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Legende der acht Hundekrieger


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Vollendete Rache

Am Morgen des 21.Tags des 1.Monats im 15.Jahre Bunmei (1483) überfiel Inuzaka Keno die Gesandtschaft des Komiyama Ittôta, der sich von Burg Isarago aus als Bote in Richtung Odawara auf die Reise begeben hatte. Weil diese Mission geheim bleiben sollte und außerdem seiner eigenen Initiative entsprang, führte Ittôta als Gefolge nicht mehr als gut dreißig Kriegsleute mit sich.
Es war zwar Morgen, aber ein eisiger Wind wehte, und die tuscheschwarzen Wolken hingen tief am düsteren Himmel. Als der Zug zwischen Meer und Wald --- es war der später als Richtplatz bekannte Wald Suzugamori --- an eine schmale Stelle gelangte, an der es nur einen einzigen Weg gab, erschien in ihrer Wegrichtung ein Mann, gekleidet ganz in Weiß wie ein Schneereiher, und rief sie an.
"Holla, Komiyama Ittôta! Halt mal eine Weile an! Hier wird dich dein hassverzehrter Todfeind Inuzaka Keno, der nicht vergessen hat, dass du ihm im Winter des 3.Jahres Kanshô (1463) den Vater Aihara Tanenori
heimtückisch ermordet hast, jetzt erschlagen!" 
Seinen Haarschopf, den er auf dem Rücken zusammengebunden hatte, umschlang ein weißes Stirnband, und mit seinem weißen Übergewand über dem Kettenhemd schnellte er mit blankem Schwert schnell wie der Wind auf Ittôta zu. Der Vogt des Hauses Ôgiyatsu, Kawagoi Gonnosuke, der Keno das Datum der Abreise des Komiyama Ittôta verraten hatte, rechnete sicherlich damit, dass das Attentat durch irgendeinen Schaustellertrick gelingen würde, nachdem er Kenos wundersame Künste selbst erlebt hatte. Aber Inuzaka Keno griff seinen Feind nach alter Ritterart
aufrecht und frontal an.


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Inuzaka Keno und seine Kristallkugel mit dem Schriftzeichen CHI ---
 ein
Mann von weiblicher Anmut, der tausenderlei Künste und Tricks beherrscht


Im Nu stürzten drei oder vier Mitstreiter des Komiyama erschlagen von den Pferden, aber sein Gefolge bestand aus über dreißig Mann, die fast alle beritten waren. Überdies führte Komiyama nur handverlesene, besonders kampfstarke Gardisten mit sich.
"Du Schurke, komm nur her!"
Nach den ersten Schrecksekunden ließ die Reitertruppe ihre Schwerter und Lanzen aufblitzen und versuchte, den Angreifer einzukesseln, aber die Stelle war schmal, es gab nur diesen einen Weg. Keno wieselte, nein, flog flink zwischen den Pferden hindurch. War es auch ein Überfall nach alter Manier, so hatte es doch beinahe den Anschein, als flöge ein weißer Vogel durch die Lüfte. Ein halbes Dutzend weitere Gegner stürzten in Blutfontänen von ihren Rössern. Das Schwert, das Keno führte, war das berühmte Schwert Rakuyô.
Allerdings setzte Keno auch auf Schaustellertricks. Während er das Schwert schwang, sammelte er mit der anderen Hand Steine auf und schleuderte sie auf die von vorn und hinten, von rechts und links angreifenden Feinde. Jeder Stein ein Treffer, der den Angreifer vom Pferd stürzen oder bewusstlos werden ließ.
Der heftige Kampf ging weiter. Kenos weißes Übergewand färbte sich blutrot, und zwar nicht allein von Feindesblut. Die Feinde wichen zurück, und Keno, der ihnen nachsetzte, fand sich mit einem Mal im Kampf auf einem zum Meer hin offenen, weiten Feld. Der Feind wich zwar zurück, floh aber nicht.
"Nitayama, wende dich südlich, Kosugi, greif vom Norden her an!", befahl Komiyama Ittôta von seinem Ross aus, und seinem Befehl folgend formierten sich die Berittenen präzise wie ein Sardinenschwarm und griffen Keno von allen vier Richtungen her an. Die Blicke aus seinen blutunterlaufenen Augen zeigten Keno, dass er Ittôta noch immer nicht nahe gekommen war. Als das tödliche Kampfgemenge sich auf den Waldrand zubewegte, erschien aus diesem Wald eine Kampftruppe von mehreren Dutzend in Schwarz gekleideten Rittern, schwarz wie die Wolken am Himmel. Alle trugen schwarze, pfirsichförmige Helme auf dem Kopf, schwarze Kürasse, Handschützer und Beinschienen, alles war schwarz.


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Ausrüstung eines einfachen Kämpfers zur Zeit des Autors und seiner Leserschaft:
"Pfirsichförmiger" Helm, Kürass, Handschutz, Beinschienen...


Und während sie herzustürmten, ertönte ein lauter Ruf wie Sturmgeheul:
"Inuzaka Keno, wir eilen dir zu Hilfe! Hier kommt Inuta Kobungo!"
"Hier kommt Inukawa Sôsuke! Und außerdem sind noch unsere 'Brüder' Inuyama Dôsetsu, Inukai Genpachi, Inumura Daikaku mit dabei...!"
Schnell geriet die Truppe des Komiyama in Bedrängnis. Das Ross mit Ittôta auf dem Rücken, der wie von Sinnen in Richtung Burg Isarago entkommen wollte, wurde von einem Reiter verfolgt. Als die Distanz auf knapp zehn Meter geschrumpft war, kam aus der Hand des Verfolgers eine Leine geflogen und wickelte sich um Ittôtas Hals. Er wurde nach hinten gerissen und stürzte vom Pferd. Das Seil hatte Inuzaka Keno geworfen, der sich auf das Ross eines toten Gegners geschwungen hatte. Keno stieg ab, und als er Komiyama Ittôta köpfte, standen alle Männer, die ihm zu Hilfe geeilt waren, um ihn herum. Die Leichname von Komiyamas Leuten lagen verstreut umher.
Kobungo und Sôsuke stellten Keno die 'Brüder' vor, die er noch nicht kannte: Inuyama Dôsetsu, Inukai Genpachi und Inumura Daikaku. Aber da waren ja noch viel mehr schwarz gerüstete Kämpfer!
"Das sind Leute aus dem Lehen Hokita nördlich von Edo. Alles Nähere dazu werde ich dir erzählen, wenn wir uns dorthin zurückgezogen haben", sagte Sôsuke und blickte nach Norden.
Aus dieser Richtung näherte sich soeben lautes Gebrüll, so mächtig wie die hereinbrechende Brandung. Die Lanzen und geschwungenen Schwerter der Leute sahen aus, als bliese der Wind einen ganzen Wald herbei, eine überwältigende Menge neuer Feinde!
Die Hundekrieger erschraken überhaupt nicht, als sie der Meute angesichtig wurden. Mit der Hand über den Augen hielt Dôsetsu Ausschau.
"Ob Ôgiyatsu Sadamasa aus der Burg gekommen ist? Ich hoffe, er ist auch mitgekommen!", knurrte er. Schließlich wartete er nur darauf.

Die Hundekrieger, die Funamushi hingerichtet hatten, wussten, dass Komiyama heute als Gesandter aufbrechen würde. Erst hatten sie Komiyama unbehelligt lassen wollen, aber
einige Tage später berichtete Dôsetsu aufgeregt, er habe erfahren, dass ein Attentäter ihn heute überfallen wolle. Wenn sie nun alle ganz in der Nähe der Burg Isarago Komiyama Ittôta attackierten und die gesamte Gesandtschaft umbrächten, würde der leicht aufbrausende Ôgiyatsu Sadamasa um seiner Ehre willen persönlich an der Spitze einer Streitmacht ausrücken, hoffte er. Diese Vermutung überzeugte auch die anderen fünf Hundekrieger und den Herrn des Lehens von Hokita, Higaki Natsuyuki. Natsuyuki ließ auch seine Untergebenen, die Dorfkrieger, bei dem Feldzug mitmachen. Für jeden Hundekrieger zehn Mann, das ergab eine Streitmacht von 60 Kämpfern. Wie das himmlische Schicksal es fügte, endete dieser Feldzug damit, dass der Attentäter sich als Inuzaka Keno entpuppte und die Gefährten ihren 'Bruder' retteten. Und wie erhofft kamen die Feinde aus Burg Isarago heraus, mit Ôgiyatsu Sadamasa an ihrer Spitze.
Zuerst hatte dem Fürsten ein zurückgeeilter Samurai aus Komiyamas Truppe berichtet, dass im Wald Suzugamori 
ein Schwertkämpfer aufgetaucht sei, der seinen Namen Inuzaka Keno nannte. Als Sadamasa, der diese Meldung nicht sonderlich wichtig nahm, jedoch die Eilnachricht erhielt, dass die Anzahl der Angreifer mehr als doppelt so stark sei wie Komiyamas Gefolge und dieser in Bedrängnis geraten sei, schoss auch Sadamasa die Zornesröte ins Gesicht; er benachrichtigte seine Vögte, dass er auf der Stelle selbst in den Kampf ziehen werde.
Während der Fürst, kochend vor Ärger, sich mit Kürass und Helm rüsten und seinem Ross den Sattel auflegen ließ, sprach sein Burgvogt Kawagoi Gonnosuke, der ihm nicht von der Seite wich:
"Komiyama Ittôta hat schon etlichen Herren gedient und ist ein Mann, dessen wahre Absichten unergründlich sind. Diejenigen, die ihn überfallen haben, dürften Leute sein, die noch von früher eine Rechnung mit ihm offen hatten. Dass Ihr, mein Fürst, Euch höchstpersönlich solchen Feinden
unbekannter Herkunft entgegenstellen wollt, ist leichtfertig und bringt Euch in Gefahr!"
Er suchte ihn vom Eingreifen abzuhalten, aber Sadamasa erwiderte:
"Ach was, du bist schon immer gegen Komiyama gewesen. Ich habe jetzt kein Ohr für deine Schmähreden. Dass mir mein Gesandter beinahe in Sichtweite der Burg totgeschlagen wird, ist nicht nur gegenüber Hôjô Sôun in Odawara, sondern auch gegenüber dem Reich ein gewaltiger Gesichtsverlust des Ôgiyatsu Sadamasa. Beiseite, Kawagoi!"
Er schlug mit der Reitpeitsche nach ihm und verließ an der Spitze seiner Streitmacht die Burg. Auf den Zügen des ihm nachblickenden Kawagoi Gonnosuke zeichnete sich Todesfurcht ab. Er hatte einen unbekannten jungen Mann mit dem Attentat auf den Schmeichler Komiyama Ittôta,
der die Existenz seines Fürstenhauses bedrohte, beauftragt, aber nicht damit gerechnet, dass sich als Folge davon sein Fürst höchstselbst in große Gefahr begeben könnte.



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Niederlage des Shogunatsfürsten

Endlich!
Kaum wurde klar, dass es wie erhofft gelungen war, Ôgiyatsu Sadamasa, den Herrn der gegnerischen Streitmacht
, aus seiner Burg herauszulocken, da führte der unerschrockene wilde Kriegsheld Inuyama Dôsetsu regelrechte Freudentänze auf. Nicht nur Dôsetsu, sondern auch die anderen Hundekrieger und ihre Streitmacht, die Dorfkrieger von Hokita, stellten sich mutig zum Kampf.
Die Wolken hingen noch immer grau über dem Schlachtfeld; es glich einem Kampf in der Unterwelt. Den Hundekriegern und ihren gerade einmal knapp sechzig Mitstreitern standen auf Seiten der Ôgiyatsu-Streitmacht, die Sadamasa anführte, weit über dreihundert Kämpfer gegenüber. Die Hundekrieger waren indes Recken, denen auch zehntausend Gegner nicht gewachsen sind; außerdem war Sadamasa in größter Hast zu Felde gezogen und wusste nicht einmal, wer seine Feinde waren. Recht bald gerieten seine Leute in Bedrängnis. Und jetzt erreichte sie auch noch die Nachricht, dass Burg Isarago, die sie soeben verlassen hatten, in Flammen stehe --- wie konnte das geschehen?

