hakkenden

Legende der acht Hundekrieger


14

Die Seeschlacht

Nachdem sich Ôgiyatsu Sadamasa am Vortag des geplanten Auslaufens seiner Kriegsflotte durch einen Sendboten vergewissert hatte, dass der Schamane Fûgai Dôjin ihm den gewünschten günstigen Fahrtwind senden würde, ließ er am 8.Tag des 12.Monats gegen Mitternacht seine Flotte auslaufen und nahe der Küste der Miura-Halbinsel vor Anker gehen, bis in den frühen Morgenstunden der versprochene Wind zu wehen begann. Im Winter sind die Nächte lang, es war noch stockfinster.
Sadamasas Flotte von weit über tausend Schiffen mit insgesamt etwa fünfzigtausend Kriegsleuten setzte sich aus mehreren Teilflottillen zusammen. An der Spitze die mit Schwarzpulver, Zunder und Stroh beladenen Branderschiffe, danach die mit Musketieren besetzte Teilflotte unter dem Kommando seines Sohnes Tomoyasu. Es folgten zehn Schiffe mit bewaffneten Seeräubern, denen er Straffreiheit versprochen hatte, falls sie ihn mit nautischen Kenntnissen und Kampfkraft unterstützten, danach mehrere Flotten der beteiligten Vasallen, und am Ende die Schiffe mit den Offizieren und das Flaggschiff des
Oberkommandeurs Sadamasa.

In der Nacht zuvor hatte sich Inumura Daikaku an einem mit Keno vereinbarten, einsamen Stand eingefunden; ein unscheinbares Schiff legte an und brachte ihm etwa dreihundert Kriegsleute aus Awa und sein Schwert. Die neueste Instruktion Kenos lautete, er solle seine Rolle als Jünger des Schamanen mit der eines verspätet eingetroffenen Vasallen Sadamasas mit einer Schar Kriegern vertauschen, Rüstung anlegen, sich Schiffe geben lassen und der feindlichen Flotte nachfolgen, um sie von hinten her zu attackieren. Daikaku hoffte
, dass sich Keno auch etwas für die Rettung der in Burg Isarago festgehaltenen Frauen Otone, Myôshin, Hikute und Hitoyo habe einfallen lassen, denn wenn die besiegten Überreste der angreifenden Streitmacht flüchtend nach Isarago zurückkehrten, würden sie zweifellos die Geiseln hinrichten.
Zumindest Otone befand sich jedoch nicht mehr auf der Burg. Sie war als Helferin der Matrosen mit an Bord
des Leitschiffs der Branderflotte. Dessen Kommandant Nitayama Shinroku wollte am Vorabend des Auslaufens schon einmal den nahen Sieg feiern, ließ Sake kommen und veranstaltete ein lustiges Gelage an Bord seines Schiffes. Otone schenkte tüchtig Sake nach, stimmte Trinklieder an und tat alles, um die Leute betrunken zu machen, mit dem Erfolg, dass sie bald in Tiefschlaf versanken und schnarchend auf den Taurollen lagen, als die Flotte den Hafen verließ.
Nitayama Shinroku war der Bruder des Nitayama Shingo, der einst am Fluss Todagawa den Kampf gegen Otones Söhne Rikiji und Shakuhachi geleitet hatte und für deren Tod verantwortlich war. Otone wollte sich die Gelegenheit der Rache nicht entgehen lassen. Während alle in tiefem Schlaf lagen, holte sie sich aus dem Bauch des Schiffs eine Muskete, entzündete die Lunte und trat wieder an Deck. Gerade eben war Nitayama Shinroku erwacht und stellte fest, dass er die Abfahrt versäumt hatte. Seinen Leuten sagte er:
"Damit wir trotz unserer Verspätung straffrei bleiben, sollten wir die Alte, die uns den Sake eingeschenkt hat, totschlagen und behaupten, sie wäre eine Spionin aus Awa gewesen und hätte ein feindliches Schiff, dessen Krieger das unsre entern wollten, herbeigeleitet."
Otone, die in der Dunkelheit unbemerkt hinter Shinroku getreten war, legte auf ihn an und rief laut:
"Ganz richtig, du hast die Wahrheit gesagt. Ich komme aus Awa und bin die Ehefrau des Obayuki Yoshirô, Gefolgsmann des Hauses Satomi, dessen Söhne durch deinen Bruder Shingo ums Leben gekommen sind! Sei auf dein Ende gefasst!"
Sie drückte ab und erschoss den Shinroku, und als sich dessen Leute auf sie stürzen wollten, warf sie die noch brennende Lunte auf Zunder und Schwarzpulver des Branderschiffs und sprang ins eiskalte Wasser des winterlichen Meeres. Ihren Namen hatte Otone vom Fluss Tonegawa; seit ihrer Kindheit am Fluss war sie eine hervorragende Schwimmerin.
Nur einen Augenblick später tat es einen gewaltigen Donnerschlag wie von hundert Gewittern zugleich; das Schiff flog in einem Feuerball in die Luft.


brander

Plötzlich explodierten die Branderschiffe


In Awa versammelte Fürst Satomi Yoshinari vor der erwarteten Ankunft der feindlichen Flotte seine Leute.
"Auch für uns gilt, dass wir uns nur verteidigen und, wo sich Feinde ergeben, sie nur gefangen nehmen. Allerdings sind uns die Feinde an Anzahl der Kämpfer und Schiffe weit überlegen. Wir teilen unsere Flotte in drei Verbände auf, die auch dann noch im Hafen bleiben sollen, wenn die feindlichen Schiffe schon in Sichtweite sind. Wir erwarten nämlich, dass der Wind, der in der Nacht aus Nordwest wehen wird, sich später legt und danach aus der Gegenrichtung Südost weht. Das ist das Zeichen für uns zum Auslaufen. Ich selbst werde vorneweg mit in den Kampf fahren."
Inuzaka Keno widersprach seinem Fürsten:
"Wir haben leider nicht so viele kräftige Kämpfer wie die Angreifer. Es ist zwar alles vorbereitet, um die Feinde zu schlagen, aber falls einige ihrer Schiffe dennoch durchkommen und anlanden, wer beschützt dann unser Feldlager?"
"Ich verstehe, was Ihr sagen wollt. Nun gut, dann bleibe ich hier und verteidige mit einer kleinen Schar die Festung Sunosaki", fügte sich Yoshinari lächelnd seinem Oberbefehlshaber. "Seid tapfer und achtet auf Disziplin. Versucht, die höchstrangigen Feinde gefangen zu nehmen!"
Keno winkte den Offizier Kominato Sakan, der sich darüber beschwert hatte, dass er keinem der Schiffe zugeteilt worden war, zu sich und eröffnete ihm, dass er der rechte Mann sei, um eine besondere Aufgabe zu übernehmen. Keno flüsterte Sakan etwas ins Ohr, woraufhin dieser auflachte und nickte. "Oh ja, das mache ich!"
Er bekam eine Anzahl von Kämpfern und Schiffen zugeteilt und wartete abseits der restlichen Flotte im Hafen.

Wie erhofft erhob sich noch in der Nacht ein starker Wind aus Nordwest, und Ôgiyatsu Sadamasa gab das Zeichen, die Anker zu lichten. Er hatte zwar bemerkt, dass das Leitschiff der Branderflottille noch nicht gekommen war, aber Hamagata Umasuke, der als Gefolgsmann des Überläufers Chiyomaru Toyotoshi ganz allein mit den Botinnen über die Meerenge gerudert war, schien ihm der rechte Mann zu sein, die säumigen Mitstreiter zu ersetzen. Kurzerhand beförderte Sadamasa den Umasuke aus Awa mit seiner guten Ortskenntnis zum Kommandeur der Branderflotte, die vorneweg fuhr, und dann setzte sich die gesamte Seestreitmacht der Angreifer in Bewegung; der gute Wind musste genutzt werden, und mit vollen Segeln flogen die Schiffe auf die Küste von Awa zu. Die 20 km von der Miura- bis zur Bôsô-Halbinsel waren in kürzester Zeit nahezu bewältigt, aber als die Küste nur noch knapp 4 km entfernt war, legte sich der Wind unvermittelt, und die Schiffe kamen nicht mehr voran. In der vollkommenen Windstille sahen die Feinde ein einzelnes Boot von Awa her auf sie zugerudert kommen. Es hatte Standarten aufgesteckt mit der Aufschrift "Überläufer Chiyomaru Toyotoshi". Die Ankunft des Überläufers war schon erwartet worden, weshalb das Boot nicht unter Beschuss genommen, sondern von der Vorhut mit den Branderschiffen willkommen geheißen wurde.
Die plötzliche Flaute war ärgerlich, aber dann setzte der Wind wieder ein, allerdings aus der Gegenrichtung Südost, und es stürmte nun noch viel heftiger als zuvor. Gegen diesen Sturm anzurudern war aussichtslos. Und jetzt kamen die Schiffe des Hauses Satomi mit ihrem vorzüglichen Rückenwind aus dem Hafen gelaufen. Die Angreifer refften die Segel, um nicht abgetrieben zu werden, und machten sich hastig zum Kampf bereit, weshalb sie zwei Ereignisse nicht oder erst zu spät bemerkten. Das eine war, dass eine kleine Anzahl der Schiffe aus dem Hafen Sunosaki in nördliche Richtung davonfuhr; es war die Flottille mit dem Geheimauftrag unter dem Kommando von Kominato Sakan. Das andere war, dass der Überläufer Chiyomaru Toyotoshi, der an Bord des vorderen Branderschiffs gekommen war, anstatt sich kampfbereit zu machen, in den Bauch des Schiffes hinabstieg, den Zunder in Brand setzte und dann wieder auf sein kleines Boot hinabsprang. Gleichzeitig zog auf einem anderen Branderschiff der fremde Kommandant Hamagata Umasuke sein Schwert, verkündete laut, dass er zum Hause Satomi gehöre, und erschlug die Kämpfer auf seinem Schiff, bis der Rest der Besatzung seine Waffen fortwarf und sich ergab. Er fesselte die Leute, setzte sie in ein Rettungsboot, warf ihre Waffen und alle Ruder ins Meer, ließ die Gefangenen von Wind und Wellen in Richtung Musashi treiben und setzte auch sein Schiff in Brand. Chiyomaru nahm ihn auf in sein Boot.


Branderschiffe waren dazu gedacht, andere Schiffe in Brand zu setzen. Sie führten deshalb eine Anzahl von kleinen Rettungsbooten im Schlepptau, damit die Besatzung vom explodierenden und brennenden Schiff entkommen konnte. 


