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Legende der acht Hundekrieger


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Ratlosigkeit in Awa

In Aw
a wartete man gespannt auf die Rückkehr der Gesandtschaft. Seit der Ankunft des Shitatsuka Kijiroku, der mit einem Schiff des Burgherrn von Irago gekommen war und von dem glücklich bestandenen Kampf mit den Seeräubern berichtet hatte, gab es keine neue Nachricht mehr. Anfang Herbst kehrte endlich das Schiff mit Amasaki Jûichirô zurück, aber er war allein gekommen; weder Shinbei noch Yoshirô noch Kijiroku waren an Bord.
Nach dem Bericht des Jûichirô gab es zwar Freude über den kaiserlichen Erlass, der die Übertragung des Namens Kanamari an alle Hundekrieger billigte, aber es überwog die Sorge um Shinbeis Ergehen, zumal der Grund, weshalb er in Kyôto festgehalten wurde, vollkommen unbekannt war. Vor allem Oma Myôshin war außer sich vor Kummer um ihren kleinen Daihachi, aber seine Brüder vertrauten auf den Schutz durch Fusehimes Totenseele und die Kristallperle mit dem Schriftzeichen JIN.
Der Fürst bat seinen Vater Yoshizane und alle Hundekrieger zu einer großen Beratung. Alle tappten im Dunkeln hinsichtlich der Ursache für Shinbeis Arrest. Von den Fürsten befragt, äußerten die Hundekrieger ihre Ansichten.
Dôsetsu: "Ich sehe keine Möglichkeit, wie man Shinbei zurückholen könnte."
Shino: "Wir alle waren jahrelang auf Wanderschaft und haben viel Unbill erlebt, bevor wir nach Awa kamen. Es kann sein, dass sich jetzt Shinbei, der friedlich in Awa aufgewachsen ist, in der Welt bewähren muss."
Sôsuke: "Der Shogunatsfürst wird, von Shinbeis Stärke beeindruckt, womöglich versuchen, ihn in seine Dienste zu stellen."
Kobungo: "Shinbei steht der Seele von Fräulein Fusehime viel näher als wir. Er wird selbst gegen größte Verlockungen niemals einem anderen Herrn dienen."
Daikaku: "Davon bin ich auch überzeugt, und deshalb wird man ihm nichts antun. Außerdem sind Yoshirô und Kijiroku bei ihm, weshalb wohl kein Unheil zu befürchten steht."
Genpachi: "Aber die Frage ist, wie wir ihn zurückbekommen. Gegen den Shôgun können wir mit Gewalt nichts ausrichten, und Gesuche sind wohl auch aussichtslos."
Fürst Yoshinari meinte: "Wir können allenfalls Spione schicken, um die Lage zu erkunden." Dann wandte er sich an Keno, der bisher geschwiegen hatte. "Wir sind alle ratlos; habt Ihr nicht einen guten Einfall? Das wäre Euch doch zuzutrauen."



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Fürst Satomi Yoshinari


"Nein, ich weiß mir auch keinen besonderen Rat", lachte Keno. "Kyôto ist weit weg, und die Landstraßen werden überall durch militärische Kontrollpunkte überwacht. Selbst wenn wir heute Kundschafter losschickten, wird es ewig lange dauern, bis wir Nachrichten erhalten. Und erführen wir auch den Grund, wüssten wir noch lange nicht, wie wir Shinbei wieder herausholen könnten. Wir sollten uns in Geduld fassen und abwarten, wie sich die Sache entwickelt, mehr können wir nicht tun."
Yoshizane äußerte: "Auch ich sehne den Tag herbei, an dem Shinbei heil zurückkehrt. Ich bin aber der Ansicht, dass Kenos Rat der richtige ist. Warten wir vorerst einmal ab."

Im Herbst des Jahres schwärmten alle Hundekrieger auf Wunsch der Bauern des Landes aus zu einer Jagd auf die Wildschweine, die die Felder verwüsteten, und fingen viele ein, die sie aber in Gehegen sammelten, ohne sie zu töten. Die Bauern bewunderten die Milde ihres gütigen Landesherrn, der selbst das Leben wilder Tiere verschonte. Weil diese Jagd im ganzen Land stattfand, zog sie sich über viele Tage hin; in dieser Zeit träumte dem alten Fürsten Yoshizane, dass wegen seiner Untätigkeit seinem 'Enkel' Shinbei in Kyôto übel mitgespielt würde. Er empfahl daher, eine erneute Gesandtschaft nach Kyôto vorzubereiten, die um die Rückgabe des Untertanen Shinbei ersuchen sollte, auch wenn dafür noch einmal eine gewaltige Summe an Gold und Gaben erforderlich wäre. Auch Fürst Yoshinari stimmte zu; wenn nur Shinbei heil zurückkäme, sollte ihm dafür keine noch so hohe Summe zu schade sein. Ein Schiff wurde ausgerüstet, und weil die Sache auf einmal eilig war, segelte Amasaki Jûichirô als Gesandter nach Kyôto davon, noch bevor die Hundekrieger von der Jagd zurückkamen. 



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Unheil bahnt sich an

Nachdem Shinbei am Shinobazu-Weiher den Kawagoi Satarô vor der Hinrichtung bewahrt hatte, wurden Nezuno Yachûji und Anaguri Sensaku, die beiden Gefolgsleute des Shogunatsfürsten Ôgiyatsu Sadamasa, die für die gescheiterte Vollstreckung verantwortlich waren, in den Kerker geworfen und zum Tode verurteilt. Sie richteten eine Petition an ihren Herrn und baten um drei Monate Aufschub; sie würden den entkommenen Kawagoi in dieser Zeit finden und töten oder gefangen nehmen. Als Garanten dafür, dass sie nicht entfliehen, ließen sie nahe Angehörige als Geiseln in den Kerker werfen.
Zu etwa derselben Zeit verstarb in Hokita der alte Higaki Natsuyuki, und neuer Vorsteher des Dorfs wurde sein Schwiegersohn Aritane. Dieser beschloss, dem Hause Satomi, das für den kranken Natsuyuki mehrfach Geschenke und Arzneien gesandt hatte, ein Dankschreiben und die Nachricht vom Dahinscheiden des Natsuyuki zu übermitteln. Zwei wackere Bauernkrieger, Sechisuke und Kosaiji, sollten als Boten den Brief nach Awa bringen und machten sich am 1.Tag des 11.Monats auf den Weg. Unterwegs bekam Kosaiji jedoch starke Bauchschmerzen; vielleicht hatte er zu viel oder etwas Verdorbenes gegessen. So ruhten sich die beiden in einer Herberge am Fluss Sumidagawa aus, bis es Kosaiji wieder besser ging. Wie das Schicksal es fügte, sprach Sechisuke dort dem Sake so stark zu, dass er auf die Frage des Herbergswirts, wohin und zu welchem Zweck sie unterwegs seien, lauthals zu reden anfing und mit seiner Bekanntschaft mit den tapferen Hundekriegern prahlte. Die Wände japanischer Häuser sind dünn, und dass in diesem Augenblick die beiden Häscher Nezuno Yachûji und Anaguri Sensaku vom Hause Ôgiyatsu vorübergingen und die Namen Inuyama Dôsetsu, Inuzaka Keno und Inuzuka Shino aufschnappten, war für die Leute aus Hokita ein Unglück, für diejenigen des Shogunatsfürsten aber ein kaum fassbares Glück. Ihre Dreimonatsfrist war nahezu abgelaufen, und von Kawagoi Satarô hatten sie nicht die kleinste Spur entdeckt. Sie wussten, dass Inuyama Dôsetsu ihrem Herrn nach dem Leben trachtete, dass Inuzuka Shino Burg Isarago in Brand gesteckt hatte und Inuzaka Keno den fürstlichen Ratgeber Komiyama Ittôta erschlagen hatte. Und niemand hatte bis dahin auch nur eine Ahnung, wo sich diese Hundekrieger verborgen hielten. Wenn die beiden anstelle des entflohenen Satarô den Kerl, der hier im Gasthaus so laut von den Feinden des Fürsten redete, einfingen und zum Reden brächten, würden sie sicher begnadigt werden.
"Aufmachen! Wir sind im Auftrag des Herrn Shogunatsfürsten auf der Suche nach Verdächtigen. Ergebt euch freiwillig!", riefen sie und drangen in den Gastraum ein. Schnell überwältigten sie Sechisuke und fesselten ihn. Weil er mit dem Wirt geredet hatte, glaubten sie, er sei allein unterwegs und übersahen seinen Begleiter Kosaiji, der sich beim ersten Brüllen der Bewaffneten hinter einen dicken Pfeiler in der dunklen Ecke verkrochen hatte und später durch den Hinterausgang entkam.
Beim Verhör unter Folter gab Sechisuke alles zu, was er wusste. So erfuhren Nezuno Yachûji und Anaguri Sensaku nicht nur, wo die Hundekrieger lebten, sondern auch, dass die Bewohner des Weilers Hokita mit ihnen verbündet waren. Dem Schreiben an das Haus Satomi, das Sechisuke bei sich trug, entnahmen sie sogar, dass auch Inue Shinbei, der die Hinrichtung des Satarô vereitelt hatte, zu den Hundekriegern gehörte und der gesuchte Satarô vermutlich am Fluss Mategawa bei Yûki ums Leben gekommen war.


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Gefangennahme des Sechisuke


Kosaiji, dessen Bauchweh indessen geheilt war, eilte stracks nach Hokita und benachrichtigte seinen Herrn Aritane von dem Unheil, das ihnen widerfahren war.
"Weil wir den Hundekriegern beim Kampf gegen den Shogunatsfürsten geholfen haben, wird Ôgiyatsu Sadamasa mit einer großen Streitmacht gegen uns zu Felde ziehen. Wir sind zwar nur hundert Leute, aber erprobte Kämpfer. Stellen wir uns heldenhaft dem Kampf und gehen aufrecht in den Tod!", verkündete Aritane. Seine Gattin Omoto wandte ein:
"Sterben ist leicht, Überleben ist viel schwerer und klüger. Wir haben Zeit bis morgen Mittag, denn die kleine Schar der beiden Offiziere, die Sechisuke gefangen haben, wird uns nicht angreifen. Burg Isarago ist weit. Bis die Streitmacht hier ist, sind wir längst über alle Berge. In Sashima im Lande Shimôsa liegt ein Bergtempel, dessen Priester mein Onkel ist. Er ist großzügig und hilfsbereit, das Tempelgelände ist sehr weitläufig, dort kommen wir alle unter. Ist das nicht besser, als sich totschlagen zu lassen?"
"Du hast Recht. Ich dachte zwar schon, wir könnten auch nach Awa zum Haus Satomi entkommen, aber ein feiges Davonlaufen wäre mir gegen die Ehre gegangen. Nach Shimôsa ziehen und im Tempel Obdach finden ist jedoch eine gute Idee. Dort überlegen wir, was wir weiter tun."
Er informierte die Ältesten aus dem Weiler über den bevorstehenden Angriff; die Zeit reichte aus, um allen Hausrat auf Pferde und Wagen zu laden und zum nahen Hafen von Senju zu schaffen, wo die Schiffe bereit lagen, mit denen die Kämpfer aus Hokita jüngst zur Schlacht gegen Sadamasa gefahren und zurückgesegelt waren. 
Anderntags rückte gegen Mittag die erwartete Streitmacht des Ôgiyatsu Sadamasa an. Die jüngsten und flinksten Dorfbewohner waren als Kundschafter zurückgeblieben; sie steckten beim Anrücken der Streitmacht des Shogunatsfürsten die leeren Häuser in Brand und flohen dann auf eigene Faust nach Shimôsa. Als die Angreifer die Gegend von Senju erreichten, sahen sie, dass über dem Dorf Hokita dicker schwarzer Qualm aufstieg. Eilig ritten sie hinzu und griffen die Bauern aus den Nachbardörfern an, die zum Helfen und Feuerlöschen herbeigekommen waren und nicht recht wussten, wie ihnen geschah. Nezuno Yachûji und Anaguri Sensaku hatten erkannt, dass die Bewohner von Hokita entkommen waren, aber um nicht blamiert dazustehen, erschlugen sie die angetroffenen Bauern aus den Nachbardörfern oder nahmen sie gefangen. Einen abgeschlagenen Kopf warfen sie ins Feuer, damit er nicht zu identifizieren war, und ein vom Feuer geschwärztes Schwert, das sie in der Asche fanden, präsentierten sie zusammen mit dem halbverbrannten Kopf ihrem Fürsten als 'Schwert und Haupt des Aritane'. Niemand wusste jedoch, wohin die Leute von Hokita wirklich verschwunden waren.  