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Zur Unterscheidung zwischen Freund und Feind wurden die Kämpfer durch unterschiedliche, auf dem Rücken befestigte Fahnen gekennzeichnet


"Sadamasa, bleib stehen!"
Mit wirrem Haarschopf hatte sich Inuyama Dôsetsu auf ein vom Feind erbeutetes
Pferd geschwungen und kam pfeilschnell auf ihn zu geritten, ganz wie Marishiten, die Gottheit der kriegführenden Samurai. Ôgiyatsu Sadamasa trieb sein Ross zur Flucht an. Weil er die Nachricht kannte, dass Burg Isarago in Flammen stehe, wandte er sich in die Richtung seiner zweiten Burg Mukaigaoka in Ueno; seine Gefolgsleute waren in alle Winde zerstreut, er ritt ganz allein.
"Ich bin Inuyama Dôsetsu, ein alter Vasall des wegen dir in jenem 9.Jahre Bunmei vernichteten Hauses Nerima. Wenn du deiner Stellung als Shogunatsfürst keine Schande bereiten willst, wende mutig dein Ross zu mir herum und empfange aufrecht den Vergeltungsstreich von meiner Klinge!"
Ob er das hörte oder nicht, Sadamasa duckte sich flach in den Sattel und floh auf seinem Ross weiter, so schnell es galoppieren konnte. Sein Verfolger Dôsetsu legte einen Pfeil auf und schoss ihn ab. Der Pfeil traf den Helm des Fürsten. Der Helm war ein altes Erbstück und hervorragend gearbeitet. Der Pfeil traf zwar den Helm, durchschlug aber nicht die Panzerung, sondern zerstörte nur die Halterung des Kinnriemens, weshalb der Helm zu Boden fiel und Sadamasa ohne Helm weiterstürmte. Er erreichte einen Hügel, von dem aus sich vor seinen Augen ein seltsames Bild auftat. Am Ufer eines Baches hatten sich etwa dreißig seiner Kriegsleute versammelt und knieten vor einer Sänfte nieder, von der eine Fahne mit der Aufschrift "Kawagoi Gonnosuke" wehte.
"Kawagoi Gonnosuke! Da kommt meine Rettung!", jubelte Sadamasa und rief: "Gonnosuke, steh mir bei!"
Seine Verfolger Genpachi und Daikaku zügelten auf dem Hügel unwillkürlich ihre erbeuteten Rösser und sahen, wie etwa die Hälfte der Kämpfer des Gonnosuke sich schützend um Sadamasa scharte und ihn in Richtung Shibaura geleitete. Die anderen Kriegsleute setzten die Sänfte am Ufer des Bachs ab und verhielten sich ruhig.
Genpachi und Daikaku hatten von Keno den Namen Kawagoi Gonnosuke gehört. Sie hielten ihre Mitstreiter an und blickten zu der Sänfte, ohne recht zu begreifen, was am Bachrand vor sich ging. Dôsetsu hatte zuvor sein Ross angehalten, um den abgeschossenen Helm des Sadamasa aufzuheben, und traf deshalb erst einige Augenblicke später ein.
"Ihr fürchtet doch nicht etwa diese paar Kämpfer? Auf geht's, wir hauen sie zusammen, sonst entkommt uns Sadamasa noch!"
"Sei nicht unbeherrscht, Dôsetsu", gab Genpachi zurück. "Wenn er entkommt, ist das eben vom Himmel so gewollt. Die Feinde da unten gehören zu Herrn Kawagoi. Findest du es nicht seltsam, dass er in einer Sänfte zum Schlachtfeld kommt?"
"Auch ein Herr Kawagoi ist kein Feind, den wir fürchten müssten. Dass er in der Sänfte herkommt, ist vermutlich irgendeine dämliche Kriegslist."
Während dieses Wortgefechts trafen auch Kobungo, Sôsuke und Keno auf dem Hügel ein.
"Herr Inuyama, ich bin Inuzaka Keno. Ich habe nach meiner gestrigen Unterredung mit Herrn Kawagoi am Tenjin-Schrein in Yushima heute den Mörder meines Vaters angegriffen und ihn dank Eurer aller Hilfe erschlagen können. Nun stehe ich als Hundekrieger auf Eurer Seite und müsste zusammen mit Euch gegen Sadamasa streiten, aber damit würde ich dessen getreuen und aufrechten Gefolgsmann Kawagoi Gonnosuke verraten. Ich kann deshalb weder mit Euch den Sadamasa verfolgen noch mich im Kampf gegen Herrn Kawagoi stellen. Habt bitte dafür Verständnis."
"Herr Inuzaka, wir kennen uns noch nicht. Wir beide sind Inukai Genpachi und Inumura Daikaku. Wir haben uns mit dreißig Kriegern aus Hokita im Wald verborgen, um den Gefährten, falls nötig, beizustehen, aber Inuta Kobungo und Inukawa Sôsuke sind allein mit den Feinden fertig geworden. Als Sadamasa daraufhin mit seinen Kriegsleuten in die Schlacht zog, waren wir zur Stelle, um Herrn Inukawa Dôsetsu zu unterstützen."
"Ich bedanke mich sehr für Eure brüderliche Hilfe, die es mir ermöglichte, meinen Todfeind zu erschlagen...", begann Kenos Antwort, als ein junger Samurai aus der feindlichen Gruppe bei der Sänfte hervortrat und auf die Hundekrieger zuschritt.
"Befinden sich bei Euch die Herren Inuzaka Keno und Inuyama Dôsetsu? Ich habe ihnen eine Mitteilung zu machen. Ich bin der einzige Sohn des Kawagoi Gonnosuke und heiße Kawagoi Satarô."


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Kawagoi Satarô


Dôsetsu stieg von seinem Pferd und trat zusammen mit Keno vor.
"Mein Vater hat vor sechs Tagen im Einvernehmen mit Fürstin Kaname am Schrein in Yushima dem Herrn
Hôkaya Monoshirô alias Inuzaka Keno die Pläne des Komiyama Ittôta offenbart und ihn beauftragt, den Mann zu erschlagen. Zu unserer Freude ist der Anschlag gelungen, der verräterische Gefolgsmann beseitigt. Der erzürnte Fürst ritt danach an der Spitze von mehr als 300 Kämpfern zur Vergeltung in die Schlacht. Mein Vater wollte ihn davon abhalten, wurde dafür jedoch gezüchtigt. Der Fürst traf auf weitere Feinde, und als nach einer Weile die Nachricht von der Niederlage eintraf und überdies feindliche Krieger unter Führung eines Mannes namens Inuzuka Shino in die Burg eindrangen und sie in Brand steckten, rief mich mein Vater zu sich und berichtete mir von jener Unterredung mit Herrn Inuzaka.
'Herr Inuzaka gehört offenbar zu den auf Rache sinnenden Angehörigen des Hauses Nerima und hat sich mit Inuyama Dôsetsu zusammengetan, der unserem Fürsten nach dem Leben trachtet. Mein Plan, aus höchster Treue zu meinem Herrn erdacht, hat sich somit in Verrat gekehrt. Die Schlacht ist verloren, die Burg ist eingenommen, Fürstin Kaname in höchster Not. Ich bitte dich, im Kampf für unseren Fürsten zu fallen, um meinen Fehler zu sühnen.'
Danach beging mein Vater Seppuku. Mit der Sänfte, die den Leichnam des Gonnosuke trägt, ist es mir nun gelungen, Euch vom Kampf abzuhalten und meinem Fürsten das Leben zu retten. In der Absicht, im Kampf umzukommen, erwartete ich Euren Angriff, aber Ihr greift nicht an. Dies gibt mir die Gelegenheit zu erfragen, weshalb Ihr, Herr Inuzaka, den geheimen Auftrag zum Attentat gegen Komiyama an die Feinde des Fürsten verraten habt." 
Dôsetsu kam Keno mit seiner Antwort zuvor.
"Ich bin Inuyama Dôsetsu. Ich habe gestern die Unterredung zwischen Eurem Herrn Vater und dem
Iai-Künstler hinter dem kleinen Holzaltar der Fuchsgottheit im Schreingarten heimlich belauscht. Ich wusste nicht, dass es sich bei dem Schausteller um Inuzaka Keno handelt. Es ist kein Verrat von Keno, sondern reiner Zufall gewesen, dass ich ihm mit meinen brüderlichen Gefährten, von einige Keno schon kannten, zu Hilfe geeilt bin. Inuzaka Keno hat nur seinen Todfeind erschlagen, sich aber nicht am Kampf gegen Euren Fürsten beteiligt. Er wusste nicht einmal, dass wir gegen Ôgiyatsu Sadamasa in den Kampf ziehen würden. Er ist gegenüber Eurem Herrn Vater loyal geblieben. Keno hatte sein Ziel, und ich habe mein Ziel. Gäbe ich meinem müden Ross die Sporen und nähme die Verfolgung des Sadamasa wieder auf, könnte ich mir sein Haupt vielleicht noch holen. Aber angesichts des Leichnams Eures Vaters, des getreuen Gefolgsmannes Kawagoi Gonnosuke, und um der Loyalität und Ehre meines 'Bruders' Keno willen sehe ich davon ab. Zieht Euch in Frieden zu Eurem Herrn zurück."
"Ich begreife die Zusammenhänge und Eure ritterliche Gesinnung. Aber mein Vater hat sich selbst das Leben genommen, mein Fürst hat die Schlacht verloren, und in der brennenden Burg hat sich auch Fürstin Kaname mit ihrem Dolch eigenhändig den Tod gegeben. Ich habe ihren Leichnam in einer Sänfte durch die Rauchschwaden aus der Burg zu einem Tempel gebracht, wo man ihr die letzte Ehre erweisen wird. Das Vermächtnis meines Vaters ist eindeutig: Ich soll mit meinem Tod im Gefecht den Namen Kawagoi vom Vorwurf der Ehrlosigkeit reinwaschen. Vorwärts, greift an! Überquert den Bach, dort stelle ich mich zum Kampf!" 


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Fürstin Kaname


Der junge Kawagoi Satarô, der sich entfernte und zu seinen Mitstreitern jenseits des Baches gesellte, war ein ebenso makellos treuer und aufrechter Gefolgsmann seines Fürsten wie sein Vater. Keno rief ihm nach:
"Es mag in diesen kriegerischen Zeiten Brauch sein, dass ein wackerer Sohn seinem Vater in den Tod folgen will. Die Selbstentleibung des Herrn Gonnosuke erfüllt auch uns mit Trauer, der Tod von Fürstin Kaname ist auch für uns schmerzlich. Ihr wollt vielleicht kämpfen, aber wir sind keineswegs darauf aus, Menschen von edler Gesinnung totzuschlagen. Wem sollte damit gedient sein?"
Dôsetsu ergänzte:
"Herr Satarô, mir geht es einzig um Ôgiyatsu Sadamasa, keinen anderen Menschen betrachte ich als Feind. Um den Fürsten zu erschlagen, musste ich leider viele andere Kämpfer töten und habe doch nur den Helm meines Gegners erbeutet. Mein Schwert ist einzig dazu gedacht, den Kopf des Sadamasa abzuschlagen; auch dessen treueste Gefolgsleute haben es nicht zu fürchten.
Aber jetzt habe ich genug vom Gerede. Das Pferd, das ich reite, gehörte einem von mir erschlagenen Burgritter. Ich gebe es Euch zurück, dann könnt Ihr Eurem Herrn sagen, dass Ihr es bei der Verfolgung der Feinde zurückerbeutet habt. Es wäre ein guter Beweis für Eure Treue. Wenn Ihr aber unbedingt sterben wollt, so bringt Euch eben selbst um!"
Satarô übernahm das Ross und saß auf.
"Ich habe sehr gut verstanden, was Ihr meint. Aber der Schmerz um meinen Vater und die Schmach der verlorenen Schlacht wird Euch eines Tages mit Sicherheit vergolten. Dies ist der Pfeil meines Schwurs!"
Er legte an, schoss einen Pfeil in den Stamm des hinter Dôsetsu stehenden Kamelienbaums und ritt mit den Seinen davon.



