① Der Stierkampf
Zu
Beginn des Sommers im folgenden 14.Jahre Bunmei (1482) bezwang Inuta
Kobungo, der durch das Land Echigo streifte, einen wilden Stier.
Seit dem Herbst des Vorjahrs logierte Kobungo auf seinen Wanderungen
durch die Lande in Ojiya im Distrikt Kariha in Echigo im Gasthaus
Ishikameya. Dessen Gastwirt Jidanda war zugleich der Dorfrichter und
ein großer Anhänger des Sumô-Ringkampfs. Als Kobungo
dort übernachtete, kam das Gespräch von Kobungos stattlichem, einem Ringer gleichen
Körperbau auf den Sumô, wofür sich beide
gleichermaßen begeistern konnten. Als er hörte, dass Kobungo
kein spezielles Ziel habe, bat ihn der Wirt inständig, doch
wenigstens bis zum Frühjahr in seinem Haus zu bleiben.
Ringkämpfer Kobungo
Am 9.Tag des 4.Monats fand in dem Dorf Shiotani, von Ojiya aus
drei Meilen jenseits des Flusses Chikumagawa gelegen, ein
Stierkampffest statt. Es ist ein alter Brauch dieser Gegend, den man
auch "Stierwettkampf" oder "Hörnerpacken" nennt; die
Stierkämpfer tragen einfarbig tiefblaue Kampftracht,
die man Yamagi-Hosen nennt, und müssen hellrote
Bänder, die an den Hörnern der Stiere festgeknotet sind,
herunterreißen. Das ist das Ziel des Wettkampfs.
An dem Tag des Wettkampfs war nicht nur die Arena von Zuschauern
gesäumt, sondern auch die Anhöhen der Umgebung und alle
Bäume waren mit Hunderten von Leuten besetzt.
In diesem Jahr hatte der Gastwirt Jidanda Geschäfte und konnte
nicht mitkommen, aber er forderte Kobungo auf, hinzugehen und sich das
Spektakel nicht entgehen zu lassen; er gab ihm seinen Angestellten
Isokurô als Führer mit.
"Iso, lass dich nicht so sehr gehen, dass du dich mit Sake
betrinkst!", gab Jidanda seinem Bediensteten mit auf den Weg, als
sie das Gasthaus verließen.
Nach der Überquerung des Chikumagawa wand sich der Weg
immerfort aufwärts ins Bergland, und hier und dort standen
schon die Bergkirschbäume prächtig in Blüte, aber oben,
wo der Weg allmählich das Ackerland erreichte, lagen an schattigen
Stellen noch weiße Placken von Schnee.
Auf einem Platz, der eine Senke inmitten der Berge bildete, wimmelte es
von Leuten - woher waren die alle gekommen? Teestände,
Imbissbuden, ja sogar Spielzeugläden und Trinkhallen waren aufgebaut, es glich einem lebhaften
Schreinfest.
Während Kobungo die selbstgefälligen Erläuterungen des
Isokurô über sich ergehen ließ, genoss er den Anblick
der Kampfstiere, die er zum ersten Mal in seinem Leben sah. Auch das
kaum je zuvor erlebte Festtreiben ringsumher machte ihm Spaß.
Aber jenes weiße Gesicht unter den vielen hundert Leuten,
das nicht auf den Stierkampf, sondern nur auf Kobungo achtete,
bemerkte er nicht.
Durch einen Tumult, der kurze Zeit später auf dem Festplatz entstand, wurde
Kobungo aus seinem Vergnügen gerissen. Ein Stier war wild
geworden. Es war der große schwarze Stier des Mannes, der heute
beim Hörnerpacken gesiegt hatte. Der Sieger war dabei, ein Triumphlied
anstimmend den Platz zu verlassen, als sich der Stier, wer weiß
weshalb, plötzlich von dem Halfter losriss und fortrannte. Er hielt
die Hörner gesenkt wie ein Nashorn und stürmte blindlings in
die Menschenmenge hinein. Von den Hörnern erfasste Frauen und
Kinder flogen durch die Luft, Stände und Buden wurden umgefegt...
Kaum erkannte Kobungo, was da los war, sprang er auf der Stelle hinüber. Den
Stier, der in vollem Lauf direkt auf ihn zugeschossen kam, packte Kobungo mit
beiden Händen an den Hörnern; seine Muskeln an Schultern und
Armen wurden zu Eisenklammern, seine Füße rammten sich in
den Boden, sein ganzer Leib lief rot an, und schließlich stieg
von ihm eine Art flimmernde Hitze auf - der Stier rührte sich
nicht mehr. Genauer gesagt, er konnte sich nicht rühren. Die
Stierkämpfer kamen zuhauf angerannt, hielten die Beine des
Stiers fest und beruhigten das Tier.
Kobungo bezwingt den wilden Stier (Scherenschnitt von Miyata Masayuki)
Aus den Scharen der Zuschauer, denen gerade eben minutenlang der
Atem gestockt hatte, brandete endlich ein gewaltiges
Beifallsgeschrei auf,
doppelt so laut wie zuvor während der Stierkämpfe.
Am Abend wurde Kobungo von Kakurenji,
dem Besitzer des Stiers, nach Hause eingeladen und dazu gedrängt,
zum Bankett zu bleiben. Es war ein recht ansehnliches Anwesen, und mehr
als zehn Teilnehmer des Kampffestes waren auch gekommen. Einer nach dem
anderen pries Kobungos beherztes Eingreifen und stieß mit ihm an.
Obendrein bekam Kobungo zehn kan in Eiraku-Münzgeld und fünf Klafter Seidenkrepp als Dank für seine Tat offeriert.
Das in Japan Eiraku
Tsûhô genannte Münzgeld wurde seit 1411 in China
hergestellt. Es sind aus einer Kupferlegierung gegossene Münzen mit einem Loch in
der Mitte, die im 15.Jh. durch den regen Handel mit China in
großen Mengen nach Japan gelangten und dort im Alltag als Bargeld
verwendet wurden. Sie wiesen keinen Nennwert auf, trugen aber die vier
Schriftzeichen Eiraku Tsûhô, auf Chinesisch Yongle Tongbao.
Ihr Guss (nicht Prägung!) erfolgte unter Kaiser Yongle der
Ming-Dynastie. Die Münzen waren in der Tat für Chinas
Außenhandel gedacht; im Binnenhandel wurden
Silbermünzen und Papiergeld verwendet. Das Loch im Zentrum war zum Aufziehen der Münzen auf Schnüre gedacht.
Zum Begriff kan und Abbildung der Münzen vgl. Anfang Kapitel 6.
|
Kobungo lehnte die Gaben ab, aber man sagte ihm, es sei ein Brauch seit
alter Zeit. Kobungo sträubte sich weiterhin und sagte, er sei ein
Fremdling aus einem anderen Land. Überdies sei er todmüde und
bitte darum, sich schlafen legen zu dürfen. Diese Bitte
erfüllte man ihm.
In einem anderen Saal trank sein Begleiter Isokurô mit den
Stierzüchtern; er hatte gehört, dass Kobungo die
Gaben ablehnte.
'Das ist doch unsinnig; wenn es Brauch ist, solche Gaben zu erhalten,
sollte man sie auch annehmen. Wenn ich ohne die Geschenke
zurückkehrte, würde ich von meinem Herrn gescholten', befand
er, obwohl diese Logik nicht sonderlich einleuchtend war. Genau wie sein
Herr Jidanda beim Fortgehen treffend gesagt hatte, neigte er bei
übermäßigem Sakegenuss tatsächlich dazu, den
klaren Kopf zu verlieren.
'Wenn ich Kobungo nach seiner Meinung fragte, würde er mich sowieso davon
abhalten; also lasse ich mir die Geschenke geben und gehe noch in der
Nacht, etwas früher als er, nach Ojiya zurück', beschloss er.
In einer so kalten Nacht mehr als drei Meilen Weg durch die Berge...
Nun, den Weg kannte er ja. Und heute, am 9.Tag, würde der Mond
scheinen. Keine Sorge, sprach er sich selber Mut zu.
In der Eingangshalle lagen unbeachtet die Münzen und die Gaben, die eigentlich für Kobungo gedacht, von ihm aber abgelehnt
worden waren. Es wird schon in Ordnung gehen, wenn ich sie mitnehme,
dachte Isokurô, lud sich die Körbe mit einer Tragestange auf
die Schulter und verließ bald darauf das Anwesen.
Auch Isokurô war eigentlich ein Ringkämpfer, weshalb seine
zunächst vom Sakegenuss wackeligen Beine unter der Last
überraschend sicher standen; dazu bewirkte seine Trunkenheit, dass er etwa zwei Meilen des Bergwegs kraftvoll und flott
bewältigte. Im Mondlicht glitzerten hier und da helle Schneereste,
aber bei seinem schnellen Schritt unter der Last bis hierher fing er
doch an zu schwitzen. Nahe dem Dorf Aikawa setzte er zum ersten Mal
seine Last ab, zog ein Tüchlein aus der Tasche und wischte sich
den Schweiß von der Stirn.
Vorn links: Händlerwaren in Körben mit Tragestange (Holzschnitt "Nihonbashi" von Andô Hiroshige)
Da hörte er eine Frauenstimme.
"Hilfe! .... Hiiilfe!!! .... Helft mir doch!!!"
Verwundert blickte er sich um. Sowohl auf dem Weg vor und hinter ihm
als auch auf den Feldern der Umgebung war nicht einmal ein menschlicher
Schatten zu sehen.
"Helft mir!! ... Irgend jemand !!! ... Hier bin ich!!!", tönte das verzweifelte Rufen aufs Neue.
Schnell merkte Isokurô, dass der Ruf aus einer Schneegrube kam.
In dieser Gegend pflegten die Leute im Winter Gruben in den Schnee zu
schaufeln, um sich darin zu verbergen, wenn sie Vögeln oder Hasen
mit Bambusspießen auflauerten. Er schaute sich aufmerksamer um
und erblickte unter einem dicken Baum am Wegesrand einen
großen Haufen Altschnee, aus dem die Rufe herauszukommen
schienen. Er lief hin. Konnte er etwas ausrichten? In dem Haufen war
eine Schneegrube, auf deren Boden sich der Schatten einer Frau abstrampelte.
"Was ist denn los?"
"Ich bin heute als Zuschauerin zum Stierkampf nach Shiotani gegangen,
aber auf dem Rückweg in dieser Gegend von der Dunkelheit
überrascht worden und in die Grube gefallen. Und so sehr ich
bisher auch geschrien habe, niemand ist mir zu Hilfe gekommen. Ich bin
schon fast erfroren, helft mir, schnell!"
Es wird eine Bäuerin aus den umliegenden Dörfern sein, dachte Isokurô.
"Schon gut, ich hole dich raus. Einen Augenblick!"
Er sah sich um, fand aber nichts Geeignetes. Also löste er
die Körbe von der Tragestange, die er bis hierher geschultert
hatte, und stellte die Stange in die Grube.
"Halt dich gut dran fest. Alles klar? Ich ziehe dich hoch.... Aaaaah....!"
Mit einem Aufschrei stürzte Isokurô in die Grube und
knallte auf den Boden. Er war samt der Stange von unten her
hineingezogen worden. Und nicht nur das; kaum war er angekommen, fuhr
ihm ein Dolch in die Hüfte.
"Du willst mich wohl...!", rief er unter Schmerzen und rang mit der
Frau auf dem Boden der engen Grube, bis sie unter ihm lag.
"Wer bist du? Was hast du? Los, antworte, sonst trete ich dich hier
tot!", drohte Isokurô zornig, stieß aber einen neuen,
furchtbaren Schrei aus. Diesmal hatte ihn vom Rücken bis zur Brust
ein Speer durchbohrt. Dies war die Tat eines Schattens, der aus seinem Versteck hinter dem dicken Baum hervorgekommen war.
"He, bist du unverletzt?", fragte jener, ohne den Speer aus Isokurôs
Leib herauszuziehen. Vom Boden der Schneegrube kam nach einer Weile die
Antwort:
"Der ist anscheinend verreckt. Jee, das war für mich
gefährlich! Um ein Haar wäre ich auch draufgegangen. Ich bin
auch voller Blut. Mach, dass du mich rausholst!"
Der Schatten zog endlich den Speer heraus und streckte ihn dann erneut
in die Grube. Daran kam der Schatten einer Frau heraufgeklettert.
Keuchend Atem holend, warf sie einen Blick zurück und
murmelte:
"Schade, dass es nicht Inuta Kobungo war!"
"Na ja, der kommt beim nächsten Mal dran. Dass wir aus
Leibeskräften hierher gelaufen sind und dem Kerl aufgelauert haben, hat
sich trotzdem gelohnt!", griente der männliche Schatten mit Blick
auf die am Wegrand stehenden Körbe voller Münzgeld und Geschenke.
Bald darauf verschwanden die beiden Schatten mit ihrer Beute im Dunkel
des Waldes wie zwei Fledermäuse unter dem kalten Mond einer
winterlichen Nacht.

② Gericht des Drachengottes
Als
anderntags Kobungo aus Shiotani nach Ojiya zurückkehrte, wurde
erstmals offenkundig, dass Isokurô, der schon vor ihm in der
Nacht aufgebrochen war und längst da sein müsste, noch
nicht angekommen war. Die Aufregung war groß.