Für den Shogunatsfürsten Ôgiyatsu Sadamasa stellte sich die Lage so dar, dass Satomi Yoshizane, der durch den Bauernaufstand gegen Yamashita Sadakane Herr über zwei Distrikte von Awa geworden war und sein Herrschaftsgebiet bald auf ganz Awa ausdehnte, auf Vergrößerung seiner Domäne aus war. Unter seinem Sohn Yoshinari erweiterte sich das Gebiet des Hauses Satomi nach dem Sturz des Räuberfürsten Hikita Motofuji über ganz Kazusa, ja sogar Teile von Shimôsa waren diesem Fürsten untertan. In dessen Diensten stand nun also die Verbrecherbande der sogenannten 'Hundekrieger', von denen einer, nämlich Inuyama Dôsetsu, Sadamasa direkt nach dem Leben trachtete. Ein anderer, nämlich Inuzuka Shino, hatte seine Burg Isarago geplündert und in Brand gesetzt, ein weiterer, nämlich Inuzaka Keno, seinen Vertrauten Komiyama Ittôta erschlagen. Ebendieser Keno war zusammen mit Inuta Kobungo auch für das Massaker an Vogt Makuwari Daiki und seinen Leuten verantwortlich, die Ôgiyatsus Vasallenhaus Chiba von Burg Ishihama dienten. Der junge Inue Shinbei hatte ihm die Hinrichtung des Verräters Kawagoi Satarô vermasselt, Kobungo, Shino und Inukai Genpachi hatten die Hinrichtung des Mörders von Higami Kyûroku, dem Militärkommandanten des Hauses Ôishi von Burg Ôtsuka, vereitelt. Inukawa Sôsuke und Kobungo hatten Ebira Ôtoji, die Mutter des Vasallenfürsten Nagao Kageharu, mit der Hinrichtung zweier Räuber genarrt, und der Suizid ihrer Tochter, Fürstin Kaname, der Gattin des Ôgiyatsu Sadamasa, ging ebenfalls auf das Konto des Angriffs dieser gefährlichen Bande. Wie man es auch drehte und wendete, wenn man dem Haus Satomi, dessen Expansion auf der Bôsô-Halbinsel sich zweifellos gegen die Herrschaft Sadamasas richtete, und den dreisten Hundekriegern, die Sadamasa und seinen Vasallen schon mehrfach in die Quere gekommen waren, nicht schleunigst das Handwerk legte, stände die Vorherrschaft des Shogunatsfürsten Ôgiyatsu in der Kantô-Region in Gefahr.


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Shogunatsfürst Ôgiyatsu Sadamasa


Sadamasa rief seinen Vasallen Ôishi Norishige, trug ihm vor, wie notwendig ein Krieg gegen das Haus Satomi sei, und beauftragte ihn, auch die Häuser Chiba und Nagao zur Teilnahme an diesem Feldzug aufzufordern. Da er viel über die Taten der Hundekrieger gehört und ihre Stärke selbst erlebt hatte, war er jedoch der Ansicht, dass ein Sieg der vereinigten Armeen dieser Häuser allein nicht sicher sei; so appellierte er auch an solche, mit denen er bisher in Unfrieden gelebt hatte, sich seinem Feldzug anzuschließen, zum Beispiel an Ashikaga Shigeuji in Koga und Yamanouchi Akisada, seine ärgsten Rivalen im Kampf um die Vorherrschaft. Yamanouchi sah in dem bevorstehenden Krieg die Chance, selbst zum mächtigsten Shogunatsfürsten der Region aufzusteigen, während sich Ashikaga Shigeuji zunächst dagegen sträubte, gegen das Haus Satomi, das in der Schlacht um Burg Yûki zu den treuesten Vasallen seines Hauses gezählt hatte, in den Krieg zu ziehen, aber sein Vogt Yokobori Arimura erinnerte ihn daran, dass Fürst Satomi sowohl jenen Eindringling Inuzuka Shino, der in Burg Koga den Burgherrn Shigeuji mit einem unechten Schwert blamiert und viele seiner Ritter ermordet hatte, als auch den aus dem Kerker geholten Inukai Genpachi protegierte, der, anstatt diesen Spion zu fangen, mit ihm gemeinsame Sache gemacht hatte. Überdies hatten die Kerle in Gyôtoku dem Niori Hodayû einen falschen Schädel als 'Haupt des Shino' untergejubelt. Nicht zuletzt befürchtete Shigeuji, wenn er sich nicht dem Shogunatsfürsten anschlösse, im großen Krieg auf der Seite der Verlierer zu enden. So erklärten sich beide Häuser bereit, Kämpfer zu stellen und mitzumachen, so dass Sadamasa bald eine Streitmacht von nahezu hunderttausend Kämpfern beisammen hatte. Dass Yûki Naritomo unter dem Vorwand, in seiner Domäne gäbe es Unruhen, es ablehnte, mit in die Schlacht zu ziehen, störte Ôgiyatsu ebenso wenig wie die Absage der weit entfernt lebenden Fürsten von Sagami und Hitachi, denen eine Rolle als neutrale Beobachter lieber war.


 

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Ein junger Stratege

Wie zu jener Zeit üblich, ließ auch das Haus Satomi ständig Spione durch die Region streifen. Drei Tage nach der Abreise der zweiten Gesandtschaft nach Kyôto erreichte ein Kundschafter, der durch Musashi und Sagami gewandert war, die Burg Inamura des Fürsten Yoshinari und berichtete atemlos:
"Unserem Land droht eine große Gefahr! Aus Hass gegen die Hundekrieger bereitet Shogunatsfürst Ôgiyatsu Sadamasa mit einem riesigen Heer von Kämpfern aus Musashi, Shimôsa, Kôzuke, Echigo und anderen Gebieten einen Feldzug gegen das Haus Satomi vor!"
Kurz darauf kamen die Hundekrieger von der Jagd zurück. Yoshinari berief sie sofort zu einer Besprechung.
"Es tut mir leid, Euch gleich zu mir befohlen zu haben, ohne Euch die verdiente Rast nach der Jagd zu gönnen. Aber ich habe beunruhigende Nachrichten erhalten und benötige Euren Rat. Ihr wisst sicher noch nichts darüber..."
"Doch", antwortete Kobungo. "Yorisuke, der Nachfolger meines Freundes Fusahachi in der Binnenreederei Inueya in Ichikawa, begegnete mir unterwegs. Er hatte mich gesucht und berichtet, dass Shogunatsfürst Ôgiyatsu Sadamasa Truppen zusammenziehe, um Awa anzugreifen. Gestern soll die Streitmacht vollzählig geworden sein und werde in Kürze angreifen. Yorisuke ist ein zuverlässiger Freund und weilt gerade eben zu Besuch bei Oma Myôshin."
"Dann wisst Ihr also Bescheid, und ich brauche Euch nichts weiter zu erzählen; was mein Kundschafter berichtete, stimmt demnach. Ich meine, für guten Rat ist Keno der rechte Mann."
"Das ist nicht so schwierig", äußerte Keno. "Die Streitmacht des Sadamasa wird sich teilen und sowohl vom Land als auch vom Meer her angreifen. Auf See ist die Anzahl der Schiffe entscheidend. Schon jetzt werden die Leute des Sadamasa alle verfügbaren Schiffe in Musashi und Sagami aufkaufen. Wenn wir mithalten wollen, müssen wir dasselbe auf unserer Seite tun."
Yoshinari erkannte, dass Keno recht hatte, und ließ Yorisuke die notwendigen finanziellen Mittel und den Auftrag zum Aufkauf so vieler Schiffe wie möglich erteilen. Er solle die Schiffe im Hafen von Ichikawa in Obhut seiner Reederei bereit halten. Dann wandte er sich an die Hundekrieger.
"Hat noch einer von Euch einen Vorschlag?"
Dôsetsu ergriff das Wort.
"Verzeiht, dass ich als erster spreche, aber für den Angriff des Sadamasa auf unser Land bin ich verantwortlich. Am 21.Tag des 1.Monats dieses Jahres habe ich Sadamasa angegriffen, um ihn als Mörder meines Herrn zu erschlagen, konnte ihm jedoch leider nur den Helm vom Kopf schießen. Meine 'Brüder' haben mir dabei geholfen und Burg Isarago besetzt. Ich kann mich meiner Schuld für den kommenden Kriegszug nicht entziehen. Ich werde, ebenso wie meine 'Brüder', mein Leben und all meine Kräfte dafür einsetzen, um unserem Fürsten Satomi seine Güte zu vergelten und seine Feinde an Land wie auf See zu vernichten. Wir wollen unser Land und seine Bewohner beschützen und den Angreifern, noch bevor sie überhaupt eindringen können, die Speerspitzen brechen. Wir haben uns schon auf dem Rückweg von der Jagd beraten. Ernennt Keno bitte zum obersten Strategen. Wir werden seine Befehle befolgen und so hoffentlich dem Feind trotzen."
"Wir sind alle derselben Ansicht, dass Keno der Oberkommandeur sein sollte," bekräftigten die anderen Hundekrieger.
"Was sagt ihr denn da?", erwiderte Keno. "Es ist doch Unsinn, einen von uns als Oberbefehlshaber aufzustellen. Jeder von uns hat seine Stärken, die sollten wir gemeinsam nutzen."
Shino widersprach ihm. "Keno, wir haben keine Zeit für langes Zögern aus Bescheidenheit. Die größten unserer Tugenden sind JIN (Menschlichkeit) und CHI (Klugheit). Shinbei und seine Kristallkugel mit dem JIN sind in Kyôto, weshalb es jetzt auf das CHI ankommt. Wir alle kennen deine Klugheit, deine List und dein Geschick, und sind bereit, deinen Anweisungen zu folgen. Sei so gut zu akzeptieren, dass du unser Feldherr wirst!"
Yoshinari ergriff das Wort.
"Da alle Euch empfehlen, solltet Ihr der militärische Oberkommandeur werden, Herr Keno. Obwohl Ihr noch nicht einmal zwanzig und damit der zweitjüngste seid, haben alle 'Brüder' versprochen, sich Euren Befehlen zu fügen. Das halte ich für großartig und vorbildlich. Ich ernenne Euch hiermit zum obersten Feldherrn in der kommenden Schlacht. Auch ich vertraue Euren Ideen. Was sagt Ihr als Stratege?"
"Nun gut. Ich gehe davon aus, dass der kürzeste Weg für einen Angriff die Fahrt über das Meer ist. Der Anmarsch über die Landseite ist weiter, beschwerlicher und dauert länger. Die für solche Massen von Angreifern in Frage kommenden Landstraßen nach Awa führen von Westen her via Gyôtoku, und weiter nördlich davon via Kônodai in unsere Richtung. Beide Orte liegen im Delta des Flusses Tonegawa mit seinen Nebenflüssen Senjugawa und Arakawa, die sie überqueren müssen. Dort sollten wir die Feinde stellen. Für die Seeschlacht habe ich einen Plan, für den ich zuerst Hochwürden Chudai und Inumura Daikaku benötige. Könnt Ihr Chudai bitte rufen lassen?"
Was mochte Keno sich ausgedacht haben? Für langes Rätselraten war keine Zeit.
"Ich lasse den Priester sofort holen", antwortete Yoshinari. Er gab freimütig zu, dass er sich bei der kommenden Schlacht völlig auf die Ideen des Feldherrn und seiner Hundekrieger verlassen wollte.