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Die Tugenden der Hundekrieger


Nachdem Ôgiyatsu Sadamasa mit seiner großen Streitmacht aus Burg Isarago in die Schlacht gestürmt war, hatte sich Shino gemeinsam mit etwa zwanzig Mitstreitern aus Hokita einige der einfachen Kämpfer aus der Burg geschnappt. Diese bettelten um ihr Leben und willigten sofort ein, behilflich zu sein, in die Burg einzudringen, wenn sie dafür nur verschont blieben. Wie Shino sie anwies, riefen sie am Burgtor, sie hätten den Fürsten auf seiner Flucht zur Burg geleitet, die Tore sollten schnell geöffnet werden. Die Wachen sahen von der Burgmauer, dass alle Kämpfer vor dem Tor Fahnen der eigenen Truppe trugen, und öffneten das Tor. Die Ritter in der Burg, die ihren vermeintlichen Fürsten ehrerbietig niederkiend empfingen, bemerkten zu spät, dass der Eindringling nicht Sadamasa, sondern ein Feind war. Shino erschlug sofort die Anführer der Verteidiger und rief:
"Ich bin ein brüderlicher Mitstreiter des Inuyama Dôsetsu, einem früheren Gefolgsmann des von Eurem Fürsten vernichteten Hauses Nerima, und heiße Inuzuka Shino. Wem sein Leben lieb ist, der ergebe sich!"
Sein Schwert wirbelte auf die Verteidiger zu, die in alle Richtungen davonstoben. In der gesamten Burg brach Panik aus. Shino ließ seine Mitstreiter hier und dort Feuer legen und schlug jeden Verteidiger, der ihm nahe kam, zu Tode. Die Burgkrieger rannten hierhin und dorthin, griffen zu Bögen ohne Sehnen, bestiegen noch angebundene Pferde und suchten blindlings den Flammen zu entkommen, die ein heftiger Wind hell anfachte. Einige altgediente Burgritter ermahnten die Kämpfer, sich den wenigen Angreifern mutig entgegenzustellen, aber ihre Worte gingen im Getöse unter.


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In den fürstlichen Gemächern im Hauptgebäude der Burg gaben sich angesichts der auflodernden Flammen Burgvogt Kawagoi Gonnosuke und Fürstin Kaname in Würde und ohne Hast eigenhändig den Tod. Keiner der Angreifer verwehrte dem Sohn des Vogts, Kawagoi Satarô, die Leichname in fürstlichen Sänften durch den Rauch zum Burgtor hinauszubringen.
Shino befahl den Burgkriegern, die sich ergeben hatten, Wasser zu schöpfen und das Feuer zu löschen. Seine Mitstreiter, die jetzt das Burgtor bewachten, ließen auch die Bauern aus den umliegenden Dörfern ein, die mit Wassereimern gelaufen kamen, weil sie glaubten, in der Burg sei versehentlich ein Brand ausgebrochen. Shino befahl ihnen, vor allem die Vorratskammern vor den Flammen zu schützen und die darin befindlichen mehrere tausend Reisgebinde in den Burghof zu bringen. Mit vereinten Kräften gelang es ihnen schließlich, das Feuer zu löschen.
Shino versammelte die Kaufleute und Bauern aus der Umgebung und erfuhr, dass der Fürst, um seine Kriegszüge zu finanzieren, sie mit grausam hohen Abgaben belegt hatte und diese mitleidlos eintreiben ließ. Er wandte sich an die unterworfenen Burgritter:
"Ihr Burgritter, hört mich an. Ein zu strenges Regime ist mehr zu fürchten als ein wilder Tiger. Fürst Ôgiyatsu Sadamasa ist zwar ein mächtiger Shogunatsfürst, hat bei seiner Herrschaft aber das Volk seiner Untertanen missachtet. Obwohl in dieser Burg treue Gefolgsleute und eine kluge Ehegattin und Fürstin weilten, haben schmeichelnde Ratgeber den Fürsten, der mahnenden Stimmen kein Gehör
schenkte, dazu gebracht, die Bauern zu knuten. Die Strafe dafür erhielt er in diesen Tagen. Im Kampf gegen die wenigen Angreifer unterlag er, zwei- oder dreihundert seiner Krieger verloren ihr Leben, aber auf unserer Seite kein einziger. Ôgiyatsu Sadamasa hat sich sein Unheil selbst zuzuschreiben, das Volk trifft keine Schuld. Teilt dem Burgherrn diese Worte mit, wenn er zu seiner Burg zurückkehrt, denn ich habe nicht vor, länger hier zu bleiben."
Dann wandte sich Shino mit einem Lächeln an die Bauern und Kaufleute:
"Ihr mögt zwar befürchten, später dafür bestraft zu werden, aber die hier gehorteten Gelder und Vorräte gehören euch. Ihr habt eure Felder bearbeitet und das Geld erwirtschaftet, und musstet doch wegen der hohen Tribute Ehefrauen und Kinder verkaufen. In diesem Augenblick bin ich der Burgherr, und solange ich Burgherr bin, habe ich das Recht, über die Vorräte zu verfügen. Ohne euren Einsatz, das Feuer zu löschen, wäre alles verbrannt. Ihr habt euch also die Gaben verdient. Ich werde dafür sorgen, dass man euch nicht bestrafen wird."
Shino ließ die Dorfschulzen herbeirufen und befahl ihnen, alle Vorräte gerecht verteilen zu lassen. Außer Reis und Münzgeld fanden sich auch etliche Fässer Sake, Trockenfisch, Bohnenpaste und andere Lebensmittel. An die weißgetünchte Wand des Speichers schrieb er seinen "Erlass des Burgherrn zur Verteilung sämtlicher Vorräte zwecks Linderung der Not der Bauern", und setzte seinen Namen und das Datum darunter.
Die Bauern warfen sich im Burghof vor Shino zu Boden und priesen seine Güte, von der sie den Nachkommen aller künftigen Generationen erzählen würden.
Just zu diesem Zeitpunkt kamen Dôsetsu, Sôsuke, Kobungo, Genpachi und Daikaku zur Burg geritten und erfuhren, was Shino hier erreicht hatte.
"Wir mögen zwar das Heer des Shogunatsfürsten geschlagen haben, die allergrößte Heldentat hat jedoch Shino vollbracht", lobte Dôsetsu. Er trat in das Speicherhaus und schrieb neben Shinos "Erlass" das Folgende an die Wand:

"An Herrn Ôgiyatsu Sadamasa: Den Feind zu schlagen ist Treue (CHÛ) zum eigenen Herrn und Gehorsamspflicht (KÔ) gegenüber dem Vater. Mit Güte das Volk für sich zu gewinnen, ist Klugheit (CHI). Eine Burg zu erobern, aber nicht für sich zu behalten, ist Gerechtigkeit (GI),
die eroberte Burg nicht zu zerstören, ist Anstand (REI). Diejenigen, die sich ergeben haben, nicht umzubringen, ist Menschlichkeit (JIN). Nach der Eroberung wieder abzuziehen, schafft Vertrauen (SHIN). Einander beizustehen ist Brüderlichkeit (TEI). Samurai mit diesen Tugenden sind so viel wert wie eine Million Kriegsleute.
Inuyama Dôsetsu."

Anschließend verließen alle Hundekrieger gemeinsam die Burg und ritten in Richtung Strand, wo die Schiffe lagen, mit denen sie aus Hokita gekommen waren. Die Bauern in den Dörfern längs des Weges kamen gelaufen, um sich zu bedanken und ihnen Geschenke mitzugeben, aber die Hundekrieger wiesen alle Gaben höflich zurück. Am Meer bestiegen die Gefährten und ihre Mitstreiter die bereitliegenden Schiffe, die von Inuzaka Keno, der an den Kämpfen nicht teilgenommen hatte, bewacht worden waren. Die Anker wurden gelichtet, und die Schiffe segelten in der Abenddämmerung in südliche Richtung davon.
"Was ist denn in euch gefahren?", herrschte Dôsetsu den Steuermann des Leitschiffs an. "Wir sind doch nicht auf Vergnügungsreise! Hokita liegt nördlich von hier, du solltest die kürzeste Route wählen!"
Keno mischte sich ein.
"Herr Inuyama, das habe ich dem Schiffer befohlen."
"Und weshalb?"
"Ich sehe, dass Ihr es nicht begreift. Ich habe gegen die Gardisten des Komiyama gekämpft und viele erschlagen. Ihr habt gegen die Truppen des Sadamasa gekämpft und viele Kämpfer getötet. Aber es sind bei weitem nicht alle Gegner vernichtet. Ôgiyatsu Sadamasa hat in seinen Ländereien noch Tausende von Kriegsleuten. Es dürfte nicht lange dauern, bis sie nach uns suchen. Wir besitzen keine eigene Burg, wir haben nur das Anwesen in Hokita und etwa einhundert Mitstreiter. Bei einem Angriff durch ein großes Heer könnten wir selbst bei heftigster Gegenwehr allenfalls einen halben Tag lang standhalten, aber danach würden unsere dortigen Freunde und ihre Familien
unsretwegen allesamt umkommen. Habt Ihr das nicht bedacht? Deshalb ließ ich die Schiffer nicht den direkten Weg nach Norden fahren, sondern nach Süden in Richtung Haneda aufs offene Meer hin steuern. Sobald es dunkel ist, drehen wir ab in Richtung Norden, und niemand wird dann erfahren oder verraten können, wo wir hergekommen sind."


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Inuzaka Keno


"Sapperlot, das habe ich überhaupt nicht bedacht!", staunte Dôsetsu. "Jetzt verstehe ich, weshalb Ihr die Kristallperle mit dem Schriftzeichen CHI (Klugheit) besitzt!"
"Wir 'Brüder' besitzen Kugeln mit unterschiedlichen Schriftzeichen und haben auch unterschiedliche Stärken, von denen keine besser oder schlechter als die andere ist; jede hat zu ihrer Zeit ihren Nutzen", gab Keno lächelnd zur Antwort.

Nach Einbruch der Dunkelheit wendeten die Hundekrieger ihre Schiffe, fuhren vom Meer aus den Fluss Sumidagawa hinauf und kehrten zu ihrer Heimatfestung Hokita zurück. Schnell wie der Wind, schnell wie ein Blitz war die Kampftruppe verschwunden; aus der Sicht ihrer Feinde musste es den Anschein haben, als wären die Angreifer von den dunklen Wolken am Himmel verschluckt worden.



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Der Räuberfürst


In demselben 1.Monat des 15.Jahres Bunmei (1485), in dem die sieben Hundekrieger bei Suzugamori in Edo die Streitmacht des Ôgiyatsu Sadamasa vernichtend geschlagen hatten, ereilte ein plötzliches Unheil das Haus Satomi im Süden der Bôsô-Halbinsel. Es ging von dem böswilligen Nachbarn Hikita Motofuj
i aus, dem Herrn der Burg Tateyama im Lande Kazusa.
Die einfachste Beschreibung des Charakters des Hikita Motofuji wäre zu sagen, dass er ein Räuber war. Er war überdies der Sohn des unmenschlichen Raubmörders Hikita Sekiroku, der am Berg Ibukiyama im Lande Ômi seine Räuberhöhle hatte, und zu dessen zahllosen Missetaten gehörte
, wie man sich erzählte, dass er schwangere Frauen entführte, ihnen bei lebendigem Leibe den Bauch aufschlitzte und mit Vorliebe deren Föten als Beilage zum Sake verspeiste.