Kurz darauf explodierte das vorderste Branderschiff, und der starke Wind aus Südost blies brennende Segel, Tauwerk und Funken auf die dicht dahinter folgenden Schiffe, die alle mit Sprengpulver und Zunder gefüllt waren, so dass eines nach dem andern in die Luft flog und danach als hölzerne Fackel weiterbrannte. In Windeseile griff das Feuer, vom Sturm kräftig angefacht, auf die nachfolgenden Schiffe, auf die Flottille der Piraten, und von da auf die gesamte Flotte der Angreifer
über. Nur wenige Schiffe, die rechtzeitig seitlich davongerudert wurden, entkamen dem feurigen Inferno, andere trieben mit verbrannten Segeln und Rudern manövrierunfähig dahin.


flottebrennt


Inuyama Dôsetsu fuhr mit einem sehr schnellen Schiff auf die Feinde zu; ihm ging es vor allem darum, seinen Todfeind Ôgiyatsu Sadamasa zu erschlagen. Zuerst traf er aber auf das Leitschiff der zweiten Flotille und erkannte, dass es von Sadamasas Sohn Tomoyasu kommandiert wurde. Tomoyasu scherte soeben aus der Flotte aus, um den Flammen zu entgehen.
"Sehe ich recht, dass Ihr Herr Tomoyasu seid?", brüllte Dôsetsu hinüber. "Ich bin der Befehlshaber der Seestreitmacht des Fürsten Satomi und einer der acht Hundekrieger, Inuyama Dôsetsu. Es ist feige, dem Feind den Rücken zu zeigen, dreht bei und stellt Euch zum Kampf!"
Ohne eine Reaktion zu zeigen, erteilte Tomoyasu an Deck seines Schiffes, das von Wind und Wogen geschüttelt wurde, seinen Matrosen weiterhin Befehle. Dôsetsu legte einen Pfeil auf und traf den jungen Kommandeur knapp unterhalb des Halses in die Brust. Tomoyasu verlor das Gleichgewicht und stürzte in die sturmgepeitschte winterliche See. Während Dôsetsus Leute vergebens versuchten, den getroffenen Tomoyasu aus dem Wasser zu fischen, entkam ihnen dessen Vater Sadamasa. Tomoyasu war nirgends zu sehen, er war entweder von der Strömung fortgerissen worden oder untergegangen.
Das Feuer hatte beinahe die gesamte feindliche Flotte erfasst, auch das Flaggschiff des Ôgiyatsu Sadamasa. Von seinen Untergebenen wurde er bei Tagesanbruch schleunigst auf einen Frachtkahn gebracht und fortgerudert, aber der starke Sturm wehte den Kahn wie von selbst in Richtung Musashi. Auch die wenigen sonstigen Schiffe, die dem Feuer entgangen oder manövrierunfähig waren, trieben in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren, ob auf der Flucht oder wider Willen, lässt sich nicht beurteilen.



header2


Der abgeschnittene Haarknoten

Inuzaka Keno, der das Oberkommando führte und die Übersicht behielt, sorgte sich um seinen Bruder Inumura Daikaku, der die Flotte der Angreifer von hinten her attackieren sollte, aber nirgendwo zu sehen war.
Daikaku hatte zwar wie geplant unter dem falschen Namen Akaiwa Hyakuchû vom Fürsten Miura Yoshiatsu zehn Schiffe erhalten, um sich der Flotte des Ôgiyatsu Sadamasa anzuschließen, aber Fürstensohn Yoshitaka, der die Flotte des Hauses Miura kommandierte, bestand darauf, dass
Hyakuchû, der sich als Vasall des Hauses Ôgiyatsu ausgegeben hatte, seine Schiffe der Miura-Flottille anschließen solle. Hyakuchû behauptete indes, er habe von Ôgiyatsu eine besondere Aufgabe zugewiesen bekommen, die freies Manövrieren erforderte, aber der jähzornige, rechthaberische Yoshitaka bestand auf seiner Forderung. Als Hyakuchû sich dennoch widersetzte, ließ er seine Schiffe diejenigen des Fremden einkesseln. Der Streit wogte hin und her und stand im Begriff, zu einem Waffengang zu eskalieren, als der Wind auf Südost drehte und zum Sturm wurde. Yoshitaka und Hyakuchû bezichtigten einander der Schuld am versäumten Auslaufen, als sich der Nachthimmel über der Bôsô-Halbinsel rot färbte - die Schlacht hatte begonnen, und die Schiffe des Yoshitaka wie des Hyakuchû lagen noch immer im Hafen vor der Burg Arai des Hauses Miura.
Yoshitaka stürmte nun wutentbrannt mit blankem Schwert auf das Schiff des Hyakuchû, der sich daraufhin als Hundekrieger Inumura Daikaku vom Hause Satomi zu erkennen gab, Yoshitaka niede
rschlug und gefangen nahm. Durch den Sturm herbeigewehte brennende Schiffe und Segelfetzen setzten auch die Flottille des Hauses Miura in Brand, weshalb die Kämpfer des Yoshitaka an Land flüchteten und sich nach der Gefangennahme ihres Anführers ergaben. Darüber in Kenntnis gesetzt, kam sein Vater Yoshiatsu mit all seinen Gefolgsleuten aus seiner strandnahen Burg in den Hafen gestürmt, aber die dreihundert Mann des Daikaku, ergänzt um zweihundert Krieger des Hauses Miura, die sich dem Sieger angeschlossen hatten, ließen aus der Dunkelheit ihren Kampfruf ertönen und stürmten von allen Seiten auf die Burgritter zu. Diese hatten gemeint, am Hafen hätte es nur eine Auseinandersetzung zwischen Offizieren verbündeter Streitkräfte gegeben; sie waren nicht auf feindliche Truppen hier, nahe der Burg des Hauses Miura, gefasst und sahen im Dunkeln nicht, wie viele es waren. Obwohl sie erprobte Kämpfer waren, liefen sie in hellem Entsetzen davon oder ergaben sich; als einzigem gelang es Miura Yoshiatsu, auf seinem Ross in die Burg Arai zurückzufliehen.
Als es tagte, erschien Daikaku mit seinem Gefangenen vor dem Haupttor der Burg und rief:
"Hier steht der Hundekrieger Inumura Daikaku vom Hause Satomi mit Eurem gefangen genommenen Sohn Yoshitaka und ersucht um eine Unterredung mit dem Burgherrn Miura Yoshiatsu.
Lasst mich bitte in die Burg ein!"


b.arai

Burg Arai des Hauses Miura



Yoshiatsu bestieg einen Wehrturm seiner Burg und blickte auf Daikaku herab. Zwei Gardisten befahl er, Musketen anzulegen und auf ein Zeichen von ihm durch eine Schießscharte den Mann vor dem Tor zu erschießen.
"Du Verräter Inumura Daikaku, du hast mir meine Schiffe gestohlen und meinen Sohn gefangen genommen. Und jetzt begehrst du Einlass in die Burg eines Kriegsmannes, der dir nichts angetan hat? Scher dich fort!"  
"
Ich kann verstehen, dass Ihr wütend seid, aber hört mich bitte in Ruhe an! Ich habe mir mit einer List von Euch Schiffe geben lassen, aber nicht, um Euch anzugreifen, sondern um die Flotte des Shogunatsfürsten zu verfolgen. Es war Euer Sohn, der mich mit Gewalt daran hinderte. Ich möchte uns beiden weiteren Ärger ersparen, eine gütliche Einigung erzielen und Euch Euren Sohn Yoshitaka zurückgeben."
"Halt den Mund, du dreister Kerl! Ich bin Miura Yoshiatsu, der in aller Welt als ein Recke sondergleichen bekannt und mit dem Shogunatsfürsten verwandt ist. Du glaubst doch nicht etwa, dass ich mich auf Verhandlungen mit dir einlasse, nur um meinen Sohn zu retten?"
Yoshiatsu griff nach seiner Muskete und wollte auf Daikaku anlegen, stellte aber fest, dass die Lunte nicht entzündet war und auch seine beiden Gardisten keine Anstalten machten, zu schießen, sondern ihre Kurzschwerter zogten und Yoshiatsu die Klingen an die Gurgel legten.
"Ihr Burgritter, keine Bewegung, sonst ist euer Herr ein toter Mann! Öffnet das Burgtor und lasst Herrn Inumura Daikaku ein!", riefen sie, fesselten Yoshiatsu und brachten ihn in den Empfangsraum. Als Daikaku eintrat, fielen ihm beinahe die Augen aus dem Kopf. Die Gardisten des Yoshiatsu waren nämlich Tachikara Hayatoki und Tomaya Kageyoshi, Ritter des Fürsten Satomi Yoshinari von Awa, die vor wenigen Tagen als Begleiter von Amasaki Jûichirô als Gesandte in Richtung Kyôto fortgesegelt waren, um Shinbeis Freilassung zu erreichen. Wie war es möglich, dass sie hier als Vertraute des Miura Yoshiatsu auf Burg Arai auftauchten?
"Unsere Gesandtschaft geriet in einen so schweren Sturm, dass wir fürchteten, unser Schiff könnte überladen sein und sinken. Im Hafen von Kap Irago stiegen wir mit einigen Begleitern aus und ruderten mit einem kleinen Rettungsboot in Richtung Awa zurück. Unterwegs hörten wir, dass Shogunatsfürst Ôgiyatsu mit einem riesigen Heer
Awa angreifen wolle und eilten uns, aber von Leuten des Hauses Miura wurden wir hier angehalten und verhört. Wir konnten ja schlecht sagen, dass wir zum Hause Satomi gehören, sondern gaben uns falsche Namen und erzählten, wir seien Krieger, die gegen Satomi mitkämpfen wollen. Burgherr Miura fragte, ob wir mit Schusswaffen umgehen könnten, und teilte uns nach bestandener Prüfung seiner Musketiergarde zu, die nach Abfahrt der Flotte mit ihm die Burg Arai sichern sollte. Als wir sahen, dass Ihr, Herr Daikaku, vor dem Burgtor steht, gaben wir uns zu erkennen und nahmen den Burgherrn gefangen."
Daikaku ließ Vater und Sohn Miura Waffen und Fesseln abnehmen, setzte sie in ein Schiff und ließ die Gefangenen, nachdem er die Nachricht vom Sieg der Satomi-Flotte erhalten hatte, von einem Trupp seiner Leute nach Awa bringen. Die Burgritter ließ er entwaffnen und fortjagen, beauftragte Tachikara Hayatoki, dem er fünfzig Bewaffnete zuteilte, mit der Bewachung von Burg Arai und zog mit seiner inzwischen auf fast tausend Kämpfer angeschwollenen Streitmacht zum Sitz des Shogunatsfürsten
Yamanouchi Akisada in Kamakura. Er hatte nämlich erfahren, dass Saitô Takazane, der Stellvertreter des Fürsten, auf die Nachricht der Niederlage der Flotte des Sadamasa hin aus Furcht vor einem Angriff der Sieger die Festung mit all seinen Leuten Hals über Kopf verlassen hatte; Daikaku wollte verhindern, dass Hôjô Sôun, Fürst von Izu, sich von Odawara aus der leerstehenden Burg bemächtigte. Er ließ eine Sicherungstruppe in der verlassenen Burg und kehrte nach Burg Arai zurück.


