todesangst auf, rannten den Damm hinunter, platschten in den Fluss hinein und schwammen davon wie Wassermänner.
"Mein Gepäck habe ich wieder, aber einen Ärmel haben sie mir abgerissen", sagte Daikaku mit bitterem Lächeln, während sie den Fliehenden nachschauten. Sein rechter Arm war von der Schulter an entblößt.
"Aber was ist hier drin?", fragte Genpachi mit Blick auf die stehen gelassene Kiepe. Weil der Verschluss abgebrochen war, öffnete er den Deckel und blickte hinein. Wegen des Regens verschloss er ihn gleich wieder, aber er hatte darin die Ausrüstung eines Kriegers erblickt; einen 
Offiziersmantel, einen Kürass, gepanzerte Handschuhe, Ledergamaschen und dergleichen.
"Das haben diese Halunken sicher irgendwo gestohlen", meinte Daikaku. "Einer hat es bis hierhin geschleppt und dann gewartet, bis sein Kumpan nachkam. Oder der andre ist von hier fortgelaufen, um z
u sehen, ob die Luft rein ist, und beim Vorüberrennen hat er mir das Bündel weggenommen und ist damit davongerannt."
"Vermutlich wird es so sein. Eine üble Sache für die zwei", lachte diesmal Genpachi bitter. "Aber gestohlen haben sie es vermutlich aus einem der Häuser des Weilers da vorn. Der Inhalt ist ja eher ungewöhnlich. Sicher ist es irgendwem sehr wichtig. Wir wollten ohnehin dort hingehen. Wir nehmen es am besten mit und geben es da zurück."
Genpachi lud sich die Kiepe auf den Rücken. Der Regenschauer war vorbei. Die beiden stiegen den Damm hinab, schlugen sich wieder durch das Gebüsch und kamen zu ihrem früheren Weg zurück. Da sahen sie, wie aus der Richtung jenes Dorfs mehrere Dutzend Männer herbeigelaufen kamen. In den Händen hielten sie Sicheln, Spaten, Knüppel und derlei, einige hatten auch Schwerter und Spieße. Als sie die zwei Hundekrieger erblickten, schrien sie:
"Heee, da sind sie!"
"Das Diebesgesindel mit der Kiepe sind die da!"
Als die Männer wütend hergelaufen kamen, erschraken die beiden Gefährten.


kiepe

Kiepen aus Binsengeflecht, mitunter durch Holzrahmen verstärkt oder durch Lackierung gegen Regen geschützt,
mit und ohne Deckel, gab es in allen erdenklichen Größen und Formen


"Nein, wir sind doch nicht die Diebe! Wir haben die Kiepe gefunden und nur eigens aufgesetzt, um sie euch zurückzubringen!"
So riefen sie zwar, aber dabei wurden sie schnell von den Leuten umringt. Es waren zwar Dorfbewohner, aber keine gewöhnlichen Bauern. Nicht nur, weil sie Schwerter und Spieße trugen, sondern von ihren kampfbereiten Gesichtern war das für die beiden intuitiv spürbar.
Ihr Versuch, dieses merkwürdige Geschehnis zu erklären, wurde von der wütenden Schar abrupt unterbrochen.
Genpachi setzte erst mal die Kiepe auf die Erde.
"Eine lästige Sache. Wir machen ein bisschen Rabatz und dann verschwinden wir", flüsterte er Daikaku zu.
"Aber es geht nicht an, die Dorfleute totzuschlagen. Wir dürfen nur mit dem Schwertrücken zuschlagen", wisperte Daikaku zurück.   
Das Geflüster bemerkten die Bauern sehr wohl.
"Passt auf, dass sie nicht entkommen!"
"Gebt ihnen Saures!", brüllten die Leute aus dem Dorf.
Daraufhin trat ein Alter aus der Schar hervor und rief ihnen zu: "Halt, wartet!"
Er trug schwarze Gewandung, hatte silbergraue Haare, ein rosiges Gesicht, und kein einziger Zahn fehlte ihm. Kurzum, er war ein würdevoller alter Herr.
"Ihr jungen Leute, ihr seht mir aus wie Samurai. Wenn ihr Ehrgefühl besitzt, dann sträubt euch nicht und redet euch nicht heraus, sondern lasst euch widerstandslos fesseln und folgt mir in mein Haus. Ich bin der Herr des hiesigen Lehens Hokita und heiße Higaki Natsuyuki. Wenn ihr folgsam seid, will ich euch behilflich sein und euch eventuell sogar ein Wegegeld geben."
"Du Dummbeutel, was schwatzt du so anmaßend?", polterte Genpachi. "Ihr beschuldigt uns zu Unrecht. Ich habe doch gerade eben gesagt, dass ihr die Falschen erwischt habt!" 
"Was soll das heißen, 'zu Unrecht', 'die Falschen erwischt'?", knurrte der Alte und sagte etwas zu dem Dörfler hinter ihm. Der zog irgendetwas aus seiner Brusttasche und gab es dem Alten.
"Sag mal, Samurai, wo hast du denn deinen einen Ärmel gelassen?"
Er schwenkte den Stofffetzen, der er in der Hand hielt. "Den habe ich nämlich hier."
Es war ein schwarzer Gewandärmel mit Wappen.
"Heute wollte ich meinen Erdspeicher renovieren und habe dessen Inhalt im Garten gelagert. Weil während der Arbeiten dummerweise ein Regenschauer kam, sind wir alle ins Haus hineingeflüchtet. In dieser kurzen Zeit hat mir irgendwer diese Kiepe gestohlen. Aber die Diebe waren auch in Hast; als sie mit der Kiepe auf dem Rücken davonliefen, blieb dieser Ärmel an der Dornenhecke
hängen, die sie durchbrochen hatten. Wie ich sehe, fehlt an deinem Gewand ein Ärmel!"
Er wies auf Daikakus entblößten Arm.
"Es ist zwar unbegründet, aber es dürfte schwer sein, das plausibel zu erklären, Genpachi."
"Gut, dann ergreifen wir die Flucht!", wisperten die beiden. Sie zogen drohend die Schwerter und taten so, als ob sie den alten Herrn attackieren wollten, liefen dann aber sofort nach hinten davon. Sieben oder acht Bauern, die Hiebe von den Schwertrücken abbekamen, wurden umgeworfen. Den fortrennenden Gefährten eilten die Dorfleute wie ein schwarzer Wirbelwind hinterdrein.
Nach einigen hundert Metern Verfolgungsrennen erreichten die Hundekrieger die Flussaue von Senju. Damals existierte natürlich die Brücke von Senju noch nicht. Aber hinter dem Uferschilf war ein kleiner Kahn zu sehen, auf den Genpachi und Daikaku zuliefen.
"Heee, in dem Schiff, wartet! Nehmt uns bitte mit!"
In dem Kahn waren zwei Männer, die zwar herüberschauten, aber einer ergriff schleunigst das Ruder und fuhr das Schifflein vom Ufer weg. Und als sie weit genug entfernt waren, streckte der andere Mann ihnen die Zunge raus.
"Aaah! Diese Kerle!"
Die beiden Gefährten waren verdutzt. Der Kerl, der ihnen die Zunge herausgestreckt hatte, war nämlich einer der beiden Kiepenräuber, und zwar derjenige, dem ein Ärmel fehlte. Und der andere, der das Ruder führte, war sein Kumpan. Weshalb trieben sie sich noch immer hier in dieser Gegend herum?
Was sie von dem Begehren von Genpachi und Daikaku hielten, zeigten sie durch ihr schallendes Lachen, das die Zähne sehen ließ, während ihr Boot sich weiter entfernte.
Die verfolgenden Dörfler waren schon nahe. Genpachi und Daikaku standen mit blank gezogenen Schwertern wie Niô-Statuen mit dem Rücken zum Fluss am Ufer. Es widerstrebte zwar ihrer Absicht, aber sie waren darauf gefasst, dass es nun nicht mehr ohne Blutvergießen abginge, um zu entrinnen.


nio

Was an der Disco der Rausschmeißer ist, sind in den Tempeltoren die Niô-Statuen, die immer zu zweit Japans Heiligtümer bewachen.
Jeder Dämon wird es sich zweimal überlegen, ob er Ärger mit den Niô riskiert.


Da ertönte ein lauter Ruf von hinten. Durch die Schar bahnten sich zehn Bogenschützen den Weg nach vorn, stellten sich in einer Reihe nebeneinander und legten ihre Pfeile auf Genpachi und Daikaku an.
"Halt!", schrie der Alte von vorhin wie ein Vogel Greiff und kam schon wieder hervorgelaufen. Er reckte verwundert den Hals in Richtung Genpachi und Daikaku aus --- nein, genauer gesagt, er schaute hinter den beiden auf den Fluss.
Genpachi drehte sich um und rief "Oooh!"
Über den hell schimmernden Fluss kam der Kahn nämlich zurückgefahren. Das Ruder führte Inuyama Dôsetsu. Neben ihm stand Inuzuka Shino, und zu ihren Füßen lagen die beiden Diebe. Das Boot legte direkt am Ufer an.
"Genpachi, was ist denn da los?!", rief Dôsetsu.
"Die Begrüßung später. Bring erst mal diese zwei Burschen her", erwiderte Genpachi, worauf Shino die zwei Diebe hochzog und einen nach dem andern wie Bälle aufs Ufer hinaufwarf. Sie waren vielleicht bewusstlos gewesen, aber durch den Aufprall kamen sie zu sich und wälzten sich stöhnend am Boden.
Daikaku hielt sie mit dem Fuß nieder, und Genpachi rief:
"Heda, Alter, mach die Augen auf und sieh dir die Kerle gut an. Das sind deine Kiepenräuber!"
"Dem einen fehlt der Ärmel. Frag ihn, wo er ihn gelassen hat", ergänzte Daikaku, schnappte die Diebe und warf sie der Schar der Bauern zu. Die Dorfleute umringten die Kerle
erregt und schrien lauthals durcheinander.

Genpachi und Daikaku kümmerten sich nicht darum. Genpachi hatte nicht einmal Zeit, seine Freude über das Wiedersehen seit der Trennung am Berg Arameyama zu äußern; er berichtete kurz, was ihnen heute zugestoßen war, und fragte dann:
"Wie kommt ihr denn hierher?"
Dôsetsu und Shino waren, nachdem sie Fräulein Hamaji von Kai aus bis hierher geleitet hatten, am Fluss Sumidagawa unterwegs, als sie in dem Gefilde von Musashi von dem Herbstregenschauer überrascht wurden. Sie suchten auf dem hier angebundenen Kahn Schutz vor dem Regen. Und während sie einnickten, betraten auf einmal zwei Männer das Schiff und ruderten davon. Durch die Latten spähend, sahen die Gefährten, dass der Mann, der dem Kahn vom Ufer aus nachschrie, Inukai Genpachi war. Deshalb überwältigten sie die beiden Männer und kamen zurückgerudert.
"Aber viel wichtiger...", fiel es Genpachi ein. "Inuzuka Shino! Schau, mein Gefährte ist einer unserer 'Brüder', den ich in Kôzuke gefunden habe, Inumura Daikaku!"


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Inumura Daikaku und seine Kristallkugel mit dem Schriftzeichen REI (Anstand)

 
Schon vorher hatten sich Shino und Daikaku verwundert angesehen, und jetzt plötzlich liefen sie auf einander zu.
"Oooh, Akaiwa Kakutarô!"  --- "Und du bist doch Shino?", riefen sie und fielen sich in die Arme.
Es war für beide ein Wiedersehen nach dreizehn Jahren, seit dem Frühjahr des 2.Jahres Bunmei (1470), als die beiden elfjährigen Freunde Shino und Kakutarô in dem Weiler Ôtsuka auf dem mit verwehten Pfirsichblüten besprenkelten Weg zum Fluss Kaniwagawa von einander Abschied genommen hatten. Keiner von beiden hatte geahnt, dass sie schon damals durch ein gemeinsames Schicksal als Hundekrieger miteinander verbunden waren. Daikaku hatte natürlich bereits durch Genpachi von Shino erzählt bekommen.