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Räuberhauptmann Hikita Sekiroku


Vor einigen Jahren hatte Sekiroku
, damals über sechzig Jahre alt, Kyôto besucht und sich das Schreinfest von Gion angesehen; dabei wurde er gefasst und hingerichtet. Als er diese Eilnachricht erfuhr, raffte sein Sohn Motofuji alle gestohlenen Reichtümer zusammen und floh vom Berg Ibukiyama. Nachdem er sich einige Monate in der Kantô-Region herumgetrieben hatte, kam er nach Tateyama in Kazusa. Er hatte erfahren, dass der Herr der dortigen Burg, Fürst Komariya Shumenosuke, dem Sake höchst zugetan und nicht sonderlich wachsam sei, und war eigens deswegen nach Kazusa gekommen. Als professioneller Räuber hatte Motofuji seinen Raubvogelblick. Er stellte gleich fest, dass es in dem Land schlecht um die Ordnung bestellt war; allerorts hörte er von den Bauern, dass das Eintreiben der Abgaben mit großer Grausamkeit vollzogen werde. Alle beklagten sich bitter über ihren Herrn und priesen voller Neid das Fürstenhaus Satomi im Nachbarland Awa. Es gab nicht einmal eine Herberge in der Burgstadt, in der man übernachten konnte.
Am Abend des siebten Tags nach seiner Ankunft in Tateyama geriet Motofuji in ein Gewitter und suchte im nächsten erreichbaren Schrein Zuflucht. Alle Ländereien von Schreinen und Tempeln der Region waren vom Burgherrn konsfisziert worden. Viele sakrale Bauten waren heruntergekommen. Auch der Suwa-Schrein, in dem Motofuji Schutz gesucht hatte, taugte kaum als Unterschlupf vor dem Regen. Motofuji sah sich um und fand einen sehr großen Kampferbaum auf dem Schreingelände, dessen Stamm unten hohl war; dort kroch er hinein.
Der Kampferbaum musste schon tausend oder zweitausend Jahre alt sein. Selbst ein halbes Dutzend Leute wären nicht ausreichend gewesen, um an den Händen gefasst den Baum vollständig zu umschließen. Bis zu einem Meter über dem Boden bildeten die herausragenden Wurzeln ein schlangengleiches Knäuel, und darüber befand sich die Höhlung. Im Innern häufte sich hineingefallenes Laub zu einer dicken Unterlage, auf der sich drei Menschen mit Leichtigkeit ausstrecken konnten. Dort lag man sehr viel bequemer als in einem schmuddeligen Gasthaus. 
Dem Gewitter folgte ein Sturm. Während der Nacht schlief Motofuji in der Finsternis des hohlen Baums und hatte einen seltsamen Traum. Oder vielleicht drang die heisere Frauenstimme vielmehr durch das heulende Unwetter an sein Ohr?
"Ich habe auf dich gewartet. Ich habe gewartet, dass jemand wie du hierher kommt. Du wirst es schon wissen, dass sich der hiesige Landesherr Komariya Shumenosuke sein eigenes Grab schaufelt. Wenn du ihn stürzt, kannst du selbst Herr der Burg werden. Es ist nicht schwer. Auch Satomi Yoshizane in Awa war nichts weiter als ein geschlagener Kriegsmann, als er hierher kam, den Fürsten Yamashita Sadakane vernichtete und sich das gesamte Land Awa unter den Nagel riss. Das kannst du auch. Du bist der rechte Mann dafür. Und ich sage dir auch, wie du dabei vorgehen sollst....."
War das eine Stimme des Himmels oder einer Teufelin?

Einige Tage später tauchte Hikita Motofuji im Hause des Verwalters von Tateyama auf und gab sich als ein Schamane aus Kyôto aus, verteilte an die Leute ein Wunderwasser, mit dem er angeblich im Lande Ômi die Kranken geheilt hatte, und spendete überdies, ohne zu geizen, den Armen Geld. Das Wasser war Regenwasser, das sich in einer Ecke des hohlen Baums gesammelt hatte, und das Geld entstammte der Beute der Raubzüge am Ibukiyama. In kürzester Zeit galt er
in dieser Gegend als heiliger Mann.
Es handelte sich zwar um Motofuji mit seinem ausgeprägten Banditengesicht, aber sein Tun zeigte Erfolge. Das verteilte Geld
wirkte beim Volk ebensolche Wunder wie sein Heilwässerchen bei den Kranken. Nicht nur die Bauern, sondern auch die Samurai des Hauses Komariya kamen, um sich seinen Gesundheitstrank verabreichen zu lassen.


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Bandit Hikita Motofuji als Schamane


Dem Fürsten Shumenosuke gelangte die Kunde von dem Wunderheiler zu Ohren. Seinem Gendarmeriehauptmann Uchimata Kôyata befahl er:
"Der ist ein Gauner, der die törichten Leute mit Hexerei betrügt. Ich will ihn baldmöglichst verhören; schaff mir den Kerl herbei!"
Dieser Gendarmerieoffizier dachte allerdings daran, dass seine eigene Tochter, als sie krank war, das Heilwasser dieses Schamanen eingenommen hatte. Also rang er sich zu dem Entschluss durch,
den Verwalter rechtzeitig vorher aufzusuchen und zu warnen, damit er Motofuji nahelege, sich davonzumachen. Als er aber zum Amtsgebäude kam, empfing ihn Motofuji dreist und furchtlos auf dem Beamtensitz, Verwalter und viele Bauern untertänigst zu seinen Füßen, und redete eindringlich auf den Gendarmeriechef ein, dass ein Aufstand gegen den Landesherrn unumgänglich und gerechtfertigt sei. Uchimata Kôyata ließ sich überzeugen, zumal Motofuji ihm versprach, ihn als neuen Burgherrn vorzuschlagen.
An diesem Tag kehrte
Uchimata Kôyata mit dem gefesselten Schamanen zur Burg zurück, hieß den Gefangenen im Burghof niedersitzen, trat unter dem Vorwand vor Shumenosuke, ihm Bericht zu erstatten, und schlug den Burgherrn tot. Er rief:
"Durch göttlichen Willen ereilte
den Tyrannen die Strafe des Himmels!" 
In diesem Augenblick warf der scheinbar gebundene Motofuji im Burggarten seine Fesseln ab und lief zu Uchimata. Bis hierhin war alles in Absprache mit Uchimata Kôyata geschehen, aber dass ihm Motofuji jetzt das Schwert aus der Hand riss und ihn mit dem Ruf "
Durch göttlichen Willen ereilte den Aufrührer die Strafe des Himmels!" köpfte, damit hatte er offenkundig nicht gerechnet.
Den Rittern der Burg, die voller Entsetzen weder ein noch aus wussten, hielt Motofuji mit tränenerstickter Stimme eine Rede. Sie alle wüssten, dass die Bauern in Kazusa unter dem Joch des Fürsten litten; nun sei der Tyrann ermordet worden. Mag er auch ein schlechter Herrscher gewesen sein, so ist doch der Herr der Herr, weshalb er den verräterischen Untertan soeben erschlagen habe. Das sei nichts anderes als himmlische Gerechtigkeit.
"Von jetzt an werde ich diese Burg übernehmen. Dass ein Fremder aus einem fernen Land zum Burgherrn wird und ein Paradies auf Erden erschaffen kann, sieht man am Beispiel unsres Nachbarlands Awa. Lasst uns alle zusammenstehen und dem Fürstenhaus Satomi nacheifern!"
Die Burgritter ergaben sich letztendlich seiner Führung. Allerdings traf er auch auf Widerstand. Komariya Shumenosuke hatte zwei Geliebte, die eine hieß Asagao, die andere Yûgao. Hikita Motofuji ließ die Damen kommen, war von ihrer Schönheit entzückt und wollte beide in der Nacht als Bettgenossinnen bei sich behalten, aber die zwei Kurtisanen weigerten sich und durchschnitten sich eigenhändig die Kehle.

Die Übernahme des Landes Kazusa durch Hikita Motofuji war eine perfekte Imitation der Taten des Satomi Yoshizane. Aber was danach folgte, unterschied sich wie Tag und Nacht. Sogleich ließ Motofuji seine früheren Räuberkumpanen vom Berg Ibukiyama kommen, denn er brauchte Leute, auf die er sich verlassen konnte. Mit denen begann er Orgien mit Seen von Sake und Bergen aus Fleisch zu feiern. Die Bauern knutete er noch weit stärker als der bisherige Landesherr. Als die Burgritter sich wegen der unerwarteten Wendung der Ereignisse berieten, waren sämtliche Schlüsselpositionen längst von den neuen Gefolgsleuten des Landesherrn, nämlich jener gewissenlosen, verruchten Räuberbande, besetzt.


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Hikita Motofuji als Burgherr und seine Räuberbande als Burgritter


So vergingen einige Jahre. Im Sommer des 14.Jahres Bunmei (1484) reiste Hikita Motofuji, als Bettler verkleidet, mit drei, vier Kumpanen heimlich nach Awa. Es ging ihm nur darum, die Stimmung des Volks von Awa auszukundschaften, aber dabei traf er zufällig auf eine Reisegruppe von Fräulein Hamaji vom Hause Satomi, die sich auf einer Wallfahrt zum Schrein von Sunosaki befand. Er erblickte nur ganz kurz Hamaji, die gerade ihrer Sänfte entstieg, aber dieser Blick versetzte ihn augenblicklich in heftige Begierde. Hier war er nur ein Bettler, aber nach der Rückkehr zu seiner Burg war er immerhin der Landesherr.
Er erfuhr, dass es im Hause Satomi acht ledige Töchter gab, deren fünfte (jap. Gonokimi) Fräulein Hamaji war. Überdies war sie lange verschollen gewesen und erst im Vorjahr plötzlich zurückgekehrt.
Hikita Motofuji pflegte sich jedes schöne Mädchen seines Landes, das in seine Reichweite geriet, kommen zu lassen und sich mit tierischer Wollust an seinen Opfern zu vergehen, war jedoch auch begierig auf standesgemäßes Ansehen und hatte noch keine offizielle Gemahlin. Wenn er also dem Hause Satomi seinen Wunsch nach einer ehelichen Verbindung antrüge, wäre er gewiss kein unstandesgemäßer Freier, und da es sich um ein Fräulein mit einer solch undurchsichtigen Vergangenheit handelte, dürfte sein Antrag dem Hause Satomi auch nicht sonderlich unliebsam sein. Überdies hatte er, seit er sich zum Herrn von Burg Tateyama gemacht hatte, aus Anlass der Neujahrsfeiern in kluger Voraussicht stets Geschenke an das Haus Satomi geschickt. So sandte Motofuji eine Botschaft, dass er Fräulein Hamaji zur Braut begehre. Vom Hause Satomi kam unverzüglich eine ablehnende Antwort.
Aber damit nicht genug; bald darauf hörte Motofuji, dass Satomi Yoshizane, der im Ruhestand lebende frühere Landesherr, über diesen Antrag lauthals gelacht und gesagt habe:
"Dieser von irgendwo dahergelaufene Hikita wünscht eine Tochter des Hauses Satomi zur Ehefrau; was bildet sich dieser Bursche ein?"
Motofuji bekam einen Wutanfall.
"Da hast du dich getäuscht, alter Knacker! Ich werde dir auf der Stelle zeigen, dass Hikita Motofuji zu fürchten ist! Um jeden Preis werde ich diese Hamaji in die Finger kriegen und unter meinen Füßen zertreten!"
Vor Zorn und Geilheit knirschte er mit den Zähnen. Aber dass er mit Gewalt und unter Einsatz von Kampfkraf
t dem Fürstenhaus Satomi, jener Trutzburg aller vier Provinzen des Landes Awa, nicht beikommen würde, das war auch dem ehemaligen Räuberhauptmann Motofuji durchaus klar.



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Die schöne Schamanin

Da hörte er von dem Gerede, dass in der Burgstadt Tateyama in jüngster Zeit eine wundertätige Wanderschamanin mit Namen Yaobikuni auftrete und Gläubige um sich schare. Es hieß, sie könne geliebte Männer, geliebte Frauen aus weiter Ferne, ja sogar aus dem Jenseits herbeirufen und vor aller Augen wie lebend erscheinen lassen.
"Holt mir diese Yao
bikuni oder wie sie heißt, her!", befahl Motofuji. Wie befohlen kam diese Schamanin in einer Sänfte zur Burg. Als sie die Sänfte verließ, riss Motofuji die Augen auf. Welch eine betörende Schönheit!
Sie trug eine weiße Nonnenhaube und ein weißes Gewand aus glänzend gewalkter Seide sowie einen schwarzen Schleier, dünn wie Zikadenflügel, darüber eine brokatne Nonnenschärpe und um die Hand gewickelt eine Gebetskette. Ihr Alter, wenn man es unbedingt nennen sollte, mochte um die Anfang vierzig liegen. Ihre schmale Gestalt strahlte die Würde einer älteren Dame aus, aber zugleich auch die betörenden Reize einer schlanken, jungen Frau.



