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Legende der acht Hundekrieger


11

Der Räuber sinnt auf Vergeltung


Unter dem Schleierwolkenhimmel der Gefilde von Musashi, an dem eine rötliche Mondsichel stand, irrte Hikita Motofuji durch das Brachland. Wie viele Tage waren vergangen, seit er mit einem Schiff des Hauses Satomi hierher gebracht und irgendwo am Ufer des Flusses Sumidagawa ausgesetzt worden war? Schon bevor er auf das Schiff gebracht wurde, waren sein Rücken durch die Peitschenhiebe, und seine Stirn durch die Tätowierung vereitert. Er litt an hohem Fieber. Und das war nicht alles; seine Rippen, auf denen der Fuß jenes wunderlichen Knaben gelastet hatte, und sein Handgelenk schmerzten ihn so sehr, als würden seine Knochen knarren. Motofuji, der ganz allein an einer anderen Stelle ausgesetzt worden war als seine Kumpanen, hatte zwei Tage und zwei Nächte im Gestrüpp gelegen und gestöhnt.
Als er endlich aufstehen und humpeln konnte, verübte er in den zwei oder drei Tagen danach erneut zwei Raubüberfälle. Die Opfer waren ein alter Mann auf Reisen und eine Frau. Er nahm an, dass die Säcke, die beide auf den Schultern trugen, etwas Essbares enthielten, und brüllte nur vom Wegrand her: "Her mit was zu essen!"
Jedesmal ließen die Angerufenen, kaum dass sie sein tätowiertes Gesicht sahen, entsetzt ihre Beutel fallen und rannten davon. 


hikita

Wegelagerer Hikita Motofuji


Jedenfalls tat ihm sein ganzer Leib noch dermaßen weh, dass er nicht daran denken konnte, kräftig aussehende Leute zu überfallen. Ein Schwert hatte er auch nicht. Und mehr als Geld benötigte er erst mal Nahrung. So stand es um ihn, der bis vor Kurzem noch Herr über eine Burg gewesen war. Und obwohl er in Kazusa Burgherr gewesen war, hatte Motofuji, seiner Herkunft nach tatsächlich eine Person von Stand, keine Ahnung, in welcher Gegend der Gefilde von Musashi er sich überhaupt befand. Hinter sich in der Ferne erstreckte sich die breite Fläche des Flusses, und außerdem roch es nach der See, weshalb er annahm, dass er sich irgendwo in der Nähe der Mündung des Sumidagawa befinden müsse.
Auf dem Feldweg kamen ihm drei Frauen entgegen, die Hauben trugen wie Frauen in den Städten. Obwohl es sich um Damen von Stand zu handeln schien, begleitete sie erstaunlicherweise kein Samurai als Gardist. Stärker als seine Verwunderung war Motofujis Hunger. Er sprang aus dem Gestrüpp auf den Weg und schrie:
"Habt ihr nichts zu fressen? Her damit!"
Die drei Frauen, zwei vorneweg und die dritte dahinter, blieben stehen.
"Hört ihr schlecht? Ich will was zu fressen!", schrie Motofuji noch einmal, woraufhin ein Gelächter ertönte.
"Man sieht, dass Menschen, so hoch sie auch hinauskommen, nach ihrem Sturz wieder zum tierischen Wesen zurückkehren. Das passt sehr gut zu einem einstigen Räuber von Ibukiyama, hoho, hohoo!"
Es war die hintere Frau, die gesprochen und gelacht hatte. "Ihr beiden, zeigt ihm eure Gesichter!"
Die beiden vorderen Frauen schoben ihre Hauben hoch.
"Asagao, Yûgao!", rief Motofuji, starr vor Staunen. Dann sah er sich die Frau dahinter an.
"Deine Stimme ist doch die Stimme der Yaobikuni!"
Was nach seiner Gefangennahme geschehen war, wusste Motofuji nicht. Aber abgesehen davon, dass er sich wunderte, dass seine Bettgespielinnen Asagao und Yûgao, die während der Kämpfe um die Burg spurlos verschwunden waren, zusammen mit Yaobikuni seltsamerweise ausgerechnet hier herumliefen, bleckte Motofuji die Zähne, als wollte er gleich zubeißen.
"Ha, du Nonne, auf deine Anweisungen hin habe ich den Bengel des Satomi als Geisel genommen, damit ich die Hamaji kriege. Wo warst du und was hast du gemacht, als ich schmählich überwältigt wurde? Warum hast du mich nicht gerettet?", schimpfte er.
"Als sie dich stürzten, war ich am Berg Ibukiyama", antwortete Yaobikuni. "Aber selbst wenn ich dabei an deiner Seite gewesen wäre, hätte ich nichts ausrichten können. Gegen diesen Wunderknaben bin ich machtlos. Nicht weil er stark ist, sondern weil er ein vollkommen unschuldiges Kind ist, kann ich nichts ausrichten."


Mit "vollkommen unschuldiges Kind" ist in erster Linie gemeint, dass Shinbei niemals einen Menschen getötet hat. Fusehimes Selbstmord geschah ja als "Zeichen des Himmels, dass in dieser Welt die Unschuld über das Böse siegen wird" (Abschnitt 1, Ende). Shinbeis Unschuld schützt ihn einerseits vor Fluch und Hexenzauber der Welt des Bösen, bringt jedoch andrerseits auch Mitstreiter, die nicht über diesen Schutz verfügen, in große Gefahr.



Yaobikuni schien schon alles zu wissen.
"Und mit einer Geiselnahme scheitert man nun einmal, wenn die bedrohte Gegenseite nicht nachgibt. Vor allem bestand die Mehrzahl Eurer Ritter von Burg Tateyama aus Vasallen des
ehemaligen Landesherrn Komariya; deshalb waren sie nicht mit ganzem Herzen bei der Sache. Und deshalb bin ich, für den Fall, dass es schiefgeht, zu Eurer Heimat Ibukiyama gegangen und habe sämtliche Räuber und Wegelagerer aus der gesamten Gegend, weit mehr als hundert Kämpfer, mitgebracht."
"He?" Motofuji riss die Augen auf. "Wo sind sie denn?"
"Dort drüben."
Motofuji drehte sich um in die Richtung, die Yaobikuni ihm wies, und erblickte unter der roten Mondsichel zwei große Schiffe, die i
n der Flussmündung ankerten.
"Da sollt Ihr auch mitfahren", sagte Yaobikuni. "Noch in der Nacht kommt Ihr in Awa an und holt Euch dann die Burg Tateyama zurück. Zum Glück ist dieses Wunderkind gerade abwesend. Jetzt habt Ihr die einmalige Gelegenheit, die Burg zurückzugewinnen."
"Die Burg zurückholen? Ho, da sind jetzt die Ritter des Satomi drin. So ein Missgeschick wie vorher mit den Rittern von Komariya soll mir nicht nochmal passieren. Selbst wenn ich mehr als einhundert Kämpfer zur Verfügung habe, kann ich denn damit die Burg zurückerobern?"

"Dummkopf! Ich habe Euch doch vorher die List mit dem hohlen Kampferbaum am Suwa-Schrein erläutert, aber Ihr habt sie nur für die Entführung des Erbfolgers genutzt. Diese Höhle hat noch weitere Vorzüge!"
Selbst dieser so gerissene Motofuji stand wie belämmert da.
"Ein Mann wie der große Räuberhauptmann Hikita Motofuji vom Berg Ibukiyama lässt nach nur einmaligem Scheitern schon den Kopf hängen und gibt sich damit zufrieden, zum schäbigen Wegelagerer zu verkommen? Schämt Ihr Euch denn nicht?"
Die teuflische Nonne grinste spöttisch.
"Oder seid Ihr aus Rührung über die große Gnade des Satomi, dass er Euch gerade mal das Leben geschenkt hat, handzahm geworden? Ihr scheint wohl mit der Tätowierung in Eurem Gesicht und Euren wackeligen Gliedern so einfach in der Wildnis krepieren zu wollen?"


yaobikuni

Die teuflische Nonne und Schamanin Yaobikuni



"Natürlich nicht", sagte Motofuji zähneknirschend. "Ich will es dem Satomi noch einmal heimzahlen. Und vor allem diesem rotzigen Bengel die Visage polieren!"  Er spuckte geradezu schwarzen Qualm. "Aber du hast gesagt, der Kerl ist nicht da?"
"Zur Belohnung durfte er eine Reise unternehmen."
"Und wenn er zurückkommt?"
"Ich bin sicher, dass er nicht zurückkommt."
"Wieso denn?"
"Dass Euer Leben verschont worden ist, verdankt Ihr einzig der Fürsprache dieses Jungen. Wenn Ihr Euch nun die Burg Tateyama zurückholt, werden alle Ritter so zornig mit den Füßen stampfen über
die Schmach, die ihnen der kindliche Leichtsinn dieses Jungen beschert hat, dass er sich kein zweites Mal im Haus Satomi blicken lassen kann."
"In der Tat."
"Hier in meinem Innern weiß ich sämtliche Mittel, um nicht allein das Wunderkind, sondern das ganze Haus Satomi, das sich mit seiner Güte brüstet, in Bedrängnis zu bringen und zu quälen!"
Irgendwie klang Yaobikunis Ton nicht mehr so respektvoll wie vorher, sondern mit Verachtung durchsetzt. Alles seit dem Plan, durch den Motofuji zum Burgherrn geworden war, hatte sich also diese Schamanin ausgedacht! Motofujis Respekt wuchs.
"Also, wie hole ich mir die Burg zurück?"
"Das erfahrt Ihr auf dem Schiff."
Geführt von der Teufelsnonne und den beiden Kurtisanen schritt Hikita Motofuji unter der roten Mondsichel auf die Schiffe zu, die mit aufgespannten Segeln in der Flussmündung des Sumidagawa bereit lagen.