Es wurde Abend, bis man bei der Suche in den Bergen seinen Leichnam in
jener Schneegrube fand. Kobungo hielt sich den Kopf und rief: "Oooh,
das tut mir ja so leid! Den Stier habe ich festgehalten, bin aber
mitschuldig, dass Isokurô zu Tode kam!"
"Mit Euch hat das nichts zu tun. Ich hatte ihm doch so sehr
eingeschärft, nicht so viel Sake zu trinken! Es ist ein
Unglück, das Iso, dieser Schafskopf, sich selbst eingebrockt hat", brummte Jidanda, wiegte aber nachdenklich den Kopf.
"Eine Schneegrube, die der Jagd auf Getier und Geflügel dient,
zu nutzen... Das war kein gewöhnlicher Raubüberfall."
Kobungo sah zwar zu, wie die Bediensteten des Gasthauses Ishikameya in
alle Richtungen ausschwärmten, um zu dem
Mord an Isokurô Zeugen zu finden und Erkundigungen einzuziehen, blieb selbst jedoch mehrere
Tage lang untätig. Als Fremder aus einem anderen Land stand es ihm
einerseits nicht an, herumzulaufen und Leute zu befragen, aber
andrerseits wurde er auch von schrecklichem Muskelkater in Schulter und
Armen geplagt. Es war zweifellos eine Folge seines Kampfes mit dem
Stier. An jenem Tag bis zum andern Morgen hatte er nichts Besonderes
verspürt, aber seit dem dritten Tag wurden die Muskeln seines
Oberkörpers hart wie Bretter und schmerzten so, dass er nachts
kaum schlafen konnte.
Jidanda machte sich Sorgen, rief einen Arzt und ließ ihn Salben auftragen, aber nichts half.
Gegen Abend des siebten Tages danach, als Kobungo auf dem Tatamiboden
des hinteren Wohnraums saß und und mit beiden Händen am
Boden vor Schmerzen ächzte, erreichten aus der Ferne
Shamisenklänge und der Gesang eines wehmütigen Liedes sein
Ohr. Die Worte waren nicht alle genau zu verstehen, aber sie lauteten
etwa so:
Ach, ach, ich singe dies für dich.
Getrennt von Mann, getrennt von Kind,
möcht ich zurück nach Shinoda,
das ist mein Herzenswunsch....
Kobungo wusste, dass es eine fahrende Sängerin war, die seit Ende
des vergangenen Jahres in dieser Gegend umherstreifte. Obwohl sie blind
sind, pflegen diese für die Nordlande typischen Künstlerinnen mit
ihrer Shamisen von Tor zu Tor zu gehen, und wenn es jemand
wünscht, werden sie auch als Masseusen tätig.
Fahrende Sängerin mit dem Saiteninstrument Shamisen
Eine Magd, die gerade bei Kobungo anwesend war, meinte:
"Wie wäre es, wenn Ihr diese Frau riefet und Euch massieren ließet?"
"Hmmm...."
"Einige andere Gäste des Hauses wollen auch massiert werden; sie soll sehr geschickt sein."
"Na gut, dann lass sie auch zu mir kommen."
Etwas später kam die blinde Künstlerin, von jener Magd
geführt, zu Kobungo herein. Im Dämmerlicht der Laterne drehte
Kobungo seinen steifen Hals ein wenig zu ihr hin und sah sie kurz an,
aber sie hielt in der Hand ihre Shamisen und trug einen breiten
Strohhut, ein Kopftuch und überdies eine schwarze Binde über den Augen. Sie mochte eine Frau um die vierzig sein.
Nach kurzen Begrüßungsfloskeln ging sie hinter Kobungos
ihr zugewandtem Rücken auf dem Boden in die Knie und begann, seine
Schulter zu massieren.
"Sind Eure Muskeln hier verhärtet?"
"Ja, hier. Und da auch..."
In diesem Augenblick verspürte Kobungo unter seinem linken
Schulterblatt einen stechenden Schmerz. Er griff mit seinen gewaltigen
Armen hinter sich, zerrte die Frau vor sich und drückte sie zu
Boden. In einer ihrer Hände, die durch die leere Luft fuchtelten,
blitzte ein Dolch. Mit einer Hand entriss Kobungo ihr die Waffe und
zog ihr das Tuch vom Gesicht. Sie hielt ihre Augen geschlossen.
"Wer bist du? Was hast du gegen mich?", wollte Kobungo gerade fragen, als ihm ein Laut der Überraschung entfuhr.
"Du bist das! Dieses Weib...., ach ja, das Weib, das Funamushi heißt!"
Funamushi mit Mordwaffe
Wäre das Opfer nicht Kobungo gewesen, dann hätte ihm der Dolch vom wehrlosen Rücken her mit
Sicherheit das Herz durchbohrt. Aber in dem Augenblick, in dem ihr
Dolch auf seine Muskeln traf, wurden sie eisenhart und ließen
die Klinge abprallen, und unwillkürlich hatte Kobungo das
Weib zu Boden gedrückt. Aber Blut floss trotzdem jede Menge. Ohne
darauf zu achten, war Kobungo höchst verblüfft.
Genau. Vier
oder fünf Jahre war das jetzt her. Da hatte er in Musashi den
Räuber Namishirô erschlagen und war von dessen Weib,
nämlich dieser Funamushi, in eine Falle gelockt worden. Er selbst
war mit Mühe entronnen, und dieses Weib hätte gefangen
genommen werden müssen, war jedoch, wie er später erfuhr, durch dunkle Hände freigelassen worden und davongeflattert.
"Dieses Weib Funamushi.... Wie kommst du dazu, dich in dieser Gegend in Echigo herumzutreiben?"
Diese Frau hatte in den Jahren zwischen ihrem Verschwinden aus Musashi
und ihrem Wiederauftauchen in Echigo noch eine fatale Begegnung mit
anderen Hundekriegern in Akaiwa im Lande Shimotsuke gehabt, aber davon
wusste Kobungo nichts.
"Mörder meines Ehemanns!... Mörder meines Gatten!", schrie
Funamushi, die Augen noch immer geschlossen. War sie
tatsächlich blind geworden?
Auf ihr Geschrei hin kam der Wirt Jidanda mit einigen Angestellten
herbeigelaufen. Nachdem sie erfuhren, was geschehen war, wurde Jidanda
zornig.
"Dieses Weib ist ein abscheuliches Luder!"
Sie banden Funamushi mit einem groben Strick an einen Baum im Garten.
"Bringt mich doch um, wenn ihr unbedingt wollt!", brüllte
Funamushi weiter, an ihren Fesseln zerrend. "Wegen diesem Kerl ist mein
Mann ums Leben gekommen. Wenn er mich auch noch tötet, wird er
den Tod beider Eheleute auf dem Gewissen haben. Das wird ihn sicherlich
zufrieden stellen. Los, bring mich um!"
"Was kreischst du so, du Fuchsweib!"
Einer der Angestellten versetzte ihr einen Hieb mit einem biegsamen Bambusstecken.
Funamushi gefesselt
Jidanda baute sich vor ihr auf und schrie sie an:
"He, dass du hier angebunden bist, kommt davon, dass du versucht hast,
einen geschätzten Gast meines Hauses zu ermorden. Aber ich will
dich noch etwas fragen. Unter den Jägern dieser Gegend gibt es
einen Kerl namens Shutenji. Der hat schon länger lauter Halunken
um sich geschart, die nicht mal dazu taugen, bei mir zu arbeiten, und
bringt ihnen die Jagd bei. Angeblich. Aber wie ich das sehe, gehen sie
nicht nur auf Jagd, sondern begehen auch eine Menge Schandtaten. Seit
letztem Herbst sollen sie auch eine Frau in ihrer Bande haben.
Kann es sein, dass du das bist?"
"Ich habe keine Ahnung, wovon du redest."
"Vor ein paar Tagen ist mein Angestellter Isokurô umgebracht
worden. War das etwa nicht die Räuberbande des Shutenji? Die
Methode, jemanden in eine Schneegrube zu werfen und umzubringen, riecht
mir stark nach Jägerart!"
"Ich blinde Frau sollte mich mit solchen Leuten abgeben?" Funamushi schüttelte den Kopf.
"Bist du wirklich blind?" Jidanda sah sie scharf an. "Woher weißt
du denn als blinde Frau, dass der Gast, der hier logiert, Inuta Kobungo, der
Mörder deines Ehegatten, ist?
"Das ist, also.... Ich habe gehört, dass der Mann, der beim
"Hörnerpacken" in Shiotani den wild gewordenen Stier festgehalten
hat, Inuta Kobungo heißt und im Gasthaus Ishikameya wohnt."
Jidanda wusste einen Augenblick nichts zu entgegnen.
"Zeig mal."
Er beugte sich zu ihr nieder, streckte beide Hände aus und zog ihre
verschlossenen Augenlider auseinander. Im abendlichen Dunkel waren ihre
Augäpfel beide vollkommen weiß. Nur eine Art silbriger Schimmer glänzte aus ihnen hervor.
"Hach, jedenfalls hat es
diese fahrende Sängerin faustdick hinter den Ohren. Wenn man ihr
ein bisschen weh tut, wird sie schon reden. Schlagt sie mal!"
Anstelle des wütend aufspringenden Jidanda droschen zwei seiner Bediensteten mit Bambusstecken auf sie ein.
"Bringt mich nur um, bringt mich nur um!", heulte Funamushi weiter und
wand sich unter den Schlägen, dass das Seil schier reißen
wollte. Sie war zwar nicht mehr ganz jung, aber noch immer recht
hübsch, und jetzt kam noch ihre schreckliche Pein hinzu. Kobungo
konnte die Folter nicht weiter mit ansehen und sagte den Angestellten:
"He, lasst es für heute damit gut sein! Dass sie mich als den
Mörder ihres Mannes angegriffen hat, kann man, je nach Sichtweise,
auch als heldenhafte Tat betrachten."
"Ja, das stimmt."
Jidanda schlug die Hände zusammen, denn er hatte einen Einfall.
"Wir sollten sie dem Gericht des Drachengottes überantworten."
"Dem Gericht des Drachengottes?"
Jidanda
erklärte, dies sei hier in Ojiya ein uralter Brauch der
Privatjustiz. Jenseits des Flusses Chikumagawa, von hier aus etwa einen Kilometer entfernt,
steht abseits der Wege am Fuß der Berge eine verlassene
Tempelhalle namens Kôshindô. Sie ist schon hunderte von
Jahren alt, enthält keine Buddhastatuen mehr und ist reichlich
verfallen, aber ein Dach hat sie noch. Wenn man der Ansicht ist, dass
jemand eine schlimme Tat begangen hat, sie aber nicht gesteht, und auch
die Beweise nicht ausreichen, bringt man den Verdächtigen dorthin
und hängt ihn drei Nächte lang gefesselt an einen Dachbalken.
Wenn er in der Zeit gesteht, ist der Fall klar, wenn er stirbt,
wird er in den Fluss geworfen, und wenn er die drei Nächte
überlebt, wird er auch ohne Geständnis freigelassen.
Kobungo runzelte die Stirn, denn das war ein grausamer Brauch. Aber
dieses Weib war keine unschuldige Frau. Sie verbarg etwas, da
pflichtete sein Gefühl Jidandas Anschuldigung bei, weshalb er die
Leute ihr Gottesurteil ausführen ließ.

③ Angriff auf das Gasthaus
Nach
Einbruch der Nacht stopften der Wirt Jidanda vom Hause Ishikameya und
seine Leute der Frau einen Knebel in den Mund, warfen sie gefesselt,
wie sie war, in eine Sänfte und brachten sie zu der Halle
Kôshindô am Fuß des Berges. An einem Dachbalken im
Innern hängten sie sie auf. Es war üblich, nur tagsüber
herzukommen und das Verhör mit Folter fortzusetzen, des Nachts aber die
Delinquenten sich selbst zu überlassen.
Sie nahmen ihr nur den Knebel ab, und dann konnte Funamushi nur noch den Fackeln der sich lärmend entfernenden Männer nachblicken.
"So ein Mist!", flüsterte sie ins Dunkel hinein. Ja, sie blickte
den Männern tatsächlich nach. In der Dunkelheit hatte sie
ihre Augen geöffnet. Ihre "Blindheit" war nur ein Trug gewesen.
Dass sie vorher trotz der Prügel, die sie bezogen hatte, ihre
Augen geschlossen hielt, zeugt von der Willensstärke dieser Frau,
von ihrer Durchtriebenheit.
"Jetzt schaut nur her, Jidanda! ...und Kobungo!"
In der Luft hängend, zappelte und strampelte Funamushi wie
irre, aber das Seil, mit dem sie mehrfach umwickelt und am Rücken
aufgehängt war, gab natürlich nicht nach. Und selbst wenn es
risse, hing sie mit den Füßen in einer Höhe von mehr
als zwei Metern über dem Fußboden, und falls sie von da
herabstürzte, würde sie schwerlich unverletzt bleiben.
Funamushi aufgehängt am Deckenbalken (Scherenschnitt von Miyata Masayuki)
Durch
die halboffene Eingangstür und Lücken in den Holzwänden
fiel das Vollmondlicht der Zeit um den 15.Tag herein, und der vom Berg stetig
herniederwehende Wind brachte an etlichen Stellen Spinnweben zum
Schaukeln; auch Funamushis eigener Schatten schwankte wie ein
Gespenst an der gegenüberliegenden Wand auf und ab. Dass man
dieses Gottesurteil "Gericht des Drachengottes" nennt, rührt
daher, dass die von der Decke herabhängende menschliche Gestalt
einem durch den Himmel fliegenden Drachen gleicht.