Inuyama Dôsetsu setzte wieder dem Ôgiyatsu Sadamasa nach, der mit Ôishi Norikata, dem Sohn des Vasallenfürsten Ôishi Norishige, und wenigen weiteren Getreuen auf seinem Lastkahn dem Strand von Shibaura zustrebte. Sie trieben nach einiger Zeit bei Kawasaki an Land und machten sich auf den Weg in Richtung Burg Isarago.


ogiyatsu3

Ôgiyatsu Sadamasa bei der Flucht auf einem Lastkahn


Weil sie keine Pferde hatten, nahmen sie auf dem Pferdemarkt von Kawasaki den Züchtern die besten Rösser fort, schlugen die protestierenden Händler nieder und flohen zu Ross weiter. Dôsetsu war ihnen dicht auf den Fersen, aber unterwegs trafen Kämpfer des Ôta Shinroku, die die Umgebung der Burg sichern sollten, auf Sadamasa und stellten sich zum Kampf, um Dôsetsu aufzuhalten und ihrem Herrn, dem Shogunatsfürsten, die Flucht zu ermöglichen. Während Dôsetsu mit Shinrokus Schar focht, floh Sadamasa den Fluss Kawasakigawa entlang bis zur Fährstelle, wo Norikata nach dem Fährmann rief. Anstelle eines Fährmanns erschienen jedoch am gegenüberliegenden Ufer bewaffnete
Kriegsleute, deren Anführer rief:
"
Herr Ôgiyatsu Sadamasa, legt die Rüstung ab und die Waffen nieder! Euch bleibt kein Fluchtweg offen. Von hinten her verfolgt Euch Inuyama Dôsetsu, und hier steht eine Streitmacht unter der Führung von Kominato Sakan, die von unserem Feldherrn, dem Hundekrieger Inuzaka Keno, in geheimer Sondermission gegen Euch entsandt wurde. Teilt uns bitte mit, ob Ihr Euch lieber in Gefangenschaft ergeben oder Seppuku begehen wollt!"
"Herr Kominato, hört mich bitte einen Augenblick an!", rief Norikata zurück. "Ich bin Norikata, der Sohn des Vasallenfürsten Ôishi Norishige. Für einen Samurai ist Gefangennahme die schlimmste Schmach. Ich werde hier anstelle meines Herrn Seppuku begehen. Schneidet mir dann den Kopf ab, aber lasst meinen Herrn dafür laufen!"
"Nein,
Norikata", fiel ihm Sadamasa ins Wort, "das kommt nicht in Frage. Du bist ein treuer Gefolgsmann; aber wenn schon, dann nehmen wir uns hier gemeinsam das Leben."
Norikata rief wieder: "Habt Ihr die Worte meines Herrn gehört, Herr Kominato? Ich ersuche erneut darum, mir den Kopf abzuschlagen und meinem Herrn die Flucht zu gestatten!"
"Was soll dieser eines Samurai unwürdige Kuhhandel? Schämt Ihr Euch nicht?", erwiderte Sakan. "Nicht wir sind es, die diesen Krieg vom Zaun gebrochen haben, sondern der Shogunatsfürst hat uns mit einer gewaltigen Streitmacht angegriffen. Wir haben uns nur verteidigt. Würde Herr Ôgiyatsu denn im Falle unserer Niederlage unseren Fürsten, Herrn Satomi, verschonen, falls dieser um sein Leben bäte? Unser Fürst ist ein milder Herrscher. Wir bringen Euch zwar als Gefangene nach Awa, aber Euer Leben ist dort nicht in Gefahr, Ihr könnt beruhigt sein."
"Die Schande, als Gefangener vorgeführt zu werden, ist für einen Samurai unerträglich. Herr Ôgiyatsu wird sich als Zeichen der Unterwerfung eigenhändig den Haarknoten abschneiden und ihn Euch anstelle seines Hauptes ausliefern...."
"He, Norikata!", protestierte Sadamasa, "ich bin schließlich Shogunatsfürst. Mir den eigenen Haarknoten abzuschneiden wäre eine Schmähung meiner Ahnen vom Hause Ashikaga, das seit vielen Generationen den Shôgun stellt, und eine Schande für meine Kinder und Kindeskinder. Lieber nehme ich mir das Leben!"
Norikata erinnerte Sadamasa daran, dass Takauji, der erste Shôgun des Hauses Ashikaga, sich in einer ähnlichen Lage ebenfalls den Haarknoten abgeschnitten hatte, und brachte ihn tatsächlich dazu, das Kurzschwert zu ziehen und sich den Knoten abzuschneiden. Sakan nahm die Trophäe an, denn 
es wäre ein Verstoß gegen den Befehl seines Fürsten gewesen, Feinde, die sich ergeben, zu töten oder zu köpfen; er bestand aber darauf, Norikata als Gefangenen nach Awa mitzunehmen. Daraufhin schnitt sich auch Norikata den Knoten ab, um bei seinem Herrn bleiben zu dürfen, was Sakan jedoch ablehnte. Beide Gegner wurden entwaffnet, mit Booten auf die andere Seite des Flusses gebracht und, weil es sich um einen Shogunatsfürsten handelte, ungefesselt von den Kriegern des Kominato Sakan in Richtung der Burg Isarago geleitet, aber auf dem Weg begegneten ihnen vereinzelte Trupps von Kämpfern der vernichteten Flotte, die ihren Fürsten ohne Helm und Haarknoten als Gefangenen erblickten und berichteten, dass Burg Isarago längst von Truppen des Hauses Satomi eingenommen und besetzt worden sei. 


ogiohne

Ôgiyatsu Sadamasa ohne Helm und Haarknoten


"Wir haben uns zwar eine gute Strategie ausgedacht, aber jener Inuzaka Keno, der uns diese Niederlage beibrachte, der Leute entsandte, die uns hier abfangen und dafür sorgte, dass während unserer Abwesenheit Burg Isarago besetzt wird, denkt immer zwei oder drei Schritte im Voraus, mit dem können wir uns einfach nicht messen", stöhnte Sadamasa. Ihm blieb als Zuflucht nur die entlegene Burg Kawagoi im Herrschaftsgebiet seines Vasallen Ôishi Norishige, wo er von nur dreißig gewöhnlichen Burggardisten empfangen wurde.



header2


Fall der Burg Isarago

Selbstverständlich sorgte sich Inuzaka Keno um die Geiseln in Burg Isarago. Kaum war die Seeschlacht entschieden, ließ er sein Schiff nach Shibaura segeln und ging mit seinen Offizieren Komori Takamune, Chiyomaru Toyotoshi und etwa zwanzig Kämpfern, die bei ihm waren, an Land. Dort sahen sie, dass eine Schar feindlicher Kriegsleute, die mit ihren halbverbrannten Schiffen an Land geschwemmt worden waren, sich sammelte und in Richtung Burg Isarago zog.
"Niemand kennt euch hier. Holt euch aus einem der Schiffwracks Fahnen der Ôgiyatsu-Streitmacht, dann mischt euch unter die feindlichen Kämpfer und dringt mit ihnen in die Burg ein", befahl Keno seinen Mitstreitern. Diese erreichten zusammen mit den versprengten Feinden die Burg, während Keno, der von den Feinden womöglich erkannt worden wäre, sich abseits hielt. Einer der Flüchtigen rief:
"Gardisten der Burg! Wir sind Kämpfer des
Ôgiyatsu Tomoyasu, Vizekommandeur der Seestreitmacht, die zum Angriff auf Awa gesegelt ist. Wir haben eilige Nachricht, lasst uns ein!"
Die Torgarde sah durch die Ausblickscharten, dass die Leute Fahnen der eigenen Truppe trugen und auch bekannte Gesichter mit dabei waren. Sie informierten Nirami Rikinda, den Offizier der Torwache, der die Nebenpforte öffnen ließ. Die Geflüchteten berichteten im Burghof, dass die Flotte weitgehend vernichtet und ihr Befehlshaber Tomoyasu von einem feindlichen Pfeil getroffen im Meer untergegangen sei. Es dürfte nicht lange dauern, bis die Sieger hierher kämen, um die Burg anzugreifen.
Nirami Rikinda erschrak über diese Nachricht und ließ den Kommandeur der Burggarde, Mitano Gyoranji, in Kenntnis der Lage setzen. Die Kämpfer in der Burg rüsteten sich jedoch nicht zur Verteidigung, sondern bereiteten in höchster Todesangst ihre Flucht vor. Mitano Gyoranji versuchte, seine Männer zu beruhigen und in Stellung zu bringen, als aus einem der Nebengebäude der Burg Flammen schlugen und dicker Rauch aufstieg. Unbekannte Kriegsleute stürmten aus diesem Bau hervor und griffen die Gardisten mit gezückten Schwertern an.
"Hier stehen
Komori Takamune und Chiyomaru Toyotoshi, die Vorhut von Inuzaka Keno, dem Oberbefehlshaber der Streitmacht des Hauses Satomi. Wer es wagt, sich mit uns anzulegen, stelle sich zum Kampf!"
Nun war die Verwirrung komplett. Wie konnte eine feindliche Vorhut schon
jetzt so einfach in die Burg gelangen? Die ohnehin zur Flucht bereiten Gardisten öffneten das Burgtor und rannten davon, was das Zeug hielt. Ohne Kämpfer konnte Mitano Gyoranji nichts ausrichten. Er machte sich mit den Fliehenden aus der Burg davon. Inzwischen waren mehr als dreitausend Kriegsleute aus Awa, die Keno auf ihren Schiffen nachgefolgt waren, vor der Burg eingetroffen. Sie sahen nur zu, wie die feindlichen Kämpfer in Scharen aus der Burg davonliefen, fingen sich Pferde der Burgritter ein, die ebenfalls durch das offene Tor gelaufen kamen, und hielten dann mit Inuzuka Keno und seinen Offizieren beritten an der Spitze feierlich Einzug in Burg Isarago des Shogunatsfürsten Ôgiyatsu Sadamasa.