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Alle vertrauen dem jungen Inuzaka Keno


Von Chudai kam die Antwort, dass er sich als Geistlicher weder an kriegerischen Handlungen noch an deren Vorbereitung beteiligen könne. Daraufhin suchten Keno und Daikaku Chudai persönlich auf und machten ihm klar, dass es, falls er sich verweigere, zum Untergang des Landes und zum elenden Tod zahlloser Einwohner käme, und ihm bliebe, falls er überlebe, nur, für das Seelenheil der Opfer zu beten. Ob es nicht besser sei, mitzuhelfen, dass die Feinde das Land erst gar nicht erreichen?
Da Chudai keine Gegenargumente einfielen, hörte er sich Kenos Pläne an.
"Es geht darum, die feindliche Flotte durch Wind und Feuer zu vernichten. Von Euch verlangen wir nicht, dass Ihr mit Waffen und in Rüstung kämpft, sondern wir brauchen Euch nur, um die Winde zu lenken."
"Dem Fürsten, dem ich diene, und dem Land und seinen Bewohnern zuliebe werde ich mich Euren Plänen fügen. Aber dass ich durch spirituelle Kräfte Wind entfachen kann, bezweifle ich sehr."
"Ich habe mir vom Fürsten die Zauberkugel der Hexe Yaobikuni, die er auf Shinbeis Geheiß gut verwahrte, aushändigen lassen. In alten Schriften steht geschrieben, dass diese Kugel Mikaso heißt und durch Gebete Winde entfachen oder beruhigen kann. Eure Aufgabe ist nur, dass Ihr damit während der Seeschlacht den Wind zu unseren Gunsten beeinflusst."
Keno überreichte Chudai die Zauberkugel, und dieser nahm sie widerstrebend in Empfang.
"Verkündet bitte, dass Ihr Euch einige Tage zum Gebet um Hilfe für unser bedrohtes Land zum Berg Toyama begebt. Macht Euch jedoch heimlich reisefertig und setzt heute Abend mit Daikaku nach Shibaura in Musashi, nahe der Burg Isarago, über. Daikaku ist eingeweiht und erläutert Euch, wie es weitergeht."

In Burg Isarago in Musashi waren am 27.Tag des 11.Monats alle Fürsten und Burgherren der vereinten Streitkräfte zusammengekommen. In Burghof und Umgebung tummelten sich beinahe hunderttausend Kämpfer. Bei der Beratung über die Strategie kam es allerdings zu Meinungsverschiedenheiten. Ôgiyatsu Sadamasa ergriff das Wort:
"Am besten ist es, einen plötzlichen Überfall von der See her auszuführen. Dann wird die Burg Inamura des Fürsten von Awa sofort fallen. Wenn Satomi Yoshinari entkommt, bleibt ihm als Fluchtweg nur die Richtung nach Nordwesten. Aber unsere Landheere lauern in Kônodai und Gyôtoku. Denen läuft er geradewegs in die Hände. Einen Zangenangriff von der See und vom Land her halte ich für die beste Lösung."
Dem widersprach der andere Shogunatsfürst Yamanouchi Akisada:
"Nein, es ist klüger, den Angriff über den Landweg zu beginnen. Wir müssen damit rechnen, dass auch der Gegner mit Schiffen Widerstand leistet; die Leute dort sind am Wasser aufgewachsen und verstehen sich auf die Kriegsführung zur See. Die Küste von Awa ist voller Felsen und Klippen. Überdies ist jetzt tiefster Winter, da weht wenig Wind auf dem Meer."
Es kam zu keiner Einigung, weshalb die Heerführer beschlossen, sich bei Fischern Rat über Risiken und Vorzüge eines Angriffs vom Meer zu holen. Mit einer Anzahl Gefolgsleute begaben sie sich an das Meerufer von Shibaura. Dort trafen sie auf einen Wahrsager, der sich rühmte, jederzeit Glück und Unglück, Erfolg und Misserfolg aus den Yinyang-Stäbchen lesen zu können.
"Lasst uns sehen, ob er seine Kunst beherrscht!", freute sich Sadamasa. Der Wahrsager, ein noch sehr junger Mann, divinierte drei Kombinationen, und kam zu dem folgenden Ergebnis: Erstens bedeuteten sie günstigen Wind bei einer Fahrt zur See, zweitens Erfolg bei einem wichtigen Vorhaben, und als drittens, dass ein großer Krieg bevorstehe.


baguaYinyang-Divination wird anhand von Stäbchen durchgeführt, die nur gerade oder gebrochene Linien darstellen. Kombiniert man je drei Stäbchen, ergeben sich acht mögliche Kombinationen, sogenannte Trigramme, die natürlich auch den Kristallperlen und Tugenden der acht Hundekrieger entsprechen. Die Kombinationen werden als Gegensatzpaare mit dem Symbolgehalt für Himmel-Erde, Land-See, Feuer-Wasser, Donner-Wind interpretiert. Beim Divinieren ist jedoch die Anzahl der Stäbchen verdoppelt, sodass 64 Hexagramme möglich sind. Was deren Anordnungen besagen, ist in zahlreichen Lehrbüchern dargestellt, die auf die konfuzianische Schrift Yijing zurückgehen. Es ist eine Einladung an alle Arten von Scharlatanen, mit dem Aberglauben der einfachen Leute reich zu werden. Das Abbild links zeigt die acht Trigramme um das Yinyang-Symbol gruppiert; eine vereinfachte Darstellung (nur vier Trigramme) findet sich in der Flagge von Südkorea. 


"Das ist richtig, günstiger Wind und Erfolg sind uns hochwillkommen. Wann können wir mit dem günstigen Wind rechnen?"
"In zwanzig Tagen."
"Wir haben es eilig. Achtzigtausend Kämpfer warten auf die Überfahrt zur Bôsô-Halbinsel. So viel Verpflegung, dass wir sie zwanzig Tage lang warten lassen könnten, haben wir nicht. Kannst du nicht auch den Wind beeinflussen?"
"Ich nicht, aber mein Lehrmeister, ein alter Schamane mit Namen Fûgai Dôjin, der in einer Höhle am Berghang wohnt. Ich kann Euch zu ihm führen."
Der alte Schamane sagte, dass er nicht zu Krieg und Blutvergießen beitragen wolle. Sein Wirken gelte nur dem Wohl, nicht dem Wehe der Menschen. Sadamasa erwiderte:
"Die grausame Herrschaft des Hauses Satomi bringt sein Volk an den Rand des Hungertodes. Wir bitten um günstigen Wind, um das geknechtete Volk von Awa und Kazusa von der Tyrannei zu befreien."
Der alte Schamane ließ sich überreden und erteilte den Feldherren den Rat, die Schiffe nach Sunosaki zu lenken und Branderschiffe vorzubereiten, um dank des Rückenwindes die Flotte der Verteidiger in Brand zu setzen. Danach führte er die beiden Fürsten auf eine Anhöhe. Dort zog er eine sonderbare Kugel aus seinem Amulettbeutel, murmelte eine Beschwörungsformel, und schon erhob sich ein Sturm, so stark, dass sich die Besucher an Bäumen festhalten mussten.
"Haltet ein, es genügt!"
Der Schamane beschwor die Zauberkugel erneut, und nun legte sich der Sturm so plötzlich, wie er aufgekommen war.
"Der ist für uns der richtige Mann. Er versteht sich auf Magie, und sein Rat ist mehr wert als tausend Kriegsleute!", freuten sich beide Fürsten und bestellten für den 8.Tag des 12.Monats einen für Schiffe günstigen Wind aus nordwestlicher Richtung, "zum Wohle des darbenden Volkes von Awa."


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Der alte Schamane Fûgai Dôjin und sein Schüler


"Ich habe Chudai und Daikaku als Schamane und Schüler nach Shibaura in Musashi geschickt", meldete Keno bei der nächsten Beratung mit Fürst Yoshinari. "Ich hoffe, sie spielen ihre Rolle gut und der Feind lässt sich auf den Leim locken."
"Du hast die tollsten Einfälle!", lobten die anderen Hundekrieger Keno. "Kein Wunder, dass du die Kristallperle mit dem CHI bekommen hast!"
"Aber es ist natürlich nicht sicher, ob die Einfälle auch zum gewünschten Ergebnis führen", wehrte Keno ab.
"Daikaku ist ein stiller, unauffälliger Mensch, aber was er tut, macht er gründlich", sagte Sôsuke. "Er wird das besser hinkriegen als jeder andere von uns."
"Aber jetzt benötige ich noch jemanden, der glaubhaft einen Überläufer darstellen könnte."
"Dazu käme vielleicht Herr Chiyomaru Toyotoshi infrage", warf Fürst Yoshinari ein. "Er war ein früherer Gefolgsmann und Herr einer Zweigburg des Fürsten Jinyo Mitsuhiro und blieb auch unter dem Räuberfürsten Hikita Motofuji Burgritter. Weil er nicht zu der Räuberbande vom Berg Ibukiyama gehörte, wurde er bei seiner Gefangennahme weder hingerichtet noch tätowiert. Er steht seitdem unter Arrest. Angesichts der drohenden Gefahr richtete er vor zwei Tagen ein Gesuch an mich, dem Hause Satomi als Mitstreiter seinen Dank für dessen Gnade erweisen zu dürfen. Falls er es ehrlich meint, könnte er nach seiner Kerkerhaft glaubhaft machen, dass er sich als Überläufer gegen uns wenden wolle."
Die Hundekrieger ließen Toyotoshi aus dem Kerker holen. Gefesselt stand er vor ihnen, war jedoch ordentlich gekleidet und sah nur ein wenig blass, aber nicht abgehärmt aus. 
"Herr Chiyomaru, vom alten Burgvogt Horiuchi Kurando und seinem Sohn, unter dessen Aufsicht Ihr in Arrest seid, haben wir erfahren, dass Ihr ein Gesuch gestellt habt, aufseiten des Hauses Satomi beim drohenden Krieg mitzufechten", richtete Keno das Wort an den Gefangenen. "Meint Ihr das aufrichtig?"
Toyotoshi antwortete:
"Es ist keine Lüge. Ich habe mich töricht verhalten. Ohne zu ahnen, welch ein Bösewicht Motofuji ist, focht ich an seiner Seite gegen das Haus Satomi und geriet beim Fall der Burg in Gefangenschaft. Wider Erwarten schlug man mir weder das Haupt ab noch folterte man mich im Kerker. Ich verdanke es der Güte meines Aufsehers, mithin der Gnade des Herrn Satomi, dass ich im Kerker weder unter Hunger noch Kälte litt. Bedenke ich, dass ich mich wider einen solchen Herrn feindlich verhalten habe, treibt mir diese Dummheit die Schamröte ins Gesicht. Reiht mich bitte ein in die Reihen Eurer Streiter, und ich werde unter Einsatz meines Lebens meinen früheren Irrtum sühnen."
"Gut, verstanden," sagte Keno. "Sôsuke, hast du noch Fragen an den Gefangenen?"
"....."
"Moment mal, Keno", wandte Dôsetsu ein. "Was Toyotoshi eben gesagt hat, ist nicht mehr als das, was wir schon erfahren haben. Auf diese wenigen Worte hin willst du ihn gleich freilassen? Kann doch sein, dass er Verrat im Sinn hat!"
"Ja, sich auf solche Reden zu verlassen, könnte gefährlich sein", meinte auch Sôsuke. Keno antwortete lächelnd:
"Konfuzius hat gesagt, man müsse den Menschen in die Augen sehen, um die Wahrheit zu erfahren. Ich habe nur auf die Augen des Herrn Chiyomaru Toyotoshi geachtet und bin sicher, dass er aufrichtig ist."


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Chiyomaru Toyotoshi - aufrichtige Augen?