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Am Shinobazu-Weiher


Wenige Tage später wurde Burg Tateyama überrumpelt. Es war noch gar nicht lange her, dass die Burg an das Haus Satomi gefallen war, und in der Nacht waren durchaus Samurai auf Patrouille, die jedoch das Eindringen der Feinde überhaupt nicht bemerkten. Sie hatten nicht einmal irgendwelchen Lärm von Truppen vernommen, die von außen heranstürmten.
In der Burg lagen um die 300 Burgritter im Schlaf; gegen 2 Uhr erwachten sie durch ungewöhnliche Geräusche direkt in ihren jeweiligen Räumen und erblickten unbekannte Kriegsleute, die mit Fackeln in der Hand eindrangen. Sie wollten aufspringen und fielen gleich wieder auf ihr Lager zurück. Vorher waren ihnen nämlich schon irgendwann Bande um die Fußgelenke geschlungen und jeweils mehrere Ritter zusammengebunden worden, und beim Aufspringen zogen sich die Schlingen zu. Weit mehr als einhundert bewaffnete Feinde waren wie durch Zauberei urplötzlich im Innern der Burg aufgetaucht. Wer sich trotzdem zur Wehr setzte, wurde auf der Stelle erschlagen. So gut wie alle Burgritter gerieten in Gefangenschaft.
Auf die Streitmacht des Hauses Satomi, die am Morgen auf diese Nachricht hin
mit wehenden Fahnen und gezückten Klingen von Burg Takita her anrückte, prasselte ein Regen von Pfeilen nieder. Und über der Burgmauer wurden drei Banner aufgesteckt, auf denen in großen Schriftzeichen zu lesen war:
"Bis Fräulein Hamaji hergeschickt wird, enthaupten wir jeden Tag drei Ritter des Hauses Satomi."
"Im Fall eines Angriffs werden zehn Samurai enthauptet."
"Das Haus Satomi, das sich seiner Güte rühmt, sollte nicht unnötigerweise das Blut seiner Getreuen vergießen."
Und wie angedroht, begann Hikita Motofuji sogleich, hoch auf den Zinnen der Burg täglich drei der gefangenen Vasallen des Hauses Satomi zu köpfen.


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Hikita Motofuji ist wieder Burgherr


Hierdurch war Satomi Yoshinari erneut in eine ausweglose Situation geraten. Sollte er Hamaji ausliefern? Ausgeschlossen. Aber zulassen, dass Tag für Tag drei seiner Ritter enthauptet werden? Ausgeschlossen. Diese schmerzliche, grauenvolle Lage war nicht weniger schlimm, nein, eher noch schlimmer als zuvor, als sein Sohn Tarô Yoshimichi als Geisel festgehalten worden war.
Angesichts ihres sich vor Qualen verzehrenden Herrn entstand unter seinen Vasallen Unruhe. Mitleid, Ungeduld, Zorn... das Durcheinander der Gefühle war beträchtlich.
"Holt den Inue Shinbei her!", murrten einige. Aber nicht, weil sie meinten, niemand als dieser Momotarô mit seinem langen Stock sei in der Lage, sie aus dieser Gefahr zu erretten, sondern weil diese große Notlage der Forderung dieses Knirpses zu verdanken war, den Motofuji zu verschonen und laufen zu lassen. Er müsse zurückgeholt werden, die Verantwortung übernehmen und den Motofuji totschlagen. Andere verlangten sogar, ihn zu bestrafen.
Kein Wunder, dass nicht nur Shinbeis Großmutter Myôshin, sondern auch Obayuki Yoshirô vor Gram litten. Nach einigen Tagen machte sich jedenfalls Yoshirô auf die Suche nach Shinbei. Er war sich aber selber nicht im Klaren, ob er ihn holen oder lieber von der Rückkehr abhalten sollte. Er hielt es einfach nicht einfach länger zuhause aus, wusste jedoch nicht einmal, wo Shinbei überhaupt steckte. Sein Ziel war klar; das Lehen Hokita. Aber er hatte ja erzählt, er wolle vorher eine Besichtigungsreise durch die Bôsô-Halbinsel und nach Edo unternehmen; Yoshirô zählte also die verstrichenen Tage seit seiner Abreise und meinte, dass Shinbei nun in Edo eingetroffen sein müsste.
Dorthin wandte er sich. 


obayuki

Der alt gewordene Obayuki Yoshirô



Und wo befand sich Inue Shinbei wirklich?
Wenige Tage nach
Obayuki Yoshirôs Aufbruch aus Awa machte Shinbei an einem Frühlingstag Rast in einem reetgedeckten Teehaus am Rand des Shinobazu-Weihers im Dorf Ueno bei Edo. Draußen fiel der typische Frühlingsnieselregen. Mehr als ein Weiher war das Gewässer Shinobazu vielmehr ein von Schilf und Lotos nahezu zugewachsener See, an dessen Rand sich nur eine Ansammlung von Schilfhütten samt diesem Teehaus befand. Von dem bewaldeten Hügel jenseits des Weihers schimmerte das Ziegeldach einer kleinen Burg, eine wirklich hübsche Ansicht.


Der Shinobazu-Weiher existiert noch heute und sieht auch weitgehend so aus wie hier beschrieben. Der bewaldete Hügel jenseits des Weihers ist der heutige Ueno Park in Tokyo. Diese Orte liegen nur wenige hundert Meter von dem in Kapitel 9 genannten Heiligtum Tenjin-Schrein von Yushima entfernt, wo sich die Episode um den entlaufenen Makaken abspielte.


Überall, wo er auftauchte, wurde dieser junge Wandersmann zum Ziel von Neugier und Heiterkeit, und auf seinem Weg hierher waren ihm schon etliche Wegelagerer begegnet, die sich, mehr um ihn zu hänseln, mit ihm anlegen wollten, aber umgehend von seinem wirbelnden Stock ins Koma gehauen wurden.
An diesem Tag saßen, wohl wegen des Regens, nur zwei oder drei Gäste in dem Teehaus. Neugierig schwatzte die alte Frau vom Teehaus mit dem Jungen und kam dann mit einem Teller voller Klößchen, den sie vor Shinbei hinstellte.
"Mit Verlaub, was hat es damit auf sich?"
Auch seine Ausdrucksweise war komisch. Die Alte hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht loszukichern.
"Das sind Reismehlklößchen."
"Ich gestattete mir nicht, derartiges zu bestellen."
"Es sind Klößchen, die ich dem Herrn Momotarô spendiere."


kibidango

Die Süßspeise Kibidango (Klößchen aus gesüßtem Reismehl) gilt als die Lieblingsspeise des Momotarô


Sogar als fahrender Jungkrieger ausstaffiert sah Shinbei für die Leute offensichtlich noch immer aus wie Momotarô.
"Zu Diensten, aber wer bist du, die mir freundlicherweise Klößchen vorzusetzen geruht?"
"Ich bin eine Füchsin."
"He?" Shinbei machte große Augen. "Kommt in dem Märchen von Momotarô eine Füchsin vor?"
"Nein, eine Füchsin kommt darin nicht vor", lachte die alte Frau. Für eine Teehauswirtin machte sie einen vornehmen Eindruck, und Shinbei fand sie nicht unsympathisch. Während er ein Klößchen nach dem andern vertilgte, fragte er:
"Mit Verlaub, was ist das dort?" Shinbei wies auf einen Bambusverhau auf der anderen Seite des Weihers.
"Das ist... Ich habe auch erst seit Kurzem hier in dem Teehaus angefangen und weiß es nicht so genau... Ich habe gehört, es sei der seit alter Zeit benutzte Richtplatz von Burg Mukaigaoka."
"Gestatten, wer ist der Herr jener Burg?"
"Herr Shogunatsfürst Ôgiyatsu Sadamasa", sagte die alte Frau. "Bislang weilte er auf Burg Isarago, aber dort gab es im 1.Monat dieses Jahrs eine heftige Auseinandersetzung, bei der jene Burg niederbrannte. Seitdem ist er hierher gezogen."
Shinbei schwieg eine Weile und stopfte sich weitere Klößchen in den Mund.
Bevor er zu dieser Reise aufgebrochen war, hatte Shinbei den Bericht des Amasaki Jûichirô an den früheren Fürsten Yoshizane mit angehört. Darin war davon die Rede gewesen, dass die anderen sieben Hundekrieger den Ôgiyatsu Sadamasa angegriffen hatten. Davon wird die Frau eben gesprochen haben.
Da stieß Shinbei auf einmal einen Schrei aus und sprang von seinem Tisch auf.
"Onkeeeel!!!"
Der alte Mann, der durch den Nieselregen in das Teehaus gelaufen kam, blieb wie angenagelt stehen.
"Shinbei, hier bist du also! ... Ich habe dich überall gesucht. Endlich habe ich dich gefunden!", rief Obayuki Yoshirô, dankbar die Hände über seiner Brust zusammenschlagend. 
"Shinbei, etwas Fürchterliches ist geschehen."
"Zu Diensten, worum handelt es sich?"
"Der Hikita Motofuji, dem auf deine Fürsprache das Leben geschenkt worden war, hat sich der Burg Tateyama erneut bemächtigt!"
"Heee..."
Da riss sogar Shinbei vor Staunen die Augen auf.
Obayuki Yoshirô berichtete, wie ihnen die Burg wieder entrissen worden war.
"Nur eines verstehe ich nicht. Es war zwar nachts, aber es waren Patrouillen auf Wache, und die haben auch gut aufgepasst --- wie ist es möglich, dass die Feinde so einfach in der Burg auftauchen konnten? Wie die drei Samurai berichteten, die mit knapper Not entronnen sind, tauchten mehr als einhundert Bewaffnete urplötzlich mitten in der Burg auf..."
Während Inue Shinbei zuhörte, färbten sich seine Wangen zornrot.
"Zu Diensten! Ich gestatte mir, unverzüglich heimzukehren!"
Er griff nach seinem an die Wand gelehnten Knüppel, aber Yoshirô rief schnell:
"Halt, warte! Ich weiß nicht recht, ob es gut ist oder nicht, wenn du jetzt heimkehrst. In Burg Takita bestehen viele mit Nachdruck darauf, dass all das Unheil diesem Jungen, also dir, zu verdanken sei, und verlangen, ihn zurückzuholen und vor Gericht zu stellen", sagte er, um Shinbei zurückzuhalten, da ertönte ein lauter Schrei neben ihm.
Sie wandten sich um und sahen, wie die Frau vom Teehaus starr wie ein Stock dastand und zum Shinobazu
-Weiher blickte. Yoshirô und Shinbei hatten gar nicht bemerkt, dass die alte Frau hinter ihnen stand, und folgten ihrem Blick.