Tief im Innern der Burg befanden sich die Frauengemächer. In einem der Räume saßen Frau Kawahori, die alte Mutter des Shogunatsfürsten, und Hakohime, die noch kaum zwanzigjährige junge Gemahlin des Ôgiyatsu Tomoyasu. Sie war eine zarte Prinzessin vom Kaiserhof in Kyôto und weder an Kälte noch Not oder gar Kämpfe gewöhnt. Mit Schrecken hörten die Damen das Geschrei aus dem Burghof. Den Rufen entnahmen sie, dass Feinde dabei waren, die Burg zu erobern.


hakohime

Fürstenmutter Kawahori und die junge Ehegattin Hakohime


"Uns bleibt keine Möglichkeit zu entkommen", sprach Fürstenmutter Kawahori. "Wir müssen uns auf unser Ende gefasst machen."
Sie zog ihren Damendolch, um der entsetzten Hakohime und sich selbst die Kehle durchzuschneiden. In diesem Augenblick wurde die Schiebetür aufgestoßen. Ein einzelner Kriegsmann mit einer blutigen Schwertlanze in den Händen stürmte herein und schlug Frau Kawahori den Dolch aus der Hand.


Eine Schwertlanze (naginata) ist eine Lanze, die keine Spitze zum Stechen, sondern eine Klinge zum Schneiden trägt. Durch ihren langen Schaft ist sie zwar einem Schwert überlegen, aber etwas unhandlich. Aus diesem Grund wird sie nicht von den Samurai, den Offizieren, sondern von den einfachen Kämpfern des Fußvolks geführt. In der Enge der Räume einer Burg ist sie eher hinderlich.


In einem anderen Gemach in demselben Gebäude hielten sich die Geiseln Myôshin, Hikute und Hitoyo auf, bewacht von zwei Gardisten. Auch diese Frauen hörten das Getöse, freuten sich aber, dass die Burg von den Kriegern aus Awa erobert wurde.

"Die Verteidiger der Burg scheinen zu fliehen", äußerte Myôshin. "Wir sind wohl in Sicherheit, aber wie wird es den anderen Damen in der Burg ergehen? Ich mache mir Sorgen um die Fürstenmutter und die junge Gattin Hakohime. Wenn ihnen etwas zustoßen sollte, täte es mir leid um sie."
"Unsere Gardisten stehen nicht vor der Tür", stellte Hikute fest. "Ich will mit Hitoyo nach den Damen der Burg sehen, damit sie sich nicht gar den Tod geben!"
Die beiden jungen Frauen stolperten beinahe über die Leichen ihrer beiden Gardisten, die blutend im Gang lagen. Sie hörten Schreie aus einem anderen Damengemach und stürzten hinein. Dort hatte der Kriegsmann soeben
Frau Kawahori den Dolch aus der Hand geschlagen und seine Schwertlanze fallen gelassen. Als Hikute und Hitoyo hereingestürmt kamen, wandte er sich um, schob den Helm in den Nacken und zeigte sein Gesicht. Der geharnischte Krieger war niemand anders als Otone!
"Frau Mutter! Was ist....? Wie kommt Ihr...?", stammelten Hikute und Hitoyo verblüfft, und Otone sagte lächelnd:
"Ich hatte mir Sorgen um euch und um die Damen der Burg gemacht und kam gerade rechtzeitig, als sie sich das Leben nehmen wollten."
"Aber was hat Eure Kriegerausrüstung zu bedeuten?"
"Ihr wundert euch natürlich, was es mit dieser seltsamen Aufmachung auf sich hat", lachte Otone. "Dazu später mehr, aber erst solltet ihr euch in den Burggarten retten; es kann sein, dass die Burg in Brand gerät."
"Otone, Ihr seid zur rechten Zeit gekommen", rief Myôshin erleichtert, "Ihr seid unsere Rettung!"


naginata

Otone mit Schwertlanze in der Burg


Inuzaka Keno sandte
Komori Takamune aus, um nach den Geiseln zu suchen.
"In der Burg müssten sich auch Fürstenmutter Kawahori und die Gattin des
Ôgiyatsu Tomoyasu befinden. Bringt sie ebenfalls her und achtet darauf, dass ihnen nichts zustößt!"
Takamune stieß auf die Damen, die gerade ihre Gemächer verließen, und führte alle in den Burghof, wo sie von Keno erwartet wurden.
"Welch ein Glück, dass Ihr alle wohlbehalten seid", begrüßte er sie. "Oma Otone, wie hast du dich denn verkleidet? Ich muss sagen, die Kriegerrüstung steht dir nicht übel, und du wirst dafür sicher einen Grund haben. Wie ist es euch ergangen?"
Myôshin begann zu berichten.
"Wir waren in einem Raum der Burg unter Arrest, und uns ist nichts geschehen. Aber wegen der heutigen Auseinandersetzung in der Burg wollten unsere Aufseher, die sich wohl in Hikute und Hitoyo verliebt hatten, die beiden entführen und mit ihnen flüchten, wurden aber plötzlich von einem Kriegsmann mit einer Schwertlanze erschlagen. Nun fürchteten wir das Schlimmste für die Damen des Burgherrn und eilten in deren Gemächer, wo dieser Kriegsmann sie gerade davor bewahrte, sich umzubringen. Der Kriegsmann entpuppte sich zu unserer Überraschung als Otone...!"
Nun erzählte Otone, dass sie als Helferin auf das
Leitschiff der Branderflotte beordert worden sei, die Krieger betrunken gemacht und das Schiff dadurch am Auslaufen gehindert habe. 
"
Danach erschoss ich den Befehlshaber und sprengte das Schiff in die Luft. Ich sprang ins Wasser und schwamm auf das Festland zu, aber das Meer war so eisig, dass ich nur mit allergrößter Mühe das Ufer erreichte und dort kraftlos auf die Felsen sank. Ich wäre dort beinahe erfroren, denn in dieser Winternacht wehte ein starker Sturm, und meine Gewänder waren durchnässt, so dass ich in eine Ohnmacht sank. Am Strand standen Schaulustige, die das brennende Schiff sehen wollten, das ich gesprengt hatte, und als sich der Himmel in der Ferne auf einmal rot färbte, kamen noch mehr Leute ans Ufer gelaufen, um sich den Brand der Flotte anzuschauen. Ein Fischer namens Norishichi fand mich dort liegen und hielt mich wohl erst für tot, aber als er merkte, dass ich noch lebte, brachte er mich in sein kleines Haus am Ufer. Seine Ehefrau bettete mich an die Feuerstelle und flößte mir Suppe ein, so dass ich mich dank der Güte dieser einfachen Leute im Lauf des Tages wieder vollkommen erholte."
Dem Fischerehepaar erzählte Otone eine Geschichte von Schiffbruch im Sturm, und die beiden drängten sie, auch noch die kommende Nacht in ihrem Haus zu verbringen, aber unter dem Vorwand, nach weiteren Überlebenden ihres gesunkenen Schiffes suchen zu wollen, verließ Otone ihre Gastgeber und Lebensretter. Sie wollte zu Burg Isarago eilen und sich um Myôshin und die beiden jungen Frauen kümmern. Just da wurde
ein ruder- und steuerloses Schiff mit an den Mast gefesselten Kriegsleuten ans Ufer geschwemmt, die um Hilfe riefen. Otone erkannte, dass es Kämpfer des Sadamasa waren, die nach Burg Isarago zurückkehren wollten. Unter der Bedingung, mitgenommen zu werden, löste sie den Männern die Fesseln, aber diese genierten sich, mit einer Frau um Einlass zur Burg bitten, und legten ihr deshalb Kriegerausrüstung an. Weitere versprengte Krieger schlossen sich dem Trupp an; dass es sich um Kenos Leute handelte, ahnte Otone nicht, ebensowenig, wie die Kämpfer aus Awa ahnten, dass sich in der Schar der Entkommenen auch die als Mann verkleidete Otone befand. Nachdem Otone in die Burg gelangt war, wollte sie die Frauengemächer aufsuchen, aber in diesem Augenblick gaben sich Chiyomaru Toyotoshi und Komori Takamune als Vorhut der Streitmacht des Inuzaka Keno zu erkennen, woraufhin die Burgritter kopflos zu fliehen begannen. Otone hob eine fortgeworfene Schwertlanze auf und hörte in dem Trakt der Frauengemächer, wie die zwei Gardisten verabredeten, Hikute und Hitoyo zu entführen. Sie erschlug beide Männer mit der Schwertlanze und betrat den Raum der Fürstenmutter, genau rechtzeitig, um deren Selbstmord zu verhindern.


hikutoyo

Hikute und Hitoyo


Keno befahl, die Fesseln der Fürstenmutter und der jungen Prinzessin Hakohime zu lösen.
"Die Damen können nichts für den Krieg. Führt sie in ihre Gemächer zurück, bewacht sie, damit sie sich nichts antun, aber behandelt sie mit Respekt und als Personen von Stand!"
Da Chiyomaru gerade das gefangene Personal der Burg herbeiführte, ließ Keno auch die Dienstmägde und den Burgkoch frei, beorderte sie wieder in ihre vorige Stellung und befahl ihnen, die beiden Damen zu versorgen. Er wandte sich an die Damen:
"Verehrte Fürstenmutter, die Besetzung dieser Burg ist nur eine vorübergehende Maßnahme, für die ich um Verständnis bitte. Wir haben nicht vor, sie ganz zu übernehmen. Euer Sohn, der Shogunatsfürst, ist vermutlich noch am Leben, befindet sich jedoch auf der Flucht. Wie es Euren Enkeln Tomoyoshi und Tomoyasu geht, ist mir leider unbekannt."
Als nächster traf Priester Chudai, der den Schamanen Fûgai Dôkin gemimt hatte, aus seiner Berghöhle auf der Burg ein. Keno dankte ihm für seine großartige Hilfe und ließ ein Schiff vorbereiten, um ihn zusammen mit Otone, Myôshin, Hikute und Hitoyo nach Awa zurückzubringen. Zum Abschied schenkte die dankbare Fürstenmutter ihrer Retterin Otone, die sie am Selbstmord gehindert hatte, drei Garnituren kostbarer Gewandung, die Otone aus Höflichkeit annehmen musste.
Gegen Mitternacht traf
Kominato Sakan mit seinem Gefangenen Ôishi Norikata ein. Er erstattete Keno Bericht über den Erfolg seiner Mission und überreichte ihm den Kasten mit dem abgeschnittenen Haarknoten des Ôgiyatsu Sadamasa.