Selbst ein Weib wie Funamushi fiel vor Furcht und Schmerzen in eine Ohnmacht.
|
Bei
dem in Japan in alter Zeit geltenden Mondkalender hatte jeder Monat 30
Tage, und die Monatsmitte, also der 15.Tag, war immer der Tag des
Vollmonds. Damit das Jahr aber den Tierkreiszeichen entsprechend
zwölf Monate hatte und der Neujahrstag mit dem Frühlingsbeginn übereinstimmte,
wurde etwa alle sechs Jahre vom Kaiserhof ein
Schaltmonat dekretiert, um die Jahr für Jahr übrigen
fünfeinviertel Tage auszugleichen. Unser Neujahr liegt mitten im
Winter; in Ostasien fällt das traditionelle Neujahrsfest auf den
Frühlingsanfang im Februar unsres Kalenders, weshalb man zu den japanischen Angaben
durchschnittlich anderthalb Monate hinzuzählen sollte. Der 4.
Monat entspricht also in etwa Ende Mai bis Juni.
|
Wie viel Zeit mochte wohl vergangen sein? Ein Knarren des Holzbodens
brachte Funamushis Bewusstsein zurück. Durch die
halbgeöffnete
Tür war der Rücken eines Mannes zu erkennen, der
draußen auf dem Bohlengang saß. Mit einem Handtuch rieb er
sich den Nacken. Es war allem Anschein nach ein vor der Halle
vorübergekommener Reisender, der auf seiner nächtlichen
Wanderung ins
Schwitzen gekommen war und hier Pause machte. Die Bretter waren so morsch, dass sie schon beim Niedersetzen knarrten.
Funamushi wartete noch einen Augenblick, dann rief sie mit schwacher Stimme:
"Hallo! Herr Reisender, helft mir bitte!"
Der Mann drehte sich überrascht um, stand dann aber auf und betrat das
Innere der Halle. Er war ein furchtloser Mensch. Er schritt voran, sah
zur Decke, von wo das Mondlicht wie ein dünner Nebel durch die
Ritzen fiel, und rief dann erstaunt:
"Was ist denn hier los?"
Er blickte sich um und fand sogleich die Leiter, die verwendet worden
war, um Funamushi aufzuhängen, lehnte sie an den Dachbalken und
durchschnitt das Seil.
"Was haben sie mit dir gemacht?", fragte er in noch immer verwundertem Ton.
Funamushi, die der Mann auf den Boden gelegt hatte, konnte kaum stehen
oder sitzen. Ihr schwarzes Haar war gelöst, und sich mit beiden
Händen abstützend richtete sie ihren verkrümmten
Oberkörper mühsam ein wenig auf.
"Ich bin dem
Gericht des Drachengottes überantwortet worden. Leute, die etwas
Schlimmes getan haben und nicht geständig sind, hängt man
hier drei Tage lang auf, bis sie gestehen. Es ist eine Bestrafung, die in dieser Gegend Brauch ist", sagte sie. "Aber ich
kann mich nicht erinnern, je etwas Böses getan zu haben. Ich bin
eine Frau von hier und heiße Funamushi. Ich habe vor Kurzem
meinen Mann verloren. Ich war im Gasthaus in Ojiya angestellt, und der
Wirt machte sich gleich an mich heran. Als Vergeltung für meine
Weigerung bezichtigte er mich, für den Verlust eines
Silberbarrens aus dem Kasten seines Tuschereibsteins verantwortlich zu sein. Ich wurde
verprügelt, um es zu gestehen, und schließlich diesem
Gericht des Drachengottes unterzogen."
"Hohooo..."
"Wenn Ihr mich jetzt nicht errettet hättet, wäre ich bestimmt hier zu Tode gekommen."
Sie war eine gut aussehende Frau, und eine solche Züchtigung
erschien dem Mann ungerecht und grausam. Jedem Menschen von klarem
Verstand muss eine solche Strafe unmenschlich und unzulässig
vorkommen.
Die Frau sagte, sie habe einen Bruder. Ein armer Jäger, aber ein guter
Schütze; mit seinen Lehrburschen und anderen Jägern habe er
sich kürzlich zusammengetan und lebe mit ihnen in einem
unbewohnten Tempel etwa eine halbe Meile von hier. Dorthin wolle sie
zurückkehren. Wo der fremde Herr denn die Nacht verbringen wolle, fragte sie
weiter. Wenn er nach Ojiya ginge, gebe es dort kein Gasthaus, das ihn
aufnähme. Er könne aber mit ihr zu ihrem Bruder mitkommen,
wo ihm für seine Hilfe auch gebührender Dank zuteil
werde.
Sie versuchte aufzustehen, aber die Beine versagten ihr den Dienst. Sie
wankte und klammerte sich im Fallen an den Mann. Der sagte:
"Gut, ich trage dich bis dorthin."
Seine Gewandung war zwar von Wind und Regen zerzaust, aber er war jung und
kräftig, ein Samurai von wagemutigem Aussehen, der Funamushi mit
Leichtigkeit auf den Rücken nahm und, ihren mündlichen
Anweisungen folgend, den mondhellen Bergpfad mühelos eine halbe
Meile weit hinanstieg.
Als sie bald darauf den herrenlosen Tempel erreichten, ertönte aus
der einstigen Priesterwohnung der Lärm sakebezechter
Männer, obwohl die Nacht schon weit fortgeschritten war. Auf den
Ruf der Frau hin erschienen einige Burschen.
"Herr Bruder, mir ist etwas Übles zugestoßen!"
Der angesprochene vollbärtige Hüne machte ein erschrockenes Gesicht.
"Die Leute des Ishikameya haben mich dem Gericht
des Drachengottes unterzogen und in der Kôshinhalle
aufgehängt, aber dieser reisende Herr Samurai hat mich gerettet."
"Was, die vom Ishikameya?", brüllte der Bruder.
"Dies ist mein Bruder Shutenji", stellte Funamushi ihn vor.
Näheres würde sie später erzählen, sagte Funamushi.
"Geleitet den Herrn erst einmal zu den Tischen und setzt ihm Sake vor!"
Der Samurai wehrte ab, er wolle keinen Sake trinken; es sei
ausreichend, ihn eine Nachtruhe zu vergönnen. Über den
verfallenen Bohlengang führte Shutenji ihn in ein Gemach im Innern
des Tempels.
Shutenji war nicht Funamushis Bruder, sondern ihr Ehemann. Ein
Jäger und obendrein der Hauptmann einer Räuberbande.
Räuberhauptmann Shutenji, Funamushis derzeitiger Ehemann
Bei
Funamushi, die vor zwei Jahren zusammen mit Komiyama Ittôta aus
dem Dorf Akaiwa entkommen war, handelte es sich um ebenjene Frau, die
mehr als zwanzig Jahre zuvor, als Ittôta noch zweiter Burgvogt
des Hauses Chiba war und den ersten Burgvogt Aihara Tanenori mithilfe einer
Intrige erschlug, die Gelegenheit genutzt hatte, um die Schätze
des Fürstenhauses Chiba, die Bambusflöte Arashiyama und die berühmten Schwerter Ozasa und Rakuyô,
zu rauben. Dass Funamushi die weibliche Hälfte des Täterpaars war, wusste
Ittôta nicht. Ittôta wusste es nicht, aber Funamushi wusste
es. Aus Furcht, dass Komiyama Ittôta es irgendwann einmal
herausbekommen könnte, hatte sie ihn mit Sake betrunken gemacht
und dann das Weite gesucht. Von da aus kam sie in das Land Echigo, und
als sie im Herbst des vergangenen Jahres durch dieses Bergland kam,
traf sie auf die Räuber, wurde überfallen und ausgeraubt. Der
Räuberhauptmann Shutenji erlag jedoch Funamushis grenzenloser
Verführungskunst und behielt sie seitdem als Ehefrau bei sich.
Zwischendurch hatte sie zwar zeitweilig auch der Schwertmeister Ikkaku zur Gemahlin genommen, aber ursprünglich war sie schließlich die Frau eines Räubers in Musashi gewesen. Sie war eine
giftige Phaläne der Finsternis, und dies passte wohl trefflich zu
ihrem natürlichen Wesen. In Ojiya verkleidete sie sich als fahrende
Künstlerin und streifte durch die Dörfer der
Umgebung, betätigte sich als Masseuse und als Hure, hielt Ausschau
nach Häusern oder Reisenden, die nach Vermögen aussahen, und
meldete sie dem Shutenji. Das Räuberpaar, das vor einigen Tagen
den vom Stierkampffest zurückkehrenden Isokurô ermordet und
ausgeraubt hatte, waren Shutenji und Funamushi gewesen.
Selbstverständlich war es Funamushi, die Kobungo entdeckte, als er
zum Besuch des Stierkampffestes kam, und erschrak. Danach schlich sie
Kobungo nach, und das Verbrechen an Isokurô war nur dadurch zustande gekommen, weil sie hinter Kobungo her
gewesen war. Dort konnte sie sich nicht direkt an Kobungo rächen, aber
gestern war ihr unverhofft die einzigartige Gelegenheit in den Schoß gefallen,
Kobungo zu massieren und ihm den tödlichen Dolch in den
Rücken zu stoßen, aber das war letztendlich wie
beschrieben ausgegangen.
All das erzählte Funamushi gerade an der Feuerstelle der alten
Priesterwohnung dem Shutenji und seinen etwa zwanzig Kumpanen.
"....und
im Gasthaus Ishikameya haben sie uns wegen der Sache in der Schneegrube
im Verdacht und daher gewittert, dass wir uns nicht nur mit der Jagd
befassen!"
Die Aufregung, die alle erfasste, wiegelte Shutenji ab:
"Da braucht ihr euch keinen Kopp drum zu machen. Ich hab dafür
schon längst einen Riecher gehabt. Ich weiß auch was. Wir
hauen nach Kôzuke ab. Aber vorher zerdeppern wir den Ishikameya
und schlagen dabei auch deinen Todfeind Inuta Kobungo und alle anderen
tot. Kapiert?"
"Alles klar", brüllten die Räuber alle zusammen. Einige wollten schon aufspringen.
"Aber erst mal....", brummte Shutenji mit grimmiger Miene, sich zu dem
hinteren Raum umwendend. "Da ist uns jetzt einer hereingeschneit.
Hinter dem Raum, wo dieser Samurai -der pennt wohl schon-
sich hingelegt hat, liegen unsre Spieße und Musketen. Wir
kommen nicht dran, ohne da durchzugehen."
Die Schwerter der Räuber, ihre Spieße und Flinten waren aus
Furcht vor fremden Blicken im allerhintersten Raum gelagert.
"Ach, ein ärgerlicher Schnitzer!" Funamushi mit ihrer schwarzen
Katze auf dem Arm machte ein betretenes Gesicht. "Aber wenn ich diesen
Samurai nach Ojiya geschickt hätte, wäre er vermutlich im
Ishikameya abgestiegen. Und falls er da erzählt hätte, dass
er mich gerettet hat, wäre es ihm schwer an den Kragen gegangen.
Deshalb habe ich ihn hier hergebracht, aber das war ein Fehler."
"Na, dann sollten wir den auch gleich mit beseitigen", warf einer der Räuber ein.
"Langsam, langsam. Nichts übereilen. Immerhin hat er meiner Frau
das Leben gerettet", gab Shutenji zurück. "Dieser Samurai sieht mir
ziemlich kräftig aus. Wär es nicht viel besser, ihn auf unsre
Seite zu ziehen? Bei den Gegnern ist schließlich einer, der den
wilden Stier umgeworfen hat. Wenn wir einen Samurai dabei haben,
der uns notfalls raushaut, fühle ich mich stärker. Ich werd mit
ihm reden."
Er sah seine Leute reihum an.
"Wenn nichts dabei rauskommt, gebe ich euch mit den Augen einen Wink,
dann könnt ihr ihn erledigen", sagte er und stand auf.
"Heee, Herr Samurai!"
Der Samurai, der, zu solch einem fragwürdigen Tempel geführt,
mit seelenruhigem Gesicht schnarchte, richtete sich erst nach
mehrmaligem Rufen langsam auf.
"Tut mir leid, dass ich Euch zu einer dringenden Unterredung wecken musste, wo Ihr doch so tief geschlafen habt."
Shutenji und Funamushi traten herein.
"Ihr habt sicher schon vorhin von meiner Schwester gehört, was
ihr vom Wirt des Ishikameya angetan worden ist. Unschuldig wie
sie ist, wäre sie beinah draufgegangen. Als Mann mit Selbstachtung
kann ich dem Ishikameya das nicht ohne Vergeltung durchgehen lassen. Meine Freunde wollen mitmachen."
Funamushi ging derweil durch den Raum und betrat die Kammer
dahinter. Auch die Räuberkumpanen kamen hereingeströmt. Die
einen ließen sich rund um das Lager des Samurais nieder, andere folgten Funamushi in die hintere Kammer nach.
Funamushi mit ihrer schwarzen Katze im Kreis der Räuberbande (Scherenschnitt von Miyata Masayuki)
"Wir gehen jetzt nach Ojiya, um den Ishikameya zu demolieren, und
können Euch deshalb leider nicht weiter hier ruhen lassen."
