Ein kurzes Nachwort

shinosousuke


Feuerwaffen, Flugblätter, Kanonenkugeln, ein transportables Fernrohr...
Was ist in Takizawa Bakin gefahren, uns
in einer Erzählung, die angeblich im 15.Jahrhundert spielt, solche Anachronismen zuzumuten? Wusste der Autor es nicht besser?
Ausgeschlossen. Ein Schriftsteller, der über den Ônin-Krieg, Shôgun Ashikaga Yoshimasa, den Erbauer des bekannten Silbenen Pavillons in Kyôto, die Fürsten und andere historische Persönlichkeiten jener Epoche schreibt, als hätte er sie persönlich gekannt, muss einen triftigen Grund dafür gehabt haben, uns solche Überraschungen zu präsentieren.


bakin
             
Takizawa Bakin


Nehmen Sie es dem alten Herrn nicht übel,
aber seine Erzählung ist eine camouflierte Gegenwartsgeschichte. Bakin lebte in einer Zeit, in der das Shogunat des Hauses Tokugawa Japan beherrschte und dem Reich seit dem Jahre 1603 eine lange Zeit des Friedens und kultureller Blüte beschert hatte. Zugleich brachte jedoch der ökonomisch unerfahrene Samuraistand das Reich in eine wirtschaftliche Schieflage, denn in der zu Bakins Zeit herrschenden Ständegesellschaft war der Samuraistand infolge des Friedens sozusagen arbeitslos geworden; gut daran war, dass die Samurai sich umso emsiger dem Studium und der Bildung widmeten, schlecht daran war, dass sie ihre Einkünfte allein durch die Besteuerung des Bauernstands bestritten. Der Stand der Kaufleute, der die Mittelschicht bildete, konnte sich unbesteuert bereichern und tat es dermaßen ungeniert, dass die Samurai sich von den Kaufleuten Geld borgen und die total verarmten Bauern nach dem Verkauf ihrer Frauen und Kinder im Schuldnerkerker verhungerten. Man kann sich vorstellen, dass der Unmut gegen diese Politik nicht mehr zu überhören war.
Das Shogunat reagierte zunächst mit Zensur, später mit einem Luxusverbot, danach mit Notgeld (Schuldverschreibungen) und gab endlich, im Jahre 1867, die Macht in die Hände des jungen Kaisers Meiji.

Bakin war vor allem von der Zensur betroffen. Der Designer und Holzschnittkünstler Katsushika Hokusai, der anfangs Bakins Werke illustriert hatte, riet seinem Freund davon ab, mit seinem Roman irgendwelche lebenden Personen zu kompromittieren. Selbst die Nennung von Namen der herrschenden Samuraiklasse konnte schon mit harten Strafen geahndet werden, selbst dann, wenn auch die böswilligsten Zensoren die Darstellung nicht als Kritik auffassen konnten. Bakins literarisches Vorbild Santô Kyôden, der bis dahin in kritischen Schriften kein Blatt vor den Mund genommen hatte, wurde ab 1789 mehrfach bestraft, ein Teil seiner Werke wurde beschlagnahmt und verboten. Noch schützte ihn seine Popularität, aber zu Bakins Zeit wurden die Zensur strenger und die Strafen härter, und der Autor tat gut daran, in seinem Werk die konfuzianischen Tugenden als Vorbild herauszustellen.


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Das bekannteste Werk von Bakins Freund Katsushika Hokusai, aus der Holzschnittreihe "36 Ansichten von Mt Fuji"