Sôsuke meinte: "Keno hat einen Blick dafür. Er sieht mehr als wir alle zusammen. Vertrauen wir seinem Urteil!"
Keno ließ Toyotoshis Fesseln abnehmen und bat ihn, eine ihm zugedachte Aufgabe zu übernehmen, die ebenso wertvoll sei wie blutige Kämpfe unter Einsatz des Lebens. Er solle einen Überläufer spielen, der aus dem Kerker entflohen und voller Hass gegen Satomi sei. Der Feind würde vermutlich Branderschiffe einsetzen, die durch einen Saboteur so zur Explosion gebracht werden sollen, dass das Feuer die eigene Flotte der Angreifer vernichtet. Den Part des Saboteurs solle Toyotoshi übernehmen. Der dankbare Toyotoshi versicherte, er werde jede Aufgabe, die ihm übertragen werde, nach besten Kräften ausführen. Als Botinnen des Überläufers wurden Otone und Hikute des Nachts heimlich nach Shibaura gerudert und, damit es natürlicher wirkte, ein anderes Boot mit Myôshin und Hitoyo hinterdrein geschickt, die das von den beiden anderen Frauen angeblich vergessene Schreiben des Verräters nachlieferten. Weil es am Strand von feindlichen Spionen wimmelte, inszenierten die Ruderer ein kleines Schauspiel, um die Feinde zu täuschen.
"Bist du nicht Hamagata Umasuke?", rief ein Fischer angesichts der Vorbereitungen der Abfahrt des zweiten Bootes.
"Ha, lange nicht gesehen. Ich habe es aber eilig, ich muss rüberfahren nach Shibaura. Ich bin als Bote des Chiyomaru Toyotoshi unterwegs, der aus dem Kerker entkommen ist und überlaufen will. Willst du nicht auch mitkommen?"
"Überlaufen? Hast du denn die Wohltaten unsres Herrn vergessen? Und ich soll da mitmachen? Bist du von Sinnen?"
"Hör mal, Ôgiyatsu greift mit einer gewaltigen Übermacht an, da bleibt von Awa nicht mehr viel übrig. Und uns allen geht es ebenso an den Kragen."
Umasuke sprang ins Boot und griff nach den Rudern; der Fischer wollte ihn festhalten, bekam aber einen Tritt, dass er auf das Ufer stürzte und reglos liegen blieb. Wie vermutet löste sich aus den Bäumen am Ufer ein Schatten und rief:
"Halt an! Ich bin ein Späher aus Musashi und habe gehört, dass du zu Ôgiyatsus Leuten hältst. Nimm mich mit!"
Umasuke nahm den Spion mit an Bord, stellte Myôshin und Hitoyo als seine Ehefrau und Tochter vor und ruderte flott nach Shibaura davon.
Als das Boot außer Sicht war, stand der totgeglaubte Fischer auf, klopfte sich den Sand aus den Gewändern und kicherte:
"Da haben die drei einen ausgezeichneten Zeugen zur Hand, der ihre Aussagen bestätigen wird."
Hamagata Umasuke war ein erfundener Name, und bei dem angeblichen Fischer handelte es sich um Saruoka Saruhachi, einen hervorragenden Schauspieler.


 

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Listige Verteidigung

Zu Fürst Satomi Yoshinari stömten alle, die auch nur halbwegs laufen und mit Waffen umgehen konnten, und baten darum, in das Heer der Verteidiger aufgenommen zu werden. Manche Bauern eilten sogar aus Kazusa herbei, andere humpelten am Stock und waren kaum zu bewegen, wieder heimzugehen. Die ältesten und gebrechlichsten von ihnen wies Yoshinari ab, andere sandte er als Gardisten zu seinem Vater auf Burg Takita. Rüstigere teilte er der Feldküche, dem Nachschubtross oder den Wärtern der Leuchtfeuer zu. Während das Heer des Ôgiyatsu auf über hunderttausend Mann anschwoll, brachten es die Verteidiger inzwischen auf immerhin dreißigtausend Kämpfer.


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Fürst Satomi Yoshinari


Am 28.Tag des 11.Monats versammelte Fürst Yoshinari ein letztes Mal seine Gefolgsleute und die Hundekrieger und bat um Disziplin und Ordnung.
"Die Verantwortung für die Landstreitkräfte übernimmt mein Sohn Tarô Yoshimichi, die für die Seestreitmacht übernehme ich selbst. Den militärischen Oberbefehl hat Inuzaka Keno. Auf dem Landweg zieht Heer Nr.1 mit den Hundekriegern Inukawa Sôsuke und Inuta Kobungo nach Gyôtoku, und Heer Nr.2 mit Inuzuka Shino und Inukai Genpachi nach Kônodai. Ich werde mein Feldlager bei Sunosaki errichten; mich begleiten die Hundekrieger Inuyama Dôsetsu und Inumura Daikaku. Daikaku befindet sich zwar derzeit in Musashi, wird aber später zu uns stoßen. Für alle gilt als oberstes Kriegsziel, die gegnerischen Feldherren und Offiziere lebend zu fangen. Tötet nur die Feinde, die euch mit offener Klinge angreifen! Wer um sein Leben bettelt oder sich ergibt, soll verschont und gefangen werden. Wir verteidigen uns nur. Wer diesem Befehl zuwiderhandelt, wird streng bestraft."
In diesem Augenblick kamen einige Gefolgsleute und berichteten, sie hätten soeben einen erwischten Spion des Gegners vorgeführt bekommen. Der Mann hatte eine Anzahl Flugblätter bei sich, mit denen die Bevölkerung von Awa und Kazusa aufgerufen wurde, sich wider ihren Herrn aufzulehnen und die Hundekrieger zu töten. Eine hohe Belohnung war ausgelobt, und das Blatt trug das Siegel des Ôgiyatsu Sadamasa.


Persönliche Siegel wurden in Japan in Jade, Metall oder importiertes Elfenbein, bei weniger hochstehenden Personen, etwa Dorfvorstehern, in Bambus eingraviert. Auf einem Kissen aus Zinnobererde eingefärbt, wurden sie wie ein Stempel auf Dokumente abgeschlagen. Siegelwachs wie bei einem Petschaft war in Japan nicht in Gebrauch. Persönliche Siegel (inkan oder hanko) werden bis heute anstelle einer Unterschrift verwendet.


Yoshinari ließ sich den gefesselten Spion vorführen und sprach:
"In diesen Kriegszeiten ist es unvermeidlich, Kundschafter auszusenden. Wir tun es auch. Ich möchte aber betonen, dass das Haus Satomi noch nie einen Kriegszug gegen ein Nachbarland geführt hat. Was Ôgiyatsu dazu bringt, mich zu hassen, ist mir unbekannt. Die Hundekrieger, gegen die er wütet, sind erst kürzlich in meine Dienste getreten, ihre Taten folgen aber den konfuzianischen Prinzipien Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Anstand, Klugheit, Treue, Vertrauen, Gehorsam und Brüderlichkeit. Berichte das deinem Herrn!"
Er ließ ihm die Fesseln abnehmen und befahl, ihm ein Boot zur Rückfahrt nach Musashi zur Verfügung zu stellen. 
"Verzeiht mir die Unhöflichkeit, aber ich meine, einen Spitzel laufen zu lassen ist dasselbe, als gäbe man dem Dieb die Geldkassette, dem Feind ein gutes Schwert in die Hand. Selbst wenn er Eure Worte seinem Herrn berichtet - dieser Sadamasa ist ein törichter Starrkopf, der für vernünftige Worte unzugänglich ist. Ihr solltet dem Spion den Kopf abschlagen und zur Schau stellen lassen, das ist meine Meinung!"
"Dôsetsu, Ihr habt ausgesprochen, was vermutlich die meisten hier Anwesenden ebenso empfinden", erwiderte der Fürst. "Aber dieses Flugblatt hat keinen Sinn. Meine Herrschaft hatte immer das Wohl des Volkes zum Ziel. Selbst Alte und Gebrechliche kommen zu mir, die für mich kämpfen wollen; bei denen zeigt so ein Aufruf keine Wirkung. Und wer mich ohnedies hasst, braucht keinen Aufruf. Was hätten wir davon, den unbedeutenden Mann zu köpfen? Ich bin davon überzeugt, dass mein Handeln richtig ist, aber auch ich kann irren. Wenn jemand anderer Meinung ist, so äußere er sie freiweg."
"Ich habe verstanden, was Ihr meint. Aber ich möchte noch etwas erfahren. Warum sollen wir möglichst keinen Gegner töten, keinem den Kopf abschlagen? Im Krieg kann man doch keine Gnade walten lassen, wenn der Kerl, den man verschont, dafür einen anderen unsrer Leute umbringt?"
"Was du sagst, ist nicht falsch. Beim Kämpfen geht es in der Tat darum zu töten, um nicht selbst umzukommen. Aber wir sind keine Angreifer, sondern Verteidiger. Wir wehren uns nur. Wir kämpfen nicht, um möglichst viele Leute umzubringen und mit der Zahl der abgeschlagenen Köpfe zu prahlen. Als beste Art der Kriegsführung gilt in China zu siegen, ohne zu kämpfen; die zweitbeste ist gut zu verteidigen und zur Abwehr die Angreifer zu töten. Die drittbeste ist bis zu Niederlage und Tod heldenhaft zu kämpfen, damit der Mut von der Nachwelt gerühmt wird. Wenn man auch ohne zu töten zum Ziel gelangt, sollte man es unterlassen. Die Köpfe der Gefallenen abzuschneiden und auszustellen, halte ich für inhuman."


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Der gefangene Spion


Kurz nach dieser Besprechung setzten sich die drei Heere in Bewegung, nach Gyôtoku, nach Kônodai und nach Sunosaki, wo Fürst Yoshinari sein Feldlager errichtete. Am 5.Tag des 12.Monats traf ein Bote mit einer Nachricht von Daikaku ein. Keno berichtete dem Fürsten:
"Er schreibt, dass die Shogunatsfürsten in seine und Chudais Falle getappt seien und ihre Flotte am 8.Tag in See stechen werde. Es sei dafür gesorgt, dass die Branderschiffe, sobald der Wind drehe, in Flammen aufgehen. Alles laufe nach Plan."
Auch die Finte mit dem angeblichen Überläufer war erfolgreich. Die zuerst in Shibaura eingetroffenen Frauen Otone und Hikute stellten sich als Witwen gefallener Gefolgsleute des Herrn Chiyomaru Toyotoshi vor und berichteten, dass ihr Herr aus Hass gegen das Haus Satomi überlaufen wolle. Weil sie kein Schreiben von ihm vorweisen konnten, wurde sie wie vorhergesehen festgenommen, aber kurz darauf traf das zweite Boot mit 'Hamagata Umasuke', Myôshin und Hitoyo sowie dem mitgefahrenen Spion ein. Sie brachten das "vergessene" Schreiben von Toyotoshi mit, und der Späher bestätigte, dass diese Besucher aus Awa tatsächlich Botinnen des Toyotoshi seien.
"Männer werden wegen des drohenden Krieges nicht mehr aus Awa fortgelassen; deshalb musste Toyotoshi Frauen schicken. Und ihr Begleiter Umasuke hat sogar einen Bekannten, der ihn von der heimlichen Abfahrt abhalten wollte, am Meerufer erschlagen, ich habe es mit eigenen Augen gesehen!", bekräftigte er. Sadamasa ließ die Frauen als Geiseln in seiner Burg festhalten und sandte 'Umasuke' nach Awa zurück, um Toyotoshi nach Musashi zu holen.