"Aha."
"Es tut mir unendlich weh, dass wir, ohne Euch rechten
Dank abzustatten, in Eile aufbrechen müssen. Es ist zwar eine
Dreistigkeit, aber ich hätte eine Bitte. Wir alle haben
Musketen, weshalb wir eigentlich nichts zu fürchten haben, aber
bei denen ist ein Kerl wie ein Sumô-Ringer mit Namen Inuta Kobungo, ein wahnsinnig starker Schläger."
"Hmm."
"Mein Herr, Ihr seid sozusagen schon mit im Boot; seid so gut und steht uns als Helfer bei!", sagte Shutenji.
Der Samurai, dem ein solch anstößiges Begehren angetragen wurde, reagierte ohne Hast und fragte in aller Ruhe:
"Ich verstehe, worum es geht. Und wenn ihr damit fertig seid, was wollt ihr danach machen?"
"Höhöö... Danach... Wir haben Bekannte in Kôzuke,
und machen uns allesamt dorthin aus dem Staub. Wenn Ihr bei uns
mithelft, könnt Ihr entweder mitkommen oder Euch von uns trennen
und Eurer Wege ziehen, wie es Euch beliebt. Wenn Ihr einverstanden
seid, will ich Euch, pardon, 'als Vorauszahlung' ist nicht ganz der rechte
Ausdruck, jedenfalls ein tolles Schwert vermachen."
Funamushi kam mit zwei Schwertern aus der Kammer heraus. Sie nahm das eine und zog es vor dem Samurai heraus.
"Früher haben wir hier einmal einer Gruppe von hochstehenden
Leuten, die von einem Rudel Wölfe angegriffen wurden, mit unsren
Musketen aus der Patsche geholfen, und dafür haben sie uns zum Dank diese Schwerter gegeben. Die beiden Schwerter hier bilden ein Paar."
Der Samurai erkannte ihren Wert; seine Augen leuchteten.
"Das hier heißt Ozasa, der Schliff der Klinge sieht nämlich aus wie Sassagras im Schnee."
Es war ein Schwert, das Kennern die Seele aus dem Leib zieht.
"Das gebe ich Euch. Damit könnt Ihr so richtig draufhauen."
Der Samurai nickte. "Gut, ich stehe euch bei. Schon als ich die Aussage
Eurer Frau Schwester vernahm, empfand ich eine heftige Abneigung gegen
diesen Ishikameya; was es doch für verdorbene Leute in der
Welt gibt!"
"Danke! Also, nehmt das Ding hier!"
Es hatte den Anschein von Großzügigkeit, aber Shutenji hatte
vor, wenn die Leute im Ishikameya alle umgebracht wären, auch
diesen Samurai zu beseitigen und sich das Schwert wiederzuholen.
In der Zwischenzeit holten die Räuber aus dem hinteren
Raum nach und nach alle Schwerter, Spieße und Flinten heraus und
traten rauflustig ins Freie.
Die
Bande der mehr als zwanzig Räuber des Shutenji setzte vorsichtig,
um keinen Lärm zu machen, über den Fluss Chikumagawa ans
andere Ufer, und als sie vor dem Gasthaus Ishikameya in Ojiya
eintrafen, war es kurz vor Tagesanbruch.
Die Strategie des Shutenji sah vor, dass sieben Mann mit Musketen auf
der Straßenseite eine Reihe bildeten und auf das
Haus schossen. Gleich danach sollten die anderen in das Gasthaus
eindringen und zumindest Jidanda und Kobungo die Köpfe abschlagen.
Wenn das vollbracht war, sollten alle ins Freie herauskommen und zur
Abschreckung von Verfolgern eine weitere Salve von Schüssen
abgeben und anschließend blitzschnell die Flucht ergreifen.
An diese Strategie hielten sie sich.
"Feuer frei!", befahl Shutenji, aber als die sieben Schützen in
der ersten Reihe ihre Musketen anlegten, fielen ihre Köpfe alle
zugleich auf die Straße. Mit einem Streich färbte das Blut
von sieben abgeschlagenen Köpfen die Schwertklinge des fahrenden
Samurais, der, das von Shutenji erhaltene Schwert in der Hand
schwingend, laut rief:
"Herr Inuta Kobungo, eine Räuberbande ist zu Besuch gekommen, die es auf Euch abgesehen
hat. Kommt heraus, hier steht Euer brüderlicher Freund Inukawa Sôsuke!"
Dass Shutenji und seine Räuberkumpanen zunächst starr vor
Staunen standen, muss wohl nicht eigens erwähnt werden. In ihrer
Verwirrung kamen die anderen Räuber mit wahnsinniger Wut
auf Sôsuke eingestürmt und griffen ihn mit ihren Waffen
an. Im
Nu lagen drei, vier, fünf Angreifer erschlagen auf dem Boden, als
aus dem Gasthaus Ishikameya wie ein riesiger Wirbelsturm Inuta
Kobungo mit seinem großen Schwert herausgetänzelt kam.
Eigentlich hätte er noch an Schulter und Rücken
unerträgliche Schmerzen verspüren müssen, die seine
Bewegungen behinderten, aber ein richtiger Kampf war für seine
verhärteten Muskeln offenbar die allerbeste Medizin. In
kürzester Zeit lagen fast alle tot da. Gemeint ist natürlich die
Räuberbande, die den Überfall ausgeführt hatte.
Der fremde reisende Samurai: Hundekrieger Inukawa Sôsuke
Zwei Räuber waren verletzt und gefangen, mehr als zwanzig Leichen lagen verstreut umher, und während den Toten noch Ströme von Blut entquollen, fielen sich Inuta Kobungo und Inukawa Sôsuke mitten auf
der Straße in die Arme. Sie hatten sich nicht mehr gesehen, seit
sie sich vor vier Jahren am Berg Arameyama getrennt hatten.
Als erstes berichtete Sôsuke, wie er hierher gelangt war.
"Verdammt, ich habe dieses Weib befreit!", bedauerte er nun erstmals,
sich nach Funamushi umsehend. In der Tat war auch Funamushi mit ihrer
schwarzen Katze auf dem Arm zu dem Überfall mitgekommen, aber
unter den Erschlagenen lag sie nicht. Sie war nirgendwo zu sehen.
"Dieses Weib? Wen meinst du?"
"Diese Räuberbraut Funamushi."
Jetzt riss Kobungo verdattert die Augen auf.
Im Gasthaus Ishikameya tauschten sich Sôsuke und Kobungo erneut
über ihre Abenteuer aus. Sôsuke war zusammen mit Inuyama Dôsetsu
nach Isawa im Lande Kai gelangt. Von dort aus hatte er sich allein
wieder auf die Wanderung der Suche nach den anderen Gefährten
begeben und war vom Norden des Landes Echigo her nach Ojiya gekommen.
Als Kobungo von all den früheren Untaten der Funamushi berichtete, entfuhr Sôsuke ein bitteres Lachen.
"Verdammt nochmal, ich hätte dem Weib, das da in der Tempelhalle aufgehängt war, nicht helfen dürfen!"
"Aber dadurch bist du doch von ihr zu mir hergeführt worden",
entgegnete Kobungo und drückte seinem 'Bruder' noch einmal die
Hand.
④ Zum Tode verurteilt
Es
wurde Tag, die Gendarmen kamen. Dieses Gebiet unterstand dem
Fürsten Nagao Kageharu, und dessen Gendarmen waren aus der Festung im nahen Ort Katagai herbeigeeilt. Ihnen stand der
Gastwirt Jidanda Rede und erläuterte das Geschehene. Sofort wurde
das Räuberlager des Shutenji in dem verlassenen Tempel
durchsucht, und dort fand man die fünf Klafter Seidenkrepp, die
dem Isokurô vor einigen Tagen geraubt worden waren, und eine
Menge andere Waren, die sich eindeutig als Diebesgut identifizieren
ließen, weshalb der Vorfall als geklärt und erledigt galt.
Vom Amtssitz des Landvogts Inado Yorimitsu kam bald darauf ein Bote, der Jidanda
den Befehl überbrachte, die beiden gefangenen Räuber in die Festung von Katagai zu bringen;
überdies wünsche der Vogt die Samurai, die die
Räuberbande erledigt hatten, kennen zu lernen und sandte zwei
Sänften, um sie einzuladen. Die beiden wollten anderntags ins Land
Kai aufbrechen, wo in einem Tempel namens Shigetsuin der Priester Chudai und Amasaki
Jûichirô auf sie warteten, und lehnten den Wunsch höflich ab.
"Es handelt sich nicht um einen privaten Wunsch des Vogts,
sondern ist eine Anordnung von Hoheit Ebira Ôtoji, der
Mutter des derzeit abwesenden Landesfürsten, Herrn Nagao."
"Wir sind auf Reisen und haben keine formelle Bekleidung
für solche Besuche", wehrte Kobungo ab, aber der Sendbote
erwiderte:
"Herr Inado ahnte dies schon im Voraus und beauftragte mich, festliche Samuraigewandung für die Gäste mitzubringen."
Die höfliche, mehrfach wiederholte Bitte konnten die Hundekrieger
schwerlich länger ablehnen; sie zogen sich um und ließen
sich widerwillig in der Sänfte tragen, obwohl Sôsuke noch
einwand: "Als
Reisende sind wir es gewöhnt, zu Fuß zu gehen...."
Hinter den Sänften wurden die zwei überlebenden, gefesselten Räuber aus Shutenjis Bande mitgeführt.
In Katagai angekommen, stiegen die Gefährten aus und schritten auf den geräumigen Amtssitz zu. Am
Portal warteten Diener mit Leuchtern und geleiteten sie ins
Gästezimmer. Inado Yorimitsu empfing sie respektvoll und ließ
Sake und Zuspeisen auftragen. Als er zum Sakeschälchen griff, um,
wie sie meinten, mit ihnen anzustoßen, schleuderte er das
Gefäß von sich und rief:
"Auf sie, Leute!"
Die Schiebetür hinter den Hundekriegern wurde aufgerissen und
nahezu dreißig Bewaffnete stürzten sich von hinten mit
Seilen auf die beiden, die im Sitzen im engen Raum kaum Widerstand
leisten konnten, und fesselten sie.
"Das ist nicht ritterlich, Herr Inado", rief Sôsuke.
"So ein Überfall ist feige und eines Samurais unwürdig", ergänzte Kobungo. "Rechtfertigt Euch!"
Landvogt Inado Yorimitsu
"Ich bitte um Verzeihung für dieses gewaltsame Vorgehen, aber es
geschah auf Befehl der Fürstenmutter Ebira Ôtoji, die in
Abwesenheit des Fürsten an dessen Stelle die Domäne leitet.
Der
Landesfürst, Herr Nagao Kageharu, hat zwei Schwestern, deren eine ins Fürstenhaus Ôishi, jenes Oberbefehlshabers,
der über Ôtsuka in Musashi gebietet, und die andere ins
Fürstenhaus
Chiba, Herr der Burg Ishihama, ebenfalls in Musashi,
eingeheiratet hat. Von
ihren beiden Töchtern, den Schwestern des
Herrn Kageharu, weiß Hoheit Ebira Ôtoji über die Vorgänge in beiden Häusern Bescheid. Inukawa Sôsuke ist nämlich derjenige, der vor
fünf Jahren den Kommandanten des Herrn Ôishi, Herrn Higami
Kyûroku, umgebracht hat. Später habt Ihr unter Teilnahme des Inuta Kobungo den Richtplatz
gestürmt, Nurude Gobaiji, Higami Shahei und zahllose andere Vasallen des Hauses erschlagen. All dies ist der Fürstenmutter ebenso
wohlbekannt wie die Ermordung des Makuwari Daiki, Vogt des
Fürsten Chiba, an der Inuta Kobungo ebenfalls beteiligt war. Als ihre
Hoheit auf dem Untersuchungsprotokoll des Falles von Räuberhauptmann
Shutenji Eure Namen las, ordnete sie sofort an, diese Gewalttäter
nicht straflos davonkommen zu lassen. Inuta Kobungo solle an das Haus
Chiba, und Inukawa Sôsuke an das Haus Ôishi ausgeliefert werden. Wenn
ich Euch entkommen ließe, käme es mich teuer zu stehen.
Ich verteidigte Euch und beteuerte, dass Inukawa Sôsuke an Kommandeur
Higami nur den Mord an seinen Herrschaften vergolten habe, und die
Ermordung des verräterischen Vogts Makuwari Daiki das Werk der
Tänzerin Asakeno gewesen sei, in Wirklichkeit ein Sohn des
von Makuwari ums Leben gebrachten Vogts Aihara, der den Mord an seinem
Vater gerächt habe, während Inuta Kobungo schuldlos in
Makuwaris Anwesen festgehalten wurde. Ich betonte, dass es sich in
allen Fällen, ebenso wie die Beseitigung der Räuberbande des
Shutenji, um das tadellose Verhalten aufrechter Samurai gehandelt habe,
aber Hoheit Ebira Ôtoji schrie mich an:
'Was faselst du da, Yorimitsu! Du meinst wohl, du könntest mich belehren, bloß weil ich eine Frau bin?'