Eine zögernde Stimme war neben ihnen zu hören.
"Wir haben den Fall aufklären können. Es tut mir unendlich leid.... Es ist genau, wie Ihr gesagt habt."
Es war Higaki Natsuyuki. Bei diesen Worten kniete der alte Mann nieder und senkte sein Haupt bis auf den Erdboden.
"Ich ersuche die Herrschaften untertänigst um Verzeihung."
Den alten Herrn, der in all seiner Würde von ihnen das Haupt zu Boden gesenkt hielt, aufs Neue anzubrüllen, brachten Genpachi und Daikaku nicht fertig. Sie sagten nur:
"Wenn das Missverständnis geklärt ist, dann ist es ja gut."  ---  "Steht auf,
alter Herr!"
Der alte Natsuyuki beteuerte, seinen heutigen Fehler könne er nicht so einfach auf sich beruhen lassen. Sie möchten bitte in sein Anwesen mitkommen und bei ihm übernachten. Diesen fast flehend vorgetragenen Wunsch nahmen die vier Hundekrieger schließlich an. Vor allem deshalb, weil sie sonst keine Bleibe für die kommende Nacht hatten.
Die Wohnung des Dorfvorstehers von Hokita, Higaki Natsuyuki, war ein zwar schlichtes, aber so weiträumig angelegtes Anwesen, dass die Hundekrieger angesichts der sich ewig lang hinziehenden Mauern, die es umschlossen, und der Bauten mit den alten, zeitgeschwärzten Pfeilern große Augen machten. An diesem Abend bot das Haus Higaki ein großartiges Festmahl mit allen Köstlichkeiten von Land und Meer auf; dass die Hundekrieger während des Essens abwechselnd ihre Erlebnisse "seit damals" austauschten, versteht sich von selbst. Bei diesem Bankett wandte sich Inukai Genpachi mit einer Frage an den Gastgeber Natsuyuki:
"Übrigens, mein Herr, was Eure Kiepe von vorhin betrifft.... Es ist zwar eine Unhöflichkeit, aber ich habe mir deren Inhalt kurz angesehen. 
Darin erblickte ich die Ausrüstung eines Kriegsmannes, Offiziersmantel, Kürass, gepanzerte Handschuhe, Ledergamaschen und dergleichen. Was hat es damit auf sich?"
Natsuyuki antwortete lachend:
"Das sind Erinnerungsstücke aus der Zeit, als ich an den Kämpfen um die belagerte Burg Yûki teilnahm..."
Er berichtete, dass er nach dem Fall der Burg Yûki entkommen sei und bei einem alten Bekannten, dem Dorfvorsteher dieses Weilers Hokita, Unterschlupf gefunden habe. Dieser Dorfvorsteher sei kurz darauf wegen einer Streitsache um ein Stück Land nach Kyôto gereist, um Klage zu erheben, aber dort erkrankt und verstorben. Von dessen Angehörigen wurde Natsuyuki die Nachfolge im Amt des Dorfvorstehers angetragen. Nach und nach kamen immer mehr seiner einstigen Untergebenen hierher und ließen sich als Bauern in Hokita nieder, wo sie bis heute leben.
Jetzt wurde
Genpachi und Daikaku klar, weshalb die Dorfleute, die sie verfolgt hatten, nicht ausgesehen hatten wie gewöhnliche Bauern!
"Übrigens",
warf Shino ein, "weil Ihr die Schlacht um die Burg Yûki erwähntet: Mein Vater, Inuzuka... nein, Ôtsuka Bansaku, hatte an derselben Schlacht teilgenommen."
"Was, Ôtsuka Bansaku? Der war ein enger Freund und Kampfgefährte von mir!"


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Inuzuka Shino


Nun wurde die Feier noch erheblich herzlicher. Higaki Natsuyuki betrachtete nun Inuzuka Shino, ach was, alle vier Hundekrieger mit liebevoll-väterlichen Augen, und sie erzählten Natsuyuki, was es mit der brüderlichen Gemeinschaft der Hundekrieger auf sich habe. Mit
Augen, die nicht allein vom Sake, sondern mehr noch von Begeisterung und Anteilnahme glänzten, sprach Natsuyuki:
"Ihr Herren Hundekrieger solltet dieses Haus zu Eurer Heimatfestung machen. Oder vielmehr, ich bin es, der Euch darum bittet und einlädt!"
Daraufhin erklärten Shino und Dôsetsu, dass sie im Lande Kai, in Isawa, eine weitere Heimstatt besäßen, den Tempel Shigetsuin, und dass Genpachi und Daikaku, die noch nie dort gewesen waren, den Tempel aufsuchen und den Priester Chudai treffen müssten. Genpachi und Daikaku nickten zustimmend. Nur Dôsetsu zog die Brauen hoch und entgegnete:
"Dass ich nach Musashi gekommen bin, ist deswegen, weil sich der Shogunatsfürst Ôgiyatsu Sadamasa derzeit auf Burg Isarago aufhalten soll...."
Dieser Racheteufel hatte sein wichtigstes Ziel keineswegs vergessen. Aber Ôgiyatsu Sadamasa war ein mächtiger Feind. Sie kamen überein, dass vorerst einmal Dôsetsu und Shino in die Gegend von Isarago gehen und die Bewegungen des Sadamasa auskundschaften sollten.


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Vertreibung der Dämonen

Inukai Genpachi und Inumura Daikaku, die bald ins Land Kai aufbrachen, erreichten sicher Isawa und trafen dort nicht nur den Priester Chudai an, sondern auch ihre dort weilenden 'Brüder' Inukawa Sôsuke und Inuta Kobungo. Daikaku lernte erstmals Kobungo kennen, aber mit Sôsuke war es für Daikaku nicht die erste Begegnung. Er kannte ihn von früher aus Ôtsuka, als Daikaku noch Kakutarô und Sôsuke noch Gakuzô hieß. Beide vergossen Freudentränen über das Wiedersehen nach so langer Zeit.
Chudai klatschte in die Hände.
"Somit sind alle acht Hundekrieger vollzählig! Nur wissen wir nicht, wo sich Inuzaka Keno und Inue Shinbei derzeit aufhalten."
Ein paar Tage später sprach Chudai:
"Obwohl wir von zweien nicht wissen, wo sie stecken, sind uns immerhin die Namen aller acht Hundekrieger bekannt. Ich meine, wir sollten die Gelegenheit nutzen, um
eine große Totenfeier zum Gebet für das Seelenheil des Herrn Suemoto, Vater unseres früheren Fürsten Satomi Yoshizane, auszurichten, und zwar am einstigen Schlachtfeld bei Burg Yûki, wo er gefallen ist. Alle acht Hundekrieger sind schließlich Söhne der Fürstentochter Fusehime aus dem Hause Satomi. Man kann euch 'Brüder' also durchaus auch als die Urenkel des Herrn Suemoto betrachten. Welche Freude für dessen Totenseele würde es sein, wenn zumindest diese sechs Hundekrieger gemeinsam an einer solchen Feier teilnähmen! Die Burg Yûki ist am 16.Tag des 4.Monats gefallen; die Gedenkfeier möchte ich an ebendiesem Tag durchführen." 
Die vier anwesenden Hundekrieger waren einverstanden.
"Aber auch Inuzaka Keno weiß eigentlich über den Treffpunkt Shigetsuin Bescheid. Es ist durchaus möglich, dass er es sich anders überlegt und irgendwann urplötzlich hier aufkreuzt", wandten Kobungo und Sôsuke ein, von denen sich Keno auf dem Weg nach Isawa unterwegs getrennt hatte. Weil noch Zeit bis zum 4.Monat verblieb, beschlossen sie, erst einmal bis zum Jahreswechsel hier im Shigetsuin zu warten.
Erst im 1.Monat des folgenden Jahrs 1481 legte Chudai die dunkle Gewandung eines Wandermönchs an, setzte sich den Binsenhut auf und trat die Reise ins Land Hitachi mit dem Ziel Yûki an. Inuzaka Keno hatte sich in der Zwischenzeit schließlich doch nicht gezeigt.
Einige Tage später traten auch die vier Hundekrieger die Reise an. Da sie ohnehin in dieses Land Kai gekommen waren, wollten sie die Gelegenheit nutzen, um die Tempel am Berge Minobusan aufzusuchen, und wählten deshalb eine andere Wegstrecke als Priester Chudai. Sie vereinbarten, sich in Musashi im Weiler Hokita, im Anwesen des Herrn Higaki, wieder zu treffen.


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Wandermönch Chudai


Einige Tage nach seinem Aufbruch aus Isawa gelangte Wandermönch Chudai zu einem Weiler mit Namen Aoinooka in der Gegend von Azabu. Da die Sonne schon tief stand, trat Chudai zu einem Haus, klopfte an und bat um Unterkunft für eine Nacht.
"Ich würde Euch gern über Nacht aufnehmen, aber es ist verboten, reisenden Geistlichen Obdach zu gewähren. Ich bitte um Verständnis", sagte der Hausherr.
Chudai versuchte es noch mehrmals, bei vier oder fünf anderen Häusern, erhielt jedoch immer dieselbe Antwort. Da ihn das wunderte, erbat er sich beim nächsten Hausherrn Auskunft über die Hintergründe dieses Verbots.
"Ein Geistlicher hat diesem Ort hohe Kosten aufgebürdet, weshalb wir keine Wandermönche mehr aufnehmen dürfen," erhielt er zur Antwort.
"Dann zahle ich eben für die Unterkunft. Ich bin zwar ein Wandermönch und besitze nicht viel, aber das Entgelt für eine
Übernachtung kann ich aufbringen."
"Nein, nein, auch zahlende Geistliche aufzunehmen ist uns verboten. Niemand hier im Ort wird gegen das Verbot handeln. Versucht es doch bitte im Nachbardorf."
"Was hat es denn damit auf sich?"
"Ich will es Euch erzählen. Vor einigen Jahren stiegen aus dem kleinen See am Ortsrand Nebel und Wolken auf, und starker Regen fiel ohne Unterlass. Reis und Getreide verdarben auf den Feldern, die Bewohner litten Not. Wir führten am Seeufer Riten durch und beteten um das Ende des Regens, aber nichts davon zeigte Wirkung. Eines Tages erschien im Dorf ein Wanderpriester mit Namen Chiu Rôshi, ging von Haus zu Haus und predigte:
'Alle Nachbardörfer erzielen prächtige Ernten, nur dieses Dorf wird vom Dauerregen heimgesucht. Ihr habt die Gottheit des Sees erzürnt, da helfen keine Gebete mehr. Ihr müsst am Neujahrstag fünf Säcke mit je 10 kan Eiraku Münzgeld füllen, zehn Garnituren neue Gewandung in zwei Körbe legen, die Gaben in ein Boot setzen und das Boot in Richtung Mitte des Sees stoßen. Im Sommer füllt ihr zehn Körbe mit frischem Gemüse wie Gurken und Auberginen, und im Herbst dreißig Gebinde neuen Reis, dazu zehn Fässer mit Sojabohnenpaste und -sauce und bringt es auf die gleiche Weise der Seegottheit dar. Diese Opfergaben müssen also dreimal in jedem Jahr, und zwar im 1., 5. und 9.Monat, gespendet werden. Nach der Darbringung des Opfers müssen alle Bewohner heimkehren und dürfen bis zum Morgen keinesfalls ihr Haus verlassen. Wenn ihr dies tut, könnt ihr alle Jahre mit ordentlicher Ernte rechnen.'
Wir beklagten uns wegen der hohen Kosten und fragten, was eine Gottheit, die doch nur einen Geist, aber keinen Körper besitzt, mit Kleidern und Speisen, die nur für Menschen taugen, anfangen könnte, aber der Priester schalt uns:
'Ihr seid allzu töricht. Gottheiten sind barmherzig. Die Gottheit des Sees wird sich in der Nacht die Gaben nehmen und auf wundersame Weise an Bedürftige in der Region verteilen. Wenn ihr meinen Rat nicht befolgt, wird es nicht nur weiterregnen, sondern es werden auch junge Mädchen aus dem Dorf verschwinden.'
Mit diesen Worten ging der Priester fort. Es regnete dreißig Tage lang ohne Unterlass weiter, und drei etwa fünfzehnjährige Mädchen verschwanden spurlos. Es war der Neujahrsmonat, und in jener Nacht brachten wir erstmals die verlangten Gaben der Gottheit des Sees dar und verschlossen uns ab zehn Uhr in unseren Häusern. Danach endete zwar der Regen, aber wir dürfen seitdem am Tag der Opferdarbringung keine fahrenden Geistlichen mehr aufnehmen."


dorfregen


"Das sehe ich ein und habe verstanden", antwortete Chudai. "Heute findet also das rituelle Opfer statt. Aber ich möchte gern den Herrn Vorsteher des Dorfes aufsuchen. In welchem Haus wohnt er?"
Priester Chudai begab sich zu dem gewiesenen Haus des Dorfschulzen.
"Ich heiße Chifû Dôjin und bin ein Schüler des Geistlichen
Chiu Rôshi, der euch gelehrt hat, den Zorn der Seegottheit zu besänftigen. Ich komme mit einer wichtigen, dringenden Botschaft und ersuche um eine Unterredung mit dem Herrn Dorfvorsteher", meldete er dem Gesinde.


Viele Namen tragen in Bakins Werk eine versteckte Botschaft. Der Name des Schamanen Chiu Rôshi bedeutet etwa "alter Priester, der sich mit Regen auskennt", und das Pseudonym von Priester Chudai, der sich Chifû Dôjin nennt, bedeutet frei übersetzt "einer, der durch Wissen den rechten Weg weist".