Man kann nur bewundern, wie geschickt Bakin seine Erzählung in die Zeit des schlecht beleumundeten, schwachen Ashikaga-Shogunats stellte, dessen geschilderte Schwächen und Intrigen
das gegenwärtige Tokugawa-Shogunat nur umso heller leuchten ließ. Aber auch hier agierte Bakin mit Vorsicht; weder Ashikaga Yoshimasa noch sein Sohn Yoshihisa treten direkt als Akteure auf, und der seinerzeitige Tennô wird nur indirekt, aber niemals namentlich erwähnt.
Außer unter der Zensur litt Bakin in seinen letzten Jahren auch gesundheitlich. E
r bekam den grauen Star. Eine Alterskrankheit, die man heutzutage durch Operation heilen kann, die seinerzeit aber zur völligen Erblindung führte. Als Bakin bemerkte, dass seine Sehkraft schnell nachließ, erbot sich seine Schwiegertochter Omichi, die ihn nach dem frühen Tod seines Sohnes versorgte, ihm bei der Niederschrift nach Diktat zu helfen.
Da Japans Samurai, die ihre Aktivitäten vom Kämpfen aufs Nachdenken verlegt hatten, unter anderem zu der merkwürdigen Erkenntnis gelangten, dass Frauen von Natur aus töricht und deshalb für Bildung ungeeignet seien, standen Schulen nur für Knaben aus dem Samuraistand offen. Höhere Bildung war Frauen allerdings nicht untersagt, die Samurai waren keine Taliban. Hauslehrer und Bücher waren jedoch für reiche Kaufleute vielleicht erschwinglich, aber nicht für arme Schriftsteller.
Kurzum, Omichi, die junge Witwe, war zwar hilfsbereit und willig, aber leider Analphabetin. Sie musste sich die komplizierten japanischen Schriftzeichen einzeln beschreiben lassen, so dass sie an guten Tagen vielleicht fünf Zeilen bewältigte, denn Waschen, Putzen, 
Einkaufen, Kochen und Geschirrspülen nahm ihr auch niemand ab. Bakin, der bereits, um Geld zu sparen, mehrfach in immer billigere, engere Wohnungen umgezogen war, konnte einen Schreiber einfach nicht bezahlen.


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Verzweiflung auf beiden Seiten: Der erblindete Bakin malt seiner des Schreibens unkundigen Schwiegertochter mit dem Finger die gewünschten Schriftzeichen in die Luft


Wir können Omichi und dem erblindeten Bakin nur dankbar sein, dass sie ihr Werk, Japans bis heute längsten Roman, mit viel Mühe noch vollendet haben. Es entspricht zwar in vieler Hinsicht dem üblichen Schema von "Heldenreisen" nach Joseph Campbell, wodurch Spannung und Popularität gewährleistet sind, basiert aber auf chinesischen Vorbildern, die wiederum dem Yin und Yang des Daoismus, den der Konfuzianismus in dem Buch der Wandlungen (Yijing) aufgreift, verpflichtet sind. Es ist kein Zufall, dass die acht Hauptfiguren den acht Trigrammen des Daoismus und den acht konfuzianischen Tugenden entsprechen, und dass die Geschichte erst dann zu einem Abschluss kommt, wenn Yin und Yang in ihre natürliche Balance gebracht sind.
Man könnte auf das Werk auch die dialektische Theorie von Gottlieb Fichte anwenden, indem man dessen Happy end als Synthese ansieht, die zur neuen These wird und eine Antithese erzeugt. Bakin ist nämlich Realist genug, um in einem (hier fortgekürzten) Ausblick in die Zukunft schon in der Generation der Söhne der Hundekrieger und Enkel des Fürsten Yoshinari aufkommende Zwietracht anzudeuten, die zum Niedergang der idealen Zustände im Lande Awa und letztendlich zur neuen Synthese des Untergangs des Hauses Satomi führen werden. Oder, um es mit Heraklit zu sagen, panta rhei - nichts bleibt, wie es ist, die Welt befindet sich in einem beständigen Wandel.
Dass Bakins Hauptfiguren bis ins 3.Jahrtausend hinein als Helden von Mangas, Animationsfilmen, Spielfilmen und auf Theaterbühnen weiterleben und populär bleiben würden, konnten freilich weder der Autor noch seine Schwiegertochter ahnen, aber wie vielen namhaften Künstlern der Vergangenheit ging es nicht ebenso?


shino4

hakkenden


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