Das Heer, das nach Gyôtoku entsandt worden war, erreichte den Fluss Tonegawa am 3.Tag des 12.Monats. Die Hauptstreitmacht der Feinde war noch nicht angekommen, aber eine Vorhut hatte die Flussinsel Myôkenjima und das Gebiet um das Dorf Imai besetzt und befestigt, Palisaden und Wachttürme errichtet, Musketen und Unterstände für die Schützen vorbereitet.
"Weshalb bauen sie hier solche Verteidigungsanlagen auf? Ich dachte, sie wollen angreifen", fragte Sôsuke.
"Sie wollen strategisch günstige Orte besetzen und sich schützen, bis die Hauptstreitmacht kommt. Aber so lange es nur eine Vorhut ist, sollten wir sie schon einmal davonjagen", antwortete Kobungo. Sie ließen ihre Leute Strohpuppen anfertigen und auf Schiffe setzen. In der Nacht sollte es aussehen, als griffen die Leute aufseiten des Satomi-Heeres an. Nach Einbruch der Dunkel ließen sie die Kähne mit den Strohpuppen auf das gegenüberliegende Ufer zutreiben, stimmten ihren Schlachtruf an und machten tüchtig Lärm.
"Der Feind greift an!", riefen die Wachen auf der Seite des Ôgiyatsu. Pfeile und Gewehrkugeln prasselten wie ein Gewitterregen auf die Schiffe mit den Strohpuppen. In der Zwischenzeit erkundeten Satomis Leute in der Dunkelheit heimlich Stellen, an denen sie die Palisaden durchbrechen könnten, und wiederholten in der folgenden Nacht den Angriff vom Fluss her, mit Schiffen voller Strohpuppen vorneweg.
"Lasst euch nicht täuschen wie gestern! Die schicken schon wieder nur Strohpuppen, damit wir unsere Munition verschießen!", riefen die Befehlshaber, damit ihre Kämpfer nicht schossen, und als sie bemerkten, dass den Strohpuppen wirkliche Kämpfer folgten, war es schon zu spät. Alle blickten zum Fluss hin und griffen überhastet zu den Waffen; da gewahrten sie, dass hinter ihnen die Palisaden und Wachttürme lichterloh brannten. Wagemutige Kriegsleute aus Awa hatten die unbewachten Palisaden von der Gegenseite her durchbrochen und Feuer gelegt. Am anderen Morgen waren die Insel Myôkenjima und das Dorf Imai in der Hand von Satomis Truppen. Die Angreifer, die nicht tot, sondern gefangen waren oder sich ergeben hatten, wurden mit etwas Proviant auf ruder- und steuerlose Schiffe gesetzt und trieben den Fluss hinab aufs offene Meer. Nur drei Kämpfer waren entkommen und konnten der nachrückenden Streitmacht Kunde von der Niederlage überbringen.
Bei der Verfolgung eines geflohenen Offiziers stieß Sôsuke mit seinen Leuten auf eine nachrückende feindliche Einheit. Auf den Fahnen erblickte er das Wappen der Ebira Ôtoji, Mutter des Fürsten Nagao Kageharu, und auf den Standarten den Namen des Anführers Inado Yorimitsu. Sôsuke hielt sein Ross an und rief zu den Feinden hinüber:
"Ist euer Anführer Herr Inado Yorimitsu? Ich möchte mit ihm reden!"
"Aus dem Trupp der etwa 150 Kriegsleute löste sich ein Offizier und ritt auf Sôsuke zu.
"Lange haben wir uns nicht gesehen, Herr Inukawa", sprach Yorimitsu, der sein Ross vor Sôsuke zügelte. "Es freut mich zu sehen, dass Ihr wohlauf seid."
"Ich bin ebenso erfreut, meinen Lebensretter wiederzusehen. Inuta Kobungo ist ebenfalls ein Anführer der Streitmacht des Hauses Satomi. Er wird es sehr bedauern, dass er Euch nicht hier seinen Dank aussprechen kann. Wir stehen derzeit zwar als Feinde gegenüber, aber meine Dankesschuld ist mir heilig. Ich hoffe, wir sehen uns bei anderer Gelegenheit bald wieder."
Sôsuke legte einen Pfeil auf und schoss ihn in Richtung des gegnerischen Trupps ab. Er traf die Haltestange einer Fahne mit dem Wappen der Ebira Ôtoji, sodass sie abbrach und die Fahne hoch aufwirbelnd hinter dem Trupp zu Boden fiel. Mit einer Verneigung ritt er davon.


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Inado Yorimitsu



Inado Yorimitsu hielt seine Leute von der Verfolgung der abziehenden Verteidiger ab.
"Ich habe dafür meine Gründe", sagte er und zog sich nach Ryôgoku zurück. Dem Befehlshaber des Heeres, das gegen Gyôtoku und Kônodai zog, nämlich Ôgiyatsu Tomoyoshi, dem Sohn des Shogunatsfürsten Sadamasa, ließ er ausrichten, er sei erkrankt und könne vorerst nicht an den Kämpfen teilnehmen.
Dank etlicher Einfälle und Finten gelang es den Verteidigern bei Gyôtoku, alle Angreifer in die Flucht zu schlagen und deren Anführer Chiba Yoritane und Ôishi Norishige gefangen zu nehmen. Chiba Yoritane war der Fürst des Makuwari Daiki, der einst Inuta Kobungo in Arrest gehalten hatte, und Ôishi Norishige war jener Fürst, der seinerzeit Inukawa Sôsuke am Richtplatz Kôshinzuka am Kreuz hinrichten lassen wollte. Ôgiyatsu Tomoyoshi, der Sohn des Sadamasa, entkam mit knapper Mühe; auf seiner Flucht erreichte er den Fluss und stellte mit Entsetzen fest, dass die Brücke, über die er gekommen war, während der Kämpfe heimlich abgebaut worden war. Aber im Schilf verborgene Boote kamen eilig herbeigerudert und nahmen ihn in der Abenddämmerung auf, so dass er seinen Verfolgern entweichen konnte und glaubte, er würde nach Shibaura in Musashi gebracht, aber als die Boote am andern Morgen in Sunosaki in Awa festmachten, merkte er zu seiner Verblüffung, dass er Gefangener des Hauses Satomi war, denn seine vermeintlichen Retter waren keine Mitstreiter gewesen, sondern Yorisuke von der Binnenreederei Inue in Ichikawa und dessen Helfer, mit denen diese List abgesprochen war.


 

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Einsatz der Wildschweine

Die Burg von Kônodai auf dem östlichen Ufer des Flusses Arakawa war das erste Bollwerk auf dem Territorium der Verteidiger. Sie durfte nicht fallen, weshalb Inuzuka Shino beschloss, sein Feldlager auf dem Westufer nahe beim Weiler Iyota zu errichten. Mit ihm leitete Inukai Genpachi die Truppe des Hauses Satomi, die etwa viertausend Kämpfer umfasste. Satomi Yoshinaris Erbfolger Yoshimichi sträubte sich, als er angewiesen wurde, den Rittern um Burgherrn Mamanoi Momijirô in der Burg beizustehen.
"Ich bin zwar noch sehr jung, aber immerhin zwei Jahre älter als Inue Shinbei. Ich kann mich doch nicht feige in der Burg verkriechen!", maulte er, aber sein Vormund, Vogt Tôno Tokisuke, wollte nicht zulassen, dass er sich in Gefahr begab.
"Im Feld haben Inuzuka Shino und Inukai Genpachi das Kommando, jeder muss sich fügen", erwiderte er.
Die Späher berichteten, dass das Heer der Angreifer am 5.Tag des 12.Monats aus Isarago aufgebrochen sei. Mit Schiffen fuhren sie bis zur Flussmündung und dann den Senju-Fluss hinauf. Ihr Feldlager lag bei Kameari, das Heer bestand aus vierzigtausend Kämpfern unter dem Kommando des Shogunatsfürsten Yamanouchi Akisada aus Kamakura und des Burgherrn von Koga, Ashikaga Shigeuji. Unter dessen Kommando standen auch sein Vogt Yokobori Arimura und sein Offizier Niori Hodayû. Ihr erster Angriff erfolgte von Kanamachi her.
"Sie sind in zehnfacher Überzahl", sinnierte Shino. "Wenn wir uns nichts einfallen lassen, sind wir verloren. Weshalb sie von Kanamachi aus angreifen, ist mir nicht klar. Diese Gegend hat nur eine nicht sonderlich breite Landstraße, gesäumt von Wäldern und morastigen Reisfeldern. Vermutlich ist das eine Falle. Wenn wir aufeinandertreffen, werden sie so tun, als ob sie zurückwichen, und wenn wir sie verfolgen, kommen sie aus den Wäldern und umzingeln uns. Setzt ihnen nicht weit nach, wenn sie sich zurückziehen!"
Es kam aber viel schlimmer. Sie wichen nämlich beim ersten Schlagabtausch nicht zurück, sondern verschwanden in den Wäldern, und auf die Satomi-Truppen kamen gewaltige Kampfwagen zugefahren, von 6 Pferden gezogen. Je drei normale Wagen waren zu einerm schweren Kampfwagen zusammengebunden und darauf Musketiere und Bogenschützen postiert, die nun auf Shinos Truppen stießen, die keinen Fluchtweg hatten. Shino ritt mit einer Schar um das nächste Wäldchen herum, gelangte in den Rücken der Abteilung mit den Kampfwagen und hatte allergrößte Mühe, die Verteidigertruppen aus der Falle herauszuhauen. Gut, dass Genpachi vom Flussufer herzugeeilt kam. Die beiden Hundekrieger brachten die Angreifer wie ein Wirbelwind durcheinander, warfen einige Kampfwagen um und fochten ihren Leuten einen Fluchtweg frei. Genpachi gelang es sogar, einen jungen feindlichen Offizier zu fangen.