Es war schon dunkel geworden. Auf Geheiß des Hausherrn 
führten Knechte und Mägde mit Leuchtern Chudai in den Empfangsraum. Der Dorfschulze ließ Chudai auf dem Ehrensitz Platz nehmen und sprach:
"Mein Name ist Iwai Emonji. Ich bin hocherfreut, dass Herr Chiu Rôshi uns nicht vergessen, sondern eigens seinen Schüler hergesandt hat. Es soll eine dringende Angelegenheit sein. Worum handelt es sich?"
"Ihr habt regelmäßig die Opfergaben dargebracht und seid folglich nicht länger in Not. Aber die Gottheit des Sees hat sich darüber beschwert, das
neuerdings böse Geister die Gaben stehlen und wünscht, dass diese Dämonen beseitigt werden. Da heute wieder die Darbringung der Opfergaben ansteht, soll ich in dieser Nacht die Räuberdämonen vertreiben."
"Von solchen Dämonen ahnten wir nichts", stammelte Emonji erschrocken. "Wollt Ihr die Räuberdämonen mit spirituellen Mitteln oder im Kampf besiegen?"
"Für solche Dämonen sind spirituelle Mittel zu schade. Es genügen Musketen. Habt ihr im Dorf gute Schützen?"
"Tanehei und Shimahei sind unsere Jäger, sie sind beide sehr zielsicher."
"Gut, sie sollen mir helfen. Ansonsten beladet das Boot am See mit euren Gaben. Wenn eure Männer es vom Seeufer zur Mitte des Gewässers geschoben haben, sollen sie sich wie üblich sofort zurückziehen, aber nicht in ihre Häuser, sondern sich ein paar hundert Meter entfernt im Wald verstecken, und wenn sie Schüsse hören, sofort zum Seeufer laufen! Du selbst versteckst dich auch mit vier oder fünf mutigen, kräftigen Burschen in Ufernähe. Haltet die Sache bitte geheim, damit außer den Beteiligten niemand etwas davon erfährt!"
Emonji, der Dorfschulze, ließ die Jäger Tanehei und Shimahei kommen, befahl ihnen, ihre Musketen zu holen und Lunten, Pulver und Kugeln
vorzubereiten. Um zehn Uhr waren die Opfergaben bereit und die Leute, die sie zum See bringen sollten, versammelt. In zwei Reihen zog die Prozession zum Seeufer. Bei diesem Ritual gab es weder Trommeln noch Glocken, und Zuschauen war verboten. Die Gaben, mit shintoistischen Papierstreifen geziert, wurden auf das Boot geladen, das man anschließend mit einer langen Stange in Richtung Seemitte stieß. Danach warfen die Männer ihre Fackeln in den See und zogen sich wie stets fluchtartig zurück. Mit einer Handvoll mutiger Männer hatte sich Emonji zuvor von der Prozession entfernt und im Wald versteckt, um auf das Zeichen zu warten.
Chudai rief indessen die Jäger Tanehei und Shimahei zu sich und erläuterte ihnen, was sie zu tun hätten. Nachdem die vom Seeufer zurückkehrenden Leute vorüber waren, schlichen Chudai und die Jäger sich ans Ufer, von wo aus sie den See überblicken konnten.
Es war eine kalte Nacht im Neujahrsmonat. Der See hatte etwa 800 m Umfang, das Ufer war mit vertrockneten Gräsern und Wasserpflanzen bestanden. Im Schein des klaren Mondes schimmerte auf dem Schilf der Raureif, die Wasserfläche spiegelte das Mondlicht. Die Kälte drang den Lauernden bis ins Mark.


mondsee


Im Schilf verborgen überschauten Chudai und die Jäger den See. Gegen zwei Uhr früh erschienen von Süden her, aus der Richtung von Azabu, fünf Männer, die sich mit schwarzen Umhängen verhüllt hatten. Der Mann an der Spitze, offenbar ihr Anführer, trug über dem Kopf eine Kapuze und an der Seite ein langes Schwert. Seine Untergebenen warfen eine mit Haken versehene Leine zu dem Boot, zogen es ans Ufer und luden sich die Säcke mit den Münzen auf die Schultern. Das waren sie, die Räuberdämonen!
Tanehei und Shimahei legten an und schossen. Ihre Kugeln verfehlten keineswegs ihr Ziel
; der Anführer und einer der Räuber stürzten getroffen nieder.
Von den Schüssen erschreckt eilten die anderen drei Männer zu ihrem gestürzten Anführer, und schon fielen weitere Schüsse. Ein weiterer Räuber fiel zu Boden, und der Anführer, von einer zweiten Kugel in die Stirn getroffen, hauchte sein Leben aus. Ohne sich um ihre toten Kumpanen zu kümmern, ergriffen die beiden überlebenden Räuber die Flucht.
Die Dorfleute, die im Wald und am Seeufer auf der Lauer gelegen hatten, kamen wie vereinbart herbeigelaufen, als sie die Schüsse hörten. Dorfschulze Emonji rannte zu Chudai, der am Ufer stand.
"Wie ich es mir gedacht hatte, kamen fünf Räuberdämonen. Drei davon wurden niedergeschossen, die beiden anderen sind entflohen. Wenn noch einer von den gestürzten Bösewichten lebt, bringt ihn zum Sprechen!", ordnete Chudai an.
Der Anführer und einer seiner Kumpanen waren tot, aber der zuletzt Beschossene hatte nur eine Kugel ins Bein bekommen und zappelte noch. Vor den Jägern, die ihn fesselten und kräftig verdroschen, war er schnell geständig.
"Wir sind Räuber, die mit ihrem soeben erschossenen Hauptmann in einer Höhle am Berg Nagasaka leben. Der Hauptmann, ein ehemaliger Schamane, heißt Gazenbô. Er hat Hexerei erlernt und kann es nach Belieben regnen lassen. Dann bedroht er einfältige Bauern in den Dörfern, redet ihnen ein, dass ihnen die Gottheiten zürnten, und entführt junge Mädchen aus den Dörfern, um sie zu seinen Gespielinnen zu machen oder an Hurenhäuser zu verkaufen. Außerdem lässt er die Dorfleute angebliche Opfergaben spenden und lebt davon in schwelgerischem Luxus. Neidisch auf dieses Leben schlossen wir vier uns ihm an, können es aber weder regnen lassen noch eine andere Gestalt annehmen. Nun hat ihn sein Schicksal ereilt; die Kugel in Gazenbôs Stirn war sicherlich die Strafe des Himmels."
Mit offenen Mündern sahen Emonji und seine Leute einander konsterniert an.
"Habt ihr nun verstanden, was mit euren Opfergaben geschieht?", fragte Chudai. "Ich muss aber auch ein Geständnis machen. Dass ich ein Schüler des Schamanen Chiu Rôjin sei, war eine Lüge. Sie war aber notwendig, um die Räuber auszumerzen und euch von eurer Verblendung zu befreien. Ich bitte, mir das nachzusehen. Ich bin ein alter Wandermönch aus Isawa im Lande Kai, und als ich im Dorf um Obdach für eine Nacht bat, erfuhr ich von dem, was sich hier zugetragen hatte. Ich dachte mir gleich, dass die Bauern des Dorfs von Betrügern um die Früchte ihrer harten Arbeit gebracht wurden, aber selbst wenn ich mir den Mund franselig redete, hättet ihr mir keinen Glauben geschenkt. Deswegen habe ich zu dieser Finte gegriffen. Ich war einstmals ein Samurai in Diensten des Fürsten von Awa, habe aber wegen eines Fehltritts die Mönchsgelübde abgelegt und wandere seit nahezu dreißig Jahren unter dem Namen Chudai durch die acht Länder der Kantô-Region. Ich wäre wohl auch alleine mit den Räubern fertig geworden, aber dann hättet ihr auch künftig eure Gaben im See versenkt. Überdies sehe ich als buddhistischer Geistlicher davon ab, Lebewesen zu töten. Ich verlange für meine Hilfe kein Entgelt und halte euch auch keine Predigten über Himmel und Hölle. Wisst ihr nun Bescheid?"
Den Bauern und ihrem Dorfschulzen Emonji war, als wären sie aus einem schlimmen Traum erwacht.
"Herr Wandermönch, Ihr seid wahrhaftig ein
barmherziger Buddha in menschlicher Gestalt. Wir sind durch Euren Beistand von allen bösen Geistern erlöst worden und können fortan in Frieden leben. Das werden wir niemals vergessen, solange dieses Dorf fortbesteht."
"Wohlan, der Anführer ist tot, aber zwei der Räuber sind entkommen. Wir sollten uns von dem Gefangenen zu ihrer Höhle führen lassen."
Emonji befahl seinen Leuten, die Opfergaben wieder ins Dorf zu bringen und den Bewohnern zu berichten, was sich zugetragen hatte. Mit einer Handvoll Freiwilliger und den beiden Jägern brach er mit Chudai auf zur Räuberhöhle. Nach etwa zwei Kilometern Weges, vom nächtlichen Vollmond beleuchtet, erreichten sie die Höhle am Berg Nagasaka. Die Jäger legten ihre Musketen in Richtung Eingang an, als zwei sehr alte Leute, ein Mann und eine Frau, dort erschienen.


mitfackeln

Dorfleute mit Fackeln auf dem Weg zur Räuberhöhle


"Keine Angst, wir sind keine Räuber. Wir wohnten in der Nähe, aber Gazenbô hat uns mitleidlos aus unserem Haus vertrieben. Gegen seine Magie hilft keine Gegenwehr. Vorhin hörten wir, wie zwei Räuber zurückkamen und sich berieten, was sie nun tun sollten, weil ihr Hauptmann tot sei. Weil die beiden keine magischen Kräfte besitzen, haben wir sie getötet. Es waren nur fünf Räuber, und nun ist keiner mehr am Leben. In der Höhle sind jetzt nur noch die geraubten Schätze und drei entführte Mädchen."
Chudai trat zu dem alten Ehepaar.
Das schüttere Haar, die gebeugten Rücken - sie mussten schon über achtzig Jahre alt sein.
"Ich glaube zu wissen, wer ihr seid. Füchse oder Marderhunde? Lokale Gottheiten oder Baumgeister in Menschengestalt?" 
"Hochwürden, wie Ihr scharfsinnig vermutet, sind wir Marder, die seit mehr als dreihundert Jahren in dieser Höhle lebten. Im Gegensatz zu Füchsen und Marderhunden können wir zwar menschliche Gestalt annehmen, guten Menschen aber keinen Schaden zufügen."
Mit diesen Worten lösten sie sich in Luft auf und waren nicht mehr zu sehen.
"Die Alten sagten, es seien keine Räuber mehr in der Höhle", berichtete Chudai. "Nehmt eure Fackeln und untersucht die Räuberhöhle!"
Zögernd folgten die Jäger und Bauern Chudai, der voranging, und betraten die Höhle. Sie fanden alle noch übrigen geraubten Güter, und hinter der Stellwand, die Gazenbôs Schlafraum abtrennte, kauerten drei junge Mädchen mit gefalteten Händen schluchzend am Boden. Chudai tröstete sie mit freundlichen Worten. Als sie erfuhren, dass die Räuberbande vernichtet sei, löste sich ihr Leid in Freudentränen auf. Im hintersten Raum der Höhle lagen die geflohenen beiden Räuber tot am Boden. Die Wunden an ihren Kehlen zeugten davon, dass sie von Mardern totgebissen worden waren.
Die Bauern errichteten einen Scheiterhaufen und verbrannten die Einrichtung der Räuberhöhle. Die Vorräte, Reis, Sake und Geld bereiteten sie zum Rücktransport vor. Der Gefangene, der sie zur Höhle geführt hatte, lag draußen reglos und blutend am Boden; auch ihn hatten die Marder inzwischen totgebissen.
Als der Trupp das Dorf erreichte, tagte es gerade. Emonji beauftragte Leute, die Schätze aus der Höhle zu bergen. Die Eltern der entführten Mädchen schlossen ihre vermissten Kinder unter Tränen in die Arme, und alle Bewohner bestürmten Chudai, sich doch in ihrem Dorf niederzulassen und für immer zu bleiben.
"Ich bin ein Wandermönch, dessen Wege ein bestimmtes Ziel haben. Ich muss aufbrechen und weiterziehen und kann keinen Tag länger hier verweilen."
Sie wollten ihm zumindest 50 kan Münzgeld als Spende mitgeben, aber auch das lehnte Chudai ab.
"Ich konnte es einfach nicht mit ansehen, wie die Bauern in diesem Dorf von bösen Dämonen geplagt wurden. Ich nehme dafür kein Entgelt; weltliche Schätze sind Gift für meinen Sinn, dessen einziger Schatz die Erkenntnis der Lehre des Buddha und das Eingehen ins Reine Land ist."
Mit diesen Worten schnürte Chudai seine Sandalen und schritt, auf seinen Mönchsstab gestützt, in Richtung Norden von dannen.



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Der Schausteller

Am 15.Tag desselben 1.Monats in ebendiesem 15.Jahre Bunmei (1483) trat auf dem Gelände des Tenjin-Schreins von
Yushima im Distrikt Toshima im Lande Musashi ein Iai-Künstler auf, lauthals seine Darbietungen anpreisend.
Das damalige Edo bestand eigentlich weitgehend aus Ansiedlungen, die nahe den sogenannten Burgen im weiten Flachland von Musashi hier und da verstreut lagen. Was man dort als 'Burgen' bezeichnete, hatte weder Gräben noch Türme; man sollte also eher von Feldlagern oder Befestigungen reden. In diesem Edo war einzig der Tenjin-Schrein von Yushima eine Attraktion, die Tag für Tag Gläubige von nah und fern anlockte. Vor dem Schrein reihten sich Teehäuser und Andenkenläden aneinander, und auf dem Schreingelände gingen Schausteller mit mancherlei Fertigkeiten ihrem Gewerbe nach.