shinobazu

Auch heute noch mit Lotos fast zugewachsen: Der Shinobazu-Weiher in Ueno im Nieselregen


Dort war zu sehen, wie ein Mann in weißem Gewand auf einem Pferd auf jenen Bambusverhau zuritt, eskortiert von einem Dutzend Rittern zu Fuß, die Speere in den Händen hielten.
"Ach, das ist Herr Satarô!", rief die alte Frau mit erstickter Stimme. "Ich hatte es schon längst befürchtet und täglich vor Angst Ausschau gehalten. Und jetzt ist es wirklich so weit!" 
Sie sprach mit zitternder Stimme, drehte sich plötzlich herum und flehte Obayuki Yoshirô inbrünstig an:
"Helft doch bitte, Herr Samurai!"
"Worum geht es überhaupt?", fragte Yoshirô verblüfft.
"Der Mann dort ist mein Herr, oder vielmehr, er ist ein Herr mit Namen Kawagoi Satarô, und ich war früher seine Ziehmutter!"
"Der gefesselte Mann auf dem Pferd?"
"Ja. Im 1.Monat dieses Jahres geriet der Herr Shogunatsfürst in eine große Gefahr. Herr Satarô und sein Herr Vater Kawagoi Gonnosuke wurden verdächtigt, mit den Angreifern gemeinsame Sache gemacht zu haben. Herr Gonnosuke hat an dem Tag des Angriffs Seppuku begangen. Dadurch erhärtete sich der Verdacht noch, und ich habe gerüchtweise vernommen, dass sein Sohn, Herr Satarô, in den Kerker geworfen wurde. Und jetzt wird er zum Richtplatz geführt....!"
Die alte Frau war außer sich vor Schmerz. "Ich flehe Euch an, bitte rettet diesen Herrn, ...bitte! ...bitte!" 

"Aha", sagte Yoshirô mit einer Miene, die besagte, dass es ihm
unangenehm war, in diese Sache hineingezogen zu werden.
"Gute Frau, du tust mir zwar leid, aber in meinem Alter reichen die Kräfte dazu nicht mehr aus. Außerdem habe ich jetzt keine Zeit, mich darauf einzulassen...."
"Onkel, geruht bitte zu warten!", rief Shinbei. "Wenn er mit den Angreifern gemeinsame Sache gemacht haben soll, dann steht er doch auf der Seite der Hundekrieger, nicht wahr?"
Yoshirô machte ein verdutztes Gesicht. "Das mag schon sein... Ich kenne den Zusammenhang nicht."
"Zu Diensten, meine Wenigkeit mag es nicht, Menschen umzubringen", sagte Shinbei. "Und auch nicht, es tatenlos hinzunehmen, wenn Menschen umgebracht werden. Ich gestatte mir, mal kurz hinzugehen und den Mann zu retten. Und danach erlaube ich mir, die Flucht zu ergreifen und sofort schnellstens nach Awa zu eilen! Onkel, habt bitte die Güte, in aller Ruhe nachzukommen!"
Es blieb keine Zeit für Widerworte, so geschwind schnappte sich Shinbei seinen Stock und sauste aus dem Teehaus fort. Von da aus umrundete er so blitzschnell wie Idaten, die Gottheit des Siegs der Gerechtigkeit, den Weiher und flitzte dann mit erhobenem Knüppel geradewegs in den Bambusverhau hinein. Es war genau der Augenblick, in dem die Klinge erhoben wurde, um das Haupt des niederkauernden Delinquenten abzuschlagen. Als die Amtsleute merkten, dass der wie vom Himmel hereingeschneite Eindringling ein kleiner Junge war, blickten alle zu ihm her und kamen auf ihn zu. Shinbei schlug sie allesamt mit seinem Prügel zu Boden.

 
hinricht

Kawagoi Satarô soll hingerichtet werden


"Was ist.....", stammelte der Gerettete mit fassungslosem Gesicht.
"Zu Diensten! Ich habe zwar keine rechte Kenntnis, worum es hier geht, aber belieben, Euch bei der alten Frau aus dem Teehaus zu erkundigen."
Er zeigte auf den alten Mann und die alte Frau, die ihm eilends nachgekommen waren, schulterte seinen Stock und rannte davon.
  


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Dank der Füchsin

Eine Stunde lang war Shinbei über die noch immer vom Nieselregen trüben Gefilde von Musashi nach Süden dahingeflitzt, da erblickte er eine Person, die mitten auf dem Weg in seiner Richtung saß. Vor Staunen blieb sein Mund sperrangelweit offen stehen. Es war nämlich die alte Frau aus dem Teehaus. Sich verwundert die Augen reibend lief Shinbei näher.
"Ich spreche Euch meinen allerherzlichsten Dank für vorhin aus", sagte die Alte, sich bis zum Boden verbeugend. "Dank Eurer Hilfe ist Herr Satarô mit dem Leben davongekommen. Er wird nicht mehr zum Shogunatsfürsten zurückkehren, sondern sich erst einmal in Sicherheit bringen. Auf meinen Rat hin möchte er sich Euch anschließen und ist auf dem Weg, Euch nachzueilen."
"Zu Diensten, freut mich. Aber mit welcher Abkürzung hast du es geschafft, vor mir hierher...."
"Ich schäme mich zwar, aber ich bin kein menschliches Wesen."
"Was?"
"Ich bin eine Füchsin", sagte die alte Frau leise.
"Eine Füchsin?" Shinbeis Mund stand schon wieder offen. "Du? Eine Füchsin?"
Shinbei fiel ein, dass diese Frau vorhin, in dem Teehaus, schon gesagt hatte, dass sie eine Füchsin sei. Er hatte es für einen Scherz gehalten.


fuchsfrau

In vielen Märchen und Legenden Ostasiens nehmen Füchse menschliche Gestalt an


Nun begann die Alte zu erzählen.