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Shino und Genpachi


Der Gefangene war Saitô Morizane, der Sohn des Vogts des Shogunatsfürsten Akisada. Er wurde zu Burg Kônodai gebracht, aber es stand nicht zu erwarten, dass die Angreifer die Gefangennahme einer so prominenten Person einfach hinnahmen.
"Shino, lass dir was einfallen gegen diese fürchterlichen Kampfwagen!", rief Genpachi. "Und sichere den Weg zu unserem Feldlager, ich halte jetzt erst mal den Feind auf."
Er wählte dreißig Musketiere aus und erwartete die Verfolger an einem schmalen Flüsschen, während sich die Leute mit den Schusswaffen im Wald versteckten. Nahe des Steges, der über den Wasserlauf führte, blieb Genpachi ganz allein zurück.
Die Straße war schmal, die Verfolger waren vierzigtausend Mann stark. An ihrer Spitze ritten Ashikaga Shigeuji und sein Vogt Yokobori Arimura. Sie erkannten Genpachi sofort.
"Was führt der Kerl im Schilde? Hockt dort mutterseelenallein auf seinem Pferd. Das ist garantiert eine Falle", knurrte Yokobori, aber weder er noch Shigeuji hatten einen Einfall, wie sie reagieren sollten. Genpachi saß auf seinem Ross auf dem anderen Ufer, reglos wie eine Bronzestatue. Sie hielten an und warteten auf den Kommandeur Akisada, der weiter hinten nachfolgte.
"Was ist?", fragte er ungehalten angesichts des einzelnen Reiters. "Den hauen wir doch um!"
Aber sie berichteten, dass er der gewaltigste Schwertkämpfer der Region um Koga sei und sogar auf dem Dach der Burg gefochten habe. Mit dem sei nicht zu spaßen.
"Haha," rief Genpachi von drüber her. "Herr Shigeuji, Herr Akisada, habt Ihr keine mutigen Kriegsleute? Fürchtet sich Euer vierzigtausendköpfiges Heer vor mir, dem Hundekrieger Inukai Genpachi in Diensten des Fürstenhauses Satomi?"
"Auf ihn!", brüllte Akisada und stürmte los. Daraufhin kamen die dreißig Musketenschützen aus ihren Verstecken und feuerten auf die Angreifer, vor allem auf die Schützen auf den Kampfwagen. Eine Panik brach aus. Weil die Straße schmal war, hatte sich ein regelrechter Stau von Kämpfern gebildet, als die Vorhut stehen geblieben war. Nun fielen Schüsse, und die Kämpfer an der Front wichen nach hinten zurück, die hinteren wichen ebenfalls nach hinten zurück, und das Zurückweichen pflanzte sich wie eine Welle durch das gesamte aufgereihte Heer von vierzigtausend Kämpfern, denn die hinteren wussten nicht, weshalb die Leute vor ihnen zurückliefen, weshalb sie erst recht davonrannten. Erst in Kanamachi kam die kopflose Flucht zum Stehen, ordnete sich das Heer wieder. Akisada schnaubte vor Wut.
Genpachi riss die Brücke nieder, kam aber nicht auf den Gedanken, die zurückgelassenen Kampfwagen in Brand zu setzen. Als er auf Shino traf, lobte der ihn zwar dafür, allein das riesige Heer der Feinde in die Flucht geschlagen zu haben, aber gegen die fürchterlichen Kriegswagen war noch immer kein Kraut gewachsen. Wenn denen der Durchbruch gelang, wären die Angreifer nicht mehr aufzuhalten.
So befahl er, das Feldlager von Iyota auf den Hügel Fume zu verlegen. Es war ein Hügel, der durch angeschwemmtes Holz bei Hochwasser entstanden war. Die Bauern hatten auch andere bei der Feldarbeit störende Dinge, Steine, Gehölz und Abfälle darauf geworfen, und mit den Jahren und durch neue Fluten war er auf eine Höhe von etwa 200 m angewachsen. Oben war er flach und mit Gebüsch bewachsen und bot genug Platz für ein Feldlager. Um sich vor Beschuss zu schützen, wurden die Ränder mit Planen verhängt. Die Feinde rückten erst in Richtung Iyota vor, merkten aber unterwegs, dass die Verteidiger sich auf ihrem Brückenkopf, dem Hügel mit Namen Fume, befänden. Er lag direkt am Fluss; das andere Ufer war das Gebiet des Fürsten Satomi mit der Burg Kônodai.
Die Angreifer lachten sich ins Fäustchen. Sie umzingelten den Hügel auf drei Seiten, begannen die Belagerung und fuhren ihre Kriegswagen auf, sie hatten hunderte davon. Es war leicht, mit ihren 40 000 Mann den Ring so dicht zu schließen, dass nicht einmal eine Maus unbemerkt hindurchgelangen konnte.
Die Tage im Winter sind kurz; über den Fluss konnten die Verteidiger in der Dunkelheit mit im Schilf versteckten Booten gelangen. Shinos Plan war, es Kiso Yoshinaka am Kurikara-Pass gleichzutun und Stiere mit Brandfackeln an den Hörnern auf die Feinde zu jagen, aber die Bauern der Umgebung besaßen keine Rinder. Hier pflügte man die Felder mit Pferden. Aber sie hielten die Wildschweine, die bei der Jagd im Herbst in dieser Region eingefangen worden waren, in einem Gehege in der Nähe, und sandten unbemerkt alle 65 Keiler anstelle der Rinder über den Fluss auf den Hügel. Shino freute sich über diese Idee der Bauern und gab Order, den Keilern Fackeln an die Hauer zu binden. Er selbst wollte auf Shinbeis Ross Seigaiha in die Schlacht reiten, um auch Shinbei symbolisch am Kampf teilnehmen zu lassen, und hatte sich dafür das zu einem Überhang umgenähte Schlafgewand über die Rüstung gezogen, das er während seiner Blutvergiftung trug und das noch vom Blut des Ehepaars Fusahachi und Onui rot gefärbt war. Er hatte es stets in Ehren gehalten und wollte heute aus Dankbarkeit für seine damaligen Retter dieses Andenken im Kampf tragen. Nur - Seigaiha war spurlos verschwunden. Der Rossknecht kam vollkommen geknickt von den Ställen und erwartete einen scharfen Rüffel, aber Shino sagte nur, nein, dich trifft keine Schuld, es muss etwas passiert sein.


Bei Kiso Yoshinaka handelt es sich um den Feldherrn Minamoto no Yoshinaka (1154-1184), der im 12.Jh. entscheidend zur Entmachtung des tyrannischen Adelshauses Taira beigetragen hatte, das Kaiserhof und Reich drangsalierte. Yoshinaka entschied 1183 die Schlacht von Kurikara zu seinen Gunsten, wo er die weit überlegene feindliche Streitmacht mit einer List nachts an einen Abgrund trieb, von dem die Kämpfer in eine Schlucht stürzten. Takizawa Bakin bezieht sich hier auf den historischen Roman "Heike Monogatari" (Deutsch: Heike Monogatari, Der Sturz des Hauses Taira, Manesse 2023). Dass Yoshinaka dazu Ochsen mit Fackeln an den Hörnern verwendet haben soll, ist Legendenbildung aus späterer Zeit. 
Fleischverzehr war in Japan seinerzeit nicht allgemein üblich, weshalb man Wildschweine nicht schlachtete. Auch die mehrfach erwähnten Jäger waren bei Wild und Hasen auf die Felle aus, nicht auf Wildpret. Rinder wurden als Zugtiere und zum Pflügen der Reisfelder verwendet.


Die Feinde schliefen in ihren Stellungen. Sie fühlten sich sicher. Selbst wenn die Verteidiger plötzlich angriffen, hier kämen sie nicht durch, es wäre ihr sicheres Ende. Im Morgengrauen des 8.Tages stürmten die Verteidiger jedoch in alle drei Richtungen vom Hügel Fume herab, die Wildschweine mit den brennenden Fackeln vorneweg. Der 8.Tag war der Tag, an dem die Flotte des Ôgiyatsu lossegeln wollte und bei dem Schamanen Fûgai Dôjin kräftigen Wind bestellt hatte. Man konnte den Wind auch hier spüren, und schnell fingen alle Kriegswagen, die Zelte der Offiziere und Schilde, Speere und Bögen Feuer, das hoch zum Himmel aufloderte. Durch das heillose Getümmel der aufspringenden Belagerer sprengten die Kämpfer des Hauses Satomi, Pfeile und Gewehrkugeln verschießend. Die Feinde kamen gar nicht zum Kämpfen, sondern husteten im Qualm und rannten davon, um nicht in die Feuersbrunst zu geraten.


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Das Feldlager der Angreifer brennt lichterloh


Die Generale und Offiziere behielten jedoch die Nerven. Sie wussten, dass sie zahlenmäßig noch immer weit überlegen waren. Während die Sonne aufging, sammelten sie die versprengten Kämpfer und gingen mit jetzt dreißigtausend Kriegern zum Gegenangriff über. Die starken Hundekrieger und ihre mutigen Mitstreiter gegen eine mehr als sechsfache feindliche Übermacht - der Kampf wogte den ganzen Vormittag hin und her und war noch längst nicht entschieden.

In Burg Kônodai erfuhren die Verteidiger laufend von dem Geschehen. Dass die Schlacht noch nicht entschieden war, sondern durchaus auch verloren gehen konnte, ließ dem Erbfolger Yoshimichi keine Ruhe. Er setzte sich über die Ermahnungen seines Vormunds Tôno Tokisuke hinweg und zog mit dreihundert Burgrittern ins Gefecht. Tokisuke musste ihm wohl oder übel folgen.
Auf dem Weg zur Stätte der Kämpfe stießen sie auf eine Einheit des Nagao Kageharu, die auf dem Weg war, den von den Hundekriegern verlassen Hügel, ihren Brückenkopf, einzunehmen. Kageharu erkannte, dass sich hier die Gelegenheit bot, den Erbfolger des Fürsten Satomi zu töten oder gefangen zu nehmen und die Burg Kônodai zu erobern. Zusammen mit seinem kampfstarken Sohn Tamekage warf er sich auf die Truppe des Yoshimichi, die seinen Leuten zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen war und keinen Shino oder Genpachi bei sich hatte. Yoshimichis Einheit geriet in größte Gefahr, nur noch die treuesten Kämpfer schützten den Erbfolger, dessen Gefangennahme nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien.


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Kämpfer der Streitmacht des Nagao Kageharu


In diesem Moment eilte eine seltsam bewaffnete Schar aus der Richtung des Flusses herbei. Manche hatten Beinschienen, einige trugen auch Rüstung, andere schwangen Schiffsruder oder Holzstangen.
"Hier kommt Masaki Daizen, um den Kämpfern des Hauses Satomi beizustehen!", rief der voranstürmende junge Mann, und hinter ihm nannten Ishikame Jidanda und Hyakubori Funazô aus Echigo, Mukômizu Isanta und Edokko Sutekichi aus Musashi ihre Namen und stürmten auf die Streitmacht des Kageharu zu. Aber auch sie gerieten schnell ins Hintertreffen, doch nur wenig später tauchte aus derselben Richtung ein kleiner Reiter auf einem riesigen Ross auf, dem eine Schar aus wenigen Kämpfern nachfolgte.
"Wer es wagt, es mit meiner Wenigkeit, dem Hundekrieger Inue Shinbei, aufzunehmen, der stelle sich mir zum Kampf!", schrie der Knabe, und die hinter ihm herbeistürmenden Streiter gaben sich als Obayuki Yoshirô und Shitatsuka Kijiroku zu erkennen. Shinbeis wirbelndem Stock und den Hufen des blitzschnell in die Feinde hineinpreschenden Rosses Seigaiha war keine noch so große Streitmacht gewachsen. Nagao Kageharus Leute suchten entsetzt ihr Heil in der Flucht; Kageharu entkam mit Mühe, sein Sohn Tamekage geriet in Gefangenschaft.


 
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Die Augen des Tigers


Masaki Daizen und
Inue Shinbei starrten einander fassungslos an.
"Wie kommt Ihr denn hierher?", fragten sie wie aus einem Mund. Auch Ishikame Jidanda und Hyakubori Funazô hatte niemand hier erwartet, geschweige denn die um sie gescharte Bande der Raufbolde Mukômizu Isanta und Edokko Sutekichi, die zu Shinbeis grenzenloser Verblüffung an der Seite Jidandas gefochten hatten.


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Unverhofftes Wiedersehen auf dem Schlachtfeld:  Masaki Daizen und Inue Shinbei