Iai nennt man die Kunst, im Schneidersitz oder aus einer anderen schwierigen Lage ein sehr langes Schwert blitzschnell zu ziehen und zu führen. Iai wurde, wie andere Schwertkampftraditionen, besonders in dem Zen-Tempel des Kurama-Bergs nördlich von Kyôto gepflegt. Bis heute ist der Kurama-Stil (kurama-ryû) für seine Verquickung von Zen und Kampfsport bekannt.
Bei dem Ort Edo handelt es sich um das heutige Tokyo. Der Yushima-Tenjin-Schrein im Arrondissement Taitô ist noch immer eine Besucherattraktion. Auf dem Schreingelände werden heutzutage unter anderem Flohmärkte abgehalten.


Unter diesen befand sich besagter junger Mann. Er hatte ein dunkelblaues Tuch als Hintergrund aufgehängt und davor, auf einem Podest, einen Arzneikasten aus Messing gestellt. Vor diesem standen zu einem unbekannten Zweck auf dem Boden zwanzig oder gar dreißig eckige Holzkissen zu einem Haufen aufgetürmt. Der Schausteller trug ein grellbuntes Gewand mit hellroten Ärmelbändern
. Er stand auf Geta mit hohen Stegen; an seiner Seite steckte ein fürchterlich langes Schwert.

   
kissen hakomakura takageta

Holzkissen (mit aufgelegtem Strohsack) wurden vorwiegend von jungen Frauen verwendet, damit ihre kunstvollen Frisuren nicht durch den nächtlichen Schlaf litten.
Geta (offene Holzsandalen) mit hohen Stegen geben auf nassen, schlammigen Landstraßen Halt und schützen die Füße vor Pferdemist und Unrat.


"Herbei, ihr Leute, holla, herbei und bestaunt meine geheim überlieferte Kunst des Schwertziehens! Und zugleich stelle ich eine weitere, ebenfalls geheime Kunst vor: Ich lese Gegenwart und Zukunft aus Gesichtszügen und Linien der Hand!", rasselte er herunter. "M
eine Schwertkunst ist Kurama-Stil, Birnen zerteile ich, Bambus spalte ich direkt in der Luft", sang er, "ein Hieb teilt den Rumpf, ein Hieb quer durch die Schulter bis zur Hüfte!"
Währenddessen stieg der Iai-Künstler, auf seinen hohen Geta balancierend, auf den Holzkissenturm. Auf einem Bein stand er schließlich ganz oben und rief:
"Seht her! Die Schwertlänge beträgt anderthalb Meter! Das Schwert ist lang, der Arm ist kurz; mit dem Arm kann man es nicht ziehen, sondern mit der Hüfte! Jaaa, hopp!" 
Eine blitzschnelle Bewegung, und das
1,46 m lange Schwert flog zum Himmel auf. Es glitzerte wie Sternschnuppen nach dem Monduntergang, wie Schneeflocken, die im kalten Nordwind funkelnd herniederwirbeln. Der Berg von Holzkissen, auf dem der Fuß des Mannes ruhte, bewegte sich dabei kein bisschen.
Die versammelten Zuschauer brachen angesichts dieses bravourösen Kunststücks in laute Beifallsrufe aus. Und weil der junge Iai-Künstler dazu noch ein äußerst hübsches Gesicht aufwies, befanden sich auch zahlreiche Frauen unter der riesigen Menge von Zuschauern.

Nach dem Ende der Vorstellung trat ein Mann in Reisekleidung auf den Schausteller zu und sprach:
"Ich habe ein dringendes Ziel, weiß aber nicht, wie ich es erreichen kann. Ich bitte darum, aus meiner Hand zu lesen, ob ich es irgendwie schaffen werde."
Der Iai-Künstler kramte einen kristallenen Spiegel hervor, hielt ihn dem Reisenden vors Gesicht, sah ihn prüfend an und ließ sich dann beide Handflächen zeigen.
"Das Gesicht eines Menschen ist der Baumstamm; seine Hände, Arme, Beine und Füße sind die Zweige. Mögen die Handflächen auch gute oder schlechte Omina enthalten, ohne die Prüfung des Gesichts ergeben sie wenig Sinn. Deshalb habe ich mir dein Gesicht gut angesehen und erst danach die Handflächen. Aus dieser Kombination ist zu erkennen, dass du gemeinsam mit einer nahestehenden Person ein Geschäft betreibst, wobei sich ein Unheil ergab, das sich auch mit größter Anstrengung weder auf die eine noch auf die andere Weise abwenden lässt. Aber ganz unten nahe der Handwurzel kreuzt noch eine weitere Linie diejenige mit dem schlechten Omen, und diese besagt, dass dir durch unverhoffte Hilfe von fremder Seite die Lösung deines Problems, die Erfüllung deines Anliegens ermöglicht wird."
Verblüfft antwortete der Reisende:
"Es verhält sich genauso, wie Ihr gesagt habt, ich kann Euch nichts verheimlichen.
Mein Name ist Hyakubori Funazô. Ich bin der Bruder eines Mannes mit Namen Ishikame Jidanda, der in dem Dorf Ojiya im Lande Echigo eine Herberge namens Ishikameya betreibt. Er ist zugleich ein angesehener Ringkämpfer. Im vergangenen Sommer weilte ein ebensolcher Ringkämpfer, ein Samurai mit Namen Inuta Kobungo, in unsrem Haus zu Gast, und wurde dort von einer arglistigen Frau namens Funamushi, die sich als Masseuse ausgab, wegen eines alten Grolls heimtückisch mit dem Dolch attackiert. Daraufhin unterwarf mein Bruder Jidanda als Dorfrichter sie einem Gottesurteil. Ein reisender Samurai namens Inukawa Sôsuke, der davon nichts ahnte, löste ihr jedoch die Fesseln, woraufhin sie mit ihrem Ehemann, dem Räuber Shutenji, und seiner Bande das Gasthaus überfiel, aber alle Räuber wurden letztendlich von den Herren Inuta und Inukawa erschlagen. Danach wurden die zwei Samurai auf Befehl der Fürstenmutter Ebira Ôtoji, die beide mit unversöhnlichem Hass verfolgte, vom Landvogt gefangen gesetzt, um sie zu enthaupten. Mein Bruder Jidanda hat alles in seiner Macht Stehende versucht, um die zwei Samurai freizubekommen, und ist mehrfach mit mir zusammen zur Festung Katagai gereist. In der Zeit seiner Abwesenheit ließ sich jedoch seine Ehefrau Okoze mit seinem Stellvertreter im Geschäft, Doronoumi Dojôji, ein, und als Jidanda wenig später die Untreue seiner Gattin aufdeckte, war er gutmütig genug, ihr zu verzeihen. Zu meinem Entsetzen verstieß er sie nicht, sondern ließ sie weiter in seinem Haus leben; nur ihren Liebhaber Dojôji peitschte er aus und jagte ihn davon. Daraufhin schmiedeten Okoze und Dojôji einen tückischen Plan, um Jidanda loszuwerden. Sie erhoben Klage gegen meinen Bruder und behaupteten, er habe mit dem Räuber Shutenji gemeinsame Sache gemacht und als Hehler dessen Diebesgut verkauft. Als Beweis legten sie den Dolch vor, mit dem Funamushi Herrn Kobungo angegriffen hatte; der war damals im Gasthaus geblieben und vergessen worden. Mein armer, schuldloser Bruder Jidanda wurde daraufhin in den Kerker geworfen, sein untreuer Geschäftsführer Dojôji erhielt eine Belohnung, übernahm die Herberge und lebt dort mit dem Kebsweib Okoze in aller Öffentlichkeit wie Mann und Frau zusammen. Der Landvogt Inado Yorimitsu scheint zwar an Jidandas Unschuld zu glauben und hat deshalb seine Hinrichtung verhindert, aber freilassen kann er den Verurteilten auch nicht, weshalb mein Bruder weiterhin schuldlos im Kerker schmachtet. Ich habe weder Geld noch Kämpfer und weiß nicht, wie ich meinem Bruder helfen kann. Ich bin deshalb zur Burg Isarago geeilt, um mein Anliegen der einflussreichen Gattin des Shogunatsfürsten Ôgiyatsu Sadamasa vorzutragen, die als mildtätig und gerecht gilt, und dadurch vielleicht eine Begnadigung zu erwirken, denn unser Fürst Nagao untersteht dem Shogunatsfürsten als Vasall. An Burg Isarago wurde ich jedoch abgewiesen, niemand schenkte mir Gehör. So blieb mir nur der Gang zum Heiligtum von Yushima, wo ich sieben Tage lang die Gottheit um Beistand anflehte."


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Herbergswirt Ishikame Jidanda aus Ojiya und seine treulose Ehefrau Okoze


"Ich kann dir leider auch nicht weiterhelfen," äußerte der Schausteller. "Ich habe keine Bekannten in Burg Isarago. Du solltest darauf vertrauen, dass dir, wie aus deiner Hand zu lesen ist, am Ende Beistand zur Erfüllung deines Anliegens zuteil wird. Bleib hier, ich versuche, mir einen Weg für dich auszudenken."

"Platz da, zur Seite!", hörte man auf einmal rufen. "Auch die Schausteller und Zuschauer, weg da, beiseite! Wer nicht mehr fort kann, knie zu Boden und verneige sich respektvoll!"
Es war ein knappes Dutzend Amtsleute, die angelaufen kamen.
"Es naht die erlauchte Frau Gemahlin ihrer fürstlichen Hoheit, des Herrn Ôgiyatsu Sadamasa, zum Schreinbesuch!" 
Die Zuschauer der Schausteller rannten davon, als hätte ein Platzregen eingesetzt, und die Schausteller räumten ihre Utensilien fort. Von der Straße her, an der sich Teehäuser und Andenkenläden aneinanderreihten, näherte sich eine Prozession von knapp vierzig Leuten. Der Zug bestand zur Hälfte aus einer Samuraigarde und zur Hälfte aus Dienstzofen; alle Frauen trugen Damenschleier. In der Mitte wurde eine prachtvolle Sänfte getragen, und zwei hochrangige Gefolgsleute, ein junger und ein älterer Samurai, schritten direkt dahinter. In der Sänfte wurde
Fürstin Kaname, die Gemahlin des Shogunatsfürsten Ôgiyatsu Sadamasa, herbeigeschaukelt. 
Der junge Kriegsmann, der die Sänfte begleitete, blieb plötzlich stehen und rief:
"Ist das nicht Frau Masaki?"
Unter den Vordächern der Läden zu beiden Seiten der Straße knieten und kauerten die Gäste wie auch die Kellnerinnen der Teehäuser in respektvoller Haltung. Und vor einem dieser Häuser hatte sich eine alte Frau niedergeworfen, und als sie kurz aufschaute, traf ihr Blick sich mit dem des Gefolgsmannes, weshalb er diesen Ausruf getan hatte.
"Was, die Masaki?", fragte der ältere Samurai erstaunt.
"Oh, der junge Herr Kawagoi....!", rief nun auch die alte Frau und kam eilig hergelaufen. Sie war eine würdevolle alte Frau und sah nicht aus wie die üblichen Kellnerinnen eines Teehauses.
Daraufhin ertönte aus dem Innern der Sänfte ein seltsames Kreischen. "Kiiiih!" Der Vorhang wurde zerfetzt, und ein Äffchen kam herausgesprungen. Es bleckte seine Zähne gegen die alte Frau und drohte sie anzufallen.
"Oooh!", rief der junge Samurai und wollte die alte Frau beschützen, woraufhin ihm der Affe auf die Schulter sprang und sich von da aus samt der nachschleifenden Leine
flink auf das Dach des Teehauses hinaufschwang. Von Dach zu Dach turnte das Tier und lief in Richtung des Waldes von Yushima davon.
"Was ist denn los?", ertönte eine weibliche Stimme aus der Sänfte. "Du hast irgendwas geschrien, und dadurch ist Utsubo erschrocken..."
Es war die Stimme von Fürstin Kaname. Utsubo war der Name des Makaken, den ihre Hoheit zu verwöhnen geruhte. Bis hierhin hatte er still in der Sänfte auf ihrem Schoß gesessen.
"Ich verstehe nicht, was geschehen sein könnte", gab der junge Samurai so geknickt
zur Antwort, als hätte ihn ein Fuchs gebissen. Der Ältere sagte währenddesen zu der alten Frau: "Masaki, wir kommen später wieder", und den Sänftenträgern befahl er: "Auf geht's, vorwärts!"
Beim Eintritt in das Schreingelände geriet der Zug aber erneut ins Stocken. Die Scharen der Besucher, die dort am Boden kauerten, blickten alle nach oben.
"Ah, ein Makake!" --- "Da drüber ist er!" --- "Gesprungen, hinübergesprungen!", riefen sie erregt. Fürstin Kaname ließ ihre Sänfte absetzen und geruhte, ihren Sitz zu verlassen.