Ich konnte mir keine weiteren Widerworte leisten und führte gegen
mein Gewissen und im Bewusstsein, dass es Unrecht ist, ihren
Befehl aus, Euch unter dem Vorwand eines gastlichen Empfangs
festzunehmen. Weilte der Fürst persönlich in seiner
Domäne, wäre dies keinesfalls auf solch unritterliche
Weise
geschehen. Ich wäre zwar willens, weiß aber keinen
Ausweg, Euch aus dieser Bedrängnis zu helfen. Ich kann nur
mein Haupt vor Euch neigen und Euch darum ersuchen, es als eine
Fügung des
Schicksals anzusehen."
"Ich habe den Eindruck," wisperte Sôsuke zu Kobungo, "dass sich
diese starrsinnige Fürstenmutter auch im Unrecht nicht belehren lässt,
sondern härter als ein Mann auftreten will, während Herr
Inado die Tugenden Treue, Zuverlässigkeit und Gerechtigkeit besitzt. Seien
wir zum Sterben bereit und überlassen unser Geschick dem Urteil
des Himmels."
"Ganz recht. Ich wurde schon mehrfach mancher Verbrechen
bezichtigt, aber die einzigen Menschen, die sich auf die Seite der
Wahrheit stellten, sind Inuzaka Keno und Herr Inado. Unser einziger
Trost ist, durch die Hand eines Gerechten zu Tode zu kommen",
flüsterte Kobungo zurück.
"Wir haben Euer Dilemma verstanden", äußerten die Hundekrieger. "Wenn es uns nicht möglich ist,
unsere Unschuld darzulegen, werden wir gegen Euch keinen Groll hegen.
Ihr könnt uns ohne Furcht vor einem Fluch die Häupter abschlagen."
"Bitte sagt niemandem, dass ich im Herzen auf Eurer Seite stehe. Ich
will erst die weiteren Befehle abwarten. Diese Nacht werdet Ihr, Herr
Inuta und Herr Inukawa, in meinem Hause verbringen, und morgen bringt man Euch in den
Kerker. Leute, bewacht mir die Gefangenen gut!"
Anderntags ließ der Vogt die Hundekrieger in den Kerker sperren und
meldete der Fürstenmutter, dass die Übeltäter gefangen
seien. Ebira Ôtoji sprach:
"Eigentlich sollten wir sie an die Häuser Ôishi und Chiba
ausliefern, aber der Weg bis dort ist weit, und sie haben wohl
Gefährten, die sie unterwegs heraushauen könnten. Das
wäre eine Blamage für das Fürstenhaus. Es ist besser,
sie hier zu köpfen und nur die abgeschlagenen Häupter zu
senden."
Die Hinrichtung wurde auf Anfang des 6.Monats angesetzt; bis dahin blieben noch einige Wochen Zeit. Herr Inado sorgte dafür, dass die Gefangenen nicht ausgepeitscht wurden und gute Verpflegung bekamen,
aber kaum saßen sie im Kerker, erkrankten sie, bekamen heisere Kehlen und brachten kaum noch
ein verständliches Wort heraus. Keine Medizin wirkte, keine ärztliche Kunst heilte ihre Krankheit.
Fürstenmutter Ebira Ôtoji
Anfang des 6.Monats war es so weit. Fürstenmutter Ebira Ôtoji hatte ihre Töchter
benachrichtigt, dass die Verbrecher Inukawa Sôsuke und Inuta
Kobungo gefasst seien und heute enthauptet würden. Angehörige
der vor fünf Jahren am Richtplatz Gefallenen, Verwandte des Hauses Makuwari und zahlreiche Vasallen kamen, um
die Häupter der Hingerichteten zu sehen. Nach einer Weile wurde
die Rückkehr des Vogts Inado Yorimitsu gemeldet.
"Endlich. Hat ja lang gedauert!", äußerte Ebira Ôtoji. "Hast
du dem Inukawa und dem Inuta die Köpfe
abgeschlagen?"
"Jawohl, zu Befehl. Vor wenigen Augenblicken habe ich Inukawa
Sôsuke und Inuta Kobungo aus dem Kerker geholt
und enthaupten lassen. Ihre Häupter sind zur Ansicht
bereit."
Bedienstete trugen Behältnisse mit den abgeschlagenen Köpfen herbei.
"Ich selbst habe die Übeltäter nie gesehen", sprach die Fürstenmutter.
"Wer kann mir bestätigen, dass es ihre Häupter sind?"
Keiner der Gäste konnte sich nach so vielen Jahren mit Sicherheit
an das
Aussehen der Hundekrieger erinnern, aber Makuwari Haerokurô vom Hause Chiba, ein Angehöriger
des von der Tänzerin Asakeno erschlagenen Makuwari Daiki,
und Yoborota Kurogorô, der an der vorgesehenen Kreuzigung des
Inukawa Sôsuke beteiligt gewesen war, bestätigten, dass es
sich um die Köpfe der beiden Hundekrieger handle. Als Herr Inado
deren aus Ojiya
konfiszierte Ausrüstung vorlegte, fand sich im Besitz von
Sôsuke das
Schwert Ozasa,
das die
Fürstenmutter sofort erkannte, und Kobungo besaß jenes
Schwert, das einst der Kommandant Higami Kyûroku geführt
hatte und das nach dessen Tod in die Hand seines Bruders Shahei
gelangt war. Kobungo hatte es bei der Erstürmung des Richtplatzes
Kôshinzuka als Beute mitgenommen. Diese Schwerter waren der
endgültige Beweis dafür, dass es sich bei den abgeschlagenen
Häuptern tatsächlich um diejenigen der beiden Übeltäter handelte.
Gastwirt Jidanda von der Herberge Ishikameya hatte sich sehr gefreut, denn er
glaubte
tatsächlich, Inuta Kobungo und Inukawa Sôsuke seien als
Gäste in den
Amtssitz des Landvogts geladen worden. Als aber Amtsbüttel kamen,
um ihre
Reisetaschen zu beschlagnahmen, erfuhr er, dass die
beiden festgenommen und eingekerkert worden waren. Erschrocken
eilte er nach
Katagai, hörte sich um und erfuhr, dass sie wegen früherer
Vergehen gegen die Häuser Chiba und Ôishi hingerichtet
werden sollten. Er holte all sein Erspartes heraus, gab es seinem
Bruder Funazô und schickte ihn zur Festung Katagai, um durch
Bestechung
die Befreiung der Hundekrieger zu erreichen, aber die Gefolgsleute des
Landvogts waren wie ihr Herr ehrenhafte Samurai, die es rundweg
ablehnten, gegen Geld Gefälligkeiten zu erweisen. Nicht
einmal ein Besuch im Kerker wurde Jidanda oder seinem Bruder gestattet.
Damit waren alle Möglichkeiten erschöpft. Mit Bestürzung
und tiefer Trauer erfuhr Jidanda bald darauf, dass Kobungo und
Sôsuke hingerichtet worden waren und ihre Häupter an die
Häuser Chiba und Ôishi ausgeliefert werden sollten.
So glaubte er Gespenster zu sehen, als tief in der Nacht die beiden
totgeglaubten Hundekrieger vor ihm standen und ihm für seinen
mutigen und selbstlosen Einsatz dankten.
"Nein, wir sind keine Totengeister," lachte Sôsuke. "Aber Herr
Inado, der von unserer Rechtschaffenheit überzeugt war, hat uns in
der Nacht, bevor wir in den Kerker geworfen werden sollten, in seinem
Vorratsspeicher versteckt und an unserer Stelle die beiden gefangenen
Räuber aus Shutenjis Bande als Kobungo und Sôsuke
verkleidet in den Kerker werfen lassen. Zum Glück war der
eine groß und schwer, der andere kleiner und gedrungen, so
dass sie uns ein wenig ähnelten. Er gab ihnen mit Gift versetzten
Sake zu trinken, der ihnen die Kehlen verätzte, so dass sie nicht
mehr sprechen konnten, und ließ ihnen am Tag der Hinrichtung die
Köpfe abschlagen. Während dieser Wochen, die wir in seinem
Speicher versteckt lebten, versorgte er uns aufs Beste und bat um
Verzeihung, dass es leider notwendig gewesen sei, unsere Schwerter zu
konfiszieren. Er besorgte uns ausgezeichnete neue Schwerter und
betonte, dass er zwar gegen den Befehl von Ebira Ôtoji handle,
aber unrechtes Handeln seiner Herrschaft zu korrigieren sei die
wahre Treue eines lauteren Gefolgsmannes."
Kobungo ergänzte: "Herr Inado ist meiner Ansicht nach ein
ebensolcher Ehrenmann wie Ihr, Herr Jidanda. Nun werden die Köpfe der
zwei Räuber zu den Fürstenhäusern Chiba und Ôishi
gebracht, und wir sollten zusehen, dass wir morgen in aller Frühe
von hier verschwinden. Im Land
Kai warten im Tempel Shigetsuin der Priester Chudai und Amasaki
Jûichirô auf uns."
⑤ Mord an einem Bettler
Das
Diebesgut der Bande des
Shutenji war von den fürstlichen Amtsleuten beschlagnahmt und in
die Festung Katagai gebracht worden. Darunter befand sich auch
das Schwert, das der Leichnam des Shutenji in der Hand gehalten hatte.
Selbst dafür, dass es Diebesgut sein dürfte, war es einfach
zu wertvoll, weshalb sachkundige Amtsleute von Katagai es dem inzwischen zurückgekehrten Fürsten präsentierten. Nagao Kageharu sandte es seiner Mutter Ebira
Ôtoji. Als sie dieses Schwert erblickte, rief sie aus:
"Oh, ist das nicht das Schwert Rakuyô des Hauses Chiba?"
Ebira Ôtoji war auch schon mehrfach auf Burg
Ishihama zu Gast gewesen und hatte dort Gelegenheit gehabt, die beiden
berühmten
Schwerter, die Schätze des Hauses Chiba, zu bewundern.
"Es bildet zusammen mit dem Schwert Ozasa (Sassagras), dessen Klingenschliff Sassagras im Schnee gleicht, ein Paar. Und wenn man dieses Schwert Rakuyô (fallendes Laub)
herauszieht und schwingt, fällt das Laub der Bäume in der
Umgebung welk zu Boden", sprach Ebira Ôtoji. "Diese Schwerter sind dem Hause Chiba vor mehr als zwanzig Jahren aufgrund widriger
Umstände verloren gegangen. Sollte es sich bei
diesem nicht um das verlorene Schwert Rakuyô handeln? Ich erinnere mich gut daran. Wie kam es, dass dieser Räuberhauptmann es besaß?"
Sie konnte ja nicht wissen, wie es über Funamushi in Shutenjis
Hände gelangt war. Sie ließ einen Vasallen dieses Schwert im
Burggarten schwingen, aber kein Blatt fiel deswegen welk von den
Bäumen. Ebira Ôtoji bestand indes darauf, dieses Schwert
wiedererkannt zu haben.
Unter den Zeugen der Hinrichtung zu Anfang des 6.Monats befand sich auch ein Angehöriger
des von der Tänzerin Asakeno erschlagenen Makuwari Daiki, ein
hochrangiger Herr namens Makuwari Haerokurô vom Hause Chiba. Da er sich noch in Katagai aufhielt, befahl Ebira Ôtoji:
"Lasst es ihn zusammen mit dem Schwert Ozasa, das jener hingerichtete Inukawa Sôsuke führte, schnell zur Burg Ishihama bringen und
untersuchen, ob es sich um das echte Schwert Rakuyô handelt. Außerdem
soll er auch die Häupter der geköpften Verbrecher an die
Häuser Ôishi und Chiba überbringen."
Makuwari Haerokurô nahm also Schwerter und Häupter entgegen und brach in Eile nach Musashi auf.
Makuwari Haerokurô war ein Neffe des verräterischen Vasallen des
Fürstenhauses Chiba, des Makuwari Daiki. Der einfältige und
ahnungslose Fürst Chiba Yoritane hatte, nachdem Makuwari Daiki
mitsamt allen Vertrauten von der Dengaku-Tänzerin Asakeno
umgebracht worden war, eigens nach Angehörigen suchen lassen und
diesen Neffen Makuwari Haerokurô zu seinem höchstrangigen Berater berufen.
Leider
war der Mann total unfähig. Sein Auftrag konnte doch nicht
sonderlich eilig sein, befand er eigenmächtig. Es war Sommer; er hatte Lust, sich mit seinen fünf Gefolgsleuten
in den Bergen dieser Region zu ergehen und wählte im Lande Shinano
einen Umweg, um den Suwa-See zu besichtigen. Dass er dort den
Großschrein aufsuchte, mag in Ordnung gehen, aber als er am
Seeufer vor zwei nebeneinander stehenden armseligen Strohhütten
einen alten Bettler sitzen sah, der sich gerade entlauste, kam er auf
einen unsäglichen Gedanken. Er bekam nämlich Lust, den Alten
totzuschlagen, um an ihm das berühmte Schwert Rakuyô zu erproben, das ihm anvertraut
worden war.
Es war wohl ein Bettler, der mit den Almosen der Badegäste am Suwa-See und
der Besucher des berühmten Schreins sein Auskommen bestritt.
Überdies schien er lahm zu sein. In der Tat war er hier in
der Gegend unter dem Spitznamen 'Kamakura der Lahme' bekannt. Haerokurô sagte sich ohne Gefühlsregung, so ein Bettler taugt ohnehin zu nichts, wenn er am Leben bleibt; es kam ihm gelegen, dass der Tag seinem Ende entgegendämmerte und am Seeufer sonst kein Mensch zu sehen war.