"Ich bin eine Füchsin, die einst in Awa zur Welt kam. Vor über zwanzig Jahren kam ich mit meinem Fuchsgemahl nach Edo und wohnte auf dem Gelände der Burg Mukaigaoka. Der damalige Burgvogt war Kawagoi Gonnosuke, ein enger Gefolgsmann des Hauses Ôgiyatsu. Aber eines Tages kam mein Fuchsgemahl durch eine Falle, die ein Knecht des Herrn Kawagoi aufgestellt hatte, ums Leben, und ich wurde auch gefangen. Ich sollte eigentlich auch totgeschlagen werden, aber Herr Gonnosuke und seine Gemahlin retteten mir das Leben. Die beiden hatten Mitleid mit mir, dass ich nun ganz allein war, und stellten mir alle Tage Bohnenreis und frittiertes Tôfu hin, damit ich nicht verhungere.
Bald kam ihr Sohn Satarô zur Welt, aber nach dem Gebären erholte sich die Gemahlin nicht recht und verstarb zu meinem Bedauern einige Zeit später. Zum Glück befand sich unter den Bediensteten eine Amme namens Masaki, die mit ihrer Milch den kleinen Satarô ernährte, aber eines Tages nahm besagter Knecht die Amme Masaki mit zum Shinobazu-Weiher und forderte sie auf, gemeinsam mit ihm davonzulaufen. Masaki weigerte sich, es kam zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf alle beide in den Weiher fielen und ertranken. Ich schnürte gerade dort durch das Schilf und wurde zu meinem Schrecken Augenzeugin des Geschehens. Als erstes kam mir daraufhin der arme Säugling Satarô in den Sinn. Für ihn müsste eine neue Ziehmutter gesucht werden. Aber besser wäre es.... Ich wünschte mir, dem Ehepaar meine Dankesschuld abzutragen... Füchse können das: Mein Wunsch erfüllte sich auf der Stelle, und ich nahm die Gestalt der Masaki an.
Fortan zog ich als 'Masaki' den jungen Herrn Satarô groß, und als er keine Milch mehr brauchte, blieb ich weiterhin in Diensten des Hauses Kawagoi. Satarô hing sehr an mir, und sein Vater Gonnosuke behandelte mich stets freundlich, weshalb ich nicht mehr in die Welt der Füchse zurückkehren wollte. Aber als Herr Satarô sieben Jahre alt war, wurde ich einmal krank und musste mich niederlegen. Während ich mit hohem Fieber vor mich hindämmerte, hörte ich Satarô rufen:
'Was ist denn mit dir los! Masaki, du hast ja ein Gesicht wie ein Fuchs!'
Trotz meines hohen Fiebers stand ich schwankend auf und verließ auf der Stelle das Haus Kawagoi. Ich hatte zwar mein menschliches Gesicht wieder, war mir aber nicht sicher, ob mein Fuchsgesicht nicht noch einmal zum Vorschein käme; aus Furcht und Scham verließ mich der Mut, im Hause Kawagoi zu bleiben.
Danach lebte ich lange Zeit im Wald des Tsumagoi-Schreins in Hongô, sehnte mich dabei aber in die Welt der Menschen zurück und ließ mich vor einigen Jahren bei dem Teehaus vor dem Tenjin-Schrein in Yushima anstellen. Im 1.Monat dieses Jahres erblickte ich im Gefolge der 
Frau Gemahlin des Shogunatsfürsten bei ihrem Schreinbesuch die Herren Kawagoi, Vater und Sohn, die ich mehr als zehn Jahre nicht mehr gesehen hatte. Herr Satarô rief: 'Ist das nicht Frau Masaki?', und ich vergaß alle Vorsicht und lief auf ihn zu, aber daraufhin geschah jener Zwischenfall, dass das Äffchen, das die Fürstin als Haustier hielt, wild wurde und davonsprang. Als der Makake mich erblickte, stieß er ein furchterregendes Gebrüll aus und starrte mich böse an.
Wegen dieses Vorfalls verließ Satarô vorübergehend den Schauplatz; hinterher würde er zweifellos zurückkommen und nach mir suchen, dachte ich und flüchtete aus dem Teehaus. Nein, nicht vor Satarô, sondern ich zitterte noch immer vor Furcht vor dem wild gewordenen Affen. Er hatte bestimmt gewittert, dass ich eine Füchsin bin.
Der Shogunatsfürst wurde später von sechs unbekannten Kriegern angegriffen und geriet daraufhin bald in allergrößte Lebensgefahr. Diese Auseinandersetzung trug sich kurz darauf
zuam 21.Tag des 1.Monats. Unter den Angreifern soll sich auch ein Schausteller befunden haben. Es stellte sich heraus, dass Herr Kawagoi Gonnosuke anlässlich des Vorfalls mit dem Makaken offenbar eine geheime Unterredung mit diesem Schausteller geführt hatte. Als der Shogunatsfürst ins Gefecht ziehen wollte, hatte Herr Gonnosuke ihn überaus hastig davon abzuhalten versucht, und als sich der Fürst in höchster Gefahr befand, fiel der Verdacht auf Herrn Satarô, in Einvernehmen mit den Angreifern diese von der Verfolgung abgehalten zu haben. Was ich mit Sicherheit weiß, ist, dass die Herren Kawagoi keinesfalls Menschen sind, die wider ihren Herrn den Bogen erheben oder Ränke schmieden. Sie sind makellos treue Gefolgsleute.
Trotz alledem wurde Herr Satarô auf Burg Mukaigaoka in den Kerker geworfen. Als ich dieses Gerücht hörte, ließ ich mich vor lauter Angst um ihn bei dem Teehaus am Ufer des Shinobazu Weihers anstellen, um zu sehen, was danach mit ihm geschähe.
Eine der Ursachen für die große Not der Herren Kawagoi, nämlich die Aufregung um den entlaufenen Makaken, habe ich zu verantworten. Deswegen war ich in allergrößter Angst um Herrn Satarô, den ich mit meiner eigenen Milch gesäugt hatte. Alles Weitere wisst Ihr ja selbst. Ich weiß nicht, wie ich Euch danken kann, dass Ihr, vollkommen Fremde auf der Durchreise, auf mein kopflos verwirrtes Flehen um Hilfe hin meine Bitten erhört und Herrn Satarô zur Flucht verholfen habt. Allerdings habe ich vorhin in dem Teehaus ein wenig von Eurem Gespräch über Burg Tateyama mitgehört. Ich weiß zwar nicht genau, worum es Euch dabei geht, aber ich weiß Bescheid über die Besonderheit dieser Burg, und diese Kenntnisse könnten Euch von Nutzen sein, dachte ich und bin Euch deswegen nachgelaufen, habe Euch durch Fuchszauber überholt und hier auf Euch gewartet.
Also, mit Burg Tateyama hat es das Folgende auf sich:
Auf dem Gelände des Suwa-Schreins nahe der Burg Tateyama steht ein großer Kampferbaum, der innen hohl ist.


kampfer

Hohler alter Kampferbaum auf einem Schreingelände



Und in einer Ecke des Burghofs steht gleichfalls ein großer Kampferbaum, der ebenso hohl ist. Wenn man hineinschlüpft und an das Holz klopft, ist es überall fest, weshalb jedermann glaubt, es seien nur hohle Bäume. Aber klopft man
mit einem Hammer oder einem anderen Werkzeug auf den Boden, den die festgewordene Laubschicht und Erde bedecken, tut sich in beiden Bäumen ein großes Loch auf. Es mündet in einen Gang, der die beiden gut zweihundert Meter voneinander entfernten Bäume miteinander verbindet, hoch genug, dass darin Menschen aufrecht gehen können."
"Waaas?!"
Shinbei fielen beinahe die Augen aus dem Kopf. Endlich begriff er das Rätsel, wie die Streitmacht des Hikita Motofuji unversehens, wie Obayuki Yoshirô berichtet hatte, mitten in der Burg Tateyama aufgetaucht war, und wie es gelungen war, den Erbfolger des Hauses Satomi am Suwa-Schrein zur Geisel zu nehmen.
"Woher weißt du das alles?"
"Ich entstamme einer Sippe von Füchsen, die seit mehreren hundert Jahren in den Höhlen im Boden um Burg Tateyama lebt. Alle diese Fuchshöhlen haben wir selbst gegraben. Aber vor mehr als zwanzig Jahren hat eine Marderhündin sie an sich gerissen. Diese Marderhündin ist von fürchterlicher Bosheit und besitzt teuflische Zauberkräfte. Alle Angehörigen unserer Fuchssippe sind getötet worden, nur mein Fuchsgemahl und ich, wir sind nach Edo entkommen...."
Die alte Frau erhob ihr Gesicht.
"Ach, wenn ich von meiner Sippe spreche, werde ich es leid, in meinem Alter in der Welt der Menschen zu leben. Ich würde am liebsten wieder zu der Füchsin werden, als die ich zur Welt kam, und wenn möglich aufs Neue in den Fuchshöhlen bei Burg Tateyama wohnen, aber da haust jene schreckliche Marderhündin....!"