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Wanderschamanin Yaobikuni


"Auf Euer Geheiß bin ich zur Burg gekommen."
Das Lächeln dieser Schamanin war so verführerisch, dass der ohnehin triebhafte Motofuji, der sie eigentlich mit anderen Absichten hatte kommen lassen, auch auf diese Frau fleischliche Gelüste empfand.
Erst aber fand der offizielle Empfang statt.
"Von woher bist du gebürtig?"
"Ich habe meine Gründe, den Ort nicht zu nennen, komme aber aus dem Lande Awa."
"Wie alt?"
"Achthundert Jahre", lächelte sie betörend.


Yaobikuni (auch Happyakubikuni) bedeutet Achthundertjährige Wandernonne. Es handelt sich um eine in ganz Japan bekannte Sagengestalt. Laut Sage setzte man einem Mann, der von Unbekannten zum Essen eingeladen wurde, das Fleisch eines Fischmenschen (halb Mensch, halb Fisch) vor, wie er durch einen zufälligen Blick in die Küche erkannte. Er verzichtete darauf, davon zu essen, nahm aber, um nicht unhöflich zu sein, eine Schale der Speise mit nach Hause, wo seine Tochter ahnungslos davon aß. Diese Tochter gewann dadurch ewiges Leben, blieb jedoch äußerlich weiter jung. Nachdem alle ihre Verwandten, Bekannten und etliche Ehemänner gestorben waren, trat sie in den Nonnenstand und zog durch die Lande. Nach 800 Jahren wurde sie, inzwischen als Wunderheilige betrachtet, im Lande Wakasa zu dem todkranken Fürsten gerufen und um Gebete für seine Genesung ersucht. Es gelang ihr durch die Kraft des Glaubens, ihr restliches Leben auf den Fürsten zu übertragen und selbst endlich zu sterben. Diese Sage wird in etlichen Varianten in vielen Regionen Japans überliefert.


Sie schien sich über ihn lustig zu machen, aber Motofuji, von ihrer Schönheit entzückt, dachte nicht daran, ihr zu zürnen.
Ihre Stimme klang ein wenig heiser. Ihm war, als hätte er sie schon einmal gehört.
"Der Grund, dass ich dich heute hergerufen habe....", fing er an, aber Yaobikuni nickte und unterbrach ihn:
"...war, dass ich Euch jemanden herbeirufen soll, den Ihr liebt."
"Das weißt du?"
"Natürlich. Also...."
Auf Geheiß der Schamanin wurden in einem Raum der Burg alle Fenster abgedunkelt und acht Kerzenständer aufgestellt. Auf ein niedriges Tischlein stellte sie ein mitgebrachtes Räuchergefäß. Es hatte offensichtlich die Form eines Marderhunds. In dem dunklen Raum blieben nur Yaobikuni und Hikita Motofuji.
Von dem Rauch, der dem Gefäß entquoll, wurden alle Lichter der acht silbernen Kerzenständer trübe, und in dem Dämmerlicht des noch dichter werdenden Qualms erschienen schemenhaft die Gestalten zweier Frauen.
Motofuji sperrte die Augen auf.
"Asagao und Yûgao!"
Es waren die Geliebten des vorigen Burgherrn, die sich selbst das Leben genommen hatten, als Motofuji sich dieser Burg bemächtigte.
Die Kerzen leuchteten wieder so hell wie zuvor. Aber die zwei Frauen, die ihn abgewiesen und sich selbst getötet hatten, blickten ihn jetzt an und lächelten verlockend.


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Im Qualm erschienen schmenhaft die Gestalten zweier Frauen


Was ihm entgangen war, blieb ihm teuer. Danach hatte er sich zwar Dutzende von schönen Frauen geholt und sie nach der Schändung davongejagt, aber diese beiden bildhübschen Kurtisanen, die hätte er wirklich gern gekriegt, hatte er schon oft bedauernd gedacht. Aber bevor ihm seltsam vorkam, woher diese Schamanin das überhaupt wissen konnte, rief er schon laut:
"Nein, das sind die falschen! Ich wollte eine andere Frau erscheinen lassen!"
"Das Fräulein aus dem Hause Satomi?", fragte Yaobikuni ungerührt. "Aber, mein Herr. Unterlassen wir es lieber, dieses Edelfräulein mit meiner Beschwörungskunst hier erscheinen zu lassen!"
"Und weshalb?"
"Wie soll ich es Euch erklären...? Die Gestalten, die ich beschwöre, sind ja nur Schatten. Im Falle des Fräuleins Hamaji dürfte es Euch nicht ausreichen, nur ihren Schatten hier vor Euch erscheinen zu lassen. Ihr wollt doch gewiss das lebendige Original."
"Das ist richtig. Gibt es denn keine Möglichkeit, das Original herzuschaffen?"
"Die gibt es."
"Und zwar wie?"
"Und zwar...." Mit gesenkter Stimme flüsterte Yaobikuni auf Motofuji ein.
Mehr als wegen der unerwarteten Arglist, mehr als wegen der Kühnheit dieser Pläne entfuhr Motofujis Kehle ein Überraschungsschrei, weil die Zauberin als Werkzeug zur Ausführung des Vorhabens den großen Kampferbaum auf dem Gelände des Suwa-Schreins erwähnte. Die heisere Stimme dieser Schamanin --- war das nicht genau dieselbe Stimme, die in jener Sturmnacht, als er in der Höhlung im Baum schlief, an sein Ohr gedrungen war? War diese Frau damals irgendwo in derselben Höhle gewesen? Warum hatte sie ihm solche Dinge gesagt?
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Ich habe auf dich gewartet. Ich habe gewartet, dass jemand wie du hierher kommt', hatte sie gesagt.
"Wer bist du?"
"Es ist besser, wenn Ihr es nicht wisst, hoho, hohoo.....", lachte Yaobikuni. "Sagt mir lieber, ob Ihr es ausführen wollt, wie ich es Euch gesagt habe."
"Gewiss doch!", nickte Motofuji heftig beipflichtend.
"Nun, üblicherweise würde ich die Schatten von
Asagao und Yûgao, die ich eben heraufbeschworen habe, gleich wieder löschen, aber falls Ihr es wünscht, lasse ich sie noch eine geraume Zeit hier, um Euch, mein Herr, als Partnerinnen im Feenland zu verwöhnen. Wie wäre es?"
"Ich bitte darum."
Motofuji sah sich nach den beiden Schönheiten um und schnalzte begehrlich mit der Zunge.
Schließlich sagte Yaobikuni: "Es wäre doch seltsam, wenn ich noch länger hier bliebe", lächelte ihn charmant an und verschwand, ihm noch "mein Herr, legt Euch tüchtig ins Zeug!" zurufend, wie der Blitz aus der Burg.

Nur wenige Tage später begannen die Instandsetzungsarbeiten am verwahrlosten Suwa-Schrein. Als die Arbeiten, die Tag und Nacht ununterbrochen durchgeführt wurden, zum Abschluss kamen, sandte das Haus Hikita die Nachricht von der Wiederherstellung des Suwa-Schreins 
an das Haus Satomi und ließ den Boten dazu ausrichten:
"Da es sich um ein Heiligtum der Gottheit Hachiman handelt, die als Schutzgottheit der Ahnen des Hauses Satomi, dem Adelsgeschlecht derer von Minamoto, gil
t, würden wir es begrüßen, wenn zur Feier der Neueinweihung am kommenden 15.Tag auch der Erbfolger des Hauses Satomi, Herr Tarô Yoshimichi, zugegen wäre."
Diese Botschaft wurde im 1.Monat des folgenden 15.Jahres Bunmei (1485) übermittelt.
"Was tun? Nachdem wir kürzlich das Ehegesuch um Hamaji abgewiesen haben, können wir es uns leisten, auch diesen Wunsch abzuschlagen?"
"Sein Ansinnen ist ebendeswegen gefährlich. Einem Mann wie dem Hikita ist keinesfalls zu trauen", wandte Satomi Yoshizane sorgenvoll ein, aber niemandem fiel eine Ausrede ein, diese einleuchtende Einladung abzulehnen. Schließlich willigte Yoshizane unter dem Vorbehalt ein, vorher Spione auszusenden und die Lage auszukundschaften.
Der Erbfolger Tarô Yoshimichi war Yoshizanes zehnjähriger Enkel.
Am Tag der Einweihung, dem 15.Tag des 1.Monats, zogen der fürstliche Erbfolger und mehr als 300 Kriegsleute als Gardisten zu seinem Schutz von Burg Takita aus in das Hoheitsgebiet von Tateyama zum Besuch des Suwa-Schreins. Es war exakt derselbe Tag, an dem Inuzaka Keno am Tenjin-Schrein von Yushima in Edo den Affen einfing. Allerdings war dieser Suwa-Schrein ein kleines Heiligtum, das nicht einmal ein Zehntel der Fläche des Tenjin-Schreins aufwies. Es war nachgerade albern, die Wiederherstellung so pompös zu begehen. Die dreihundert Gardisten des Hauses Satomi passten bei Weitem nicht alle auf das Schreingelände. Die Mehrzahl musste vor der Schreinmauer warten, und Herr Yoshimichi begab sich mit nur dreißig Getreuen unter Führung des Burgvogts vom Hause Hikita zum Schreingebäude. Vor dem Schrein wurden sie von Hikita Motofuji und zehn Gefolgsleuten
respektvoll empfangen.


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Ländlicher Schrein (shintoistisches Heiligtum)


Das Laub der Bäume auf dem Schreingelände war weitgehend abgefallen; außer den genannten war keine Menschenseele zu sehen. Die Entfernung bis zur Burg betrug etwa zweihundert Meter, und die Kundschafter hatten berichtet, dass sich in dieser Gegend keinerlei Truppen von Hikitas Seite befinden. Und trotzdem tauchten plötzlich wie aus dem Nichts, als sich Yoshimichi gerade dem Schrein näherte, innerhalb des Schreingeländes gleich schwarzen Wolken massenhaft
Kriegsleute auf, die im Handumdrehn den Erbfolger und seine Gefolgsleute übermannten und obendrein noch nach allen vier Seiten über die Schreinmauern hinweg Musketen und Bögen mit angelegten Pfeilen nach außen richteten. Nicht allein nach allen vier Seiten --- es wurden zusehends so viele, dass sie das Schreingelände vollständig ausfüllten, es mussten fünf- bis sechshundert Bewaffnete sein. Die dreihundert draußen wartenden Samurai des Hauses Satomi trauten kaum ihren Augen. Wie war das möglich, wo waren alle diese feindlichen Krieger hergekommen?
Sie waren alle aus dem hohlen Baumloch des Kampferbaums gekrochen. Die Öffnung wies auf das Hauptgebäude des Heiligtums und war deshalb für jemanden, der auf das Heiligtum zuschritt, nicht zu sehen. Aber selbst wenn sie sichtbar gewesen wäre, hätte sich niemand vorstellen können, dass solch eine Menge vollbewaffneter Kämpfer dort herausquellen würde. Sogar für Hikita Motofuji, der diesen Plan ausgeheckt hatte, sah es aus wie Zauberei.
Die Verwunderung der Gardisten währte nur einen Augenblick. Nun stießen sie ihren Kriegsruf aus und stürmten auf den Schrein zu. Ohne Erbarmen regnete es von der Schreinmauer her Gewehrkugeln und Pfeile auf die Angreifer. Die Kämpfer des Hauses Satomi stürzten tot nieder, kamen verwirrt zum Stehen oder ergriffen panisch die Flucht. Vom Rücken her flogen ihnen Pfeilgrüße nach. Die wenigen Samurai des Hauses Satomi, die fliehend nach Burg Takita zurückgelangten, erstatteten dem Burgherrn Yoshinari Bericht.
Von Hikita kam die Forderung:
"Solange Fräulein Hamaji nicht an Burg Tateyama ausgeliefert wird, behalten wir stattdessen Euren Erbfolger hier."
Selbst der gütige Fürst Satomi Yoshinari verlor angesichts dieser entsetzlichen Wendung die Berrschung. Auf der Stelle setzte er ein Heer von tausend Streitern in Marsch zum Angriff auf Burg Tateyama. Einige Male gerieten sie unter Beschuss der Musketen, aber mehr als das war es die Geisel, der Erbfolger Yoshimichi, der die Streitmacht von Satomi
zum Stillstand zwang. Der grausame, brutale Hikita Motofuji ließ nämlich einen Kreuzigungspfahl, an den man den zehnjährigen Yoshimichi gefesselt hatte, oben auf der Burg aufrichten. Daneben hatte er eine Stange aufgestellt, von der ein Banner wehte, auf dem groß geschrieben stand:
"Solange Fräulein Hamaji nicht ausgeliefert wird, bleibt im Gegenzug Euer Erbfolger hier."
Nicht nur Yoshinari, sondern auch die Recken des Hauses Satomi vergossen blutrote Tränen. Von Burg Takita kam Fräulein Hamaji herbeigeeilt und bat ihren Vater, sie an Burg Tateyama auszuliefern. Yoshinari schüttelte den Kopf.
"Nichts da, das kommt nicht in Frage. Einer solch feigen Erpressung nachzugeben, wäre bis zu den Generationen unserer Kindeskinder ein Schandfleck auf der Ehre des Hauses Satomi. Selbst wenn Yoshimichi dabei umkäme, werde ich dich niemals für ihn opfern!"
Aber Tag für Tag wurde der Marterpfahl mit dem daran festgebundenen Erbfolger aufgerichtet. Auch an Regentagen und an Sturmtagen. Obwohl er bereits streng zum Samurai erzogen wurde, war er doch immer noch ein zehnjähriges Kind. Es war deutlich zu sehen, wie sein weinendes, schreiendes Gesicht jeden Tag abgezehrter wurde. Und man konnte nichts dagegen tun. Keine Strategie würde verfangen.