Kamakura der Lahme am sandigen Seeufer
Er entnahm das Schwert dem Kasten aus Paulowniaholz, näherte
sich dem Bettler und sagte Worte, die seiner eigenen, verworrenen Logik
entsprachen:
"Ich habe hier ein berühmtes Schwert, das ich erst dann meinem
Herrn überreichen will, nachdem ich erprobt habe, ob es wirklich
etwas taugt. Ich erschlage dich also sozusagen als Treuepfand. Betrachte es als ehrenhafter, durch den Hieb eines berühmten
Schwertes dein Lebenslicht ausgehaucht zu bekommen als später
irgendwann einmal vor Hunger zu krepieren."
Dann schlug er den entsetzt aufschreienden alten Bettler, der noch
fortzukriechen versuchte, einfach tot. Daraufhin fielen, während
das Blut hoch aufspritzte, darein vermischt die Blätter der Birken
ringsumher wie Regen welk zu Boden.
So war das also mit dem Schwert Rakuyô! Nur wenn es tatsächlich einen Menschen tötete, fiel das Laub der Bäume welk zu Boden!
Ein anderer Bettler, der von drüben her gegangen kam, hatte den
Mord mit angesehen und beschleunigte nun wie beflügelt seine
Schritte. Makuwari Haerokurô bemerkte ihn nicht, sondern äußerte:
"Aha, dieses seltene Schwert ist also tatsächlich das berühmte Rakuyô!"
Auch seine Untergebenen betrachteten voller Ehrfurcht das Schwert, das im Licht der Abendsonne funkelte.
Die Umstände, die zum Verlust dieses Schwertes Rakuyô aus
dem Hause Chiba führten, waren eigentlich nicht gerade ein
sonderliches Ruhmesblatt auf der Ehre seines Onkels Makuwari Daiki
gewesen, aber davon hatte Haerokurô keine Ahnung.
"Wie, Rakuyô?", murmelte der andere Bettler, der bis auf wenige
Schritte herangekommen und nun stehen geblieben war. Er trug eine
Binsenmatte auf dem Rücken und ein Tuch um die Mundpartie; sein
Gesicht war schwarz mit Lehm beschmiert. Langsam trat er näher und
packte Haerokurô unvermittelt am Arm.
"Was tut Ihr?"
Haerokurô
wollte sich hastig losreißen, aber der Bettler nahm ihm einfach das
Schwert aus der Hand und besah es vom Stichblatt bis zur Spitze.
"Dreister Kerl, du Bettelstrolch, du wagst es, dich mit Makuwari Haerokurô, dem engsten Ratgeber des Fürstenhauses
Chiba....", schrie er wie von Sinnen und stand im Begriff, das Schwert
an seiner Seite zu ziehen.
"Oh, Makuwari vom Hause Chiba. Du gehörst also zur Sippschaft des Makuwari Daiki. Fahr zur Hölle wie eine Sommermücke ins Kerzenlicht fliegt, dem Daiki hinterdrein!"
Mit einem Hieb des Schwertes in seiner Hand schlug der Bettler den Haerokurô nieder. Mit blitzenden Zähnen in seinem lehmgeschwärzten Gesicht rief er:
"Hiermit habe ich den Mörder meines Gefährten 'Kamakura der Lahme' totgeschlagen!"
Die verblüfften Gefolgsleute zückten ihre Schwerter und
schlugen auf den Bettler ein, aber über den Köpfen der
heftig Fechtenden, von denen einer nach dem andern tot
niederstürzte, fiel das Laub der Birken ringsumher herab, welk wie von Wirbelstürmen zerzaust, obwohl es doch Hochsommer war.
Zwei Samurai mit tief ins Gesicht gezogenen Reisehüten, die von
der Gegenrichtung des Bettlers her nähergekommen waren und mit
langen Hälsen dieses Schattengefecht im Dämmerlicht des
Seeufers und das niederregnende Laub gesehen hatten, kamen nun wie der
Wind gelaufen, und einer von ihnen rief im Laufen: "Haltet ein!", aber
da hatte der Bettler bereits alle Männer des Haerokurô
erschlagen und eilte flink wie ein Vogel auf das Ufer des dunkelnden
Sees zu.
Im Wissen, dass sie mit der Schnelligkeit des Fliehenden nicht
mitkämen, zog einer der beiden Reisenden mit Hut von seinem Hals
eine Art von Leine heraus, riss sie los und warf sie dem
Flüchtenden nach. Sie wickelte sich genau um dessen rechten
Ellenbogen.
"Aaaah!"
Unwillkürlich ließ der Bettler das Schwert, das er in der Hand hielt, fallen, taumelte nach rechts und stürzte ins aufspritzende
Wasser. Der Reisende mit Hut stürmte ihm hinterdrein und
verstellte dem Mann, der sich aus dem Wasser aufrappelte, mit
gezücktem Schwert den Weg.
"Verdächtiger Kerl, wer bist du?"
"Was willst du? Komm doch her!", war die nicht minder verwegene Antwort
des Bettlers, der im Wasser stand und beide Arme weit ausgebreitet
hatte. Der schwarze Lehm im Gesicht und das um die Mundpartie
geschlungene Tuch waren vom Wasser fortgeschwemmt worden. Im Abendlicht
kam ein überraschend hübsches Gesicht zum Vorschein.
"Oooh, bist du nicht Asakeno?", rief der zweite, kräftig gebaute Mann mit Binsenhut, der ihnen nachgekommen war.
Der 'Bettler' schaute mit verwundertem Gesicht zu ihm her und fragte:
"Wer bist du, dass du mich kennst?"
"Inuta Kobungo doch!" Er nahm den Hut ab und rief:
"Sôsuke, halt! Das ist eine gute Bekannte, eine Dame mit Namen Asakeno!"
"Wie, eine Frau?"
Sôsuke machte große Augen und sah sich den
'Bettler' näher an. Sein Gesicht, so hübsch, wie es selbst
bei einer Frau nicht häufig vorkommt, setzte ein bitteres
Lächeln auf.
"Hör auf mit Asakeno! Ich bin ein Mann und heiße Inuzaka Keno."
"Ah, Inuzaka Keno! Euren Namen, Herr Keno, habe ich von Kobungo
gehört", rief Sôsuke, der sich flink auf dem Boden
umsah und aus dem Sand einen kleinen Gegenstand aufklaubte. Es war der
Amulettbeutel, den er vorhin mitsamt der Leine dem Bettler nachgeworfen hatte. Er
öffnete ihn, um nachzusehen, ob sein Inhalt noch heil war. Als Keno
die Kristallkugel erblickte, fragte er mit geweiteten Augen:
"Was hat es damit auf sich? Ich besitze eine ebensolche Kugel!"
Er kramte irgendwoher aus seinen Kleidern eine kristallne Kugel hervor.
Kobungo nahm sie in die Hand, hielt sie gegen die noch helle Wasserfläche des Sees und rief:
"CHI!"
"Dann.... Dann bist du.... Dann bist du also...."
Kobungo brachte vor Verblüffung kaum einen Ton heraus.
Kenos Tugend ist CHI (Klugheit) - er verfügt über zahllose Fertigkeiten und weiß sie geschickt einzusetzen
"Keno, sag mal, hast du nicht irgendwo am Körper ein Muttermal in der Form einer Päonienblüte?"
"Ein Muttermal? Nicht dass ich wüsste..."
Er hielt sich dabei den rechten Ellenbogen, der ihm noch wehtat, krempelte den Ärmel hoch, streckte den Arm aus und rief:
"Jaaa, hier hat sich ein Mal gebildet!"
Kobungo und Sôsuke schauten es sich an.
"Oh, das Päonienmal!", seufzten sie.
Schließlich blickte Kobungo Keno fest an und atmete vor Rührung fest durch.
"Ihr seid ein Hundekrieger. Ich bin früher von Euch gerettet
worden. Das hat unsre Beziehung als Hundekrieger bewirkt...."
"Was ist ein Hundekrieger?"
"Wir sind alle durch ein Schicksal aus einer früheren Existenz
miteinander verbrüderte Hundekrieger", wiederholte Sôsuke
und blickte zurück, wo der von Keno erschlagene Makuwari und
seine Gefolgsleute lagen.
"Da hinten gibt es einen großen Auflauf. Wir reden lieber dort drüben miteinander."
Er wies mit der Hand auf den Waldsaum, der in einiger Entfernung vom Seeufer begann.
Hundekrieger Inuzaka Keno zeigt seine Kristallkugel
⑥ Die Hundekrieger sind vollzählig
Die
drei Gefährten ließen sich bald darauf in dem dunklen,
dufterfüllten Wäldchen auf einem umgestürzten Baumstamm
nieder und begannen, verborgen im Schatten der Bäume, mit Blick
auf das noch ein wenig schimmernde Wasser des Sees, einander alles zu
erzählen.
Zuerst erläuterte Kobungo, was es mit den Kristallkugeln, dem
Päonienmal und den Hundekriegern auf sich hatte, und was ihm nach
der Trennung von Keno widerfahren war. Danach berichtete Sôsuke
von sich und den anderen nunmehr bekannten Hundekriegern.
"Das steckt also dahinter! Meine Kristallkugel....", begann Keno
seinen Bericht. "In der Nacht, als ich in den Bergen von Ashigara
zur Welt kam, soll sie vom Himmel herabgefallen sein und das Dach
unsres Hauses durchschlagen haben. Den Worten meiner Mutter zufolge
wurden hinterher, als man nachschaute, am Dach und im Haus noch
Bruchstücke wie von Eisen gefunden, und alle glaubten, es handle
sich wohl um eine Art von, wie man heutzutage sagt, Meteorit."
Er blickte dabei seine Kugel mit dem Schriftzeichen CHI unverwandt an.
Vor drei Jahren, als er von Kobungo getrennt wurde, habe er den
entführten Kahn nicht anhalten können. Erst in Haneda hatte er angelegt und war in seine Heimat
Ashigara zurückgekehrt. Ein Jahr lang hatte er dort mit Affen
und Wildschweinen als Gegner den Schwertkampf geübt, aber dann war
er wieder aufgebrochen und hatte sich auf Wanderschaft durch die Lande
gemacht. Er wollte den Komiyama Ittôta aufspüren, der seinen
Vater erschlagen hatte.
Hundekrieger Inuzaka Keno im Manga
Auf seinen Reisen hatte er zufällig gehört, dass es hier, in
der Nähe des Suwa-Sees, einen Weiler mit Namen Komiyama gebe, und
sich aufs Geratewohl hierher begeben. Seine Nachforschungen ergaben,
dass es sich tatsächlich um die ursprüngliche Heimat des
Ittôta handelte und dass er alle paar Jahre zu Besuch käme. Deshalb
hatte Keno sich als Bettler verkleidet hier niedergelassen, um auf den
Tag zu warten, an dem er Ittôta begegnen würde.
"Von den Leuten bekam ich den Spitznamen 'Sagami Kozô' (der Kleine aus Sagami) angehängt.
Da unten stehen doch zwei Bettlerhütten. Die eine
gehörte dem alten Mann, den sie 'Kamakura der Lahme'
nannten, der vorhin umgebracht wurde. Die andere ist meine
Wohnung", sagte Keno,
kurz auflachend.
"Der Bursche, der wider Recht und Gesetz meinen Freund 'Kamakura der Lahme'
totgeschlagen hat, hatte ein wundervolles Schwert; ich habe
ihn sagen hören, es heiße Rakuyô,
und weil ich wusste, dass er zu der Sippschaft des Hauses
Makuwari gehörte, habe ich ihn dafür bestraft", erzählte
Keno, das aus dem See geborgene Schwert auf seinen Knien trocken
reibend.
"Wie dem auch sei, die Schwerter Rakuyô und Ozasa
sind die Gaben, die mein Vater dem Fürsten in Koga
überreichen sollte, die aber auf dem Weg, als mein Vater ermordet
wurde, geraubt worden waren."
"Was sagst du, Ozasa?", fragte
Sôsuke erstaunt und nahm sein Schwert samt Scheide von der
Hüfte ab. Als er kürzlich dieses Schwert durch den
Räuberhauptmann Shutenji ausgehändigt bekam, hatte Shutenji
stolz dessen Namen Ozasa
genannt, das hatte Sôsuke noch im Ohr. Und nun hatte er es in dem
Kasten, den der erschlagene Haerokurô mitgeführt hatte,
wiedergefunden. Darin lagen auch die zwei bereits stark verwesten
Köpfe der Räuber, die in der Festung Katagai enthauptet
worden waren; die Hundekrieger hatten sie in den See geworfen.
Kobungo entzündete mit seinem Flintstein ein Papiertüchlein.
Im Schein der auflodernden Flamme besah sich Keno die Klinge.
"Ich habe gehört, dass der
Schliff der Klinge wie Sassagras im Schnee aussehe und das Schwert
daher diesen Namen trage. Dieser Schliff hier sieht tatsächlich so aus!",
rief er.
Sôsuke berichtete, dass er dieses Schwert vor dem Überfall
auf das Gasthaus Ishikameya von dem Räuberhauptmann Shutenji
bekommen habe. Nach einer Weile Nachdenkens fiel ihm ein, dass Shutenji
ihm in der Tat noch ein zweites Schwert gezeigt und gesagt hatte, beide
Schwerter gehörten zusammen, und das andere heiße Rakuyô. Es musste sich also wirklich um Ozasa handeln.