tanukitsune

Marderhund und Fuchs


Die Stimme der alten Frau wurde dabei langsam heiser und immer schwächer, und sie verwandelte sich zusehends von einer alten Frau zu einer Füchsin, einer weißen Füchsin. Aber es war deutlich zu sehen, dass sich die weiße Füchsin vor Shinbei verbeugte. Dann tat sie einen großen Sprung nach hinten und verschwand, im nassen Gras einen silberfuchsartigen Sprühregen aufwirbelnd, im dichten, wogenden Grün.
Shinbei stand noch einen Augenblick mit offenem Mund da; dann wollte er wieder seinen Stock schultern und sich schnell auf den Weg in Richtung Awa machen, aber von hinten her hörte er eilige Schritte nahen. Er sah sich um und erblickte Kawagoi Satarô, der ihn soeben eingeholt hatte.
"Herr Inue, wartet bitte noch einen Augenblick! Ich habe von meiner Ziehmutter Masaki erfahren, dass Ihr ganz allein auf einer dringenden, eiligen Mission seid. Da ich ohnehin vor den Schergen meines früheren Herrn Ôgiyatsu Sadamasa fliehen muss, halte ich es als Ausdruck meiner Dankbarkeit für die Rettung vor der Hinrichtung für recht, Euch auf dem gefahrvollen Weg zu begleiten. Ich fühle mich zwar weiterhin meinem früheren Herrn verpflichtet, aber da Eure Aufgabe sich nicht gegen Herrn Sadamasa richtet, gestattet mir bitte, Euch als Gefolgsmann beizustehen!"
"Meine Wenigkeit ist von Eurem Anerbieten geschmeichelt, aber ich fürchte, dass Ihr anderen Sinnes werdet, wenn ich mir erlaube, Euch zu eröffnen, dass ich zwar mit Inuzaka Keno, der im Auftrag Eures Herrn Vaters den verräterischen Komiyama Ittôta erschlagen hat, aber auch mit Inuyama Dôsetsu, der als Rächer seines vernichteten Hauses Nerima Eurem früheren Herrn nach dem Leben trachtet, gleichermaßen brüderlich verbunden bin."
"Ich werde niemals mehr zu meinem Herrn
zurückkehren, der mich hinrichten lassen wollte. Bei den Kämpfen um Burg Isarago hatte ich persönlich Gelegenheit, den Edelmut Eurer 'Brüder' kennen zu lernen. Angesichts des Leichnams meines Vaters besaß sogar Herr Inuyama so viel Ritterlichkeit, von der weiteren Verfolgung des schon geschlagenen Herrn Sadamasa abzusehen. Und nun habt Ihr mir auch noch mein so gut wie verlorenes Leben gerettet. Als Euer Gefolgsmann kann ich einer guten Sache dienen und meinem Leben einen Sinn geben. Allerdings kann ein getreuer Samurai nicht zwei Herren zugleich dienen. Ich habe daher beschlossen, ab heute ein neues Leben zu beginnen, und bin Euch deshalb nachgeeilt. Ich lege hiermit den Namen Kawagoi Satarô ab, den Namen eines Vasallen von Herrn Ôgiyatsu Sadamasa, und nehme fortan als Euer Gefolgsmann den Namen Masaki Daizen an. Masaki ist die gute Füchsin, die mich mit ihrer Milch großgezogen und Euch als Retter meines Lebens gesandt hat, und Daizen bedeutet, dass ich fortan all meine Kräfte für die gerechte Sache des Guten einsetzen werde." 
Diese Worte zeugten vom aufrechten Sinn des Herrn Satarô, und Shinbei willigte ein, ihn als Masaki Daizen mitzunehmen.
Um schneller zu Burg Tateyama zu gelangen, eilten die beiden nach Ryôgoku, wo die Schiffe zu
r Bôsô-Halbinsel ablegen, aber im Hafen erfuhren sie, dass derzeit starker Ostwind herrsche, gegen den die Schiffer nicht anrudern könnten. Überdies war es inzwischen späte Nacht geworden, da würde ohnedies kein Schiff mehr in See stechen. Trotz ihrer Eile verbrachten Shinbei und Daizen die Nacht in einer Herberge am Hafen.



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Keilerei am Flussufer


"Wir danken untertänigst dem verehrten Publikum, das so zahlreich herbeigekommen ist, um unsere Vorstellung zu erleben. Wir sind reisende Händler und Sumô-Ringer und sorgen allerorts mit unserer Wundersalbe dafür, dass die Menschen gesund bleiben. Erstmals sind wir an diesem Ort zu Besuch und bieten auch hier unsere nach einem geheimen Rezept hergestellte Salbe feil. Wie auf dem Schild zu lesen steht, wird unsere Medizin traditionell von Sumô-Ringern verwendet und wirkt auf der Stelle gegen Stauchungen und Prellungen, Schürfungen und Schwellungen, lindert aber auch bei Verbrennungen und Schnittwunden sogleich den Schmerz. Ein Döschen für nur 10 mon in Eiraku Münzgeld, und für diesen lächerlichen Betrag erhält man nicht alleine Linderung und Heilung, sondern kann auch das Geld für einen Arzt sparen!"
Die reisenden Händler an dem von Schaulustigen gesäumten Stand am Ufer des Flusses Sumidagawa in Ryôgoku waren ein älterer und ein jüngerer Mann, die unter dem Übergewand nur einen Lendenschurz trugen und barfuß waren. Mit einem Seil hatten sie vor sich auf dem Boden einen Sumô-Ring abgesteckt, und an dessen Ecken waren Standarten aufgesteckt, auf denen "Traditioneller Sumô-Schaukampf" und "Hier ist die Heilsalbe der Sumô-Ringer feil" stand und die Namen "Ringkampfmeister Ogino Uwakaze und sein Schüler Hagino Shitatsuyu" angeschrieben waren.


Ryôgoku liegt am Fluss Sumidagawa kurz vor dessen Mündung ins Meer, die heutige Bucht von Tôkyô. Hier ist der Fluss schon sehr breit, aber der Einfluss von Ebbe und Flut, Sturm und Wellengang ist noch gering. Es ist der ideale Hafen für die Schiffe, die aus Edo zur Bôsô-Halbinsel und zu anderen Zielen in See stechen. Heute liegt in Ryôgoku die Sporthalle Kokugikan, in der alle Sumô-Meisterschaften ausgetragen werden, weil Sumô-Ringkampf in Ryôgoku eine besonders lange Tradition hat.


Nach einem einleitenden Vortrag des älteren Schaustellers Uwakaze über Geschichte, Regeln und Techniken des Sumô-Ringkampfs begann der Schaukampf. Shitatsuyu, der jüngere der beiden, warf sein Übergewand ab und trat gegen den ebenfalls bis auf den Lendenschurz entkleideten Uwakaze in den Ring. Unter Erläuterungen jedes Griffes zeigten die beiden, wie man den Gegner auf verschiedene Arten zu Boden wirft oder aus dem Ring drängt. Erstaunlicherweise war der Ringkampfmeister Uwakaze, der nacheinander alle 48 Techniken des Sumôs vorführte und seinen Partner Shimotsuyu ein ums andere Mal niederwarf, trotz seines Alters überaus kräftig und gelenkig, weshalb nach jedem Wurf lauter Beifall aufbrandete.


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Sumô-Ringkampf


Nach dem Ende des Schaukampfs legten die Ringkämpfer wieder ihre Übergewänder an und gingen mit ihren Salbendöschen durch die Reihen der Schaulustigen, aber die begannen, weil die Vorstellung beendet war, auseinander zu gehen, ohne dass irgendjemand die Salbe kaufte.
"Nicht mal ein einziges Döschen für 10 mon haben sie uns abgekauft", brummte Uwakaze enttäuscht zu seinem Partner. "Lassen wir es für heute gut sein. Morgen gehen wir woanders hin, da haben wir vielleicht mehr Glück."
Sie begannen, ihren Stand abzubauen und ihre Sachen einzupacken, als ein sehr junger Mann, noch beinahe ein Knabe,
zu ihnen trat. Er hatte vom Rand der Zuschauermenge aus gemeinsam mit einem Samurai von Anfang an zugeschaut. Der Knabe sprach:
"Ich habe mir erlaubt, alles anzusehen. Eure Erläuterungen des Sumô waren sehr lehrreich, die Vorführung machte in jeder Hinsicht die Technik und Regeln des Ringkampfs deutlich, und ihr seid wirklich prachtvolle Sumô-Ringer. Als Gebühr fürs Zuschauen gestatte ich mir, euch alle Salbendöschen abzukaufen. Wie viel macht das zusammen?"
"Es sind insgesamt hundert Dosen, das ergibt eine Summe von 1 kan", antwortete Uwakaze. "Aber das wäre als Entgelt fürs Zuschauen viel zu viel. Wir sind schon dankbar, wenn Ihr uns nur eine Dose für 10 mon abnehmt. Shitatsuyu, reich mir eine Salbe herüber!"
"Zu Diensten. Als Eintrittsgeld für einfache Leute mag das ausreichend sein, aber ich habe eine lehrreiche Darbietung genossen, die ihren eigenen Wert hat", erwiderte der Junge und zog ein Koban-Goldstück aus seiner Tasche.
Uwakaze machte vor Überraschung große Augen, aber keine Anstalten, das Goldstück anzunehmen.
"Das ist entschieden zu viel, junger Mann!", wehrte er ab.
"Ich habe euch heute zum ersten Mal gesehen; es kommt mir aber vor, als wüsste ich, wer ihr seid", lächelte der junge Zuschauer und drückte dem Schausteller das Goldstück einfach in die Hand. Während sein Partner Shitatsuyu alle Salbendöschen herbeitrug, bahnte sich ein kräftiger, vierschrötiger Mann mit zornig gerötetem Gesicht durch die noch verbliebenen Zuschauer einen Weg zu den Schaustellern und brüllte:
"Einen Moment mal! Ich habe hier ein Wörtchen mitzureden. Wer hat euch erlaubt, hier Geschäfte zu machen?"
"Wer seid Ihr denn überhaupt? Wir kommen aus ferner Provinz und wissen nicht, dass hier eine Genehmigung erforderlich sein könnte."
"Alter, red dich nicht dumm heraus! Jeder in dieser Gegend kennt den stärksten Mann von Ryôgoku, den Mukômizu Isanta. Der bin ich nämlich. Und ich habe eine Menge kräftige Burschen wie den Edokko Sutekichi, die es nicht zulassen, dass hier jemand Geschäfte macht, ohne uns vorher eine ordentliche Gebühr zu zahlen. Wir nehmen es auch mit Sumô-Ringern auf und haben noch gegen keinen verloren. Her mit dem Geld, ihr Kerle mit eurem provinziellen Amateur-Sumô!"