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Ratlos:  Satomi Yoshinari und seine Streitmacht vor Burg Tateyama


Zur gleichen Zeit fochten die sieben Hundekrieger den Kampf beim Wald Suzugamori aus, aber hier wusste niemand etwas davon. Yoshinari hatte zwar von Amasaki Jûichirô mehrfach Berichte von den Hundekriegern gehört, aber wie hätte er daran denken sollen, die Hundekrieger, die er noch nie gesehen hatte, zu rufen und um Hilfe zu bitten! Und selbst wenn es ihm gelänge, sie herbeizurufen, sie hätten in dieser Situation allergrößter Not ebenso wenig ausrichten können wie er.



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Ein Vermisster taucht auf

Während die Belagerung von Burg Tateyama fortdauerte, verstrichen die höllengleichen Tage; der 3.Monat hatte begonnen. Selbst der alte Fürst Satomi Yoshizane wusste sich keinen Rat. Nach vielen Qualen kam er nun auf den Gedanken, das Grab der Fusehime aufzusuchen und dort um göttlichen Beistand zu beten. Mochte Fusehime auch seine eigene Tochter sein, für ihn war sie längst zu einer Heiligen geworden.


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Sancta Fusehime im Manga


Der Großteil seiner Streitmacht stand vor Burg Tateyama. So bestieg Yoshizane, nur von einem Dutzend bewaffneter Getreuer begleitet, den Berg Toyama. Die schwierige Überquerung des reißenden Gebirgsflusses Tanikawa ging problemlos vonstatten, denn der Fluss war seltsamerweise ausgetrocknet. Der Bergwald prangte in voller Frühlingspracht; nur jene Stelle wirkte nach wie vor so unwirtlich und wild wie eine andere Welt.
Vor Fusehimes Grab nahe ihrer Höhle verbeugte sich Yoshizane gerade andächtig, als plötzlich aus dem Wald auf allen Seiten Angreifer, die wie Jäger aussahen, herbeigestürmt kamen, ein Trupp von etwa 30 Mann. Es waren Räuber aus Hikitas Bande, die hier spionierten.
Hikita Motofuji war es nämlich leid, dass die Belagerung immer weiterging, ohne dass das Fürstenhaus Satomi ihm Fräulein Hamaji auslieferte. Falls der Erbfolger Yoshimichi stürbe, wäre die Vernichtung von Burg Tateyama so gut wie sicher. Wenn man also nicht nur den Erbfolger, sondern auch noch den alten Fürsten als Faustpfand bekäme, dann würde selbst der starrsinnige Yoshinari nachgeben. Aufgrund dieser Überlegungen hatte er seine Räuber aus Ibukiyama in die Gegend der kaum noch bewehrten Burg Takita entsandt, damit sie die Bewegungen des alten Fürsten ausspähten.
Dessen Gefolge bestand nur aus gut zehn Mann, von denen die Hälfte zu Fuß und nur leicht bewaffnet war. Schließlich waren sie zum Gebet an das Grab gekommen. Sie wurden von einer dreifachen Übermacht angegriffen, die zudem noch unerschrockene Räuber waren. Hier, tief im Bergwald, konnte es keine Hilfe, kein Entrinnen geben.
Yoshizanes Gefolgsleute fielen einer nach dem andern; drei, vier lagen tot da, und Yoshizane selbst stand mit gezücktem Schwert vor dem Grab seiner Tochter, auf seinen Tod gefasst.
Da hörte man von fern, vom Tal her, Hufgetrappel. Yoshizane focht bereits mit seinen Gegnern. Er war zwar schon alt, aber ein starker Recke, der in jungen Jahren so manche Schlacht geschlagen und die Feinde das Fürchten gelehrt hatte. Zwei Räuber hatte er schon erschlagen, aber auch ihm selbst troff das Blut von Schulter und Arm herab.
Das Hufgetrappel kam näher. Die Banditen wandten sich um und blieben mit offenem Mund stehen.
Es kam ein einziges Pferd hergaloppiert, aber es war ein riesiges Ross, deutlich größer als normale Pferde. Und auf seinem Rücken ritt ... ein kleiner Junge!
Er hatte ein weißes Band um die Stirn gewunden, ein brokatner Überhang wehte von seinen Schultern, und in der Hand hielt er einen langen Stock.
"Zu Diensten! Hier tritt einer der acht namhaften Helden, der Hundekrieger des Hauses Satomi, auf, meine Wenigkeit Inue Shinbei! Her, ihr Kerle, zeigt, was ihr könnt!"
Während er dies mit seiner Knabenstimme rief, preschte das Ross
heran, elegant über die zerklüfteten Felsen und Spitzen hinwegtänzelnd. Der Junge sah aus wie Momotarô auf der Teufelsinsel oder Kintarô in den Bergen von Ashigara.

 
Momotarô ist eine japanische Märchenfigur. Der Junge war einem Pfirsich entsprungen, den ein kinderloses Ehepaar gefunden hatte. Liebevoll an Kindes Statt erzogen, wandert der nie erwachsen werdende Däumling später mit seinen Freunden Affe, Hund und Fasan durch die Lande zu seinem siegreichen Kampf gegen Dämonen und Teufel.
Kintarô wuchs bei einer Bergfee in den Ashigara-Bergen auf und stellte sich laut Legende als Kämpfer mit übernatürlichen Kräften in den Dienst des mittelalterlichen Feldherrn Minamoto no Yorimitsu (948-1021).


Aber welche Geschwindigkeit, welche Kraft! Wo sein Eichenholzknüppel, der sich wie ein Windrad drehte, gesurrt kam, gerieten die dreißig Räuber unter die Hufe seines Rosses oder wurden davongewirbelt wie Laub im Wind. Im Handumdrehn waren alle erledigt. Der Knabe sprang vom Ross und warf sich vor Yoshizane zu Boden, das Hinterteil hoch in die Luft gereckt.

"Ich erlaube mir erstmals, vor Eure Hoheit zu treten, und entbiete Euch meinen freudigen, untertänigsten Respekt. Mir ward noch nicht die Ehre zuteil, in Eure Dienste zu treten. Meine Wenigkeit nennt sich Inue Shinbei. Da ich mir gestattet habe, wie gezeigt alle Banditen aus dem Weg zu räumen, geruht, fürstliche Hoheit, Euch ohne Sorge fortzubewegen!"
Yoshizane, der diese Grußworte völlig sprachlos vernommen hatte, fragte endlich zurück:
"Inue Shinbei?"
Den Mönch Chudai hatte Yoshizane schon mehr als zwanzig Jahre lang nicht mehr gesehen, aber durch Amasaki Jûichirô, der an dessen Stelle bisweilen gekommen war und Bericht erstattet hatte, waren ihm die Namen der acht Hundekrieger wie auch ihre Aufenthaltsorte und Bewegungen im Großen und Ganzen geläufig.
"Das bedeutet... du bist derjenige, der vor vielen Jahren... von meinem Ross Seigaiha entführt worden ist..."
"Jawohl, zu Diensten!"
Yoshizane war noch nicht danach zumute, über diese übertrieben altmodische Ausdrucksweise aus kindlichem Mund zu lachen. Er erhob seine verwundert aufgerissenen Augen zu dem Ross, das plötzlich hinter ihm stand, und rief stöhnend:
"Seigaiha!"
Ja, es war das Ross Seigaiha, das vor fünfundzwanzig Jahren Fusehime auf diesen Berg Toyama getragen und dann in den Fluten des Flusses Tanikawa verschwunden war! Danach war es einmal, wie man ihm berichtet hatte, plötzlich im Lande Shimotsuke aufgetaucht und hatte den vierjährigen Knaben und Hundekrieger, diesen Inue Shinbei, entführt. Und nun war es wie ein unsterbliches Götterross hier vor ihm erschienen, mit Shinbei auf seinem Rücken.


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Der jüngste und letzte der Hundekrieger, Inue Shinbei im Manga


"Wie alt bist du eigentlich?", fragte Yoshizane jedenfalls.
"Gestatten, neun Jahre, zu Diensten!"
Als er spurlos verschwand, war er in der Tat ein vier Jahre altes Kleinkind gewesen. Klar, dass er jetzt zu diesem Alter herangewachsen war. Er war zu großer, kräftiger Statur gediehen, und sah aus wie ein Dreizehn- oder gar Vierzehnjähriger. Aber trotzdem war sein Gesicht noch ganz das eines Knaben.
"Hast du auch eine Kristallkugel?"
"Jawohl, mit Verlaub!"
Der junge Hundekrieger streckte, noch immer vor Yoshizane kniend, die Hand aus. In der Kristallperle auf seinem Handteller schimmerte das Schriftzeichen JIN.


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Inue Shinbei hat  das Schriftzeichen JIN in seiner Kristallkugel, das "Humanität" bedeutet.

Er kämpft mit dem Stock anstelle des Schwertes, um seine Feinde nicht zu töten.