Anderntags trat Keno
vor den gefangenen Ôishi Norikata.
"Das Haus Ôishi ist das mächstigste Vasallenhaus des Shogunatsfürsten. Euer Vater und Ihr habt es versäumt, Euren Herrn von dem grundlosen Feldzug gegen das Haus Satomi abzuhalten. Unser Fürst hat noch niemals ein Nachbarland angegriffen. Wir haben die Flucht des Ôgiyatsu Sadamasa vorhergesehen und Euch deshalb an der Fährstelle abgefangen. Sadamasa ist immerhin der Shogunatsfürst dieser Region; ich billige es, dass er nicht als Gefangener vorgeführt, sondern in eine ferne Burg vertrieben wurde. Aber Ihr müsst Euch Eurer Verantwortung stellen."
Norikata schwieg lange, bevor er sich zu einer Antwort durchrang.
"Herr Inuzaka, ich habe einen Fehler begangen. Ich kann jetzt nur noch um Nachsicht bitten."
Keno wandte sich an seine Gefolgsleute.
"Die Burg Ôtsuka des Hauses Ôishi ist ohne Herrn. Nach der Niederlage in dieser Schlacht dürften die Ritter die Burg verlassen haben. Herr Kominato, besetzt mit tausend Kriegsleuten die Burg, damit sich dort keine Räuber einnisten!"
"Und was wird mit der Zweigburg Shinobunooka?", fragte Sakan.
"Um die dürfte sich Dôsetsu schon gekümmert haben", lächelte Keno.

An diesem Tag stach auch das Schiff des Priesters Chudai mit den vier Frauen und
dem Gefangenen Ôishi Norikata in See. Auch der Haarknoten des Sadamasa wurde mit demselben Schiff an den Fürsten Satomi Yoshinari übersandt. Otone bat nach dem Auslaufen darum, zuerst noch einmal am Strand von Shibaura anzulegen. Sie stieg aus dem Schiff und lief zu dem Holzhaus des Fischers Norishichi.
"Erinnerst du dich noch an mich?", fragte sie dessen Ehegattin, denn Norishichi war noch nicht vom Fischen zurück. "Du hast mich so liebenswürdig gesund gepflegt, nachdem dein Mann Norishichi mich halbtot auf den Klippen gefunden und mir das Leben gerettet hatte. Seinerzeit habe ich, ohne mich recht zu bedanken, euer Haus verlassen. Ich habe euch eine falsche Geschichte vorgeflunkert und gehöre in Wahrheit als Gattin des Gefolgsmanns Obayuki Yoshirô zum Hause Satomi. Ich möchte euch meinen Dank erweisen, bevor ich nach Awa zurückkehre."
Sie überreichte der Frau die seidenen Gewänder, die sie auf Burg Isarago von der Fürstenmutter erhalten hatte und legte noch ein Goldstück dazu. Die Augen der alten Fischersfrau glänzten vor Freude über diese unverhoffte, kostbare Gabe. Noch während sie sich unter Tränen der Dankbarkeit bis zum Boden verbeugte, eilte Otone wieder auf ihr Schiff zurück, das sogleich
Kurs auf die Küste von Awa nahm.

Danach forschte Keno nach dem Grab des Herrn Kawagoi Gonnosuke, das er in einem heruntergekommenen Tempel fand. Der alte Tempelpriester berichtete, dass das Haus Kawagoi bei dem Shogunatsfürsten in Ungnade gefallen sei und dieses Grab deswegen keinen Gedenkstein trug. Keno erteilte dem Tempelpriester den Befehl, das Grab des Herrn Kawagoi standesgemäß und mit Gedenkstein herzurichten und sagte ihm zu, auch die Renovierung seines Tempels zu finanzieren.

Inuyama Dôsetsu, der durch Ôta Shinroku von der Verfolgung des Ôgiyatsu Sadamasa abgehalten worden war, wandte sich in der Tat gegen die Burg Shinobunooka, nachdem Shinroku ihm mit Booten über den Fluss Kawasakigawa entkommen war. Nach einem
siegreichen Scharmützel mit feindlichen Kämpfern unter Führung der entflohenen Offiziere Mitano Gyoranji und Nirami Rikinda erreichte Dôsetsu Burg Shinobunooka.


dousetsu4

Dôsetsu auf dem Weg zur Burg Shinobunooka


Zu seiner Überraschung wehten auch auf dieser Burg, wie in Isarago, bei seiner Ankunft schon die Fahnen des Hauses Satomi über den Mauern. Dôsetsu fragte sich, wer ihm hier zuvorgekommen sein könnte, und wurde zu seiner Überraschung von Ochiayu Aritane aus Hokita empfangen.
"Wir haben uns nach der Zerstörung unserer Heimat Hokita nach Shimôsa in den Tempel Gikyôin zurückgezogen", berichtete Aritane. "Als wir von dem Feldzug des Ôgiyatsu Sadamasa erfuhren, besorgten wir uns mit Unterstütztung des Tempelpriesters Ausrüstung und wollten dem Haus Satomi zu Hilfe eilen, aber unsere Truppe von 250 Kämpfern schlug leider unterwegs einen falschen Weg ein und verirrte sich in den Bergen, und als wir nach etlichen Umwegen die Straße nach Kônodai wieder erreichten, hörten wir, dass die Angreifer bereits geschlagen waren. Um nicht vollkommen nutzlos in den Krieg gezogen zu sein, wandten wir uns gegen Burg Shinobunooka, wo unser Mitstreiter Sechisuke eingekerkert war, gaben uns als Gesandte des Herrn Ôgiyatsu Tomoyoshi, Sohn des Shogunatsfürsten, aus, erhielten Einlass und vertrieben die eingeschüchterten Burgritter. Wir konnten Sechisuke und viele gefangene Bauern aus den Nachbardörfern von Hokita noch lebend aus dem Kerker befreien."
Am folgenden Tag erschien eine Abordnung der Bauern aus den Dörfern um Hokita und um Burg Shinobunooka, die die Auslieferung der gefangenen Offiziere Mitano Gyoranji und Nirami Rikinda
verlangten, die sie grausam geknutet, sowie der Burgritter Nezuno Yachûji und Anaguri Sensaku, die in Hokita viele unschuldige Bauern getötet hatten. Dôsetsu ließ den Dorfleuten diese Männer ausliefern, und die Bauern köpften die Tyrannen und Mörder ihrer Angehörigen.
Dôsetsu schlug Aritane vor, als Burgherr in Shinobunooka zu bleiben, aber dieser ersuchte darum, mit seinen Gefährten in ihre frühere Heimat Hokita ziehen und die niedergebrannten Anwesen wieder aufbauen zu dürfen. Dôsetsu erfüllte ihm den Wunsch und besetzte mit seinen Offizieren und tausend Kämpfern die Burg.



header2


Friedensschluss

Der Krieg war zu Ende. Fürst Satomi Yoshinari kehrte zu seiner Burg Inamura zurück. Im Feldlager von Sunosaki hielten Shinbei und einige Getreue Wacht und bauten die Wehranlagen ab. Inuzuka Shino, Inukai Genpachi, Inuta Kobungo und Inukawa Sôsuke wurden zurückberufen und hielten mit dem Erbfolger Yoshimichi an der Spitze und ihren Gefangenen in einer würdigen Prozession Einzug in Awa.
Weil die Gefangenen allesamt Burgherren, Fürsten oder deren Söhne waren, wurden sie nicht in den Kerker geworfen, sondern erhielten Wohnräume in einem neu errichteten Anwesen, das sie zwar nicht verlassen durften, in dem sie sich jedoch frei bewegen konnten. Yoshinari trug dafür Sorge, dass sie standesgemäß bewirtet und nicht gedemütigt wurden. Dort wohnten Ashikaga Nariuji, Chiba Yoritane, Ôishi Norishige und Norikata und Nagao Tamekage Tür an Tür. Ihre engsten Gefolgsleute blieben bei ihren jeweiligen Herren. In einem anderen Flügel des Anwesens waren Miura Yoshiatsu und sein Sohn Yoshitaka untergebracht.
Ein Gefangener lag Satomi Yoshinari besonders am Herzen. Zusammen mit seinem Herrn Ôgiyatsu Tomoyoshi wohnte Inado Yorimitsu nicht bei den anderen Gefangenen, sondern im Gästehaus des Fürsten.
"Ich betrachte Herrn Inado als einen makellosen Samurai, der zwar aus Treue zu seinem Herrn mit in den Krieg gegen uns zog, zugleich aber stets zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden weiß und deswegen Sôsuke und Kobungo das Leben gerettet hat. Ich betrachte ihn daher nicht als Gefangenen, sondern als meinen Gast", äußerte der Fürst. Er berichtete Kobungo und Sôsuke auch, weshalb Keno den Sohn des Shogunatsfürsten, Tomoyoshi, durch Yorisuke von der Reederei Inue in Ichikawa mit einem Boot nach Awa entführen ließ.
"Keno befürchtete nämlich, dass sich Herr Inado das Leben nähme, falls sein Herr Tomoyoshi im Gefecht umkäme. Allein aus Dankbarkeit für Herrn Inado ließ sich Keno die Finte einfallen, Tomoyoshi ohne Kampf sicher nach Awa zu bringen."
Die beiden Hundekrieger bewunderten erneut Kenos umsichtige Planung, besuchten im Gästehaus ihren Lebensretter und berichteten ihm, dass ihn der Fürst als seinen Gast betrachte.
Alle zurückgekehrten Kämpfer bekamen fürstliche Belohnungen; dem Herrn Jidanda und seinem Bruder Funazô, die weder Heimat noch Einkommen hatten, übertrug der Fürst die Aufgabe, zusammen mit anderen Offizieren die Burg Kônodai zu bewachen, und Masaki Daizen wurde wegen seiner Verdienste nicht allein in diesem Krieg, sondern auch als Shinbeis Mitstreiter beim Kampf gegen Hikita Motofuji zum persönlichen Gefolgsmann des Fürsten ernannt und erhielt ein wertvolles Schwert.