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Fürstin Kaname


Sie war eine Edelfrau etwa Mitte vierzig. Ihr Äffchen saß auf einem zehn Armlängen hohen, blattlosen Ginkobaum,
oben, nahe dem Wipfel, und kratzte sich am Hinterteil. Die nachschleifende Leine um seinen Hals hatte sich aber an den Ästen verfangen, und als der Makake weiterlaufen wollte, schnürte sie ihm den Hals zu. Der Affe bekam kaum noch Luft und saß in einer schlimmen Klemme. Es gelang ihm mit seinen geschickten Fingern mit Mühe, die Schlinge um seinen Hals ein wenig zu lockern.
"Gonnosuke!", befahl die Fürstin den alten Samurai herbei. "Lass mir Utsubo einfangen!"
"Jawoll!"
Der hochrangige Gefolgsmann des Fürsten mit Namen Kawagoi Gonnosuke blickte nach oben und machte ein ratloses Gesicht.
"Satarô!" Fürstin Kaname sah den jungen Samurai an. "Ich weiß auch nicht, warum Utsubo sich auf einmal losgerissen hat, aber es war jedenfalls eine Reaktion auf dein Geschrei. Sieh zu, dass du ihn mir wieder herschaffst!"
Der junge Samurai Satarô war der Sohn des Kawagoi Gonnosuke; er hatte zwar mannhafte Züge, die jetzt
aber äußerst betreten wirkten. 
"Wenn ihr noch länger herumsteht, kommt Utsubo noch um. Macht schnell!"
Kawagoi Gonnosuke galt nach Ôta Dôkan als der beste Stratege des Hauses Ôgiyatsu und
zählte zu dessen mächtigsten Vögten, aber nach diesem Rüffel blieb ihm nur, verschämt zu erröten. Gonnosuke blickte mit einem Gesicht, das höchste Qual ausdrückte, in die Runde.
"Gibt es hier irgendjemanden, der den Affen einfangen kann? Wem es gelingt, der erhält eine großzügige Belohnung!"
Niemand rührte sich. Die Leute hier waren schließlich weder Vasallen noch Bedienstete des Fürstenhauses. Den Affen unversehrt aus dem Wipfel des Ginkobaums herunterzuholen, das wäre selbst dann so gut wie unmöglich, wenn man sich in einen Adler verwandeln könnte.
Da erblickte Gonnosuke in der Menge ein Gesicht, das dermaßen grinste, dass die weißen Zähne hervorblitzten.
"Du da, du hast gelacht." Er wies mit den Fingern auf den Mann. "In einer solchen Lage zu lachen, ist eine Unbotmäßigkeit. Oder willst du etwa damit sagen, dass du den Affen herunterholen
kannst?"
"Och, ich schaff das schon", erwiderte der Mann, der gelacht hatte. Es war jener Iai-Schwertkünstler. "Aber bevor ich anfange, möchte ich über die Belohnung verhandeln."
"Das hat auch bis später Zeit. Ich heiße Kawagoi Gonnosuke und stehe in Diensten ihrer Hoheit, der Fürstin Kaname. Auf das Wort eines Samurai kannst du dich verlassen. Hol erst den Makaken herunter!"
"Ich bitte um Verzeihung. Ihr habt Recht. Ich sehe, dass der Affe in großer Not ist. Die Rettung eines Lebens, das in Gefahr ist, hat in der Tat allerhöchsten Vorrang!"
Der Schausteller stand auf, trat aus der Menge hervor und ging auf den Ginkobaum zu. Er hatte ein bildhübsches Gesicht und trug ein charmantes Lächeln auf seinen Zügen.
Als er unter dem Ginkobaum stand, holte er aus seiner Tasche ein Knäuel Seil hervor. Er rollte es aus und warf das eine Ende erst um den Ast über seinem Kopf. An dem Ende der Leine war eine Art Haken befestigt, der sich an dem Ast verfing, so dass der Mann sich daran zu dem Ast aufschwingen konnte. Er zog das auf dem Boden liegende Ende zu sich hinauf und verhakte das Seil an dem nächsten Ast über sich, und das alles flink wie der Wind. Nachdem er das ein paarmal wiederholt hatte, war er dem Makaken auf wenige Meter Distanz nahe gekommen.


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Iai-Künstler mit Allzweckleine


Utsubo hatte dem Mann unter sich verwundert zugesehen, aber nun kreischte er hastig "kiiiih!" und wollte auf einen entfernteren Zweig davonspringen. Aber mit der Schlinge um seinen Hals wäre das sein Tod gewesen. Schon kam die Leine durch die Luft geflogen und wickelte sich um den Körper des Äffchens.
Kurz darauf stand der Schausteller mit dem Makaken auf dem Arm vor Kawagoi Gonnosuke.
"Ich habe Euch den Affen heil heruntergeholt. Falls es ihm nicht gut gehen sollte, flößt ihm diese Medizin ein, dann erholt er sich schnell", sagte er und reichte dem Samurai ein Fläschchen.
Mit strahlendem Gesicht lobte Gonnosuke den Iai-Künstler.
"Ich habe vergessen, dich nach deinem Namen zu fragen."
"Ich heiße 
Hôkaya Monoshirô (Schausteller Dingsmann) und wohne in einer Unterkunft nahe am Schrein."
Gonnosuke brachte das Äffchen zur Sänfte von Fürstin Kaname, die Utsubo hocherfreut in Empfang nahm.
"Dein Wunsch nach Entlohnung schien mir recht dringend zu sein. Ich bat die Fürstin, ihn anhören zu dürfen. Sie willigte ein, dir zuliebe ihre Sänfte noch einen Augenblick halten zu lassen."
"Ich danke für die Güte", sagte Monoshirô, und trug dann den Fall des Funazô vor, dessen Bruder Ishikame Jidanda in der Festung Katagai schuldlos im Kerker schmachtete. Als Lohn wünsche er untertänigst, dass Fürstin Kaname geruhen möge, ihr Vasallenhaus Nagao anzuweisen, den unschuldig Verleumdeten freizulassen. Für sich selbst verlange er keinerlei Entlohnung.
"Das ist keine einfache Angelegenheit", gab Gonnosuke zurück. "Ich werde sie nach der Rückkehr zur Burg bei der Fürstin zur Sprache bringen. Du hast mein Wort."
"Mein Herr, Ihr habt mir zugesagt, mein Anliegen ihrer Hohei
t sofort auszurichten. Selbst wenn mein Wunsch später erfüllt würde, könnte es für das Leben des eingekerkerten Mannes zu spät sein. Seine Lage gleicht derjenigen des Äffchens mit der Schlinge um den Hals. Auch hier gilt deswegen: Die Rettung eines Lebens, das in Gefahr ist, hat allerhöchsten Vorrang."
"Du beschämst mich, denn du hast Recht. Dass die Fürstin ihre Hilfe zusagt, kann ich dir allerdings nicht zusichern."
Gonnosuke trat an die Sänfte und trug Fürstin Kaname das Anliegen des Schaustellers Monoshirô ausführlich vor. Nach einer längeren Beratung kam er zurück und sprach.
"Ihre Hoheit ist der Ansicht, dass dein Anliegen gerechtfertigt ist. Einem Mann, der ihr Äffchen aus Lebensgefahr gerettet hat, werde sie ihre Unterstützung nicht verweigern. Fürst Nagao Kageharu in Echigo ist ihr Neffe und wird ihr keinen Wunsch abschlagen. Noch heute werde sie einen Eilboten mit der Bitte um Begnadigung des Herrn Ishikame Jidanda nach Echigo senden. Bist du mit dem Herrn Jidanda verwandt oder befreundet?"
"Das Prinzip, gefährdetes Leben zu retten, ist zwar dasselbe, aber in meinem Fall war es nur ein Affe, während die Fürstin einen schuldlosen Menschen errettet.
Richtet ihrer Hoheit meinen aufrichtigen Dank aus. Nein, mit Jidanda habe ich nichts zu tun. Ich handle auf Bitten jenes Reisenden, der dort steht. He, Funazô!"
Er winkte Funazô herbei, der mit gefalteten Händen
am Wegrand kniete.
"Dies ist der Bruder des Herrn Jidanda, der auf alle erdenkliche Weise versucht hat, seinen Bruder aus dem Kerker frei zu bekommen und nun in höchster Not die Gottheit dieses Schreins um Hilfe angefleht hat. Da ich selbst keinen Lohn für das Einfangen des Äffchens verlange, nutzte ich die Gelegenheit, um diesem Mann beizustehen."
"Herr Samurai", bat Funazô, "ich flehe Euch an, seid so barmherzig, Euch für meinen Bruder einzusetzen, der aufgrund der Verleumdung eines ungetreuen Angestellten und einer treulosen Ehefrau schuldlos im Kerker darbt! Ich bitte untertänigst um Eure Unterstützung!"
"Monoshirô, du bist ein unbegreiflicher Mensch", sprach Gonnosuke. "Ich habe noch etwas mit dir zu besprechen, wenn die Fürstin ihre Gebete beendet hat."


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Sänfte der Fürstin Kaname


Nachdem sich Gonnosuke und die Sänfte der Fürstin zum Heiligtum entfernt hatten, sagte Funazô:
"Ich bin Euch zu allergrößtem Dank verpflichtet. Was mir als Jidandas Bruder trotz allergrößter Mühe nicht gelungen ist, habt Ihr im Handumdrehn fertiggebracht. Wenn Jidanda freikommt, werden wir Euch gemeinsam einen Dankesbesuch abstatten. Nennt mir bitte Eure Wohnung."
"Ist nicht nötig. Dich kannte ich zwar nicht, aber der Name des Herrn Jidanda ist mir als der eines wackeren Ehrenmannes bekannt. Inuta Kobungo und Inukawa Sôsuke sind brüderliche Freunde von mir. Ich habe bei Herrn Jidanda nur anstelle von Inuta Kobungo eine alte
Dankesschuld abgetragen, denn dein Bruder hatte ihm geholfen, als er von Funamushi mit dem Dolch angegriffen wurde, und versucht, ihn herauszuholen, als er im Kerker saß. Richte dies Herrn Jidanda aus, wenn er frei kommt."
"Ihr seid also mit Herrn Inuta und Herrn Inukawa verbrüdert! Dass mir jemand wie Ihr begegnete und einem Unbekannten aus seiner Not half, ist nur durch eine Fügung der barmherzigen Gottheit des Yushima-Schreins erklärbar!"
"Lass gut sein und warte, wie sich die Sache entwickelt."

Es dauerte nicht lange, bis Kawagoi Gonnosuke herbeikam und verkündete:
"Wie versprochen hat sich Fürstin Kaname, deren Affen der Schausteller Monoshirô eingefangen hat, seines Anliegens angenommen. Gleich jetzt wird Tsumari Mataroku, ein Samurai aus ihrer Eskorte, mit ihrem eigenhändigen Schreiben der Bitte um Begnadigung des Herrn Ishikame Jidanda aus Ojiya als Bote nach Katagai eilen. Funazô soll zusammen mit ihm nach Echigo zurückkehren und die Nachricht des Fürsten Nagao Yorimitsu erwarten. Außerdem trug sie dem Fürsten auf, nach Erfüllung ihres Gesuchs einen Boten mit der Vollzugsmeldung zum Sitz des Shogunatsfürsten Ôgiyatsu zu senden. Als Grund für die Bitte um Amnestie schrieb sie nieder, die Gottheit von Yushima sei ihr als Traumbild erschienen und habe die Unschuld des Herrn Jidanda bestätigt. Hiermit steht der Entlassung des schuldlos Eingekerkerten nichts mehr im Wege, ihr könnt beruhigt sein. Mich wies ihre Hoheit an, euch davon Mitteilung zu machen. An dich", wandte sich Gonnosuke an den Iai-Künstler, "habe ich aber noch eine Bitte."
Funazô lief zu dem schon zur Abreise bereiten Boten Tsumari und trat mit ihm und seinem Gefolge den Heimweg nach Echigo an. Der Frühling kommt im Lande Echigo spät, auf den Bergen und in den Tälern liegt noch lange tiefer Schnee und es bleibt kalt, aber für Funazô glänzte auf dem Weg der Schnee im warmen Sonnenlicht ebenso hell wie seine freudige Hoffnung.