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 Edokko Sutekichi und Mukômizu Isanta sind auf Streit aus


Gleichzeitig baute sich der genannte, hinter Isanta hergelaufene Sutekichi vor dem Jungen und dem Samurai auf und schrie sie an:
"Junge Spunde, ihr habt wohl zu viel Sake gesoffen, dass ihr hier mit Goldstücken um euch werft! Ich soll euch wohl eine Abreibung verpassen?"
"Ich weiß nicht, was du hast", entgegnete der junge Mann in aller Ruhe. "Wir sind auf Reisen. Jede Domäne mag ihre eigenen Vorschriften haben, aber es steht mir dennoch frei, mein Geld nach Belieben auszugeben."
Währenddessen fuhr Shitatsuyu fort, den Stand abzuräumen und alles einzupacken.
"Ihr Dummköpfe meint wohl, ihr könnt euch so einfach davonmachen?", polterte Isanta, packte Shitatsuyu am Arm und holte aus, um ihm die Faust ins Gesicht zu schlagen. Als geübter Sumô-Ringer wehrte Shitatsuyu zwar den Schlag ab, aber Sutekichi umfasste ihn von hinten und wollte ihn niederwerfen. Das verhinderte Uwakaze, der helfend eingriff, aber Isanta rief laut: "He, Jungs, kommt mal her! Es gibt eine Keilerei!", woraufhin sich aus der Menge der Gaffer, die sich einen handfesten Krawall nicht entgehen lassen wollten, weit über dreißig Raufbolde lösten und streitsüchtig gelaufen kamen. Sie stürzten sich auf Uwakaze und Shitatsuyu und zertrümmerten deren Stand und Gerätschaft. Isanta und Sutekichi wandten sich nunmehr gegen den Jungen und seinen Begleiter, die sie wegen ihrer Jugend nicht für voll nahmen, aber der Jugendliche packte sie blitzschnell und warf alle beide in hohem Bogen in den Fluss Sumidagawa.
"Ihr Ratten, ihr habt keine Ahnung, mit wem ihr es zu tun habt. Hier steht meine Wenigkeit, der Hundekrieger Inue Shinbei in Diensten des Fürstenhauses Satomi von Awa, und gestattet sich, euch zu lehren, dass man Reisende aus fremden Landen mit Respekt behandelt!"
Er fuhr zwischen die Raufbolde, und sein Stock hieb jeden, der nicht entsetzt davonrannte, in tiefe Ohnmacht, und der junge Samurai verfolgte die Davonrennenden und schlug etliche mit der bloßen Faust zu Boden. Isanta und Sutekichi trauten sich nicht, aus dem Fluss ans Ufer zu kommen, sondern schwammen erst noch mehrere hundert Meter flussaufwärts, ehe sie sich pudelnass durchs Schilf watend auf die Böschung hochzogen. 

Die beiden Schausteller verneigten sich vor Inue Shinbei und seinem Begleiter, der natürlich Masaki Daizen war.
"Uns fehlen die Worte, uns für die Rettung aus höchster Not zu bedanken. Ohne Eure Hilfe wären wir womöglich nicht mehr am Leben. Aber gestattet mir eine ungebührliche Frage. Ihr habt vorhin Euren Namen 'Inue Shinbei in Diensten des Fürstenhauses Satomi von Awa' genannt. Kann es sein, dass Ihr die Herren Inuta Kobungo und Inukawa Sôsuke kennt?"
"Zu Diensten, Inuta Kobungo ist mein Onkel, und Inukawa Sôsuke ist mein 'Bruder'. Und da Ihr
ein Sumo-Ringer seid und die beiden offenbar kennt, dürfte es sich bei Euch um Herrn Ishikame Jidanda aus Ojiya im Lande Echigo handeln, nicht wahr?"


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Ishikame Jidanda


"Wie, Ihr kennt meinen Namen? Das ist eine Überraschung....! Bei meinem Partner handelt es sich um meinen Bruder Hyakubori Funazô, der in jeder Hinsicht vertrauenswürdig ist und alles mit anhören kann. Vor einigen Jahren war Herr Inuta länger bei mir zu Gast und erzählte mir auch von den Hundekriegern und von seinem Neffen Inue Shinbei, um den er sich sorgte, weil dieser im Alter von vier Jahren spurlos verschwunden sei. Aber falls Ihr das seid, dann müsstet Ihr jetzt erst neun oder zehn Jahre alt sein. Ihr seht mir jedoch aus wie ein Vierzehn- oder Fünfzehnjähriger..."
"Gestatten, meine Wenigkeit ist unter dem Schutz der Seele meiner Mutter, der verstorbenen Fürstentochter Fusehime, bei guten Zieheltern
im Wald aufgewachsen. Ich habe mir erlaubt, mich früh in allen Samuraikünsten zu üben, um meinen 'Brüdern', den Hundekriegern, nicht nachzustehen. Danach, im Dienste des Fürsten von Awa, wurden mir auch die Berichte über alle Abenteuer und Begegnungen meiner 'Brüder' bekannt. Derzeit bin ich auf dem Weg nach Awa, um dem Fürsten, Herrn Yoshinari, in einer großen Notlage beizustehen, konnte aber wegen ungünstiger Winde noch kein Schiff finden, das mich dorthin bringt."
Gemeinsam suchten Jidanda und Funazô, Shinbei und Daizen die Herberge auf. Im Hafen erfuhren sie, dass sich der Gegenwind wohl erst am andern Morgen legen und vorher kein Schiff in See stechen würde. So blieb ihnen der Abend für Gespräche, und Shinbei erfuhr aus Jidandas Mund noch einmal das Abenteuer des Kobungo beim Stierkampf, den Mordanschlag durch die hasserfüllte Funamushi, die Begegnung mit Sôsuke und die Einladung der Hundekrieger durch den Landvogt Inado Yorimitsu, die auf Betreiben der Fürstenmutter Ebira Ôtoji beinahe mit deren Hinrichtung geendet hätte, aber glücklicherweise durch eine List des Herrn Inado verhindert wurde. Funazô berichtete, dass sein Bruder Jidanda kurz darauf wegen einer Intrige seiner treulosen Ehefrau Okoze und ihres Liebhabers Dojôji in den Kerker geworfen wurde, aber ein anderer Hundekrieger namens Inuzaka Keno, der sich als Iai-Künstler ausgab,
habe für Funazô am Yushima-Schrein bei Fürstin Kaname ein Begnadigungsschreiben an das Fürstenhaus in Echigo erwirkt.


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Okoze und ihr Liebhaber Dojôji


"Glücklicherweise hielt
mich auch der Landvogt Inado Yorimitsu für unschuldig und verhinderte, dass ich gefoltert wurde", warf Jidanda ein, "aber freilassen konnte er mich natürlich nicht. Als das Gesuch um meine Begnadigung eintraf, widersetzte sich allerdings die Mutter des Fürsten von Echigo, Ebira Ôtoji, dem Gesuch ihrer Tochter Fürstin Kaname, denn die Begründung mit einem Traumgesicht der Gottheit von Yushima schien ihr kein ausreichender Beweis meiner Unschuld zu sein. Aber nachdem Fürstin Kaname sich in der brennenden Burg Isarago das Leben genommen hatte, erschrak Ebira Ôtoji, weil sie fürchtete, dass der Tod ihrer Tochter eine Vergeltung der Gottheit für die Missachtung ihrer Anweisung sein und ihre Totenseele ihr zürnen könnte. Kurz darauf wurde ich aus der Kerkerhaft entlassen, aber Ebira Ôtoji ließ nicht zu, dass die Verleumder bestraft würden, sondern drängte beim Fürsten Nagao Kageharu darauf, mich aus seinem Herrschaftsgebiet zu verbannen."
Nach seiner Freilassung und Verbannung konnte Jidanda nicht einmal mehr sein einstiges Haus aufsuchen, sondern machte sich in Begleitung seines Bruders Funazô, der ihm in Treue beistand, auf den Weg in Richtung Ostjapan, das nicht unter der Herrschaft der Fürsten Nagao und Ôgiyatsu lag. Noch in der Nähe von Ojiya brach die Nacht herein. In einer aufgegebenen, leerstehenden Tempelhalle fanden sie Unterschlupf für die Nacht, und wie der Himmel es fügte, überraschte ein plötzlicher Regenguss just dort einen Mann und eine Frau auf der Straße, die in der dunklen Halle ebenfalls Zuflucht vor dem Regen suchten. Es waren Okoze und Dojôji, die nicht ahnten, dass in einer finsteren Ecke derselben Halle Jidanda und Funazô ihre Gespräche mit anhörten. Sie waren auf dem Rückweg von der Festung Katagai, wo sie vom Fürsten wegen der Verleumdung des unschuldigen Jidanda zwar eine Ermahnung, aber sonst keine Scherereien bekommen hatten. Sie freuten sich daher unverhohlen, dass Jidanda des Landes verwiesen worden war. Somit seien sie ihn für immer los; er könne sich nun weder rächen noch auf Herausgabe seines Besitzes klagen. 
Als das ungetreue Paar nach dem Ende des Regens die Halle verließ und nach Ojiya weitergehen wollte, stellte Jidanda sie auf der nächtlichen Landstraße zur Rede und erschlug alle beide. Landvogt Inado Yorimitsu mochte wohl ahnen, wer der Mörder der beiden war, aber es fand sich kein Beweis, weshalb er die Nachforschungen bald einstellen ließ. Das Gasthaus Ishikameya wurde beschlagnahmt und an neue Betreiber verkauft.
Jidanda und Funazô lebten von dem wenigen Geld, das sie den Erschlagenen abgenommen hatten, um einen Raubüberfall vorzutäuschen, bis das Geld zu Ende ging. Daraufhin kamen sie auf den Gedanken, sich als Sumô-Ringer mit Schaukämpfen und dem Verkauf einer Salbe durchzuschlagen, und kehrten unter neuen Künstlernamen und als Schausteller aus dem Osten Japans in das bevölkerungsreichere Land Musashi zurück. Einerseits wollten sie in Yushima den Tenjin-Schrein aufsuchen und der Gottheit danken, andererseits hofften sie auch, in Musashi einem der ihnen bekannten Hundekrieger Inuzaka Keno, Inuta Kobungo oder Inukawa Sôsuke zu begegnen. Auf diesem Weg waren sie nach Ryôgoku gekommen und heute in dieser belebten Hafenstadt aufgetreten, wo es mehr Zuschauer und Möglichkeiten zum Verkauf ihrer Salbe gab, mit dem oben geschilderten Ergebnis.
"Ich bin sicher, dass ihr letztendlich der Gottheit von Yushima Euer Leben verdankt", meinte Shinbei. "Sie erhört alle, die schuldlos leiden."
"Mir ist es ganz ähnlich ergangen", warf Masaki Daizen ein. "Ich hatte mich mein ganzes Leben lang bemüht, ein vorbildlich treuer Gefolgsmann meines Herrn zu sein, und landete dennoch
, genau wie wie Herr Ishikame Jidanda, aufgrund von bösartigen Verleumdungen schuldlos im Kerker. Mein Leben war schon so gut wie verwirkt, als mich einer der Hundekrieger, nämlich Herr Inue Shinbei, errettete, weshalb ich mich ihm aus Dankbarkeit als Gefolgsmann anschloss. Auch einige der anderen Hundekrieger habe ich kennen gelernt und mich ihres Edelmuts vergewissern können."
Shinbei stellte
seinen Begleiter vor.
"Es handelt sich um den einzigen Sohn Satarô des treuen Vogts Kawagoi Gonnosuke des Fürsten Ôgiyatsu Sadamasa...."