yoshinari6

Fürst Yoshinari verliest die Ernennungsurkaunde für Masaki Daizen


Von Burg Isarago traf nach dem Jahreswechsel eine Botschaft von Inuzaka Keno ein. Er bat darum, den Priester Chudai mit einer großen Gebetsfeier um das Seelenheil aller Gefallenen zu betrauen und teilte mit, dass er die Reisvorräte und Gelder, die auf Burg Isarago gelagert waren, an die Bevölkerung verteilen lasse, der diese Erträge abgepresst worden waren und deren Felder, Häuser, Handwerk und Schiffe wegen der Kriegszüge Schaden genommen hatten.
Yoshinari meinte, dass es sich nicht zieme, allein die Feinde, die Kämpfer, Angehörige und Burgen verloren hatten, für die Schäden aufkommen zu lassen; so stellte er selbst ebenfalls Reis und Bargeld bereit. Er erteilte den Priestern der Tempel in Shibaura, Kônodai und Gyôtoku den Auftrag, im neuen Jahr auch an den Stätten der Schlachten Totengedenkfeiern abzuhalten und bei dieser Gelegenheit mit diesen Gaben den Bauern die erlittenen Schäden zu ersetzen. Auch vor der Küste fuhr ein Schiff mit Priester Chudai aufs Meer hinaus. Er hielt ein Ritual für das Seelenheil der Gefallenen der Seeschlacht ab, dem auch die gefangenen Fürsten und Burgherren, von den anwesenden Hundekriegern flankiert, als Zuschauer am Strand beiwohnen und ihrer toten Vasallen gedenken durften.
Staunend und beschämt nahmen die Gefangenen diese Güte des Fürsten Satomi Yoshinari zur Kenntnis. Je mehr sie sich wunderten, dass sie trotz ihrer Niederlage im Krieg so menschlich und standesgemäß behandelt wurden, desto mehr bereuten sie das Unrecht, das sie begangen hatten. Sie wünschten sich nichts sehnlicher als einen Vertrag, der den Frieden besiegelte. Dazu waren jedoch Gesuche der beiden unterlegenen und entkommenen Shogunatsfürsten Ôgiyatsu Sadamasa und Yamanouchi Akisada erforderlich, weshalb die Gefangenschaft auch weiterhin andauerte.

Am 28.Tag des 3.Monats im 16.Jahre Bunmei (1484) kehrte der Gesandte Amasaki Jûichirô aus Kyôto zurück und berichtete:
"Zweimal gerieten wir auf der Fahrt in starke Stürme; das erste Mal stiegen
Tachikara Hayatoki und Tomaya Kageyoshi aus, damit das Schiff nicht unterging, und das zweite Mal retteten wir uns mit knapper Not im stark beschädigten Schiff in Ise ans Ufer bei Akogi. Das ist die Domäne des Hauses Kitabatake, und der dortige Landvogt Abiki Nobuo nahm uns zunächst freundlich auf. Weil unser Schiff jedoch mit Gold und Geschenken beladen war, verdächtigte er uns der Seeräuberei und sperrte uns in Arrest. Wir beteuerten, dass wir als Gesandte des Hauses Satomi unterwegs nach Kyôto seien und zeigten das Schreiben mit Eurem Siegel vor, aber weil die Häuser Kitabatake und Satomi in keinerlei näherem Kontakt stehen, argwöhnte Abiki Nobuo, dass es eine Fälschung sein könnte. Er entsandte Kundschafter nach Ostjapan, die nicht nur unsere Aussagen bestätigten, sondern auch berichteten, dass Shogunatsfürst Ôgiyatsu eine gewaltige Streitmacht gegen Awa führte und dass Inue Shinbei, um dessen Freilassung wir in Kyôto bitten wollten, inzwischen nach Awa zurückgekehrt sei. Herr Abiki ließ uns sofort frei und entschuldigte sich für seinen Verdacht und die Verzögerung unserer Mission durch den Arrest. Er gab uns alle Waren zurück und stellte uns als Abbitte ein sehr großes, brandneues Schiff samt Mannschaft für die Weiterfahrt zur Verfügung.
Weil Shinbei nach Awa zurückgekehrt war, erwog ich, ebenfalls nach Awa zurückzureisen, entschloss mich dann jedoch, wegen des Kriegszugs des Shogunatsfürsten eine Protestnote bei Shôgun und Kaiserhaus einzureichen. Shogunatsfürst Hosokawa Masamoto unterstützte mein Anliegen, trug es bei Shôgun und Kaiserhof vor und erwirkte, dass in Kürze eine offizielle Delegation des Kaiserhofs mit einem Erlass des Tennô in Awa eintreffen wird."
Fürst Satomi Yoshinari lobte die Umsicht des Jûichirô und gab Order, dass alle Hundekrieger zum Empfang der kaiserlichen Delegation nach Awa zurückkehren sollten. Daikaku ließ eine kleine Truppe in Burg Arai, Keno desgleichen in Burg Isarago, und Dôsetsu in Burg Shinobunooka; alle trafen kurz nacheinander in Burg Inamura beim Fürsten Yoshinari ein und erstatteten Bericht über die jeweilige Lage. Der hitzige Dôsetsu ereiferte sich:
"Es war zwar befohlen worden, in der Schlacht möglichst wenige Feinde zu töten und solche, die sich ergeben, gefangen zu nehmen, aber weshalb wurde der größte aller Feinde, der mächtigste aller Fürsten, Ôgiyatsu Sadamasa, obwohl man ihn hätte fangen können, einfach laufen gelassen? Das ergibt doch keinen Sinn! Dem Kerl hätte ich sofort den Kopf abgeschlagen!"
"Bruder Dôsetsu, ich verstehe, dass du hinter dem Todfeind deines früheren Herrn her bist", erwiderte Shino. "Aber dieser Feldzug war ein Verteidigungskrieg des Hauses Satomi
. Deine persönliche Fehde musste in diesem Fall zurückstehen. Für einen günstigen Friedensschluss zu unseren Bedingungen ist es vorteilhafter, wenn die feindlichen Feldherren überleben, ihre Niederlage eingestehen und von sich aus um Frieden bitten."
"Ich sehe ein, was du sagst, Bruder Shino. Du hast sicherlich Recht", lenkte Dôsetsu ein und verlor fortan kein weiteres Wort des Unmuts, wofür ihn alle Brüder aufrichtig lobten.
Am Tag nach der Ankunft der kaiserlichen Gesandtschaft versammelte Fürst Yoshinari seine Gefangenen und stellte sie den Hundekriegern gegenüber. Diese erläuterten vor der kaiserlichen Delegation die Gründe für ihre Taten und Konfrontationen mit den Häusern Ôishi, Chiba und Ôgiyatsu, während die feindlichen Fürsten, Burgherren und deren Söhne die Köpfe gesenkt hielten, ihre Fehler zugaben und um Verzeihung baten. Fürst Satomi tat kund, dass er 
ihnen ihre Burgen zurückzugeben beabsichtige und sie keineswegs unbegrenzt in Awa festsetzen wolle. Aber Voraussetzung für ihre Entlassung sei das Gesuch ihrer Herren, mit Satomi Frieden zu schließen.


gefangene

Mit gesenkten Köpfen: Vogt Inado, Vater und Sohn Miura und die anderen Gefangenen


Der Gesandte aus Kyôto verlas den kaiserlichen Erlass, der den grundlosen Angriffskrieg der Shogunatsfürsten streng tadelte, die humane Strategie der Verteidigung des Hauses Satomi pries und einen baldigen und dauerhaften Friedensschluss anmahnte. Überdies verlieh der Kaiser dem Fürsten, seinem Vater Yoshizane und seinem Erbfolger Yoshimichi Hofränge und den acht Hundekriegern Ländereien als Lehen.
Yoshinari äußerte seinen untertänigsten Dank für die ungewöhnliche Gunst des Tennô, und die Hundekrieger taten es ihm gleich. Zuletzt gab Yoshinari jedoch zu bedenken, dass die Bedingung für einen Friedensschluss eine Bitte der unterlegenen Shogunatsfürsten sei.
Daraufhin erhoben sich einige der Gefolgsleute des kaiserlichen Boten, die am Rand der Versammlung gesessen hatten, und knieten vor dem Fürsten nieder.
"Herr Fürst, diese Bedingung ist leicht zu erfüllen. Wir gehören nämlich in Wirklichkeit nicht zum Gefolge der kaiserlichen Delegation, sondern sind Abgesandte der Shogunatsfürsten und sollten das Gesuch um einen Friedensschluss überreichen.
Um zu erfahren, wie dieses Dokument aufgenommen würde, baten wir die kaiserliche Gesandtschaft, auf die wir auf dem Weg zu Euch stießen, uns in ihrem Gefolge mitzunehmen. Ich bin Ôta Shinroku, Vasall des Ôgiyatsu Sadamasa, und bei mir sind Saitô Takazane, Vogt des Yamanouchi Akisada, Hara Tanesuke, Vogt des Hauses Chiba, Shimokôbe Yukikane, Burgvogt des Ashikaga Nariuji aus Koga, Naoe Shôji, Bevollmächtigter des Hauses Nagao und Misaki Amanji, Vogt des Burgherrn Miura. Anstelle unserer Herren bitten wir untertänigst um Verzeihung und Annahme des Gesuchs um einen Friedensschluss."
Sie überreichtem dem Fürsten ein versiegeltes Schriftstück, während der kaiserliche Gesandte um Entschuldigung wegen der eigenmächtigen Mitnahme der Abordnung der feindlichen Fürsten bat.
Kurz darauf wurde der Friedensvertrag auch von Fürst Yoshinari besiegelt und von den anwesenden Gefangenen mit unterzeichnet. Die besonderen Bedingungen des Hauses Satomi waren, dass die Kommune von Hokita mitsamt ihrer Felder und den umliegenden fünf Dörfern keinem Fürsten unterstehen, sondern als unabhängige, exterritoriale Domäne anerkannt werden solle, und dass alle entflohenen Kämpfer und Überläufer straffrei blieben. Für den 21.Tag des 4.Monats wurde die Übergabe der besetzten Burgen vereinbart. Im Anschluss an die Unterzeichnung des Vertrages gab Fürst Yoshinari ein Bankett, zu dem auch die Unterhändler um
Ôta Shinroku geladen waren. Sieben der acht Hundekrieger freuten sich und leerten gemeinsam mit ihren ehemaligen Feinden die Becher; nur Dôsetsu saß schweigend abseits, als ginge ihn das alles nichts an.