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Ein heikler Auftrag


Fürstin Kaname hatte ihren Schreinbesuch vollendet, die Sänfte befand sich auf dem Rückweg zu Burg Isarago. Von Yushima aus ist es ein weiter Weg. Die Gottheit von Yushima ist dafür bekannt, dass sie sich gerechter Anliegen der Gläubigen annimmt, es ist ein Heiligtum, an dem Wünsche in Erfüllung gehen. Der Strom der Gläubigen, die hier ehrfürchtig ihre Gebete darbringen, reißt nicht ab.
Während
Hôkaya Monoshirô auf Kawagoi Gonnosuke wartete, der ihn um eine weitere Unterredung gebeten hatte, schweiften seine Gedanken zu seinen 'Brüdern' Inuta Kobungo und Inukawa Sôsuke, die Funazô erwähnt hatte.
'Jidanda vom Gasthaus Ishikameya in Ojiya hat das Herz auf dem rechten Fleck. Nach dem, was Funazô darüber berichtet hat, hat sich Jidanda im vergangenen Jahrso selbstlos für Kobungo und Sôsuke eingesetzt, weil er erkannt hatte, dass die beiden anständige Leute sind. Heute konnte ich ihm anstelle von Kobungo und Sôsuke seine Wohltaten vergelten. Aber selbst wenn die Angelegenheit
nichts mit Kobungo und Sôsuke zu tun hätte, einen Mann wie Hyakubori Funazô, der um seines Bruders willen unsägliche Mühen und die weite Reise von Echigo bis hierher auf sich genommen hat, hätte ich bestimmt nicht im Stich gelassen. Aus unzähligen Moralschriften und Predigten weiß jedermann, wie sich ein rechtschaffener Mensch zu verhalten hat, aber in der Praxis ist es damit meist nicht weit her. Ein einfacher Mann wie Funazô, der sich mit solch klugen Büchern wohl nicht auskennt, ist wesentlich mehr wert als alle Leute, die hehre Tugenden bloß im Munde führen. Wahre Männer sind diejenigen, die nicht nach dem Wortlaut irgendwelcher Lehren handeln, sondern begreifen, was zwischen den Zeilen gemeint ist, die sich nicht gegen die natürliche Ordnung stellen, sich nicht groß aufspielen oder mit angelesenem Wissen prahlen. Treue Untertanen und aufrechte Menschen, die für ihre Ideale ihr Leben hergeben, hat es zu allen Zeiten immer wieder gegeben. Die Namen der meisten sind der Nachwelt nicht bekannt, aber diese Vergessenen bewundere ich weit mehr als belesene Gelehrte, die über Tugenden bloß daherschwatzen. Man muss nicht unbedingt gebildet sein, um sein Leben aufrecht zu führen, sein eigenes Verhalten kritisch zu betrachten und aus Fehlern zu lernen. Wer sich dies zur Gewohnheit macht, wird ein anständiger Mensch werden, und das ist dann auch seinem Gesicht anzusehen. Ein Gesicht ist angeboren, daran lässt sich nichts ändern, aber wer sich um Anstand und Gerechtigkeit bemüht, dessen Züge gewinnen an Schönheit und Würde. Als ich mir das Gesicht des Hyakubori Funazô ansah, erkannte ich sofort, dass ein Mann vor mir stand, dessen Leben einen Sinn und ein Ziel hat.'


funazo

Hyakubori Funazô


Ein Schwarm von Pfeilen, die plötzlich auf Monoshirô zuflogen und in dem Schreingartenhügel hinter ihm stecken blieben, riss ihn aus seinen Gedanken. Blitzschnell brachte er sich hinter einem Baum in Sicherheit, aber dort stürzten sich von hinten her fünf oder sechs mit Schlagstöcken bewehrte Männer auf ihn. Er duckte sich unter den Hieben weg oder übersprang die Eisenstangen, um im selben Augenblick zum Gegenangriff überzugehen. Schnell wie eine Schwalbe riss er die einen nieder, trat die anderen zur Seite - sie stürzten unter seinen Fäusten wie vom Blitz getroffen nieder und wanden sich mit schmerzenden Rücken, Hüften, Armen und Beinen stöhnend am Boden, während Monoshirô keinen einzigen Hieb von den Eisenknüppeln abbekommen hatte. 
"Was habe ich euch getan, ihr Prügelbolde? Was ist das für eine Art, mich ohne Vorwarnung einfach zu überfallen? Wer hat euch das denn aufgetragen?"
Aus dem Schatten einer Steinlaterne trat ein Samurai auf den wütend dreinblickenden Monoshirô zu.
"Ich bin der Auftraggeber, ich konnte mich nun von Eurer Kampfkraft überzeugen."
Es war Kawagoi Gonnosuke.

Einige Augenblicke später saßen in einem Raum der Priesterwohnung, die sich in einer Ecke des Schreingeländes befand, Kawagoi Gonnosuke und Hôkaya Monoshirô einander gegenüber. Es war ein Raum, von dem aus jenseits des schmalen Gärtchens und der rot eingefassten Schreinmauer die Besucherscharen sichtbar waren, die dort entlang gingen. Für die winterliche Jahreszeit war der Tag zwar eher warm, aber Gonnosuke hatte eigenhändig die papierbespannte Schiebetür vor dem runden Fenster geöffnet und sich vergewissert, dass kein ungebetener Lauscher in der Nähe stand.
"Herr Monoshirô, nehmt mir den fingierten Überfall bitte nicht übel. Ich verstehe, dass Ihr wütend seid, aber bezähmt Euren Zorn und hört mir bitte zu."
Gonnosuke mit seinen strengen, würdevollen Gesichtszügen legte beide Hände auf die Knie, neigte leicht sein Haupt und äußerte in nunmehr respektvollem Ton erneut seinen Dank; er fragte, ob der Künstler wirklich für sich selbst keinen Lohn wünsche.
"Ach was, ich habe das aus Spaß getan, ich habe keine besonderen Wünsche", wehrte dieser kopfschüttelnd ab.


rundfenster

Japanische Fenster hatten seinerzeit keine Glasscheiben. Außen waren sie durch Läden, innen durch Papierschiebetüren abdeckbar.
Sie dienten in erster Linie, um Licht hereinfallen zu lassen, und in zweiter Linie, um den Blick auf den sorgfältig angelegten Garten zu genießen.


Eine Weile betrachtete Gonnosuke ihn schweigend und sprach dann:
"Ich habe schon vorher Eure Kunstfertigkeit, Beredsamkeit, Geschicklichkeit und Umgang mit dem Schwert mit Erstaunen erlebt und bin zu der Überzeugung gelangt, dass Ihr kein gewöhnlicher Mensch seid. Ich kann nicht glauben, dass Ihr nur ein Schausteller seid, der auf dem Jahrmarkt mit seinen Tricks Geld sammelt. Wer wie Ihr ohne Leiter, nur mit einer Hakenleine, im Handumdrehn auf einen hohen Baum steigt, der kann auch die Mauern eines Gehöfts leicht überwinden. Anfangs hielt ich Euch deshalb für einen Räuber, aber als Ihr die Gelegenheit für eine hohe Belohnung dazu nutztet, jemand anderem zu helfen, für Euch selbst aber auf jedes Entgelt verzichtetet, war mir klar, dass es Euch nicht um Geld und Gewinn geht. Erst dachte ich, es handle sich bei Herrn Ishikame Jidanda um einen Verwandten, aber Ihr sagtet freiweg, dass Ihr mit ihm nichts zu tun habt. Allerdings ist mir ein Mann wie Ihr, der hier als Schausteller unter gewöhnlichem Volk seine Talente vergeudet, vollkommen unbegreiflich. Dass Ihr in diesen Kriegszeiten, obwohl Euch solche Fähigkeiten zu eigen sind, damit als Schausteller umherzieht, fasse ich als Tarnung für ein anderes, großes Ziel auf, das Euch umtreibt. Hôkaya Monoshirô dürfte ein Name sein, um Euch vor der Öffentlichkeit zu verstellen. Eure wahren Absichten sind mir nicht bekannt, aber Ihr scheint mir der rechte Mann zu sein, weshalb ich auf Geheiß von Fürstin Kaname meinerseits mit einer großen Bitte an Euch herantrete."
Über die schönen Gesichtszüge des jungen Künstlers huschte ein Lächeln.

"Euer Lob ist übertrieben, ich bin ein noch unreifer junger Mann. Ich habe aber meine eigenen Ziele, und falls Eure Bitte auf den Eintritt in den fürstlichen Dienst hinauslaufen sollte, kann ich diesem Ansinnen leider nicht entsprechen."
"Dafür habe ich größtes Verständnis. 
Es handelt sich vielmehr um ein Geheimnis des Hauses Ôgiyatsu."
Gonnosuke senkte die Stimme.
"Unser Shogunatsfürstenhaus l
iegt schon seit langer Zeit mit dem anderen Shogunatsfürstenhaus Yamanouchi in einer endlosen Fehde. Im vergangenen Jahr konnten wir aber den ehrgeizigen Hôjô Sôun in Odawara samt seiner Streitmacht auf unsere Seite ziehen. Nun wurden bei unseren Vasallen Stimmen laut, dass wir unsere Kräfte mit denen des Hôjô vereinen und die Gelegenheit nutzen sollten, um das Haus Yamanouchi samt seinen Vasallen, die uns im Wege stehen, anzugreifen und zu vernichten. Auch unser Fürst, Herr Sadamasa, ist dazu geneigt. Meiner Meinung nach führt das Bündnis mit Hôjô jedoch zum Untergang unseres Fürstenhauses Ôgiyatsu. Dieser Hôjô Sôun ist zu fürchten. Ich bin der Ansicht, dass sich unser Haus Ôgiyatsu lieber mit dem Hause Yamanouchi zusammentun und gegen Hôjô zu Felde ziehen sollte. Um ehrlich zu sein, hegt auch Fürstin Kaname dieselbe Befürchtung wie ich und versuchte, ihren Gatten, den Fürsten, zur Rede zu stellen, aber er fuhr sie an, dass er sich Zurechtweisungen aus dem Munde einer Frau verbitte. Fürstin Kaname, eine kluge und anständige Dame, bat mich daher, alles in meiner Macht Stehende zu versuchen, um dem Fürsten sein Vorhaben auszureden. Auch ihr heutiger Schreinbesuch diente dem Gebet an die Gottheit, den Fürsten von seinem Irrweg abzuhalten."
Gonnosuke wurde heftig.
"Nun, die Strategie, sich mit diesem
Hôjô Sôun zusammenzutun, hat sich ein Mann ausgedacht, der vor einigen Jahren neu in den Kreis der Berater des Fürsten berufen wurde. Ich sehe in ihm einen tückischen Menschen, vor dem man sich gut in Acht nehmen sollte, und sein listiger Plan dient lediglich seinem Ehrgeiz, beim Fürsten in ein besseres Licht zu rücken und eine wichtige Rolle zu spielen. Ließe man ihn gewähren, wäre er ein gefährlicher Mensch, der das Haus Ôgiyatsu garantiert zu Fall bringen wird", fuhr Gonnosuke fort. "Nein, 'gewähren ließe' ist nicht der richtige Ausdruck. Er hat unseren Fürsten nämlich schon so eingewickelt, dass selbiger Mann in sechs Tagen, am 21.Tag dieses Monats, von Burg Isarago aus als Bote nach Odawara aufbrechen und Herrn Hôjô den Bündnisvertrag unterbreiten wird."
Die aufsteigende Röte im Gesicht des Gonnosuke verriet seinen Zorn.
"Falls das geschähe, wäre alles zu spät. Das quält mich. Und dieser Mensch wittert wohl durchaus, dass ihm Gefahr drohen könnte. Er lässt sich von einer Garde aus mehr als dreißig exzellenten Schwertkämpfern schützen, so dass es keineswegs leicht ist, ihm etwas anzutun. Und wenn ich irgendwie eingriffe, steht zu befürchten, dass mein Herr es als eine Handlung ansähe, die aus purem Neid auf seinen neuen Berater geschah."
Gonnosuke sah den Schausteller fest an.
"Unter diesen Umständen ist es wünschenswert, dass einer, der den Kerl totschlägt, nichts mit dem Hause Ôgiyatsu zu tun hat. Ich traue Euch mit Eurer Schwertkunst zu, diese Aufgabe zu erledigen. Wollt Ihr sie nicht übernehmen? Ihr könntet damit auch der Fürstin Euren Dank für ihre Hilfe im Fall des Herrn Jidanda aus Echigo erweisen."


gonnosuke

Kawagoi Gonnosuke


Hôkaya Monoshirô lächelte.
"Das wäre eine Sache, die Euch ziemlich zupass käme."
"Das ist mir voll und ganz bewusst. In diesem Bewusstsein bitte ich Euch darum. Als Gegenleistung werde ich alles tun, damit Ihr Euer eigenes großes Ziel erreicht. Sagt mir also, worum es Euch geht."
Monoshirô blickte aus dem Fenster, als hätte er jegliches Interesse verloren. Leichthin fragte er noch:
"Und wie heißt der Gefolgsmann, der als Bote zu Hôjô gehen soll?"
"Komiyama Ittôta...."
Bei der Nennung dieses Namens fuhr 
Monoshirô blitzartig zu Gonnosuke herum, wandte sich dann aber wieder ab und schaute durch das Fenster auf die Menschenmenge, die jenseits von Garten und Mauer sichtbar war.
"Oh, Inuta Kobungo!", entfuhr es ihm.
Er wird wohl irgendeinen Bekannten erblickt haben, dachte Kawagoi Gonnosuke überrascht, aber im nächsten Augenblick tat der Schausteller etwas Unerwartetes. Er sprang nämlich auf und hechtete durch das geöffnete runde Fenster ins Freie. Noch einmal wandte er sich um und rief:
"Was soeben besprochen wurde, geht in Ordnung, ich nehme den Auftrag an!"
Er lief durch das Gärtchen, sprang über die Außenmauer und tauchte in der Menschenmenge unter. Sein wirklicher Name war Inuzaka Keno.
Aus dem Schatten hinter dem kleinen Holzaltar der Fuchsgottheit im Schreingarten löste sich ein Mann und huschte durch die Büsche davon. Er musste das ganze Gespräch mit angehört haben.