"Shinbei, sag an, auf welche Art bist du herangewachsen, auf welche Weise bist du hierher gelangt?"
Yoshizane war offenbar von Shinbeis Ausdrucksweise angesteckt worden.
"Geruht, Eure Frage an diejenigen zu richten, die soeben vom Fuß des Berges heraufgestiegen kommen. Oh....!"
Urplötzlich sprang Shinbei auf, sauste zwanzig Meter hinüber und schlug ein Schwert weg. Einer der überlebenden Samurai des Fürsten hatte einen der Angreifer, der sich auf dem Boden wälzte, hochgezogen und wollte ihn gerade köpfen.
"Geruht, vom Töten Abstand zu nehmen!", rief Shinbei. "Habt die Güte, die Kerle, ohne auch nur einen zu töten, zu fesseln und zur Burg abzuführen!"
Er stellte seinen Knüppel
aus Eichenholz aufrecht hin und wachte darüber, dass die Ritter des Hauses Satomi die bewusstlosen Räuber fesselten. Wenn einer zu sich kam und zu fliehen versuchte, flog er wie ein Vogel dorthin und hieb ihn aufs Neue mit dem Stock zu Boden. 
Währenddessen kamen vier Leute, nein, genauer gesagt sechs Personen, Männer und Frauen, herangeschritten.
Der Grund, dass wir die Zahl korrigiert haben, ist, dass es sich um einen alten Mann, eine alte Frau und zwei junge Frauen handelte, die aber noch zwei etwa fünfjährige Knaben mit sich führten. Sie traten vor Yoshizane und knieten ehrerbietig vor ihm nieder.
"Ich bin Obayuki Yoshirô und betreibe am Fuß des Berges ein Teehaus. Dies ist meine Ehefrau Otone", sagte der alte Mann. "Und hier sind meine Töchter Hikute und Hitoyo mit ihren Söhnen Rikiji und Shakuhachi."
"Was, ihr seid doch seinerzeit vom Berg Arameyama in Kôzuke zu Ross geflohen....!", staunte Yoshizane schon wieder.
"Ihr wisst davon?"
"Ich habe die Nachricht durch meinen Gefolgsmann Amasaki Jûichirô erhalten, der es wiederum von den Hundekriegern erfahren hat."
Mit bewegter Miene schilderte Obayuki Yoshirô, dass er und Otone auf der Flucht vom Berge Arameyama auf zwei Pferden, gemeinsam mit Hikute und Hitoyo, unterwegs in Ohnmacht gefallen seien. Als sie wieder zu sich kamen, befanden sie sich in einer rauen Bergwildnis --- nämlich hier. Es ist wirklich nicht zu glauben, aber auch Hikute und Hitoyo seien unterwegs auf dem Sattel ihres Rosses bewusstlos geworden und hätten nicht gewusst, wie sie hierher gelangt sind. Neben ihnen lagen die zwei Pferde tot am Boden.
An Leib und Beinen hatten sie schreckliche Verletzungen davongetragen, und weil ihnen aus den Nüstern Blut troff, konnte es nur so sein, dass sie mit äußerster Kraft und ohne Unterbrechung bis hierher galoppiert waren, wo sie Blut spien, als sie tot umfielen. Die Schädel von Obayukis Söhnen Rikiji und Shakuhachi, die noch am Zaumzeug der Pferde festgebunden waren, lagen nahebei und trugen noch immer auf ihren Zügen das Todeslächeln, obwohl sie schon nach Verwesung stanken.
Erst später erfuhren die Flüchtlinge, dass dies der Berg Toyama in Awa sei, der Ort, an dem Fräulein Fusehime sich das Leben genommen hatte. Eigentlich hatten ihnen die Hundekrieger Inuyama Dôsetsu und Inuta Kobungo, die sie auf die Pferde gesetzt hatten, als Ziel ihrer Flucht das Gasthaus Konaya in Gyôtoku im Land Shimôsa genannt, aber ohnmächtig waren sie
unterwegs daran vorbei und gleich bis nach Awa geritten. Wie war es nur möglich, dass sie auf dem Wege von niemandem gesehen wurden und dass sie, trotz der Bewusstlosigkeit von Hikute und Hitoyo, die die Zügel führten, diesen Ort erreicht hatten? Es konnte nicht anders sein, als dass die beiden Totenschädel sie beschützt und bis hierher geleitet hatten.
Als sie nun zu viert, er selbst, Otone, Hikute und Hitoyo, dasaßen und sich verwundert anschauten, hörten sie von irgendwoher ein Kind weinen. Sie standen auf und sahen sich um. Hinter einem Felszinken weidete ein riesiges Ross im Gras, und zu seinen Füßen saß ein etwa vierjähriger Knabe und weinte. In seiner Tasche fanden sie eine Kristallkugel, die das Schriftzeichen JIN enthielt, und an seiner Hüfte fand sich auch richtig das Päonienmal. Sie dachten sich gleich, dass es sich um den kleinen Hundekrieger Inue Shinbei handeln müsse, von dem Inuta Kobungo in der einzigen Nacht, die sie am Berg Arameyama mit Erzählungen verbracht hatten, gesprochen hatte. Dass das Kind, das seinerzeit im Gasthaus Konaya verblieben war, hier aufgetaucht war, kam ihnen vor wie der Streich eines Fuchskobolds.
Später hatte Obayuki Yoshirô seine Schwiegertöchter Hikute und Hitoyo heimlich nach Gyôtoku entsandt, wo sie erfuhren, dass dieser Knabe sich zusammen mit seiner Großmutter Myôshin auf die Reise nach Awa begeben habe, unterwegs aber spurlos verschwunden sei. Dies musste sich, wie sie hörten, just zu derselben Zeit zugetragen haben, als sie vom Arameyama geflohen waren.
Sie stiegen also zu Tal und wollten das Kind dem Hause Satomi übergeben, aber mit vier Jahren wäre es zu nichts nütze gewesen. Dass sie ausgerechnet hier auf den Knaben gestoßen waren, sahen sie als Auftrag des verstorbenen Fräuleins Fusehime an, dieses Kind aufzunehmen und großzuziehen. Und weil es den Leuten verdächtig vorkommen könnte, wenn sie das Kind und das Pferd zu Gesicht bekämen, ließen sie Ross und Knaben auf dem Berg in Fusehimes Höhle wohnen, eröffneten am Fuß des Berges ein Teehaus und stiegen abwechselnd den Berg hinauf, um Kind und Ross zu versorgen.
Als der Junge sechs bis sieben Jahre alt war, hatte Yoshirô ihn die Geschichte der Hundekrieger, Japans Samurailiteratur und den Inhalt des Shuihuzhuan, und Otone die Märchen aus alter Zeit gelehrt. Shinbeis altertümliche Ausdrucksweise rührte zweifellos von diesen literarischen Vorbildern her.

 
Shuihuzhuan ist der Titel des ältesten in der damaligen Umgangssprache verfassten chinesischen Abenteuerromans aus dem 14.Jh. von Shi Naian und Luo Ganzhong. Es gilt als eines der vier großen Romanwerke der klassischen Literatur Chinas. In japanischer Übersetzung war und ist das Werk unter dem Titel Suikoden auch in Japan sehr populär und gilt in mancher Hinsicht als Vorlage, die Takizawa Bakin zu seiner Hundekrieger-Legende inspiriert hat. In der deutschen Übersetzung lautet der Titel Die Räuber vom Liangshan Moor. Die anderen drei klassischen Romane Chinas sind Hongloumeng (jap. Kôrômu, dt. Traum der roten Kammer), Sanguozhi (jap. Sankokushi, dt. Geschichte der drei Reiche) und Xiyouji (jap. Saiyûki, dt. Reise in den Westen).


"Auch in der Schwertkunst habe ich ihn unterwiesen, aber Shinbei erklärte, dass ein Besitzer der Kristallperle mit dem Schriftzeichen JIN keine Menschen umbringen dürfe, und legte sich vor etwa einem Jahr diesen Stock zu. In den Bergen ritt er auf dem Ross Seigaiha umher und übte täglich das Herumwirbeln des Knüppels. In diesem einen Jahr entwickelte er seine übermenschliche Körperkraft.
Hikute und Hitoyo, die ehemaligen Bräute meiner Söhne, entdeckten
hier gleich nach ihrer Ankunft, dass sie schwanger waren. Diese Schwangerschaft, obwohl sie jungfräulich waren, weil ihre Bräutigame noch vor der Hochzeitsfeier erschlagen worden waren, erschien uns zunächst verdächtig, aber beide beteuerten, dass sie vollkommen rein geblieben seien. Als die beiden Knaben zur Welt kamen, war es für jedermann offenkundig: Sie glichen ihrem jeweiligen Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Ich habe lange nachgedacht, was es bedeuten könnte, dass damals am Arameyama die Totengeister von Rikiji und Shakuhachi erschienen waren, aber nun war mir endlich alles klar. Die Totengeister hatten zweifellos, um ihre Bräute zu Müttern zu machen, am Berge Arameyama mit ihnen die Hochzeit vollzogen. Und das Ergebnis waren diese beiden Jungen. Sie erhielten die Namen ihrer Väter, Rikiji und Shakuhachi.
Wohlan, vorhin sahen wir in unserem Teehaus, dass der alte Fürst dieses Landes mit seinen Getreuen den Berg Toyama bestieg und ihm kurze Zeit später eine Bande verdächtiger Jäger nachfolgte. Das sieht nach Unheil aus, dachten wir und stiegen ebenfalls hinauf. Unterwegs riefen wir Shinbei, der mit seinem Ross Seigaiha spielte, und hießen ihn voranreiten....", berichtete Obayuki Yoshirô und fügte hinzu:
"Wir haben schon von dem großen Unheil vernommen, das über das Haus Satomi hereingebrochen ist. Wir hatten vor, diesen Knaben erst dann in den Dienst Eures Hauses zu geben, wenn er zumindest seine Volljährigkeitsfeier hinter sich hätte, aber dafür ist jetzt keine Zeit mehr... Er ist zwar erst neun Jahre alt, aber wie Ihr soeben gesehen habt, steht eigentlich nichts mehr im Wege, Euch zu dienen. --- Shinbei, komm her!", rief er den Knaben, der in einiger Entfernung mit seinem Stock dastand.
"Shinbei, würdest du dir zutrauen, den Erbfolger unseres Fürstenhauses, der in Burg Tateyama in Gefangenschaft ist, zu retten?", fragte Obayuki Yoshirô.
"Sehr wohl, allzeit untertänigst zu Diensten!", antwortete der jüngste Hundekrieger, sein jugendliches Gesicht zu Yoshizane emporhebend. Mit gerührter Miene murmelte der alte Fürst Yoshizane:
"Was ich von dir erzählt bekommen habe, ist recht erstaunlich. Von den Berichten des Amasaki wusste ich, dass es noch einen spurlos verschwundenen Hundekrieger gebe, aber dass er ausgerechnet jetzt und hier bei mir aufgetaucht ist...."

Sie kehrten erst einmal zu Burg Takita zurück.
Dass dieser merkwürdige Zug des alten Fürsten, bestehend aus toten und verwundeten Gefolgsleuten, einer großen Anzahl von Gefangenen und weiteren Männern, Frauen und sogar Kindern, für die Ritter der Burg wunderlich aussah, ist klar, aber sie machten erst recht große Augen angesichts des Knaben, der wie der kleine Momotarô aussah, auf dem riesigen Ross Seigaiha ritt und einen dicken Knüppel in der Hand hielt.


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Japans Märchenheld Momotarô mit Affe, Hund und Fasan bei seiner Ankunft auf der Teufelsinsel


Eine ältere Frau stieß einen Schrei aus: "Shinbei....! Das ist.... dieser Shinbei?"
Sie starrte den Jungen lang an und rief dann: "Oh, Daihachi! Du bist doch mein Daihachi!"
Sie klammerte sich an den Jungen und fing an, laut zu weinen. Shinbei stand steif da; dass er sich dabei unwohl fühlte, stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Die ältere Dame war seine Großmutter Myôshin. Vor fünf Jahren, nachdem Shinbei entführt worden war, hatte Amasaki Jûichirô sie, halbtot vor Trauer und Kummer, nach Awa gebracht. Sie lebte jetzt auf Burg Takita als Betreuerin von Fräulein Hamaji.     
Shinbei hatte kaum noch Erinnerung an die Zeit, als er weniger als vier Jahre alt war. Und davon erzählte nun Myôshin unter Freudentränen, und alle, die dabeistanden und die beiden sahen, mussten mitweinen.
Ihnen blieb jedoch nicht viel Zeit zum Lachen, Weinen und Erzählen über das glückliche Wiedersehen von Großmutter und Enkel. Auch Myôshin selbst konnte sich nicht endlos ihrer Freude über den wiedergefundenen Jungen hingeben. Sie setzte sich gleich daran, für Shinbei, der am nächsten Tag als Bote zur feindlichen Burg reiten sollte, passende Gewandung zu schneidern.