header2


Die Brautverlosung

Die entlassenen Gefangenen erhielten von Fürst Satomi Yoshinari je ein stattliches Ross geschenkt und wurden in den nächsten Tagen nach und nach von ihren Herren durch Offiziere mit Schiffen abgeholt, um in ihre zurückgegebenen Burgen zurückzukehren. Nur aus Koga trafen so wenige Männer ein, um den Statthalter Ashikaga Nariuji abzuholen, dass er sich vor den anderen Entlassenen schämte und auf dem Landweg nach Koga zurückkehrte. Aus Mitleid stellte ihm Inuzuka Shino eine Hundertschaft Krieger als Ersatz für sein unansehnliches Gefolge zur Verfügung und begleitete ihn persönlich bis nach Kônodai. Nach einem Abschiedsmahl verabschiedete sich Nariuji, und Shino richtete an ihn die Worte:
"Vor einigen Jahren sind wir uns schon einmal auf Eurer Burg unter sehr unerfreulichen Umständen begegnet. Ich war dort, um Euch den Schatz Eures Hauses, das Schwert Murasame, zurückzugeben, aber leider hatte mir vorher ein Neider arglistig die Klinge vertauscht. Ihr erinnert Euch sicher noch an die Ereignisse jenes Tages. Zum heutigen Abschied nach dem Ende der Feindschaft gestatte ich mir, dem Wunsch meiner Vorfahren willfahrend, Euch das Eigentum Eures Hauses zu überreichen. Ich wünsche, dass Ihr es als Unterpfand der einstigen Verbundenheit zwischen meinen und Euren Vorfahren und als Zeichen der Aussöhnung zwischen den Häusern Ashikaga und Satomi betrachten mögt."
Shino nahm das Schwert aus der Brokathülle, zog es aus der Scheide und schwang es vor den Augen des Nariuji. Ein Wasserstrahl entsprühte seiner Klinge. Nariuji nahm beschämt und mit einer tiefen Verbeugung sein Eigentum in Empfang und bekräftigte noch einmal die künftige Freundschaft mit dem Hause Satomi, bevor er mit seinen wenigen Gefolgsleuten in Richtung Koga davonritt.


shinomura

Shino überreicht das Schwert Murasame


Die kaiserliche Gesandtschaft überwachte die Übergabe der Burgen und Entlassung der Gefangenen, bevor sie einige Wochen später reich beschenkt nach Kyôto zurückreiste. Die Delegation wurde von allen acht Hundekriegern, Priester Chudai und Kanamari Jûichirô begleitet. Sie fuhren mit dem Schiff bis nach Ôiso und reisten von dort auf dem Landweg nach Kyôto. Die Hundekrieger wollten dem Kaiserhof ihren Dank für die Verleihung der Lehen aussprechen, und Chudai und Jûichirô fuhren als Repräsentanten des Fürstenhauses Satomi mit. Alle wurden sowohl von Shôgun Yoshihisa als auch vom Tennô empfangen und belobigt. Der Tennô händigte den Gästen aus Awa einen Erlass aus, der Chudai zum Abt beförderte und Fusehime als Gottheit anerkannte, der auf dem Berg Toyama ein Schrein errichtet werden dürfe. Ohne Verzögerung erhielten sie auch die Erlaubnis zur Rückreise und besuchten auf dem Heimweg die Stätte, an der Shinos Vorfahr Ôtsuka Shôsaku gefallen war. Dem Priester des Tempels, der die Urne mit dessen sterblichen Überresten verwahrte, finanzierten sie die Errichtung eines würdigen Grabs samt Gedenkstein.

Nach der glücklichen Rückkehr aller Hundekrieger fand gegen Ende des Sommers im Hause Satomi eine große Versammlung statt. Der Fürst verlas ein Dokument, das allen, die sich im Krieg für ihn eingesetzt hatten, seinen Dank aussprach und ihnen je nach Rang und Verdienst die Belohnungen auflistete. Die Hundekrieger bekamen jeder eine eigene Burg im Lande Awa, und zwar:
Burg Tateyama, Burgherr Inue Shinbei.
Burg Tôjô, Burgherr Inuzuka Shino.
Burg Inukake, Burgherr Inuzaka Keno.
Burg Mikuriya, Burgherr Inumura Daikaku.
Burg Asahina, Burgherr Inuyama Dôsetsu.
Burg Konagasa, Burgherr Inukawa Sôsuke.
Burg Jinyo, Burgherr Inukai Genpachi.
Burg Nago, Burgherr Inuta Kobungo.
Der kleine Makel, dass einige dieser Burgen gar nicht existierten, wurde dadurch wettgemacht, dass der Befehl erging, sie unverzüglich zu bauen.
Erwähnenswert ist, dass auch die Damen Myôshin, Otone, Hikute und Hitoyo, deren Verdienste keinesfalls gering waren, als Lohn wertvolle Damendolche, kostbare Gewänder für Sommer und Winter sowie einen ansehnlichen Betrag in Gold erhielten. Die Krieger aus Hokita erhielten als Dank ein an ihr Gebiet angrenzendes Stück urbaren Landes abgetreten, das ihre Domäne um die Hälfte vergrößerte. Die Gastwirte aus Ojiya in Echigo, Ishikame Jidanda und sein Bruder Funazô, wurden in den Samuraistand erhoben und zu Burgrittern ernannt; sogar die Anführer der einstigen Raufbolde von Ryôgoku, Mukômizu Isanta und Edokko Sutekichi, erhielten eine beträchtliche Summe Geld, richtige Kriegernamen und die Aufnahme in den Samuraistand.
Es wurde in der Tat niemand vergessen.

Im Herbst kam ein Sendbote aus Kazusa vom Vasallenhaus Mariyatsu, dem die Mutter des Fürsten Yoshinari und seiner Schwester Fusehime entstammte; nach dem Tod des Fürsten erbat der junge Erbfolger für seine fünfzehnjährige Schwester zwecks Festigung der Beziehungen zwischen den befreundeten Häusern einen standesgemäßen Bräutigam aus dem Hause Satomi. Vermutlich dachte er an einen der acht Hundekrieger. Dies nahm Fürst Yoshinari zum Anlass, um den Hundekriegern seine Pläne für ihre Zukunft zu offenbaren.
"Ich halte es für keinen Zufall, sondern für eine Fügung des Karmas, dass ich acht Töchter im heiratsfähigen Alter habe. Niemand anders als Ihr acht Hundekrieger kommt meiner Meinung nach als deren Bräutigame in Frage. Sofern Ihr keine Einwände habt, möchte ich schon in allernächster Zeit die Verlobungen in die Wege leiten."
"Wer wird dann der Bräutigam der jungen Dame aus dem Hause Mariyatsu?", fragte Dôsetsu.
"Ich bin der Ansicht, mein getreuer persönlicher Gefolgsmann Masaki Daizen ist dafür die rechte Wahl", erwiderte der Fürst, und alle Hundekrieger nickten zustimmend.
Shinbei meldete sich zu Wort.
"Man liest zwar in alten Schriften, dass Männer mitunter schon im Alter von sechzehn oder siebzehn Jahren verheiratet wurden. Aber ich bin bei Weitem noch nicht einmal fünfzehn und ersuche darum, meine Verlobung noch um einige Jahre hinauszuschieben."
"Du hast dich schon mehrfach
durch Kraft, Verstand und feste Ideale als richtiger Mann erwiesen", entgegnete ihm Yoshinari. "Auch äußerlich stehst du keinem Siebzehn- oder Achtzehnjährigen nach. Überdies handelt es sich erst einmal nur um eine Verlobung; die wirkliche Hochzeit wird erst erfolgen, wenn alle Burgen errichtet sind und jeder von Euch seine Heimstatt hat. Eine Verzögerung der Verlobung würde deine künftige Braut sicher sehr enttäuschen."
Shinbei verneigte sich und akzeptierte den Wunsch seines Herrn.
Die acht Töchter des Yoshinari waren
Shizuo, die mit 19 Jahren Älteste; Kinoto und Hinagi, beide 18 Jahre; Takeno und Hamaji, jede 17 Jahre; Shiori und Onami, 16 Jahre, und Iroto, die jüngste, die erst 15 war. Alle waren blütengleich bildschön, anmutig und schlank. Ihr schwarzes Haar reichte im Sitzen bis zum Boden. Im Vertrauen auf die Wirkmacht der Totenseele Fusehimes und des Karmas war angeordnet worden, die Paare durch das Los zu bestimmen.


brides

Die acht Fürstentöchter, links Hamaji



Am Tag der Brautverlosung saßen alle Mädchen wunderbar herausgeputzt und in schimmernde Seidengewandung gekleidet, duftend und mit Blüten im aufgebundenen Haar hinter einem Vorhangständer, so dass sie nicht zu sehen waren. Jede hielt das Ende einer langen Schnur mit ihrem Namensschildchen. Die anderen Enden der Schnüre lagen in der Hand eines Offiziers außerhalb des Vorhangs. Daraus ergriff jeder Hundekrieger eine Schnur. Auf ein Zeichen hin ließen die Mädchen ihr Ende los, und die Hundekrieger zogen die Schnur mit dem Namensschild zu sich heraus.
Es ergab sich, wohl tatsächlich durch wundersame Fügung, dass Shino Hamaji bekam, und Daikaku, dessen elend ums Leben gekommene frühere Ehefrau Hinaginu hieß, bekam die Prinzessin mit Namen Hinagi - das konnte kein Zufall sein. Warum
allerdings der gerade erst elfjährige Shinbei ausgerechnet die älteste Fürstentochter Shizuo zugelost bekam, bleibt unergründlicher Ratschluss des Himmels.
Im darauffolgenden Frühjahr wurden auch die Hochzeiten mit großem Pomp zelebriert; die Befestigungen der neuen Burgen waren zwar noch unvollendet, aber die Wohnungen der Burgherren und ihrer Ritter ließen keine Wünsche offen.