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Der Zungenspecht


Einmal als reisende Tänzerin, dann wieder als armseliger Bettler, und nun als Iai-Schausteller --- Kenos Auftreten in vielerlei Gestalt war wirklich erstaunlich!
Dass er im vergangenen Herbst in Aoyagi im Lande Shinano seine 'Brüder' Inuta Kobungo und Inuzuka Shino im Stich gelassen hatte, bereitete auch Inuzaka Keno selbst erhebliche Gewissensbisse. Als er nun Kobungo
zusammen mit einem unbekannten Mann mit angespannter Miene auf dem Weg neben der Mauer des Schreingartens von Yushima durch die Menge gehen sah, hatte er unwillkürlich einen Ruf ausgestoßen und war ihm nachgelaufen. Aber Kobungo war schon außer Sicht. Kobungos Begleiter war Inumura Daikaku gewesen, den Keno aber noch nicht kannte. Die beiden waren mit Inukawa Sôsuke und Inukai Genpachi aus dem Lande Kai aufgebrochen, hatten unterwegs den Berg Minobusan besichtigt und waren nun endlich in Edo angekommen. Bevor sie zum Lehen Hokita gingen, waren sie zur Besichtigung des Tenjin-Schreins in Yushima hergekommen, hatten jedoch ihrerseits in der Menge ebenfalls ein unerwartetes, bekanntes Gesicht entdeckt, das ihnen die Haare zu Berge stehen ließ. Sie waren dabei, diese Person zu verfolgen. Es handelte sich um die unvergessene Gifthexe Funamushi. Aber auch sie hatten diese verführerische Frau aus den Augen verloren. Funamushi hatte sie nämlich bemerkt und war geflohen. Sie war auf- und davongeschwirrt wie ein Vogeldämon.


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Funamushi


Dass Funamushi als Frau des Räubers Kamomejiri Namishirô in der Nähe von Senzoku bei Asakusa gelebt hatte, war nun knapp sechs Jahre her. Danach war ihre betörende Gestalt, auf irgendeine Weise zur Gattin des Schwertmeisters Akaiwa Ikkaku
geworden, in Kôzuke aufgetaucht, bevor sie in Echigo als 'blinde' Sängerin und zugleich als Geliebte des Räuberhauptmanns Shutenji einen weiteren Auftritt hatte.
Dies war die Zusammenfassung ihrer Begegnungen mit den Hundekriegern. Was sie sonst in den Zwischenzeiten trieb? Niemand kann wissen, was für ein Leben sie geführt hat, seit sie in diese Welt geboren wurde. Der einzige, der es wissen müsste, ist der höllenschwarze Satan, denn wo immer dieses Weib sich zeigte, verursachte sie bei unbescholtenen Leuten vergossene Tränen und vergossenes Blut; Unschuldige wurden der Schuld bezichtigt, friedliche Menschen kamen zu Tode.
Im 4.Monat des Vorjahrs wäre sie in Ojiya in Echigo beinahe von Inuta Kobungo und Inukawa Sôsuke erwischt worden, war jedoch mit knapper Not entkommen. Was hatte sie seitdem gemacht? Jedenfalls war dieses Höllenweib Funamushi nun auf einmal hier in Edo aufgetaucht. Vermutlich hatte sie heute die Gegend des Tenjin-Schreins aufgesucht, um auf irgendeine Weise an Geld zu kommen. Und während sie hier um
herstreunte, hatte sie in der Menge unverhofft auf einmal Inuta Kobungo und Inumura Daikaku entdeckt. Oder genauer gesagt, sie war kurz davor von diesen beiden entdeckt worden.
"Oooh, dieses Weib!", hatte Kobungo ausgerufen und war mit Daikaku, sich brachial eine Schneise durch die Menge bahnend, auf sie zugestürzt gekommen, und daraufhin hatte diese Teufelin schreckensbleich das Weite gesucht. In ihrer Todesangst war sie wie von Sinnen losgerannt und hatte es geschafft, Kobungo und Daikaku abzuschütteln.

Das Ziel ihrer Flucht war eine der Baracken, die sich in Yatsuyama bei Shinagawa aneinanderreihen. Am Eingang drehte sie sich noch einmal um, und auch nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, stand sie noch eine Weile völlig außer Atem da. Ein Mann, der auf einer Matte dieser Bude neben einer schwarzen Katze hockte und sich
schon seit dem Mittag mit Sake volllaufen ließ, fragte:
"Was ist denn los?"
"Am Tenjin-Schrein in Yushima bin ich Kakutarô begegnet."
"Kakutarô?"
"Der Sohn des Akaiwa Ikkaku aus dem Dorf Akaiwa in Kôzuke. Der ist mit einem weiteren Mann, den ich auch kenne, am Tenjin-Schrein herumspaziert. Die haben mich gesehen und sind mir nachgelaufen."
"Mit einem weiteren Mann? War das nicht dieser Inukai Genpachi?"
"Nein, der war es nicht. Es war ein Kerl namens Inuta Kobungo."
"Hmm."
"Jedenfalls habe ich es geschafft, sie abzuhängen, aber wenn die mich finden, komme ich nicht so einfach davon."


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Funamushi und ihr derzeitiger Mann

 
Der Mann betrachtete eine Weile Funamushis bleiches Gesicht.
"Wie steht dieser Kakutarô wohl zu Herrn Komiyama?"
"So sehr wie mich wird er ihn wohl nicht hassen, glaubt aber, dass er mit mir gemeinsame Sache macht. In Akaiwa bin ich mit Komiyama zu Kakutarôs Klause gekommen, und er ist mit mir zusammen geflohen."
"Und was hält Herr Komiyama von Kakutarô?"
"Wieso fragt Ihr?"
"Wenn wir ihm erzählen, dass Akaiwa Kakutarô in Edo aufgetaucht sei, um Herrn Komiyama als einen seiner Feinde zu erschlagen, wird er uns das glauben?"
"Das hängt davon ab, wie glaubhaft man ihm das vorträgt."
"Ausgezeichnet. Das werde ich ihm als 
Gabe meines guten Willens für meinen Wiedereintritt in die Dienste des Fürsten vorflunkern!"
Der Mann schlug sich erfreut auf die Schenkel. Er war einer der einstigen 'vier Himmelskönige' des Komiyama Ittôta und hieß Hattô Tôta. In der Schwertkampfschule von Akaiwa im Lande Kôzuke war er seinerzeit von Inukai Genpachi mit dem Holzschwert niedergehauen worden. Später hatte
Hattô Tôta zusammen mit seinem Herrn Komiyama Ittôta den Dienst im Hause Nagao quittiert und war ein Gefolgsmann des Fürstenhauses Ôgiyatsu geworden. Er hatte sich dann jedoch mit Ittôta überworfen und war verstoßen worden. Seitdem war er zu einem Kerl verkommen, der sein Auskommen als Wegelagerer bestritt. Einem Mann, der den Schwertkampf derart beherrschte, dass er einst zu den 'vier Himmelskönigen' des Herrn Komiyama gezählt wurde, blieb nichts anderes übrig, als seine Schwertkunst als Straßenräuber einzusetzen. Und in dieser finsteren Unterwelt war er auf Funamushi gestoßen, die ebenfalls eine Räuberbraut war. Sie hatte Ittôta auf der Flucht aus Akaiwa mit ihrer Verführungskunst bezirzt, ihm alles Geld, das er mit sich führte, abgenommen und sich dann aus dem Staub gemacht. Daraufhin wollte Hattô Tôta Funamushi festsetzen und zu Herrn Ittôta schaffen.
"Haha, bringt mich ruhig zu Herrn 
Ittôta! Nicht mich, sondern Euch wird er bestrafen!", hatte Funamushi höhnisch gelacht, und Hattô Tôta war sofort eingeknickt. Obwohl sie Komiyama Ittôta derlei angetan hatte, besaß sie ihm gegenüber offenbar ein beträchtliches Selbstvertrauen. Aber Tôta hielt es für durchaus wahrscheinlich, dass es tatsächlich so kommen könnte, wie Funamushi gesagt hatte. Außerdem war auch er den Betörungskünsten dieser koketten Verführerin erlegen und lebte jetzt in dieser Bruchbude mit ihr zusammen.
"Übrigens habe ich neulich auf der Straße einen anderen der 'vier Himmelskönige des Komiyama' getroffen", sagte 
Hattô Tôta. "Als er meine heruntergekommene Gestalt erblickte, bekam er Mitleid und sagte, er wolle mir behilflich sein, in den fürstlichen Dienst zurückzukehren, aber Herr Komiyama müsse am 21.Tag des Monats mit einer Schar Gefolgsleuten als Gesandter nach Odawara reisen; deshalb könne er mein Anliegen erst nach dessen Rückkehr nach Isarago zur Sprache bringen. Außerdem benötige er irgendeine Gabe als Zeichen meines guten Willens."
Hattô Tôta war nach seiner Entlassung durch den Herrn des Hauses Chiba zum Haus Nagao gewechselt, und weil er es dort zu nichts brachte, zum Haus des Shogunatsfürsten Ôgiyatsu --- trotz dieser Reihe von Wechseln war er von seinem Talent, eine recht beachtliche Stellung zu erreichen, vollkommen überzeugt und brannte darauf, schnell wieder in die Entourage des Fürsten zu gelangen.
"Wenn der Kakutarô hier ist, wird auch dieser Inukai Genpachi nicht weit sein. Der hat sogar einen Schwertmeister wie den Akaiwa Ikkaku erschlagen. Der ist zu fürchten. Ich werde also melden, dass Akaiwa Kakutarô zusammen mit einer Menge erstklassiger Schwerthelden es auf Herrn Komiyama abgesehen habe. Und ihm empfehlen, eilig eine Schwertkämpfertruppe für einen Gegenangriff aufzustellen und auch mich dieser Truppe einzugliedern. Wie wäre das?"
Hattô Tôta blickte auf Funamushi, die sich auf die Matte gesetzt hatte.
"Und wenn die Kampftruppe steht, dann lass dich nochmal in der Gegend des Tenjin-Schreins in Yushima blicken. Der Kakutarô, der nichts lieber täte, als dich umzubringen, wird garantiert auf der Suche nach dir da herumlaufen. Dann überfallen und erledigen wir ihn. Es ist zwar gefährlich, aber wenn du das für uns tust, wird Herr Komiyama dir sicherlich verzeihen."
Der Vorschlag war einleuchtend, und Funamushi willigte ein.
"Gut, ich will es tun. Jedenfalls kann ich nicht ruhig schlafen, solange dieser Kakutarô nicht beiseite geräumt ist", nickte sie, den Kopf ihrer schwarzen Katze kraulend.
"Man soll das Eisen schmieden, solange es heiß ist", sagte 
Tôta. "Aber wenn ich jetzt zur Burg Isarago liefe, würde man mich, so wie ich aussehe, nicht mal zum Tor hereinlassen."
Tôta schaute auf sein schmuddeliges, mit Flicken übersätes Gewand.
"Herr Komiyama soll am 21.Tag nach Odawara aufbrechen. Ich will unterwegs auf ihn warten und ihm diese Nachricht verkünden. Das wäre ein handfester Anlass, mich ihm wieder anzunähern. Jedenfalls kann ich in dieser Aufmachung unmöglich vor den Herrn treten. Wenn ich mich nicht anständig präsentieren kann, hört er sich das, was ich ihm zu berichten habe, nicht einmal an."
Er schaute zu Funamushi herab.
"Das Geld, das für neue Gewandung nötig ist, muss in den nächsten Tagen beschafft werden.... Funamushi, machst du für mich wieder wie immer den Lockvogel?"
Funamushi hob ihre schwarze Katze auf den Arm und ließ sich von ihr die wollüstigen Lippen ablecken. Ihr Gesicht war aber zu 
Tôta gewandt.
"Ja gut, das mache ich."
Sie wand sich aufreizend und zeigte ihm lächelnd ihre weißen Zähne.
Sie musste schon über vierzig sein, war aber noch immer so attraktiv, dass Männer, die ihr begegneten, sich nach ihr umdrehten.


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Funamushi


Ihre Reize, nach außen Göttin, innerlich Teufelin, und alle Verführungskünste hatte sie stets eingesetzt; letzten Endes aber hauste sie in einer solchen Baracke zusammen mit einem zum Straßenräuber heruntergekommenen ehemaligen Schwertkämpfer. Ein Leben voller Mühe und Plage, möchte man beinahe bedauernd ausrufen, aber diese Frau empfand vermutlich beim Begehen übelster Taten eine Art von Rausch, der ihr Leben erfüllte und ihm einen Sinn gab.
Funamushi stellte sich von Zeit zu Zeit am Meer bei Shinagawa an die Landstraße, um als Gassenhure Kunden anzulocken. Während des Vollzugs lockte sie die Zunge des Freiers in ihren Mund und biss sie dann fest durch. Dann raubte sie alles, was der Verblutende in den Taschen hatte; so verwendete sie ihre Wollust als Werkzeug. Es war der Todesbiss einer Lustdämonin. Sie nannte ihre Methode 'Zungenspecht'. Wenn es mitunter einmal misslang und ihr Kunde Lärm schlug, eilte der in der Nähe Schmiere stehende
Tôta herbei und brachte das Opfer mit dem Schwert um. Egal wie die Männer zu Tode kamen, ihre Leichen wurden einfach ins Meer geworfen.
Jedenfalls wollte dieses Raubmörderpaar dem Komiyama Itt
ôta, der am 21.Tag Burg Isarago verlassen sollte, eine Warnung zukommen lassen. Mochte die Geschichte erfunden sein oder tatsächlich irgendjemand dem Ittôta nach dem Leben trachten, als Warnung taugte sie auf jeden Fall.