Daraufhin stellte Kobungo Vermutungen darüber an, dass das Schwert
aus Shutenjis Beute in die Hand der Gendarmen von Katagai gefallen und
von da aus irgendwie zu dem Samurai Makuwari des Hauses Chiba
gelangt sein müsse, aber Näheres darüber wusste
natürlich keiner, geschweige denn darüber, weshalb sich diese
beiden Schwerter im Besitz einer Räuberbande in Echigo befunden hatten.
Das überstieg ihre Vorstellungskraft.
"Dann gehört das also Euch", lachte Sôsuke und wollte Keno das Schwert übergeben, aber Keno wies es zurück.
"Wir sind durch das Schicksal brüderlich miteinander verbunden; ob
Ihr es habt oder ich, das ist dasselbe. Außerdem habe ich
schon das Schwert Rakuyô. Aber was ich am liebsten hätte,
das ist der abgeschlagene Kopf des Mörders Komiyama
Ittôta."
Am Ende sagte Sôsuke, dass im Tempel Shigetsuin bei Isawa im
Lande Kai ihr Betreuer, der Priester Chudai, der die Kristallkugeln
sucht, auf sie warte und dass Kobungo und er sich auf dem Weg dorthin
befänden. Er forderte Keno auf, mit ihnen zu ziehen. Keno war im
Prinzip zwar einverstanden, aber er wollte unbedingt erst den
Ittôta erschlagen. Daraufhin meinten Sôsuke und Kobungo,
dann wäre es ungewiss, wann Keno zu Chudai käme. Sie schlugen
vor, erst einmal so schnell wie möglich zum Shigetsuin zu ziehen;
danach würden ihm alle Hundekrieger gemeinsam im Kampf gegen seinen Feind beistehen.
Am Ende war Keno überredet, und zu dritt zogen sie weiter auf der Landstraße durch Shinano, aber als sie zwanzig Meilen vor
Isawa in einem Gasthof in Aoyagi an der Grenze zum Lande Kai
übernachteten, war Keno am andern Morgen unversehens spurlos
verschwunden. Auf der Papiertür stand, mit Holzkohle geschrieben,
zu lesen:
Vertrauend auf den Tag
des Wiedersehns in Kai
scheiden die Gewässer,
die von den Bergen strömen,
am Weg von Shinano.
Wie
dem auch sei, sämtliche acht Hundekrieger waren nun erkannt,
wenngleich noch nicht alle einander persönlich begegnet waren. Und
zwar
Inuzuka Shino, der die Kristallkugel mit dem KÔ (Gehorsam) besaß,
Inukawa Sôsuke, der die Kristallkugel mit dem GI (Gerechtigkeit) besaß,
Inuyama Dôsetsu, der die Kristallkugel mit dem CHÛ (Treue) besaß,
Inukai Genpachi, der die Kristallkugel mit dem SHIN (Vertrauen) besaß,
Inuta Kobungo, der die Kristallkugel mit dem TEI (Brüderlichkeit) besaß,
Inumura Daikaku, der die Kristallkugel mit dem REI (Anstand) besaß,
Inuzaka Keno, der die Kristallkugel mit dem CHI (Klugheit) besaß, und
Inue Shinbei, der die Kristallkugel mit dem NIN (Menschlichkeit) besaß.
Für das Verständnis des Textes ist dieser weinrote Einschub nicht wichtig.
Hier soll aber gezeigt werden, wie der Autor Bakin im Japanischen auch
mit den Schriftzeichen spielt. Die Namen der Hundekrieger bestehen aus
Familiennamen, Kriegernamen und persönlichem Namen, der in dieser
Version von Yamada allerdings weggelassen wurde. Alle
persönlichen Namen enthalten das Schriftzeichen, das in der
Kristallkugel enthalten ist, aber in einer veränderten Aussprache, die für Eigennamen verwendet wird.
Shino (Kô 孝) heißt Moritaka 戌孝, Sôsuke (Gi 義) heißt Yoshitô 義任, Dôsetsu (Chû 忠) heißt Tadatomo 忠與, Genpachi (Shin 信) heißt Nobumichi 信道, Kobungo (Tei 悌) heißt Yasunori 悌順, Daikaku (Rei 礼) heißt Masanori 礼儀, Keno (Chi 智) heißt Tanetomo 胤智, und Shinbei (Nin 仁) heißt Masashi 仁. Somit ist der vollständige Name z.B. von Shino "Inuzuka Shino Moritaka".
|
Allerdings war der letzte, Inue Shinbei, obwohl bereits aufgetaucht,
durch das Geisterpferd Seigaiha vermutlich in eine unbekannte, fremde
Welt entführt worden. Und selbst wenn er unversehens erschiene,
wäre er doch noch immer ein Kind von weniger als zehn Jahren.
⑦ Im Anwesen von Hokita
Im Herbst desselben 14.Jahres Bunmei (1482), in dem sich Inuzaka Keno auf der Straße durch Shinano von Inukawa Sôsuke und Inuta Kobungo getrennt hatte, zogen Inukai Genpachi und Inumura Daikaku auf Wegen des Landes Musashi dahin. Um die schon bekannten und noch
unbekannten Hundekrieger zu finden, setzten sie ihre Wanderung von der
Landstraße Tôkaidô aus rings durch die Lande von
Ostjapan fort; sie hielten sich einmal hier ein halbes Jahr, dann
wieder dort drei Monate lang auf, und jetzt schritten sie über die
Felder in der Nähe von Senju, um nach Gyôtoku im
Lande Shimôsa zu gelangen, das Genpachi gut kannte.
Der Abend war schon nahe, weshalb sie den Fluss Sumidagawa am andern
Morgen überqueren und sich für die Nacht eine Herberge
irgendwo in der Nähe suchen wollten. Während sie einem Dorf
am Ende der Wiese zustrebten, setzte aus dem dunkel bewölkten
Himmel ein herbstlicher Schauer ein.
"Beeilen wir uns!"
Erst begann Genpachi, dann auch Daikaku in Richtung des Ortes in
den Laufschritt überzugehen. Da kam ihnen ein Mann mit einem Tuch
um die Mundpartie auf dem
Feldweg entgegengerannt. Als sie aneinander vorüberliefen,
löste sich das Bündel Reisegepäck, das Daikaku
schräg auf dem Rücken trug, und fiel auf den Weg. Einige
Schritte lief Daikaku noch weiter, dann blieb er stehen und sah sich
um. Der Mann hob gerade das Bündel vom Boden auf. Daikaku meinte,
er höbe es für ihn auf, aber als sich ihre Blicke trafen,
schlug sich der junge Mann mit Daikakus Bündel stracks
seitlich ins Gebüsch und eilte davon.
"Halt!", rief Daikaku und rannte ihm gleich nach. Genpachi, der dies
gewahrte, kam sofort zurückgelaufen und nahm ebenfalls die
Verfolgung auf.
"Ein Dieb?"
"Scheint so."
"So ein Gauner!"
Zornig liefen die beiden hinterher, aber der Dieb war schnell. Hinein
in das zur Seite schlagende, wogende Gestrüpp, sie verloren ihn
beinahe aus den Augen. Auf einem Damm, der sich weiter vorne erhob, war
noch eine
Gestalt zu sehen. Neben sich hatte der Mann eine Art Kiepe stehen. Der
Dieb hier im Gras rief ihm irgendetwas zu, woraufhin der Mann auf dem
Damm hastig die Kiepe schultern wollte. Als er aber die zwei
verfolgenden
Krieger erblickte, setzte er sie sofort wieder ab. Von oben hörte
man ihn brüllen:
"Was ist mit dir?"
"Dieses Reisegepäck, ich hab es mir schnell gegriffen..."
"Du Dummkopf!"
"Jetzt hilf mir doch!"
Unter solchem Wortwechsel kletterte der Dieb den Damm hinauf. Und hinter ihm Daikaku und Genpachi.
Der fliehende Dieb sah mehr wie ein streunender Strolch aus, aber der
Mann, der ihn oben erwartete, war ein großgewachsener Mensch in
einem ausgebleichten formellen Gewand mit Wappen, wenn auch der eine
Ärmel zerschlissen war und der rechte Ärmel gänzlich
fehlte. Er schien ein heruntergekommener Samurai zu sein. Er erhob
einen Knüppel, den er in der Hand hielt, und wollte damit auf
Genpachi eindreschen. Genpachi wich ihm geschickt aus und packte ihn am
Arm, ohne auch nur das Schwert zu ziehen. Der andere, der Dieb,
stürzte auf Daikaku los.
Nach einem sehr kurzen Kampf waren die beiden Männer zu Boden
geschlagen, aber als Genpachi und Daikaku sie festhalten wollten,
sprangen sie in irrer Todesangst auf, rannten den Damm hinunter,
platschten in den Fluss hinein und schwammen davon wie
Wassermänner.
"Mein Gepäck habe ich wieder, aber einen Ärmel haben sie
mir abgerissen", sagte Daikaku mit bitterem Lächeln, während
sie den Fliehenden nachschauten. Sein rechter Arm war von der Schulter
an entblößt.
"Aber was ist hier drin?", fragte Genpachi mit Blick auf die stehen
gelassene Kiepe. Weil der Verschluss abgebrochen war, öffnete er
den Deckel und blickte hinein. Wegen des Regens verschloss er ihn
gleich wieder, aber er hatte darin die Ausrüstung eines Kriegers
erblickt; einen Offiziersmantel, einen Kürass, gepanzerte Handschuhe,
Ledergamaschen und dergleichen.
"Das haben diese Halunken sicher irgendwo gestohlen", meinte Daikaku.
"Einer hat es bis hierhin geschleppt und dann gewartet, bis sein Kumpan
nachkam. Oder der andre ist von hier fortgelaufen, um zu sehen, ob die Luft rein ist, und beim Vorüberrennen hat er mir das Bündel weggenommen und ist damit davongerannt."
"Vermutlich wird es so sein. Eine üble Sache für die zwei",
lachte diesmal Genpachi bitter. "Aber gestohlen haben sie es vermutlich
aus einem der Häuser des Weilers da vorn. Der Inhalt ist ja eher
ungewöhnlich. Sicher ist es irgendwem sehr wichtig. Wir wollten
ohnehin dort hingehen. Wir nehmen es am besten mit und geben es da
zurück."
Genpachi lud sich die Kiepe auf den Rücken. Der Regenschauer war
vorbei. Die beiden stiegen den Damm hinab, schlugen sich wieder
durch das Gebüsch und kamen zu ihrem früheren Weg
zurück. Da sahen sie, wie aus der Richtung jenes Dorfs mehrere
Dutzend Männer herbeigelaufen kamen. In den Händen hielten
sie Sicheln, Spaten, Knüppel und derlei, einige hatten auch
Schwerter und Spieße. Als sie die zwei Hundekrieger erblickten,
schrien sie:
"Heee, da sind sie!"
"Das Diebesgesindel mit der Kiepe sind die da!"
Als die Männer wütend hergelaufen kamen, erschraken die beiden Gefährten.
Kiepen aus Binsengeflecht, mitunter durch Holzrahmen verstärkt oder durch Lackierung gegen Regen geschützt,
mit und ohne Deckel, gab es in allen erdenklichen Größen und Formen
"Nein, wir sind doch nicht die Diebe! Wir haben die Kiepe gefunden und nur eigens aufgesetzt, um sie euch zurückzubringen!"
So riefen sie zwar, aber dabei wurden sie schnell von den Leuten
umringt. Es waren zwar Dorfbewohner, aber keine gewöhnlichen Bauern.
Nicht nur, weil sie Schwerter und Spieße trugen, sondern von
ihren kampfbereiten Gesichtern war das für die beiden intuitiv
spürbar.
Ihr Versuch, dieses merkwürdige Geschehnis zu erklären, wurde von der wütenden Schar abrupt unterbrochen.
Genpachi setzte erst mal die Kiepe auf die Erde.
"Eine lästige Sache. Wir machen ein bisschen Rabatz und dann verschwinden wir", flüsterte er Daikaku zu.
"Aber es geht nicht an, die Dorfleute totzuschlagen. Wir dürfen nur
mit dem Schwertrücken zuschlagen", wisperte Daikaku
zurück.
Das Geflüster bemerkten die Bauern sehr wohl.
"Passt auf, dass sie nicht entkommen!"
"Gebt ihnen Saures!", brüllten die Leute aus dem Dorf.
Daraufhin trat ein Alter aus der Schar hervor und rief ihnen zu: "Halt, wartet!"
Er trug schwarze Gewandung, hatte silbergraue Haare, ein rosiges
Gesicht, und kein einziger Zahn fehlte ihm. Kurzum, er war ein
würdevoller alter Herr.
"Ihr jungen Leute, ihr seht mir aus wie Samurai. Wenn ihr
Ehrgefühl besitzt, dann sträubt euch nicht und redet euch
nicht heraus, sondern lasst euch widerstandslos fesseln und folgt mir
in mein Haus. Ich bin der Herr des hiesigen Lehens Hokita und
heiße Higaki Natsuyuki. Wenn ihr folgsam seid, will ich euch
behilflich sein und euch eventuell sogar ein Wegegeld geben."
"Du Dummbeutel, was schwatzt du so anmaßend?", polterte Genpachi.
"Ihr beschuldigt uns zu Unrecht. Ich habe doch gerade eben gesagt, dass
ihr die Falschen erwischt habt!"