"Ich bin damals auf der Brücke am Fluss Mategawa bei Yûki hinter Euch hergelaufen", berichtete Daizen, "wurde aber von einer Gewehrkugel getroffen und stürzte in den Fluss. Als ich wieder zu mir kam, hatten mich Unbekannte aufs Ufer gezogen und versorgten mich. Die Leute waren sehr gastfreundlich und ließen mich in ihrem Haus wohnen, bis meine Wunde geheilt war. In dieser Zeit zog ich Erkundungen ein und erfuhr, dass Ihr, Herr Shinbei, als Gesandter in Kyôto weiltet. Ich wollte mich auf Eurem Rückweg Euch anschließen, aber die Gesandtschaft kehrte ohne Euch nach Awa zurück; Shogunatsfürst Hosokawa Masamoto hielt Euch in Arrest. Auch Eure Siege im Wettkampf wurden von aller Welt gepriesen. Als ich erfuhr, dass sich Shogunatsfürst Ôgiyatsu gegen die Hundekrieger zu einem großen Krieg rüstete, brach ich auf in Richtung Shimôsa, um als Euer Gefolgsmann an Eurer Stelle Euren 'Brüdern' beizustehen. Mein früherer Herr Ôgiyatsu Sadamasa wollte von der See her angreifen, weshalb ich hierher eilte, wo die Kämpfe zu Land stattfinden und ich nicht direkt gegen meinen ehemaligen Herrn zu kämpfen brauchte. Kurz vor Shimôsa stieß ich auf Herrn Jidanda und seine Mitstreiter..."
"Ja, wir hatten ebenfalls von dem Krieg gehört, der gegen die Hundekrieger geführt werden sollte", fiel ihm Jidanda ins Wort. "Alle Hundekrieger haben uns stets nur Gutes getan, weshalb wir sofort in Richtung Shimôsa eilten, weil wir meinten, dass die gewaltige Übermacht der Angreifer jeden einzelnen Helfer erfoderlich machte. Bei Gyôtoku stießen wir auf Isanta und seine Leute, aber sie attackierten uns diesmal nicht, sondern...."
"...wir sind alle zu großen Bewunderern der Herren Inue Shinbei und Masaki Daizen geworden", unterbrach ihn Isanta. "Shinbeis Fähigkeiten haben wir am eigenen Leib erlebt und von seinen Siegen in Kyôto gehört. Wir waren zwar sicher, dass ihm noch so viele Gegner nichts anhaben können, aber seinen Freunden wollten wir beistehen."
Sutekichi ergänzte: "Und deshalb sind wir alle mit Jidanda und Funazô gekommen. Auf Keilereien verstehen wir uns gut, wollten aber diesmal auf der richtigen Seite mitmachen."
Shinbei war eine Weile spachlos und berichtete dann, wie es ihm ergangen war.
"Wir haben lange am Fluss nach Euch gesucht, Herr Daizen, aber keine Spur gefunden und alle Hoffnung aufgegeben. Außerdem mussten wir die Urne mit den sterblichen Überresten des Herrn Suemoto nach Awa bringen. Danach wurde ich als Gesandter nach Kyôto geschickt, aber dort in Arrest gehalten. Ich durfte nicht einmal das Anwesen des Herrn Hosokawa verlassen. Dank der sehr geschickten Hilfe des Kijiroku, der so klug war, sich als Süßspeisenhändler Zugang zum fürstlichen Anwesen zu verschaffen, Nachrichten an mich in seine Kuchen zu stecken und meine Antworten hinterher zu verbrennen, blieb ich in Kontakt mit meinem Ziehvater Obayuki. Im Anwesen traf ich den böswilligen Räubermönch Tokuyô wieder, der sich als Sohn des Vogts entpuppte und den Shogunatsfürsten gegen uns aufgewiegelt hatte. Nach dem Sieg bei den Wettkämpfen ließ mich Herr Hosokawa deshalb noch immer nicht frei, sondern wollte mich in den Dienst des jungen Shôguns stellen, was ich aber strikt ablehnte. Von seinen Kundschaftern erfuhr er allerdings, dass meine Darstellung der Kämpfe in Yûki richtig war und Priester Tokuyô gelogen hatte. Er und sein Vater, der Vogt, fielen danach bei Herrn Hosokawa in Ungnade. Dann geschah es, dass ein Maler ein altes Rollbild des Meisters Kose no Kanaoka restaurierte und einem darauf abgebildeten Tiger die weiß gebliebenen Augen ergänzte. Dadurch kehrte die Seele des Tigers in das Bildnis zurück; die Bestie sprang aus dem Bild, lief durch Kyôto, tötete viele Menschen und versetzte jedermann in Furcht und Schrecken. Die Jagd war vergebens, sogar Gewehrkugeln vermochten dem furchtbaren Untier nichts anzuhaben. Der Shogunatsfürst, Herr Hosokawa, bat mich, den Tiger zu erlegen, versprach mir die Freiheit und schenkte mir dafür sein bestes Ross Hashiriho. Etwa zeitgleich entführten der des Hauses verwiesene Räubermönch Tokuyô und sein Schüler Kensaku das junge Fräulein Fubuki, die Tochter des Herrn Hosokawa. In den Bergen bei Kyôto trafen die drei auf den Tiger, den ich gerade verfolgte; das Ungeheuer biss Tokuyô einen Arm, und seinem Schüler Kensaku ein Bein ab. Nur Fräulein Fubuki blieb unverletzt. Ich konnte dem Tiger Pfeile in beide Augen schießen und ihn töten. Funazô bewachte den Kadaver des Tigers und übergab ihn den Leuten des Herrn Hosokawa, die auf der Suche nach der entführten Fubuki das Bergland durchstreiften, und
Yoshirô brachte Fubuki zu ihrem Vater zurück. Als man dem toten Tiger die Pfeile aus den Augen zog, verließ ihn seine Seele; er verschwand und kehrte in das alte Gemälde zurück. Ich durfte endlich zusammen mit Yoshirô und Kijiroku zurückreisen, aber auf dem Heimweg starb das edle Ross Hashiriho. Wir machten deswegen Halt in einer Herberge, wo wir erstmals von dem Kriegszug erfuhren, den Ôgiyatsu Sadamasa gegen das Haus Satomi unternahm. Sofort eilten wir los, und als wir in der Gegend von Senzoku an den Fluss Sumidagawa gelangten, kam uns das Ross Seigaiha entgegen, als wollte es mich abholen."  


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Traditionelle Darstellung eines Tigers (Gemälde von Soga Chokuan, der im späten 16.Jh.lebte)


In Japan lebten niemals wilde Tiger. Sie waren jedoch aus China und Indien bekannt und finden sich auf zahlreichen Gemälden nach chinesischem Vorbild dargestellt. Weil es keine lebenden Vorbilder gab, ließen japanische Maler bei der Darstellung des als menschenfressende, schrecklichste Bestie der Welt gefürchteten Tigers ihrer Fantasie freien Lauf. Von dem mittelalterlichen Hofmaler Kose no Kanaoka (802-897) sind nur wenige Werke erhalten.



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Der blutrote Überhang


Viel Zeit zum Erzählen blieb Shinbei und Daizen nicht. Es war ihnen zwar gelungen, den Erbfolger Tarô Yoshimichi aus höchster Gefahr zu retten und in Sicherheit zu bringen, aber Nagao Kageharu war entschlossen, seinen Sohn Tamekage zu befreien und die Scharte seiner Niederlage auszuwetzen; schließlich hatte er noch immer eine gewaltige Streitmacht zur Verfügung. Er sammelte seine Kämpfer und formierte sie umgehend zu einem neuen Angriff. Shinbei erwartete mit seinen 650 Mann die Feinde auf einem weiten Brachfeld. Er entsann sich einer Episode aus der chinesischen Literatur, die ihm sein Ziehvater Obayuki Yoshirô einst vorgelesen hatte; darin hatte eine hoffnungslos unterlegene Truppe die Angreifer durch eine überraschenden Taktik besiegt. Er imitierte diese Taktik und schlug dadurch die wutentbrannt in die Falle tappenden Angreifer erneut in die Flucht. Kageharu entkam, weil Shinbei bei der Verfolgung mitsamt seinem Ross Seigaiha in eine von hohem Gras verborgene Erdspalte stürzte.

Shino und Genpachi hatten indessen noch immer viel Mühe mit der Überzahl der Angreifer unter der Führung von Yamanouchi Akisada und Ashikaga Shigeuji, die von drei Seiten attackierten. Diese glaubten, die wenigen Kämpfer, die bei den beiden Hundekriegern waren, seien nur ein Teil der Verteidigungstruppe, und der Rest habe sich im Wald versteckt. Sie beschossen also den Wald mit Brandpfeilen, die durch den starken Wind dieses Tages auch in ihre Wirkung nicht verfehlten. Aus dem brennenden Wald kamen aber keine fliehenden Gegner, sondern die Wildschweine der vergangenen Nacht, die dort Zuflucht gesucht hatten, und stürmten wütend und blindlings mitten in das Heer der Angreifer. Zugleich griff das Feuer auf das trockene Gras des Schlachtfelds über, und die Verteidiger brauchten nur noch den panisch davonlaufenden Feinden hinterherzureiten, um ihre Anführer gefangen zu nehmen.
Genpachi hatte es auf seinen ehemaligen Herrn Ashikaga Shigeuji abgesehen, aber
ein riesiges Wildschwein hatte dessen Pferd zu Fall gebracht, so dass der Fürst auf den Keiler stürzte, der wie der Blitz mitsamt seinem Reiter im hohen Gestrüpp verschwand. Nun verfolgte Genpachi den Akisada, der aber schon so weit entfernt war, dass er wohl schwerlich einzufangen war.
Shino galoppierte zwei fliehenden Offizieren nach, die er für Akisada und Shigeuji hielt, aber als er näher kam, erkannte er, dass es sich um den Vogt Yokobori Arimura handelte, der ihm auf Burg Koga die Burgritter auf den Hals gehetzt hatte, und den Feldherrn Niiori Hodayû, um dessentwillen in Gyôtoku Kobungos Schwester Onui und ihr Ehemann Fusahachi ums Leben gekommen waren. Shino trug über seiner Rüstung das zu einem Überhang zusammengenähte Schlafgewand, das mit dem Blut der beiden getränkt war.
"Du arglistiger Schmeichler Arimura, bleib stehen! Hier kommt Inuzuka Shino, den du auf Burg Koga umbringen lassen wolltest! Und du, Speichellecker Hodayû, der in Gyôtoku auf meinen abgeschlagenen Kopf lauerte, lauf mir nicht feige davon, wenn du ein Samurai mit einem Funken Ehre im Leib bist!" 
Die beiden drehten sich nicht einmal um, sondern preschten in Windeseile davon, weshalb Shino zwei Pfeile nacheinander auflegte und die beiden tödlich traf; Hodayû stürzte vom Pferd, aber Arimura sackte auf dem Sattel seines Pferdes zusammen, das mit dem Toten auf dem Rücken weitergaloppierte. Shino sah sich suchend nach den flüchtenden Generalen Akisada und Shigeuji um, erblickte aber stattdessen einen sehr jungen Reiter, der andere fliehende Feinde verfolgte, aber plötzlich wie vom Erdboden verschluckt verschwand. Er hatte ausgesehen wie Shinbei, aber das konnte nicht sein; Shinbei weilte ja in Kyôto. Als Shino aber sah, dass die verfolgten Feinde kehrt machten, um den in die Erdspalte gestürzten Reiter mit Lanzen totzustechen, sprengte Shino hinzu, schlug die Feinde nieder und half dem Reiter samt Ross aus dem Erdloch heraus.
"Shinbei...! Also warst du es doch! Bist du verletzt? Und Seigaiha....! Wie kommt ihr denn hierher?", stammelte Shino verblüfft. Er ließ sich mit Shinbei auf der dicken Wurzel einer krummen Kiefer nieder. Kein Feind war mehr in der Nähe zu sehen.


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Inue Shinbei


Shinbei berichtete, was ihm in Kyôto zugestoßen war, und dass ihm auf seinem eiligen Rückweg das Ross Seigaiha entgegengekommen war, als wollte es ihn abholen.
"Ich wollte an deiner Stelle auf deinem Ross Seigaiha in die Schlacht reiten, aber als ich es aus dem Stall holen ließ, war es spurlos verschwunden; ich dachte schon, jemand hätte es gestohlen. Jetzt begreife ich den Zusammenhang!"
"Ich bin Euch zu größtem Dank verpflichtet, Herr Shino. In diesem Erdloch hätte ich keine Möglichkeit zur Gegenwehr gehabt und wäre jetzt mit Sicherheit tot, wenn Ihr mich nicht gerettet hättet!"
"Ja, das war gefährlich, aber schau mal, Shinbei, der Überhang, den ich trage, ist rot vom Blut deiner Eltern, die ihr Leben dafür gelassen haben, um mich zu retten und einen Fluch von dir zu nehmen. An jenem Tag habe ich mir geschworen, dich, ihr einziges Kind, mit all meinen Kräften zu beschützen. Deshalb habe ich dieses wertvolle Erinnerungsstück für die Schlacht angelegt. Ich bin froh, dass ich heute einen kleinen Teil meiner Dankesschuld gegenüber deinen Elten abtragen konnte."


horoDer meist rote Überhang (horo) japanischer Krieger zu Pferde wurde durch den Wind beim Galoppieren ballonförmig aufgeweht und diente dadurch zum Schutz gegen Pfeilbeschuss von hinten. Die Federn an den Pfeilen bremsten beim Durchschlagen des Überhangs die Wucht der Pfeile stark ab.