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Die Bestrafung

Drei Tage später, nach Einbruch der Dämmerung, gingen die beiden an der Landstraße am Strand bei Shibaura ihrem Gewerbe nach. Der Mond war zwar über dem Meer aufgegangen, aber in dieser winterlichen Nacht war kein Kunde in Sicht. Selbst Reisende kamen nur wenige vorbei. Und solche, die nach Geld aussahen, erst recht nicht. Derjenige, den sie sich schließlich als Opfer aussuchten, war ein Bauer, der eine Laterne in der Hand trug und einen Ochsen am Halfter führte.
"Uns bleibt keine andere Wahl. Nimm den halt! Geld wird er nicht haben, aber das ist ein stattliches rotes Rind. Wenn wir das morgen verkaufen, kriegen wir mehr dafür als aus den Taschen eines armen Schluckers", wisperte Hattô Tôta.
Funamushi griente unzufrieden, ging aber auf den Bauern zu und machte ihn an. Dabei verwandelte sie sich in eine bezaubernde Fee, deren Verlockungen selbst der Teufel persönlich nicht widerstehen könnte.
"Hallo, mein Herr! Ich habe meinen Ehemann verloren und muss meine kranke Schwiegermutter versorgen. Ich schäme mich zwar sehr, aber ich bin eine Frau, die ihre Reize zum Kauf feilbietet. Bitte seid so gütig, mich zu kaufen, und denkt daran, dass Ihr damit anderen Menschen helft!"
Der Bauer schien überrascht, aber als er im Mondlicht Funamushis schönes Gesicht erblickte, war es angesichts ihres betörenden Lächelns sofort um ihn geschehen; er willigte ein. Nahebei gab es eine zerfallene Enma-Halle ohne Türen. Daneben band der Bauer seinen Ochsen fest, und während er auf den Bohlen der Halle zum Paradies der Leibeslust emporstieg, stürzte er zugleich in die Hölle des 'Zungenspechts'. Dieses tragische Schauspiel betrachtete eine schwarze Katze mit ihren goldgrünen Augen, die am Rand des Bohlenganges saß. Sie war Funamushis Lieblingstier.


Enma ist der buddhistische Höllenfürst, die Entsprechung des Ploutos (Pluto) der griechischen Mythologie. Die Symbolik, dass der Raubmord in einer verlassenen, einst dieser Gottheit geweihten Tempelhalle stattfindet, ist nicht zu übersehen.


Zu dem Toten, der mit einem Schmerzensschrei von dem Bohlengang heruntergefallen war, lief Tôta mit hochgekrempelten Beinkleidern hin und knurrte:
"So ein Mist....., gerade mal 100 mon hat der Kerl dabei gehabt!"
Offensichtlich hatte der Bauer in einem Nachbardorf das Rind gekauft und befand sich auf dem Heimweg. Mehr Geld war ihm nicht mehr verblieben.
"Selbst wenn wir das Vieh verkaufen.... Schnapp dir noch einen oder zwei Kunden!"
Er schleifte den Leichnam fort, warf ihn ins Meer und versteckte sich dann wieder.
Das lüstern giftige Spinnenweib ging erneut zur Landstraße und spann seine Netze, um ihr zweites Opfer einzufangen. Eine halbe Stunde verging, da kam aus westlicher Richtung ein einzelner Mann, ein Samurai mit Reisehut aus Binsenstroh, des Wegs. Funamushi lief mit flatternden Ärmeln auf ihn zu.
"Hallo, Herr Rittersmann! Ich habe meinen Ehemann verloren und muss meine kranke Schwiegermutter versorgen. Ich schäme mich zwar sehr, aber ich bin eine Frau, die ihre Reize zum Kauf feilbietet. Bitte seid so gütig, mich zu kaufen, und denkt daran, dass Ihr damit anderen Menschen helft!"
Der Samurai packte schweigend ihren Arm und lüftete mit der anderen Hand seinen Strohhut.
"Wen glaubst du angesprochen zu haben?"
Als Funamushi zu dem vom Mondlicht erhellten Gesicht des Mannes aufblickte, erfasste sie ein solches Entsetzen, wie es in der weiten Welt noch nie erlebt worden war. Der Mann war Inumura Daikaku - beziehungsweise, wie Funamushi ihn kannte, Akaiwa Kakutarô! 


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Inumura Daikaku


"Aaaah!", schrie sie, riss sich mit unerhörter Kraft wie irre los und rannte davon. Sie kam zehn Schritte weit, da stieß sie auf einen weiteren Samurai. Ein Krieger mit einem Körper so massig wie ein kleiner Berg, der sich
die Frau mit Leichtigkeit schnappte und unter seinem Binsenhut brummte:
"Diesmal kommst du uns nicht davon, Funamushi! Ich bin Inuta Kobungo."
"Zu Hilfe, Herr Tôta!", schrie Funamushi verzweifelt. Aus der Finsternis kam mit gezücktem Schwert Hattô Tôta gelaufen, aber da tauchte im Mondlicht ein dritter Samurai mit Binsenhut vor ihm auf und verstellte ihm den Weg.
"Halt!"
"Huuch, Inuta Genpachi!", schrie Tôta erschrocken, blieb stehen und sank dann schlaff in sich zusammen.
"Ha, du kennst mich also. Wer bist du? Ja, dein Gesicht habe ich schon mal irgendwo gesehen!"
Während Genpachi ihn mit dem Fuß niederhielt und nachdachte, erschienen aus der Dunkelheit drei weitere Schatten und näherten sich: Inuzuka Shino, Inuyama Dôsetsu und Inukawa Sôsuke.
Auch Inukawa Sôsuke erblickte Funamushi und rief: "Oh, dieses Weib!"
Er hatte sie in Ojiya versehentlich vor dem Gottesurteil gerettet und als die leider entwischte Räuberbraut des Banditen Shutenji in Erinnerung. Auch Shino und Dôsetsu kannten dieses teuflische Wesen
aus den Erzählungen der Gefährten.
"Was treibst du denn hier, du giftige Hexe?", murmelte Kobungo. Er hielt Funamushi nur leicht am Handgelenk fest, aber sie wand sich, als wäre sie in eine eiserne Klemme gespannt. Der eigentlich gutmütige Kobungo, der einmal von ihr in eine Falle gelockt und einmal von ihr beinahe erdolcht worden wäre, hatte keinen Funken Mitleid mehr mit ihr. Obendrein hatte dieses Weib die Intrige gesponnen, die Hinaginu, die Ehefrau seines 'Bruders' Inumura Daikaku, in den grauenvollen Selbstmord getrieben hatte. Jetzt war das Maß voll.
Ebendieser Inumura Daikaku, ein auf den ersten Blick umgänglicher junger Mann, schaute sie mit düster funkelnden Augen an und sprach:
"Ich mag es wirklich nicht, Menschen umzubringen, aber einzig bei dieser Frau stellte es mich nicht einmal dann zufrieden, wenn ich ihr eigenhändig den Kopf abhiebe."
Nicht nur Funamushi, sondern auch Hattô Tôta bekam vor Todesangst eine Gänsehaut. Die beiden wurden mit ihren Gürtelbändern nebeneinander an einen Baum nahe der Enma-Halle gebunden. Als 
Tôta merkte, dass die sechs Krieger anfingen, sich zu beraten, schauderte es ihn. Er jammerte:
"Ich weiß auch, dass die da eine schlimme Intrigantin ist. Und ich weiß auch, dass sie diejenige ist, die die Frau Gemahlin des Herrn Akaiwa Kakutarô in den grausamen Tod getrieben hat. Aber ich habe damit nichts zu schaffen! Ich habe sie heute Abend als Hure anschaffen lassen, damit sie mir Mittel besorgt, um zu meinem einstigen Schwertmeister zurückkehren zu können. Ich ersuche darum, mein Handeln aus der Notlage eines Samurai anzuerkennen!"
Ohne auf die verzweifelten Rechtfertigungsversuche des Tôta näher einzugehen, fragte Inumura Daikaku:
"Dein ehemaliger Schwertmeister, ist das Komiyama Ittôta?"
Er kannte Tôta von damals, vom Dorf Akaiwa her. 

"Jawohl."
Dass Tôta wahrheitsgemäß antwortete, rührte daher, dass er nicht wusste, wie Kakutarô über Komiyama Ittôta dachte.
"Wo befindet sich Komiyama Ittôta?", fragte Inukawa Sôsuke, hellhörig geworden. Er hatte Inuzaka Kenos Berichte über Komiyama Ittôta gehört. Tôta stellte fest, dass diese Krieger ein ungewöhnliches Interesse für
Komiyama Ittôta an den Tag legten.
"Herr Komiyama befindet sich derzeit auf Burg Isarago. Er ist ein enger Gefolgsmann des Shogunatsfürsten", erklärte er mit einschmeichelndem Ton. "Ich habe es mir heute Nacht anders überlegt. Ich schlage mir den Dienst beim Fürsten aus dem Sinn. Lasst mich bitte frei. Im Gegenzug gebe ich Euch die Vorhaben des Komiyama preis. Er wird nämlich am 21.Tag dieses Monats als Gesandter des Herrn Fürsten nach Odawara aufbrechen."
"Ha....!"
Die Hundekrieger wechselten vielsagende Blicke. Aber diese sechs Gefährten hatten mit 
Komiyama Ittôta nichts zu schaffen. Auch Daikaku und Genpachi, die Ittôta aus dem Dorf Akaiwa kannten, hatten keineswegs vor, die Kenntnis seiner Reisepläne zu irgendwelchen Taten zu nutzen.
"Ja, wenn Keno hier wäre....", murmelte Kobungo
. Er ahnte ja nicht, dass Keno ihnen am Tenjin-Schrein in Yushima vergebens hinterhergelaufen war. Allen war bekannt, dass Komiyama Ittôta für Keno als Mörder seines Vaters der größte Todfeind war. Wollten sie jedoch ohne seine Beteiligung gegen ihn vorgehen, würde er ihnen womöglich deswegen zürnen.
"Solange Sadamasa seine Burg nicht verlässt, bringt uns das nichts", brummte Dôsetsu missmutig. Dôsetsu war einzig darauf aus, sich an Sadamasa zu rächen.


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Inuyama Dôsetsu


Seit dem letzten Herbst waren die anderen fünf Hundekrieger gekommen, um von ihrer "Festung" in Hokita aus Dôsetsu beizustehen, der Tag und Nacht die Bewegungen des Sadamasa, der auf Burg Isarago weilte, ausspionierte. An diesem Tag hatten sich auch die anderen fünf Gefährten in dieser Gegend umgetan und auf dem Rückweg unverhofft das Teufelsweib Funamushi in ihrem selbstgesponnenen Netz einfangen können.
"Auf jeden Fall würde es die Ehre eines Hundekriegers beschmutzen, eigenhändig die Klinge über solch ein Ungeziefer (Funamushi = Strand-Assel) zu senken. Sich mit ihr an einem solchen Ort abzugeben, ist mir schon zuwider", tönte Dôsetsu stolz. "Deshalb soll ein Vieh dieses Vieh richten!"
Seine Schwertklinge blitzte auf, aber sie durchtrennte nur das Seil, mit dem der Ochse nebenan festgebunden war. Dieser Ochse, den Tôta zuvor als
'stattliches rotes Rind' gepriesen hatte, ein furchtloses, fast wildes Tier, wollte gleich losrennen, als sein Halfter durchtrennt worden war, aber Kobungo, der sich vor dem Ochsen aufgebaut hatte, packte ihn ohne Furcht fest an den Hörnern. Dieser Kobungo, der einst in Echigo beim Stierkampffest einen wilden Stier mit bloßen Händen zu Boden gezwungen hatte, drehte den Kopf des Ochsen in die Gegenrichtung und rief: "Die da sollst du aufspießen!" Er schlug ihm derb aufs Hinterteil.
Über die gewaltige Kraft dieses Schlags erschrocken oder in Wut geraten, senkte der Ochse den Kopf, raste los und rammte den beiden vor ihm festgebundenen Menschen seine Hörner in den Leib. Wer den Schrei ausgestoßen hatte, erfuhr man nicht, aber dieser Schrei, der nicht der Kehle eines irdischen Lebewesens zu entstammen schien, stachelte den Ochsen zu noch heftigerem Zorn an. Er stieß seine eisenharten Hörner noch zwei-, dreimal in Bauch, Brust und Kopf von Funamushi und Tôta. Die beiden, deren Gewänder zerfetzt waren, krümmten sich halbnackt so heftig vor Schmerzen, dass ihre Fesseln
beinahe zerrissen.   
Diese unvergleichlich grausame Hinrichtung beobachteten schweigend nur eine schwarze Katze, die auf dem Rand des Bohlengangs der Tempelhalle saß, und im Innern der verfallenen, türlosen Halle die abgewetzte, hölzerne Statue des Höllenfürsten Enma.
Die sechs Hundekieger waren schon nicht mehr vor Ort. Von Weitem hörte man durch die Mondnacht noch ihre Stimmen, die sich allmählich entfernten und dann vom
Rauschen der Brandung verschluckt wurden.
Ohne es zu wissen, hatten die Hundekrieger damit den einzigen Menschen, der Komiyama Ittôta vor einem Attentat warnen wollte, rechtzeitig ausgeschaltet.




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