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Kawagoi Satarô, der sich jetzt Masaki Daizen nennt



"War das nicht der Gefolgsmann der Sänfte von Fürstin Kaname bei ihrem Besuch des Tenjin-Schreins in Yushima, der Herrn Inuzaka Keno als Dank für das Einfangen des Makaken das Ersuchen um die Freilassung meines Bruders Jidanda versprochen hat?", fragte Funazô überrascht. Jidanda ergänzte: "Dann sprechen wir Euch als dessen Sohn noch einmal unseren aufrichtigen Dank aus!"
Shinbei berichtete, dass Herr Satarô im Hause des Fürsten von Neidern angeschwärzt und schließlich zur Hinrichtung geführt worden war, und weil seine frühere Amme um Hilfe gebeten hatte, sei ihm die Errettung in letzter Minute gelungen. Aus Dankbarkeit habe Satarô den Namen dieser Amme angenommen und sei nun als Gefolgsmann Masaki Daizen bei Shinbei geblieben.
"Jidanda, du meinst zwar, dass du mir und meinem 'Bruder' Keno dein Leben verdankst, aber auch Shino, Dôsetsu, Genpachi und Daikaku haben einen Anteil an deiner Entlastung gehabt. Als sie die Gifthexe Funamushi durch die Hörner eines Stiers hinrichteten, hängten sie nämlich über den Leichen eine Schrift auf, in der sie deren Untaten auflisteten. Darin stand auch, dass der Dolch, der als Beweisstück für deine Komplizenschaft mit der Räuberbande galt, die Mordwaffe der Funamushi gewesen sei, und als Vogt Inado davon erfuhr, gab er diese Nachricht an Ebira Ôtoji weiter, die daraufhin endlich auch von deiner Unschuld überzeugt war."
Jidanda und Funazô äußerten dankbar: "Wir sind zwar unbedeutende Leute, aber jede Begegnung mit Euch Hundekriegern war für uns ein Segen."
Anderntags trennten sich die Wege. Shinbei bestieg zusammen mit Daizen ein Schiff in Richtung Bôsô-Halbinsel, und Jidanda und Funazô zogen mit unbekanntem Ziel weiter. Das Goldstück, das sie von Shinbei erhalten hatten, entschädigte sie nicht nur für die Demolierung ihrer Schausteller-Utensilien, sondern genügte auch fü
r ein sorgenfreies Leben in den restlichen Monaten des Jahres.



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Der Fluch erlischt

In Windeseile war der Wunderknabe Shinbei am Ziel; als er mit Daizen in Burg Tateyama auftauchte, war es tiefe Nacht des folgenden Tages. Ohne sich mit den Satomi-Streitkräften, die die Burg umzingelt hatten, abzusprechen, gelangte er durch den unterirdischen Gang, den ihn die Füchsin gewiesen hatte, ins Innere der Burg. Auch über der feindlichen Räuberburg leuchtete der Frühlingsmond.
Zwei Burgritter, die am Erdbunker für die Vorräte im Burghof um die Ecke bogen, erblickten vor sich eine seltsame Erscheinung. Dort stand ein kleines Bürschlein, das einen langen Stock waagerecht vor sich hielt. Schon wollten sie bei dessen Anblick losschreien:
"Aaah!"  ---  "Der ist das!"
Aber bevor sie den Mund aufbekamen, rief das Bürschlein mit Knabenstimme:
"Keinen Ton! Wenn ihr einen Mucks tut, ergeht es euch genauso!"
Dabei schlug er mit dem Knüppel auf den Erdbunker. Dessen steinerne Wand zerbröselte, als wäre sie aus Sand, denn der Stock hatte sich einen halben Meter tief in die Bunkerwand gegraben. Kein Wunder, dass die Ritter sprachlos waren. Außerdem hatten beide damals mit angesehen, wie dieser wunderliche Knabe den Burgherrn Hikita Motofuji wie einen Spielball zur Geisel gemacht hatte.
"Dreht euch um und geht nebeneinander los, zu Motofuji!"
Beide Ritter schritten voran, getrieben von dem Stock, der ihnen, tock, tock, auf Genick und Hinterteil tippte. So gelangten sie zum dreistöckigen Hauptgebäude. Das hatte Motofuji errichten lassen und Bôrirô (Aussichtsturm) genannt. Von da aus sollte man die unter der Burg liegenden Dörfer sehen, aber in Wirklichkeit war er natürlich darauf aus, die Bewegungen der Streitmacht des Hauses Satomi im Blick zu behalten. 
Kaum waren sie eingetreten, schrien die beiden Ritter, zum erstenmal ihre Stimmbänder geradezu explodieren lassend:
"Alarm, ein feindlicher Eindringling!"  --- "Jener Teufelsknirps ist wieder da!", und flohen nach vorn. Shinbei ließ sie absichtlich laufen.
An den Wänden im Saal waren hier und da mit Netzen Öllämpchen aufgehängt, und darunter hatte eine beträchtliche Anzahl Kämpfer geschlafen, die jetzt alle aufsprangen. Weil die Burg von den Satomi-Kriegern eingekesselt war, lagen sie alle voll gerüstet da, und überdies handelte es sich bei diesen Leuten ausschließlich um Räuber vom Berg Ibukiyama. Sie hatten nicht im Traum damit gerechnet, dass irgendjemand
plötzlich eindringen könnte; obwohl sie aufsprangen, tappten sie doch benommen wie Schlafwandler einher. Ohne sich darum zu scheren, lief Shinbei im schwachen Lichtschein auf eine Treppe zu, die er in der Ecke des Saals ausgemacht hatte.
Er stieg ein Stockwerk höher. Hier bot sich das gleiche Bild, aber in dem Durcheinander rannten doch einige Räuber mit gezückten Schwertern auf Shinbei zu, und im Nu entspann sich ein wildes Handgemenge.