Während der Gespräche stieß Genpachi zu ihnen, der ebenfalls vor Staunen, dass Shinbei hier war, beinahe vom Pferd fiel.
"Ich würde mir gerne anhören, was du zu erzählen hast", wandte er sich an Shinbei, "aber wenn wir hier müßig herumsitzen, entkommt uns Akisada!"
"Hast du den Befehl unseres Fürsten vergessen? Wir sind nur Verteidiger. Wenn Feinde flüchten, setzen wir ihnen nicht nach. Und Köpfe sollen wir auch nicht abschlagen. Lasst den Akisada laufen!"
"Wie dumm von mir! Daran habe ich in der Tat nicht gedacht. Ja gut, dann soll er eben feige davonrennen!"
Es nahten weitere Mitstreiter, Obayuki Yoshirô, Masaki Daizen, Kameya Jidanda, Hyakubori Funazô, Mukômizu Isanta, Edokko Sutekichi und viele andere. Dass alle unverletzt waren, freute die Hundekrieger sehr. Diejenigen, die sich noch nicht kannten, stellten sich einander vor. Als die Hundekrieger mit ihren Mitstreitern schließlich zu ihrer Festung auf dem Hügel Fume aufbrechen wollten, sahen sie eine Schar von Bauern aus dem nahen Dorf Kasai auf sich zukommen. Der Dorfschulze näherte sich ehrerbietig und berichtete:
"In unser Dorf kam ein Pferd getrabt. In seinem Sattel hing der Leichnam des Herrn Burgvogts Yokobori Arimura mit einem Pfeil im Nacken. Wir sind von diesem Burgvogt unzählige Male hart gezüchtigt und bestraft worden, weshalb wir ihm den Kopf abschlugen, um ihn Euch zu überbringen. Auf dem Weg fanden wir den toten Herrn Niiori Hodayû, einen nicht weniger grausamen Unmenschen. Auch dessen Haupt trennten wir ab und gestatten uns, Euch diese Trophäen als Zeichen unsrer Dankbarkeit zu überreichen."
"Wir danken euch dafür. Uns Kriegsleuten wurde zwar vom Fürsten untersagt, tote Feinde zu enthaupten", antwortete Shino, "aber in diesem Fall war es die gerechte Strafe des Himmels, dass sich die Bauern an ihren Unterdrückern gerächt haben. Falls ihr uns danken wollt, möchten wir euch darum bitten, die toten Kämpfer, gleich welcher Seite, die hier zwischen euren Feldern liegen, würdig zu bestatten." 



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Ende des Landkriegs


Kein Feind hatte es auf die andere Seite des Flusses geschafft. Sogar der Brückenkopf auf dem Hügel Fume war unangetastet geblieben. Erbfolger Tarô Yoshimichi befand sich auf Burg Kônodai in Sicherheit, sein Vormund Tôno Tokisuke sorgte für Ordnung und Disziplin. Seine Leute hatten die prominenten Gefangenen in separaten Räumen der Burg eingeschlossen, bewachten sie gut, aber behandelten sie im Sinne des Fürsten menschlich und respektvoll.
Genpachi war mit gut tausend Kämpfern bis nach Kanamachi zum feindlichen Heerlager geritten; er fand es leer und erfuhr von den Leuten, dass die meisten Feinde des Kampfes müde geflohen waren. Auch die Heerführer, allen voran Yamanouchi Akisada und Nagao Kageharu, waren, ihrer Streitmacht beraubt, zu ihren Heimatburgen zurückgeritten. Die Hundekrieger konnten ihren Sieg bei Kônodai feiern. Zuvor hatte Shino allerdings Boten nach Gyôtoku geschickt, um zu erfahren, wie es bei den Kämpfen ihrer 'Brüder' Sôsuke und Kobungo stand, und um, falls nötig, Entsatz durch weitere Truppen zu senden; diese Leute begegneten unterwegs auf dem Fluss den Boten aus der Gegenrichtung, die aus Gyôtoku ebenfalls einen endgültigen Sieg und die Gefangennahme der Feldherren Chiba Yoritane, Ôishi Norishige und anderer verkündeten. 

Beim Empfang bei ihrem Herrn, dem Erbfolger Yoshimichi, wurden alle Großtaten gewürdigt und ein schriftlicher Bericht angefertigt. Yoshimichi entließ alle freiwilligen Helfer in ihre Heimat; auch Mukômizu Isanta, Edokko Sutekichi und ihre Kumpanen kehrten, nachdem sie eine gebührende Belohnung erhalten hatten, auf ihren Wunsch nach Musashi zurück. Masaki Daizen wurde für seine großartige Leistung bei der Rettung des Erbfolgers besonders gepriesen und entlohnt, aber er hatte keine Heimat, in die er ohne Gefahr zurückkehren könnte und bat darum, offiziell in die Dienste des Fürsten Yoshinari treten zu dürfen. Shinbei befürwortete und unterzeichnete das Gesuch, das mit dem Bericht vom Verlauf der siegreichen Schlacht nach Awa gesandt wurde, und behielt ihn vorerst in Burg Kônodai.
"Ich habe von hier ebenfalls eine Neuigkeit zu vermelden", sprach Yoshimichi zuletzt. "Nahe der Burg trafen unsere Gardisten ein Wildschwein, an dessen Hauern ein Kriegsmann mit seinem
Gürtel festhing. Mit größtem Erstaunen sahen wir, dass es sich um den Herrn von Burg Koga, Ashikaga Nariuji, handelte. Auch er ist hier bei uns auf der Burg als Gefangener anwesend."
"Es erleichtert mich sehr, dass Nariuji Euer Gefangener ist", antwortete Shino. "Da Genpachi einst in dessen Diensten stand und mein Großvater und mein Vater treue Vasallen seines Hauses waren, wäre es uns unangenehm gewesen, die Klinge wider den Nachkommen unseres einstigen Herrn zu erheben oder ihn gefangen zu nehmen. Wir schätzen dies als Euren ersten Verdienst als junger Kriegsmann."
Die Verwandten des Fürsten Chiba Yoritane hatten erfahren, dass ihr Herr in Gefangenschaft geraten war. Sie fürchteten, dass in Kürze feindliche Krieger dessen Sitz, die Burg Shirahama, überfallen und alle Bewohner töten würden. Fluchtartig packten sie ihre Wertsachen und flohen zu Bekannten, Freunden und Verwandten in ferneren Regionen.
Genpachi ritt daraufhin mit einer Hundertschaft Kriegsleuten zur verlassenen Burg und wies die Leute an, die Burg zu bewachen, damit sich keine Räuber darin einnisteten.

Einige Tage später suchten Shino und Genpachi die Gefangenen in den Räumen auf, in denen sie unter Arrest standen. Drei der vier Fürsten und Feldherren saßen wortlos, mit schamgesenktem Haupt vor ihnen, nur der vierte, Ashikaga Nariuji, empfing sie mit dem Ausruf:
"Was wollt ihr denn jetzt noch von mir?"


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Nicht sonderlich einsichtig - Ashikaga Nariuji


Shino sprach in aller Ruhe:
"Ihr habt es augenscheinlich schon vergessen, weshalb ich mir die Unhöflichkeit herausnehme, Eurem Gedächtnis nachzuhelfen. Ich bin Inuzuka Shino, Enkel des Vasallen Eures Hauses namens Ôtsuka Shôsaku und Sohn des Ôtsuka Bansaku, der Eure beim Fall der Burg Yûji gefangenen Brüder Haruô und Yasuô durch einen Überfall des Richtplatzes vor der Hinrichtung bewahren wollte. Es war leider vergebens; Shôsaku kam dabei ums Leben, mein Vater Bansaku wurde verwundet und hinkte seitdem bis an sein Lebensende wegen dieser Beinverletzung. Zurück in seiner Heimat änderte er seinen Namen in Inuzuka ab. Er verwahrte für seinen Herrn das Wunderschwert Murasame und legte mir eindringlich ans Herz, es dem Nachkommen seines gefallenen Herrn zurückzugeben. Danach beging er Seppuku, aber sobald ich halbwegs erwachsen war, suchte ich Euch im Sommer des 10.Jahres Bunmei in Eurer Burg zu Koga auf, um als Erbe Eures treuen Vasallen Euer Eigentum zu erstatten. Leider hatten mir heimtückische Widersacher zuvor die Klinge vertauscht, so dass ich Euch ungewollt ein falsches Schwert überbrachte. Euer Vogt Yokobori Arimura bezichtigte mich daraufhin der Spionage, hetzte die Gardisten auf mich und ließ mich auf dem Dach der Burg Koga durch Euren Schwertkämpfer Inukai Genpachi angreifen. Wir rutschten beim Zweikampf auf den Dachziegeln aus und fielen gemeinsam auf ein Schifflein, das unterhalb der Burg im Fluss Tonegawa vertäut war. Das Seil riss, und wir trieben bewusstlos bis nach Gyôtoku. Inuta Kobungo und sein Vater, die zufällig dort beim Fischen waren, retteten uns, aber ich erlitt durch meine Wunden eine Blutvergiftung. Zu diesem Zeitpunkt kam Niiori Hodayû nach Gyôtoku und verlangte mein Haupt. Daraufhin opferte sich das Ehepaar Inue Fusahachi und Onui, um mir das Leben zu retten.
Herr Genpachi und ich sind von Geburt an durch ein gemeinsames Karma mit dem Haus Satomi verbunden. Dasselbe Karma teilen sich insgesamt acht Männer, deren Namen mit dem Schriftzeichen "Inu" beginnen. Es dauerte seit dem Kampf auf dem Dach der Burg sechs lange Jahre, bis wir Hundekrieger endlich alle einander gefunden hatten und in die Dienste des Hauses Satomi eintraten. Hier kämpfen wir jetzt als Heerführer gegen die angreifenden Feinde unseres Fürsten."
Genpachi ergriff das Wort und setzte Shinos Rede fort:
"Ich bin der Adoptivsohn Eures einstigen Vasallen Inukai Kenbei, heiße Inukai Genpachi und bin jetzt auch einer der acht Hundekrieger des Hauses Satomi. Ich habe schon als Kind mit Eifer alle wichtigen Werke der Literatur studiert und mich im Schwertkampf geübt. Meine Fertigkeiten erweckten den Neid Eures Vogtes Yokobori Arimura, der mich deshalb zum Aufseher des Burgkerkers degradierte. Mir war bekannt, dass dort sehr oft Unschuldige eingekerkert und hingerichtet wurden, weshalb ich diesen Posten ablehnte. Daraufhin wurde ich selbst in den Kerker geworfen. Kurz vor meiner Hinrichtung erhielt ich den Auftrag, einen Eindringling und Spion, der auf das Burgdach geflüchtet war, dingfest zu machen, und trat in der Hoffnung, dafür freizukommen, gegen diesen zum Kampf an. Wie es danach weiterging, habt Ihr schon von Shino gehört.
Wir Hundekrieger weisen alle das päonienförmige Muttermal auf, das ich auf der Wange trage, und jeder von uns besitzt eine Kristallperle, die das Zeichen unserer karmatischen Verbindung zum Hause Satomi ist. In diesem Krieg aufseiten unseres Fürstenhauses haben wir darauf geachtet, nicht gegen Euch die Klinge zücken zu müssen; die Truppe, die gegen Euch antrat, wurde von anderen Offizieren befehligt. Eure Untertanen Yokobori Arimura und Niiori Hodayû wurden nicht von uns, sondern durch einfache Bauern aufgrund ihrer unmenschlichen Grausamkeit enthauptet. Unser Fürst hat uns untersagt, Feinde unnötigerweise zu töten oder ihnen die Köpfe abzuschlagen; er ist ein gütiger Herrscher, der noch niemals andere Länder angegriffen hat, sondern mit seinen Nachbarn in Frieden lebt."
"Ich weiß es", gab Nariuji zurück. "Ich erinnere mich an alles. Ich bedaure, dass ich so fähige Kriegsleute an den Herrn eines anderen Landes verloren habe."
"Wir machen Euch keinen Vorwurf", erwiderte Shino. "Wir
haben Euch auch nicht aufgesucht, um Euch zu demütigen oder uns des Sieges zu rühmen, sondern um Euch deutlich zu machen, dass es einerseits der Wunsch meiner Vorfahren, der treuen Vasallen Eures Hauses, und andrerseits die Missgunst Eurer Gefolgsleute waren, die zu diesen unglücklichen Begegnungen mit Euch geführt haben."
Mit diesen Worten verließen die beiden Hundekrieger ihren ehemaligen Herrn Ashikaga Nariuji.


(Die Fortsetzung wird voraussichtlich noch vor August 2026 fertig und hochgeladen)



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