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Befreiung des Erbfolgers

Die Leute auf Burg Tateyama trauten ihren Augen nicht angesichts der seltsamen Wesen, die sie anderntags sich der Burg nähern sahen. Die Gestalt, die auf einem Ross von nie geschauter Größe ritt, angetan mit langen Beinkleidern, förmlichem Gewand mit Wappen und hohem Amtshut, war augenscheinlich ein Knabe. Neben dem Ross schritt nur ein einziger Gefolgsritter mit weißem Haarknoten, der einen Eichenholzstock mit sich führte. Vor der Brücke, die den Burggraben überspannte, hörten sie eine Knabenstimme rufen:
"Ich erlaube mir, Euch kundzutun, dass mir die Ehre zuteil wurde, als Bote
mit Namen Inue Shinbei vom Fürstenhaus Satomi entsandt zu sein. Nur meine Wenigkeit und ein einziger Gefolgsritter ersuchen Euch, ohne Erschrecken und ohne Furcht das hölzerne Tor zu öffnen und uns eine Audienz bei Herrn Hikita Motofuji zu gewähren!"
Die verblüfften Räuberritter meldeten es Motofuji.
"Hat er Fräulein Hamaji dabei? Wenn nicht, weist ihn ab!"
Aber auch Motofuji, der erst einmal ablehnend reagiert hatte, wunderte sich und meinte dann:
"Wartet! Was sagt ihr? Der Bote ist ein zehnjähriger Bubi? Und sein Begleiter ein alter Mann?" Nach kurzem Überlegen befahl er:
"Na gut, dann kann es keinen Schaden bringen, sie reinzulassen. Ich will mir mal anhören, was sie wollen. Holt sie her!"
Im Burghof ließ Shinbei Ross und Begleiter am Eingang warten und
dann schlurfte der kindliche Gesandte, seine überlangen Beinkleider nachschleifend, hinein. Überall standen schwerbewaffnete Kriegsleute dicht beisammen und machten große Augen. Für sie sah der Junge nur aus wie ein mit formeller Gewandung und Hut als Gesandter verkleideter Momotarô.
Er betrat den Burgsaal, lief direkt vor den Sitz des Burgherrn, zog die nachschleifenden Beinkleider heran und befahl in stolzem Ton:
"Hikita Motofuji, her zu mir!"
Schon bevor er auch nur ein Wort aus dem Mund des Gesandten vernahm, schoss Motofuji die Zornesröte ins Gesicht.
"Grrrr, du magst ein noch so junger Bote sein, dein Benehmen ist eine Frechheit! Satomi hat anscheinend schon den Verstand verloren, uns so einen Knirps als Boten zu schicken. Schafft mir den Kerl vor meiner Nase weg!" rief er, sich nach rechts und links umblickend.
"Du bist also der Hikita Motofuji", sagte Shinbei und trat mit schleifenden Beinkleidern noch näher heran. Motofuji blieb nicht ruhig sitzen, als Shinbei auf ihn zukam, sondern witterte wohl instinktiv eine Gefahr und zog sein Schwert. Sofort packte Shinbei seinen Arm.
"Oooh!", tönte es aus allen Kehlen der ringsumher sitzenden Räuberritter, denn hoch über dem Kopf des kleinen Gesandten flogen die Beine des groß gewachsenen Motofuji in die Luft, bis er wie ein Wasserrad herumgewirbelt auf den Boden knallte. Der Knabe setzte Motofuji, der sich wieder aufrappeln wollte, den Fuß auf die Brust und rief:
"Das untertänigste Anliegen dieser Gesandtschaft betrifft die allfällige Zurückgabe des Herrn Tarô Yoshimichi. Geruht, uns Herrn Yoshimichi hierher zu holen!"
Die Räuberritter sprangen durcheinander auf und wollten sich wie eine Lawine auf Shinbei stürzen.
"Gestatten, meine Wenigkeit liebt es nicht, Lebewesen zu töten."
Shinbei blickte sie reihum an. Motofuji ächzte unter dem Kinderfuß, als laste ein zentnerschwerer  Felsen auf ihm, und verkrampfte Arme und Beine. Die Kriegsleute standen wie gelähmt.
"Ich ersuche darum, Herrn Yoshimichi herbeizuholen", wiederholte Shinbei und lockerte leicht seinen Fuß.
"Holt den Yoshimichi her!", brüllte Motofuji, dem ein dünnes Rinnsal von Blut aus den Mundwinkeln aufs Kinn niederrann.
"Mein Herr...! Mein Herr...!", riefen die Räuberritter und wollten näherkommen, aber Motofuji, der am Handgelenk gezogen hinter Shinbei dreinstolperte, stieß fürchterliche Schmerzensschreie aus und wies sie zurück.
Der Erbfolger des Hauses Satomi wurde herbeigeführt. Den blassen, abgezehrten Herrn Tarô Yoshimichi lächelte Shinbei freundlich an.
"
Meine Wenigkeit Inue Shinbei hat sich gestattet, zu Eurer Rettung gekommen zu sein. Belieben also, Euch nach Hause zu begeben!"
An die Räuberritter gewandt, ergänzte Shinbei:
"Ihre Hoheit, der Erbfolger des Hauses Satomi, geruhte,
in einer Sänfte mit einer stattlichen Eskorte in diese Domäne zu reisen und beabsichtigt keineswegs, wie ein flüchtiger Dieb von hier fortzulaufen. Ich erwarte die sofortige Bereitstellung einer standesgemäßen Sänfte!"
Die Burgritter, die noch von Zeiten des Fürsten Komariya Shumenosuke in der Burg dienten, trennte Shinbei von den
vom Berg Ibukiyama geholten Räuberrittern und hieß sie, als Eskorte der Sänfte des Thronfolgers anzutreten. Motofuji ließ er an denselben Kreuzigungspfahl binden, an dem der Thronfolger des Hauses Satomi auf der Burgzinne zur Schau gestellt worden war. Der Pfahl mit dem gefangenen Motofuji wurde auf einem Wagen aufgerichtet. Shinbeis alter Gefolgsmann, nämlich Obayuki Yoshirô, setzte sich an die Spitze der Prozession, die bald darauf die Burg verließ und sich in Richtung des Feldlagers von Fürst Yoshinari in Bewegung setzte. Dem Wagen mit dem am Pfahl zur Schau gestellten gefangenen Räuberhauptmann folgte die Eskorte von gut 350 Burgrittern, die den Thronfolger Yoshimichi in seiner Sänfte geleiteten, und am Ende trotteten die gefesselten Räuberritter hinterher. Die von Motofuji geknuteten Bauern seiner Domäne säumten den Weg und verheimlichten keineswegs ihre Freude über die Gefangennahme des Tyrannen.
"Zu Diensten, hiermit ist alles ordnungsgemäß erledigt und zu einem glücklichen Ende gelangt", meldete Shinbei dem Fürsten Yoshinari.


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lm Film sieht Inue Shinbei ein wenig älter aus als dreizehn Jahre


In dieser Lage, in der tausend wackere Ritter mit ihrer Belagerung nichts ausrichten konnten, war der ausgesandte Junge ganz allein in die feindliche Burg hineingeritten und hatte im Handumdrehn nicht allein die Geisel, sondern auch noch den feindlichen Burgherrn herausgeholt. Ihres Herrn beraubt, fiel Burg Tateyama den Belagerern in die Hände.

In der Tat war alles glatt erledigt worden. So sah es zumindest aus, aber so einfach ging die Rechnung leider nicht auf.

Yoshinari wollte den Motofuji, den Shinbei gefangen genommen hatte, auf der Stelle hinrichten lassen. Aber Shinbei war dagegen.
"Es ist verständlich, dass einem Missetäter, der das Haus Satomi dermaßen gequält hat, der Kopf abgeschlagen werden soll, aber meine Wenigkeit gestattet sich die untertänigste Ansicht, dass es dem Hause Satomi zum Ruhm gereichen dürfte, diesem Bösewicht stattdessen eine Lektion in Sachen Menschlichkeit zu erteilen und sein Leben zu verschonen."
Der kleine Hundekrieger hatte vor Yoshinari respektvoll Platz genommen und diese Worte mit großem Ernst gesprochen. Yoshinari zeigte sich überrascht, und die vor ihm aufgereihten Samurai gerieten vor Unverständnis beinahe außer Fassung, aber am Ende nickte Yoshinari.
"Aus unserer Notlage hat uns Shinbei ganz allein herausgeholfen. Es geht nicht an, seinen Wunsch zu missachten. Motofuji und seine Banditen sollen ein jeder hundert Peitschenhiebe und eine Tätowierung erhalten, verbannt und dann freigelassen werden."
Einige Tage später bekamen Motofuji und seine Leute, die ehemaligen Räuber vom Berge Ibukiyama, ihre hundert Peitschenhiebe und, damit sie sich nicht erneut hier herumtrieben, auf die Stirn eine schwarze Mondsichel als Kennzeichen tätowiert. Dann wurden sie auf Schiffe verladen, bis zum Sumidafluss in Edo verschifft und auf sein Westufer abgeschoben. Die Burg Tateyama fiel an das Haus Satomi.

Nach Awa kehrte jedenfalls der paradiesische Frühling zurück, und wie vom Lenzwind hergeweht kehrte auch Amasaki Jûichirô in seiner Tracht als Wandermönch gut gelaunt zurück und brachte gute Nachricht mit. Er war ja der Mittelsmann zwischen dem Mönch Chudai, der durch die Lande schweifte, und dem Hause Satomi; von Chudai brachte er Kunde, und vom Hause Satomi die finanziellen Mittel zu den Hundekriegern, das war seine Aufgabe.
Wie er mitteilte, waren alle sieben Hundekrieger beisammen; am 16.Tag des kommenden 4.Monats würden sie in Yûki eine große Gedenkfeier zu Ehren des in der Schlacht von Burg Yûki gefallenen Herrn Vaters des alten Fürsten Yoshizane, Satomi Suemoto, veranstalten. Bis dahin hielten sie sich derzeit nördlich von Edo im Hause des Verwalters des Lehens Hokita auf.
"Der achte Hundekrieger ist hier bei uns,
Jûichirô!", sprach Yoshizane und wies auf den bei ihm sitzenden Shinbei. "Daihachi, der Sohn des Yamabayashi Fusahachi von jener Tragödie im Gasthaus Konaya in Gyôtoku, von der du uns berichtet hast, ist dieser Inue Shinbei!"
"Was, das kleine Kindchen von damals....?"
Amasaki Jûichirô nahm Shinbei genau in Augenschein - ihm kullerten vor Rührung die Tränen von den Wangen. Schließlich war er mit dabei gewesen, als der kleine Daihachi nach jenen Vorgängen von einem Geisterpferd entführt worden war.
"Ich wünsche mir, dass alle Hundekrieger nach Awa kommen", begann Yoshizane. "Aber wie wäre es, wenn auch du, Shinbei, vorher zu dieser großen Feier in Yûki gingest? Alle anderen Hundekrieger sollen sich dort befinden, und unter ihnen auch Inuta Kobungo, der dein Onkel ist. Du willst ihn sicher so schnell wie möglich kennen lernen. Du solltest dort hingehen und dann alle Hundekrieger hierher mitbringen."
Shinbei verbeugte sich ehrerbietig.
"Zu Diensten! Dies sind für meine Wenigkeit höchst dankenswerte Worte!"
"Aber bis zum 16.Tag des 4.Monats bleibt noch ein wenig Zeit..."
"Nein, mein Herr", erwiderte Shinbei, der sich wie ein neunjähriger Junge mit den Fäusten auf die Schenkel schlug. "Meine Wenigkeit hat sich, seit ich die Dinge zu begreifen begann, nirgendwo anders
aufgehalten als im Bergwald von Toyama; ich gestatte mir, den Wunsch zu äußern, eine Besichtigungsreise unternehmen zu dürfen. Und falls es sich ergeben sollte, dass ich frühzeitig in Edo eintreffe, so würde ich mich glücklich schätzen, falls es genehm sein sollte, die Wartezeit bis zum Tag der Feier gemeinsam mit meinen älteren Brüdern, den Hundekriegern, zu verbringen."
So brach Inue Shinbei schon wenige Tage später aus Awa auf. Und zwar, obwohl er noch ein Knabe war, mit Binsenhut, Reisemantel und ordentlichen Beinkleidern zum Wandern, die seine Großmutter Myôshin mit großer Sorgfalt für ihn angefertigt hatte. Darüberhinaus schulterte er nur noch seinen dicken Stock aus Eichenholz. 



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