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Inue Shinbei in Burg Tateyama


Der halbwüchsige Knabe wirbelte seinen dicken Knüppel, und vor ihm, hinter ihm, rechts wie links krachten die riesengroßen Burgräuber ohnmächtig zu Boden. In dem Dämmerlicht sah es aus, als ob ein Jongleur mit einem einzigen Schläger eine Anzahl von Bällen durch die Luft hiebe. Mutete schon dieser Anblick unwirklich an, so war noch weit erstaunlicher, dass überall, wo sein Stock hintraf, die Gegner zwar umgehend ins Koma fielen, aber, wie man hinterher feststellte, nicht einer von ihnen ums Leben kam. Anscheinend hatte dieses Wunderkind
mit rechtem Augenmaß sogar dafür gesorgt.
Während Shinbei diesen Wirbelsturm entfachte, stieg er zum dritten Stockwerk hinauf. Alle zwei bis drei Stufen ließ er seinen Stock nach hinten kreisen, und gleich stürzten jedesmal eine Handvoll Gegner übereinander und polterten krachend die Stiege hinab.
In diesem dritten Geschoss stand Hikita Motofuji, gleichfalls aufgesprungen, im Schlafgewand mit gezücktem Schwert da, sich schützend vor drei Frauen stellend. Während er Tag für Tag weiterhin drei Samurai des Hauses Satomi
grausam köpfen ließ, ergab er sich des Nachts mit diesen drei Damen seinen lustvollen Vergnügungen.
An den beiden Schönheiten Asagao und Yûgao, die Yaobikuni aus dem Totenreich zurückgeholt hatte, verging er sich ohnedies, und während er zunächst zögerte, sich auch an den Reizen der nicht mehr ganz so jungen Nonne Yaobikuni zu vergreifen, verlangte sie selbst danach, so dass er auch über sie herfiel. Motofuji, der schon zu Zeiten als Räuber am Berg Ibukiyama nach Herzenslust seinen Begierden gefrönt hatte, verlebte auch hier seine Tage in höchster Wollust, denn Yaobikunis übermenschlich betörenden Reizen war er mit Herz und Seele verfallen. Jetzt, da seine Welt voller leichtfertiger Wonnen mit Füßen zertrampelt wurde und er, viel schlimmer noch, erkannte, dass der Eindringling wieder jener Bursche war, ergriff ihn Entsetzen, Zorn und, mehr als alles andere, Furcht. Schließlich hatte er die unheimliche Kraft dieses Wunderknaben zuvor am eigenen Leib zu spüren bekommen. Von dem Geschrei von unten wusste er schon, wer der Angreifer war, und hatte das Fenster aufgeschoben, aber aus dem dritten Obergeschoss war eine Flucht auf diesem Weg ausgeschlossen.
"He, Nonne, was soll ich jetzt tun?", rief er und wandte sich um, aber selbst
diese durchtriebene Yaobikuni trug angstverzerrte Züge in ihrem schönen Gesicht.
"Wie konnte dieser Teufelskerl hier hereinkommen?", sagte sie nur mit zitternder Stimme.
Und jetzt tauchte dieser Teufelskerl leibhaftig vor ihren Augen auf.
"Ha, ich hatte mir neulich erlaubt, dich zu verschonen; wie kommt es, dass du dir schon wieder Missetaten herausnimmst?", schalt diese jugendliche Knabenstimme den Motofuji.
"Dreister Naseweis, du Knirps!", brüllte er und warf sich ungestüm mit seinem Schwert auf Shinbei. Mit einem heftigen Krachen zerbrach das Schwert in zwei Stücke und flog davon, und von dem wirbelnden Stock getroffen, lag Motofuji bewusstlos auf dem Boden.
"Seid ihr die bösen Frauen, die, wie mir vor meiner Ankunft außerhalb der Burg zu Gehör kam, sich erdreisteten, Motofuji dazu anzustiften?"
Mit dem Stock in der Hand trat Shinbei auf sie zu. Daraufhin sprangen die drei Frauen, die neben dem offenen Fenster gestanden hatten, auf und flogen rücklings durch das Fenster ins Freie hinaus, in der Mitte die Nonne, die die beiden anderen Frauen rechts und links unter ihre Arme klemmte. Und, o Wunder, sie stürzten nicht hinab auf die Erde, sondern schwebten gespenstisch über den dunstigen Nachthimmel auf den verschleierten Frühlingsmond zu! 


zummond


Nein, zum Mond wollten sie natürlich nicht --- offenbar war ihr Ziel der Wipfel einer
großen Zelkovie, die in etwa 50 Metern Entfernung stand, aber bevor sie den Baum erreichten, erhob Shinbei seinen rechten Arm und rief "hooi!"
Eine weiße Sternschnuppe flog aus seiner Hand und traf die Fluggeister. Wie ein großer Schattenvogel
mit zwei Schwingen stürzten sie vom Himmel herab zu Boden. Shinbei sah vom Fenster aus auf den Burghof hinab, und als er die reglosen Gestalten auf dem Boden entdeckte, schnürte er dem ächzenden Hikita Motofuji mit dessen Schwertgürtel Hände und Füße zusammen wie ein Gepäckstück, hängte ihn so an seinen Stock und lief mit diesem Stock auf der Schulter die Stiegen hinab. Unter den durcheinander darniederliegenden Räuberrittern standen einige wankend im Begriff, wieder auf die Beine zu kommen, aber keiner versuchte, Widerstand zu leisten. Die zu Boden geschlagenen Burgritter fesselte Masaki Daizen mit Stricken, die er aus dem zerbröselten Erdbunker geholt hatte. Auch ihm wagte sich keiner der Räuber zu nähern.
Shinbei erreichte den Burghof. Die drei Frauen lagen zerschmettert im Burggarten. Aber es waren keine Frauen, sondern ungewöhnliche Gestalten.
"Hmmm?", brummte Shinbei, setzte aber den Motofuji auf den Boden nieder, blickte sich suchend um und hob dann etwas vom Boden auf. Es war seine Kristallkugel, die er vorher auf die durch die Luft flüchtenden Hexen geschleudert, sie damit getroffen und zum Absturz gebracht hatte. Sicherheitshalber hielt er die Kugel gegen das Mondlicht und sah, dass darin das Schriftzeichen JIN schwebte.
Derweil begann Motofuji, der zusammengeschnürt auf der Erde lag, zu zappeln.
"Siehst du es? Wenn nicht, schau es dir an! Zu Diensten, das sind die Weiber, mit denen du dich die ganze Zeit abgegeben hast!"
Er zeigte mit der Spitze seines Stocks auf die Toten. Motofuji sah hin, und vor Entsetzen fielen ihm beinahe die Augen aus dem Kopf. Die Gewänder der Leichen waren zweifellos diejenigen von Yaobikuni, Asagao und Yûgao, aber an den Köpfen, Armen und Beinen, die daraus hervorragten,
erkannte man deutlich --- es waren Marderhunde! Der größte Marderhund, der etwas älter aussah, trug die Gewandung von Yaobikuni, und in den Gewändern von Asagao und Yûgao steckten kleinere, junge Marderhunde.
Hikita Motofuji stieß einen Schrei aus und fing an, sich zu erbrechen. Er begriff, dass er sich bis heute lustvoll an Marderhündinnen vergangen hatte.
"Hast du es jetzt verstanden?", fragte Shinbei, lud sich Motofuji wieder mit seinem Stock auf die Schulter und schritt freiweg davon. In der Zwischenzeit waren die Räuberritter, die nicht im Bôrirô waren, wie schwarze Wolken zusammengekommen, standen aber starr vor Staunen über die seltsamen Geschehnisse und über das Wunder, dass dieser sonderbare Junge den mindestens doppelt so gro
ßen Burgherrn so leicht davontrug, und sahen nur aus sicherer Entfernung zu.

Satomi Yoshinari, der denselben Gefangenen nun zum zweiten Mal ausgeliefert bekam, kippte vor Verblüffung beinahe um und jubelte natürlich, als er hörte, wie es dazu gekommen war. Auch der alte Fürst Yoshizane kam von Burg Takita geeilt, lief nach der Befreiung von Burg Tateyama in den Burggarten und nahm die Kadaver der drei Tiere in Augenschein. Besonders den großen, alten Marderhund sah er sich genau an und rief:
"Oh, ist das nicht jener Marderhund, den Tamazusa 
einst als Haustier gehalten hatte?"


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Der alte Fürst Satomi Yoshizane


Auch seine beiden weißhaarigen einstigen Vögte Sugikura Kisonosuke und Horiuchi Kurando, die an seiner Seite knieten, erschauerten, als seien sie mit kaltem Wasser begossen worden. Sie erinnerten sich daran, dass Tamazusa, die Geliebte des vorigen Fürsten von Awa, Yamashita Sadakane, als letzte Worte vor ihrer Hinrichtung geschrien hatte: '
Wenn ihr mich töten wollt, so tötet mich! Durch meinen Fluch sollen die Kinder und Kindeskinder des Hauses Satomi in die Existenzform von Tieren stürzen, ich mache sie zu elenden Hunden!', und dass es ein Marderhund war, der Blut aus ihrem Hals geschlürft hatte und dann fortgelaufen war. Sie riefen sich auch ins Gedächtnis zurück, dass der verhexte Hund Yatsufusa, der Fräulein Fusehime ins Verderben gestürzt hatte, von einer Marderhündin gesäugt aufgewachsen war, und dass Kanamari Daisuke, der jetzige Mönch Chudai, der Yatsufusa erschossen hatte, erzählt hatte, dass sich auch in der Nähe von Fräulein Fusehime ein Marderhund herumgetrieben habe.
Wie dem auch sei, der Totengeist des Teufelsweibs Tamazusa, der mehr als vierzig Jahre mit seinem Fluch das Haus Satomi verfolgt hatte, war nun endlich und für immer vernichtet. Zugleich brachte das Schicksal auch allen Räubern von Burg Tateyama das Ende.
Auch jetzt begann Shinbei unbelehrt tatsächlich wieder darum zu bitten, dass das Leben des Hikita Motofuji verschont werden möge, aber diesmal lachte Yoshinari nur darüber, erwiderte: "Shinbei, wir verdanken alles nur deinem Einsatz, aber diesen Wunsch kann ich dir leider nicht erfüllen", und ließ Motofuji hinrichten.



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