"Was soll das heißen, 'zu Unrecht', 'die Falschen erwischt'?",
knurrte der Alte und sagte etwas zu dem Dörfler hinter ihm. Der zog
irgendetwas aus seiner Brusttasche und gab es dem Alten.
"Sag mal, Samurai, wo hast du denn deinen einen Ärmel gelassen?"
Er schwenkte den Stofffetzen, der er in der Hand hielt. "Den habe ich nämlich hier."
Es war ein schwarzer Gewandärmel mit Wappen.
"Heute wollte ich meinen Erdspeicher renovieren und habe dessen Inhalt
im Garten gelagert. Weil während der Arbeiten dummerweise ein
Regenschauer kam, sind wir alle ins Haus hineingeflüchtet. In
dieser
kurzen Zeit hat mir irgendwer diese Kiepe gestohlen. Aber die Diebe
waren auch in Hast; als sie mit der Kiepe auf dem Rücken
davonliefen, blieb dieser Ärmel an der Dornenhecke hängen, die sie
durchbrochen hatten. Wie ich sehe, fehlt an deinem Gewand
ein Ärmel!"
Er wies auf Daikakus entblößten Arm.
"Es ist zwar unbegründet, aber es dürfte schwer sein, das plausibel zu erklären, Genpachi."
"Gut, dann ergreifen wir die Flucht!", wisperten die beiden. Sie zogen
drohend die Schwerter und taten so, als ob sie den alten Herrn
attackieren wollten, liefen dann aber sofort nach hinten davon. Sieben
oder acht Bauern, die Hiebe von den Schwertrücken abbekamen,
wurden umgeworfen. Den fortrennenden Gefährten eilten die
Dorfleute wie ein schwarzer Wirbelwind hinterdrein.
Nach einigen hundert Metern Verfolgungsrennen erreichten die
Hundekrieger die Flussaue von Senju. Damals existierte
natürlich die Brücke von Senju noch nicht. Aber hinter dem
Uferschilf war ein kleiner Kahn zu sehen, auf den Genpachi und Daikaku
zuliefen.
"Heee, in dem Schiff, wartet! Nehmt uns bitte mit!"
In dem Kahn waren zwei Männer, die zwar herüberschauten, aber
einer ergriff schleunigst das Ruder und fuhr das Schifflein vom Ufer
weg. Und als sie weit genug entfernt waren, streckte der andere Mann
ihnen die Zunge raus.
"Aaah! Diese Kerle!"
Die beiden Gefährten waren verdutzt. Der Kerl, der ihnen die
Zunge herausgestreckt hatte, war nämlich einer der beiden Kiepenräuber,
und zwar derjenige, dem ein Ärmel fehlte. Und der andere, der das
Ruder führte, war sein Kumpan. Weshalb trieben sie sich noch immer
hier in dieser Gegend herum?
Was sie von dem Begehren von Genpachi und Daikaku hielten, zeigten sie
durch ihr schallendes Lachen, das die Zähne sehen ließ, während
ihr Boot sich weiter entfernte.
Die verfolgenden Dörfler waren schon nahe. Genpachi und Daikaku
standen mit blank gezogenen Schwertern wie Niô-Statuen mit dem
Rücken zum Fluss am Ufer. Es widerstrebte zwar ihrer Absicht, aber
sie waren darauf gefasst, dass es nun nicht mehr ohne
Blutvergießen abginge, um zu entrinnen.
Was an der Disco der
Rausschmeißer ist, sind in den Tempeltoren die Niô-Statuen,
die immer zu zweit Japans Heiligtümer bewachen.
Jeder Dämon wird es sich zweimal überlegen, ob er Ärger mit den Niô riskiert.
Da ertönte ein lauter Ruf von hinten. Durch die Schar bahnten sich
zehn Bogenschützen den Weg nach vorn, stellten sich in einer Reihe
nebeneinander und legten ihre Pfeile auf Genpachi und Daikaku an.
"Halt!", schrie der Alte von vorhin wie ein Vogel Greiff und kam
schon wieder hervorgelaufen. Er reckte verwundert den Hals in Richtung
Genpachi und Daikaku aus --- nein, genauer gesagt, er schaute hinter
den beiden auf den Fluss.
Genpachi drehte sich um und rief "Oooh!"
Über den hell schimmernden Fluss kam der Kahn nämlich zurückgefahren. Das Ruder führte Inuyama Dôsetsu. Neben ihm stand Inuzuka Shino, und zu ihren Füßen lagen die beiden Diebe. Das Boot legte direkt am Ufer an.
"Genpachi, was ist denn da los?!", rief Dôsetsu.
"Die Begrüßung später. Bring erst mal diese zwei
Burschen her", erwiderte Genpachi, worauf Shino die zwei Diebe hochzog
und einen nach dem andern wie Bälle aufs Ufer hinaufwarf. Sie waren
vielleicht bewusstlos gewesen, aber durch den Aufprall kamen sie zu
sich und wälzten sich stöhnend am Boden.
Daikaku hielt sie mit dem Fuß nieder, und Genpachi rief:
"Heda, Alter, mach die Augen auf und sieh dir die Kerle gut an. Das sind deine Kiepenräuber!"
"Dem einen fehlt der Ärmel. Frag ihn, wo er ihn gelassen hat",
ergänzte Daikaku, schnappte die Diebe und warf sie der Schar der
Bauern zu. Die Dorfleute umringten die Kerle erregt und schrien
lauthals durcheinander.
Genpachi und Daikaku kümmerten sich nicht darum. Genpachi hatte
nicht einmal Zeit, seine Freude über das Wiedersehen seit der
Trennung am Berg Arameyama zu äußern; er berichtete kurz,
was ihnen heute zugestoßen war, und fragte dann:
"Wie kommt ihr denn hierher?"
Dôsetsu und Shino waren, nachdem sie Fräulein Hamaji von Kai
aus bis hierher geleitet hatten, am Fluss Sumidagawa unterwegs, als sie
in dem Gefilde von Musashi von dem Herbstregenschauer überrascht
wurden. Sie suchten auf dem hier angebundenen Kahn Schutz vor dem
Regen. Und während sie einnickten, betraten auf einmal zwei
Männer das Schiff und ruderten davon. Durch die Latten
spähend, sahen die Gefährten, dass der Mann, der dem Kahn vom Ufer aus
nachschrie, Inukai Genpachi war. Deshalb überwältigten sie
die beiden Männer und kamen zurückgerudert.
"Aber viel wichtiger...", fiel es Genpachi ein. "Inuzuka Shino! Schau, mein
Gefährte ist einer unserer 'Brüder', den ich in Kôzuke
gefunden habe, Inumura Daikaku!"
Inumura Daikaku und seine Kristallkugel mit dem Schriftzeichen REI (Anstand)
Schon vorher hatten sich Shino und Daikaku verwundert angesehen, und jetzt plötzlich liefen sie auf einander zu.
"Oooh, Akaiwa Kakutarô!" --- "Und du bist doch Shino?", riefen sie und fielen sich in die Arme.
Es war für beide ein Wiedersehen nach dreizehn Jahren, seit dem
Frühjahr des 2.Jahres Bunmei (1470), als die beiden
elfjährigen Freunde Shino und Kakutarô in dem Weiler
Ôtsuka auf dem mit verwehten Pfirsichblüten besprenkelten
Weg zum Fluss Kaniwagawa von einander Abschied genommen hatten. Keiner
von beiden hatte geahnt, dass sie schon damals durch ein
gemeinsames Schicksal als Hundekrieger miteinander verbunden waren.
Daikaku hatte natürlich bereits durch Genpachi von Shino
erzählt bekommen.
Eine zögernde Stimme war neben ihnen zu hören.
"Wir haben den Fall aufklären können. Es tut mir unendlich leid.... Es ist genau, wie Ihr gesagt habt."
Es war Higaki Natsuyuki. Bei diesen Worten kniete der
alte Mann nieder und senkte sein Haupt bis auf den
Erdboden.
"Ich ersuche die Herrschaften untertänigst um Verzeihung."
Den alten Herrn, der in all seiner Würde von ihnen das Haupt zu
Boden gesenkt hielt, aufs Neue anzubrüllen, brachten Genpachi und
Daikaku nicht fertig. Sie sagten nur:
"Wenn das Missverständnis geklärt ist, dann ist es ja gut." --- "Steht auf, alter Herr!"
Der alte Natsuyuki beteuerte, seinen heutigen Fehler könne er nicht so
einfach auf sich beruhen lassen. Sie möchten bitte in sein Anwesen
mitkommen und bei ihm übernachten. Diesen fast flehend
vorgetragenen Wunsch nahmen die vier Hundekrieger schließlich an.
Vor allem deshalb, weil sie sonst keine Bleibe für die kommende
Nacht hatten.
Die Wohnung des Dorfvorstehers von Hokita, Higaki Natsuyuki, war ein
zwar schlichtes, aber so weiträumig angelegtes Anwesen, dass
die
Hundekrieger angesichts der sich ewig lang hinziehenden Mauern, die es
umschlossen, und der Bauten mit den alten, zeitgeschwärzten
Pfeilern
große Augen machten. An diesem Abend bot das Haus Higaki ein
großartiges Festmahl mit allen Köstlichkeiten von Land und
Meer auf; dass die Hundekrieger während des Essens abwechselnd
ihre Erlebnisse "seit damals" austauschten, versteht sich von selbst.
Bei diesem Bankett wandte sich Inukai Genpachi mit einer
Frage an den Gastgeber Natsuyuki:
"Übrigens, mein Herr, was Eure Kiepe von vorhin betrifft.... Es
ist zwar eine Unhöflichkeit, aber ich habe mir deren Inhalt kurz
angesehen. Darin erblickte ich die Ausrüstung eines Kriegsmannes, Offiziersmantel, Kürass, gepanzerte Handschuhe,
Ledergamaschen und dergleichen. Was hat es damit auf sich?"
Natsuyuki antwortete lachend:
"Das sind Erinnerungsstücke aus der Zeit, als ich an den Kämpfen um die belagerte Burg Yûki teilnahm..."
Er berichtete, dass er nach dem Fall der Burg Yûki entkommen
sei und bei einem alten Bekannten, dem Dorfvorsteher dieses Weilers
Hokita, Unterschlupf gefunden habe. Dieser Dorfvorsteher sei kurz darauf wegen einer Streitsache um ein Stück Land nach
Kyôto gereist, um Klage zu erheben, aber dort erkrankt und
verstorben. Von dessen Angehörigen wurde Natsuyuki die Nachfolge
im Amt des Dorfvorstehers angetragen. Nach und nach kamen immer mehr seiner einstigen
Untergebenen hierher und ließen sich als Bauern in Hokita
nieder, wo sie bis heute leben.
Jetzt wurde Genpachi und Daikaku klar, weshalb die Dorfleute, die
sie verfolgt hatten, nicht ausgesehen hatten wie gewöhnliche Bauern!
"Übrigens", warf Shino ein, "weil Ihr die Schlacht um die Burg Yûki
erwähntet: Mein Vater, Inuzuka... nein, Ôtsuka Bansaku,
hatte an derselben Schlacht teilgenommen."
"Was, Ôtsuka Bansaku? Der war ein enger Freund und Kampfgefährte von mir!"
Inuzuka Shino
Nun wurde die Feier noch erheblich herzlicher. Higaki Natsuyuki
betrachtete nun Inuzuka Shino, ach was, alle vier Hundekrieger mit
liebevoll-väterlichen Augen, und sie erzählten Natsuyuki, was
es mit der brüderlichen Gemeinschaft der Hundekrieger auf sich
habe. Mit Augen, die nicht allein vom Sake, sondern mehr noch von Begeisterung und Anteilnahme glänzten, sprach Natsuyuki:
"Ihr Herren Hundekrieger solltet dieses Haus zu Eurer Heimatfestung
machen. Oder vielmehr, ich bin es, der Euch darum bittet und einlädt!"
Daraufhin erklärten Shino und Dôsetsu, dass sie im
Lande Kai, in Isawa, eine weitere Heimstatt besäßen, den Tempel
Shigetsuin, und dass Genpachi und Daikaku, die noch nie dort
gewesen waren, den Tempel aufsuchen und den Priester Chudai treffen müssten. Genpachi und Daikaku nickten zustimmend. Nur Dôsetsu zog die Brauen hoch und entgegnete:
"Dass ich nach Musashi gekommen bin, ist deswegen, weil sich der
Shogunatsfürst Ôgiyatsu Sadamasa derzeit auf Burg Isarago
aufhalten soll...."
Dieser Racheteufel hatte sein wichtigstes Ziel keineswegs vergessen.
Aber Ôgiyatsu Sadamasa war ein mächtiger Feind. Sie kamen
überein, dass vorerst einmal Dôsetsu und Shino in die Gegend
von Isarago gehen und die Bewegungen des Sadamasa auskundschaften
sollten.
Es
war zu hören, dass, trotz der weiter anhaltenden kriegerischen
Auseinandersetzungen überall im ganzen Reich, Shôgun
Ashikaga Yoshimasa fern in der Haupstadt Kyôto in diesem Jahr (1482) den märchenhaft schönen Silberpavillon Ginkaku errichten ließ.

Ashikaga Yoshimasas Ruhesitz Ginkaku wurde niemals, wie ursprünglich geplant, mit Silberfolie verkleidet.
Nach Yoshimasas Tod wurde der Pavillon in einen Tempel mit Namen Jishôji umgewidmet.