Im Laufe der folgenden Monate trafen nach und nach Gesandtschaften aus allen Nachbarländern und auch von den früheren Feinden ein. Alle brachten wertvolle Geschenke und baten um Freundschaftsverträge mit dem Hause Satomi. Boten kamen aus Koga von Fürst Ashikaga Nariuji, aus Burg Ishihama von Fürst Chiba Yoritane, aus Hitachi von den Burgherren Satake, Takaku und Kashima. Aus Musashi und Sagami sandten die Shogunatsfürsten Ôgiyatsu und Yamanouchi, sowie die Burgherren Miura Yoshiatsu und Nagao Kageharu fertige Entwürfe für Freundschaftsverträge, die nur noch besiegelt werden mussten. Fürst Takeda Nobumasa aus dem Lande Kai schickte seinen Vogt Amari Hyôe als Boten nach Awa, ja sogar aus dem fernen Mikawa trafen Boten des Burgherrn Tonario Korechika ein; aus Ise wurde vom Hause Kitabatake der Landvogt Abiki Nobuo als Besucher zu Burg Inamura entsandt.
Ein Wiedersehen gab es auch mit dem Vogt Koyama Tomoshige, der aus Yûki als Botschafter des Fürsten Naritomo nach Awa reiste und den Priester Eisai mitbrachte, der berichten konnte, dass die Tempelruine Nôge-In inzwischen wiederaufgebaut worden sei. Sogar Ebira Ôtoji beeilte sich, ihren Vasallen Inado Yorimitsu mit dem Entwurf eines Freundschaftsvertrages zu entsenden, um dem Fürsten Yoshinari sowie besonders den Herren Inukawa Sôsuke und Inuta Kobungo ihre Wünsche für ein langes und erfolgreiches Leben übermitteln zu lassen. Mit allen besiegelte Fürst Satomi Nariuji die gewünschten Verträge über Frieden und Freundschaft zwischen den Domänen und sandte seinerseits Dankesdelegationen unter der Leitung des Amasaki Jûichirô zu allen Vertragspartnern.
In der Folgezeit herrschte auf der gesamten Bôsô-Halbinsel uneingeschränkter Frieden. Niemand griff zu den Waffen, die Menschen gingen ihrem Tagewerk nach. Es gab weder aufmüpfige Kinder noch untreue Gefolgsleute, die Bauern halfen einander beim Bestellen der Felder, die Kaufleute verlangten keine Wucherpreise. Lag auf dem Weg ein verlorenes Goldstück, nahm niemand
es an sich, und kein Einwohner verriegelte nachts die Tür seines Hauses. Es gab keine Missernten, niemand verhungerte oder erfror, denn alle Untertanen nahmen sich ein Beispiel an Yoshinaris gütiger Herrschaft.
Die Hundekrieger besaßen ihre eigenen Burgen, aber je vier von ihnen dienten abwechselnd ihrem Herrn Yoshinari für jeweils ein halbes Jahr auf Burg Inamura als persönliche Berater; an Festtagen und aus wichtigen Anlässen kamen alle acht herbei und berieten gemeinsam die Lage und Politik ihres Landes.



header2


Rückkehr der Kristallperlen

Wir springen in das 9.Jahr Meiô (1500). Im Verlauf der sechzehn Jahre, die seit dem Ende des großen Krieges gegen das Haus Satomi vergangen waren, verstarben nacheinander die früheren Burgvögte Sugikura Ujimoto und Horiuchi Sadayuki, und am 16.Tag des 4.Monats im 20.Jahre Bunmei (1488) auch der alte Fürst Yoshizane. Nach dem Ende des Trauerjahrs besuchten Fürst Yoshinari, sein Sohn Yoshimichi, alle acht Hundekrieger und die Burgvögte Sugikura Naomoto und Horiuchi Sadazumi den Ahnentempel Enmeiji zum Abschlussgebet. Abt Chudai wandte sich anschließend an seinen Fürsten:
"Sechzehn Jahre sind vergangen, seit ich auf Euren ausdrücklichen Wunsch hin das Amt des Tempelpriesters übernommen habe. Es war nicht mein eigener Wille. Ihr seht, dass mein Schüler Nenju inzwischen zu einem würdigen 
Geistlichen herangewachsen ist. Er mag noch jung sein, hat sich aber durch Fleiß und Hingabe breites Wissen angeeignet, weshalb ich ihm dieses Amt voller Überzeugung zutraue. Gestattet mir bitte meinen Wunsch nach Entlassung und macht an meiner Stelle Nenju zum Tempelpriester!"


chunen

Abt Chudai und Priester Nenju


"Ich hatte versprochen, Euch nach zehn Jahren aus dem Amt zu entlassen. Diese Frist ist längst verstrichen, weshalb ich Eurem Wunsch selbstverständlich willfahre. Erlaubt mir aber eine Frage. Von Nenju hörte ich, dass Ihr in den letzten Jahren meist an einem unbekannten Ort weiltet. Niemand sah Euch, niemand wusste, wo Ihr seid, aber wenn Nenju seine Handglocke läutete, weil er Euch brauchte, seid Ihr sofort erschienen. Was hat es damit auf sich?"
"Ich will es Euch erzählen. Seit ich die Priestergelübde ablegte, ernährte ich mich nur noch von pflanzlicher Kost, und mein einziger Lebensinhalt waren zunächst die Suche nach den verlorenen Kristallperlen und später meine Gebete um das Seelenheil der Fusehime und für das Wohlergehen Eures Hauses. Mein Körper blieb zwar im Tempel, aber mein Geist weilte in der Felsenhöhle am Berg Toyama. Darüber vergaß ich meine eigene Existenz. In diesem Zustand wurde es mir möglich, an jedem Ort körperlich zu erscheinen, auf den ich meinen Sinn richtete. So verbrachte ich die meiste Zeit als Einsiedler am Grab der Fusehime, aber dort war ich für die Augen der Menschen unsichtbar. Es ist nicht so, dass ich mich wirklich unsichtbar machen könnte, aber die von weltlichem Schmutz getrübten Augen gewöhnlicher Menschen können mich dort nicht sehen. Nenjus Handglocke hörte ich jedoch so, als säße er neben mir, und daher konnte ich mich sofort in diesen Tempel versetzen und sichtbar werden.  
Ich habe Euch aber noch eine Mitteilung zu machen. Im Winter des 16.Jahres Bunmei (1484) wurde bei Shirahama ein großes Stück Holz an den Strand geschwemmt. Es war rund 5 m lang, hatte aber einen Umfang von gut 15 Metern. Das Holz war schwarz und duftete nach Aloe. Es handelte sich um ein Stück Adlerholz. Ich ließ es von einem Schreiner in 55 Stücke schneiden, die ich in Fusehimes Höhle am Berg Toyama verwahrte. Wenn ich in der Höhle weilte, schnitzte ich daraus nach und nach 25 Figuren des Buddhas, 25 Bodhisattvas und Statuen der Vier Himmelskönige. Aus dem verbliebenen Holzstück fertigte ich die Perlen für eine Gebetskette. Daran habe ich zehn Jahre lang gearbeitet und bin endlich damit fertig geworden. Alle Buddha- und Bodhisattva-Figuren sind bereits geweiht, die Statuen der Vier Himmelskönige jedoch noch nicht; sie haben noch keine Augen. Hierzu möchte ich mit den Hundekriegern sprechen. Alle Statuen befinden sich in der Felsenhöhle, aber die Gebetskette habe ich Nenju als Schatz dieses 
Tempels übergeben. Seht sie Euch an !"


Der Adlerholzbaum (Aquilaria sinensis) ist ein immergrüner Baum, dessen Holz bei Pilzbefall oder Verletzungen ein stark duftendes Harz absondert, das das Holz durchdringt, schwärzt und dadurch das kostbare Adlerholz entstehen lässt. Dieses dunkle, harzige Holz gehört zu den teuersten Rohstoffen der Welt und wird für Parfums, Räucherwerk und traditionelle Medizin verwendet.
Zu den Vier Himmelskönigen s. Erläuterung in Teil 7, Abschnitt "In der Schwertkampfschule".


Nenju lief und holte ein Kästchen, dem ein wundervoller Duft entströmte. 
Fürst Yoshinari entnahm die Gebetskette und betrachtete sie ehrfürchtig. Die Perlen waren wunderbar gearbeitet und dufteten weihevoll. Er reichte sie der Reihe nach allen Hundekriegern weiter.
"Hochwürden, Ihr sagtet, Ihr wolltet Euch mit den Hundekriegern beraten. Sprecht aus, was Ihr auf dem Herzen habt!"  
"Die Gebetskette der Fusehime war eine Wundergabe des En no Gyôja. Sie darf nie mehr in die Hände einfacher Priester gelangen. Ich habe
die hundert normalen Perlen der Kette als Augen für die 50 Buddhastatuen verwendet. Nun möchte ich die Hundekrieger darum bitten, mir ihre Kristallperlen zu überlassen, um sie den Vier Himmelskönigen als Augen einzusetzen. Danach wünsche ich mir, diese Statuen an den Grenzen unseres Landes aller vier Himmelsrichtungen zu vergraben. So werden sie zu Schutzgottheiten des Landes Awa und seines Fürstenhauses. Die 50 Buddhafiguren sollen auf dem heiligen Berg der Bôsô-Region, dem Nokogiriyama, vergraben werden.


4himking

Holzgeschnitzte und vergoldete Statuen der Vier Himmelskönige (Brooklyn Museum, New York)


Wenn all dies vollbracht ist, werde ich sofort mein Amt niederlegen und mich bis an mein Lebensende als Eremit auf den Berg Toyama zurückziehen.
Den Hundekriegern verkünde ich, dass die acht Tugenden JIN, GI, REI, CHI,
CHÛ, SHIN, KÔ, TEI die Grundlagen für weise, vorbildliche Machtausübung sind. Ihr verkörpert bereits diese Tugenden und benötigt fortan Eure Kristallperlen nicht länger. Ich bin davon überzeugt, dass Fusehimes Seele Euch auch ohne die Perlen beschützen wird. Ich werde sie den Statuen der Vier Himmelskönige als Augen einsetzen. Dadurch werdet Ihr selbst zu den schützenden Vier Himmelskönigen unseres Landes, und solange Ihr hier lebt, kann keine Macht der Welt diesem Land etwas anhaben."
Keno antwortete: "Zu diesen Worten von Hochwürden Chudai möchte ich etwas ergänzen. Wir alle haben festgestellt, dass die Schriftzeichen in den Kristallperlen, die wir ständig bei uns tragen, in jüngster Zeit verschwunden sind...."
Genpachi fiel ihm ins Wort: "Nicht allein die Schriftzeichen in den Perlen, sondern auch die Päonienmale, die wir alle am Körper trugen, sind nach und nach verblasst. Jetzt ist
davon keine Spur mehr zu sehen!" 
"Das stimmt, auch mir ist aufgefallen, dass das Mal, das Genpachi auf der Wange trug, seltsamerweise immer blasser wurde", warf Fürst Yoshinari ein.
Daikaku meinte: "Alles beruht vermutlich auf den Prinzipien von Ursache und Wirkung. Mit einer Ursache beginnt etwas, mit der Wirkung endet es. Ohne die Schriftzeichen und das Päonienmal hätten wir einander weder erkannt noch erfahren, dass wir die Söhne der Fusehime sind. Sie waren die Ursache, also der Beginn. Nun wurden wir in dieses Fürstenhaus gerufen und haben unsere karmatischen Aufgaben erfüllt. Das war die Wirkung und somit das Ende, und deshalb sind nun die Schriftzeichen und unsere Male verschwunden."
Die Hundekrieger holten ihre Kristallperlen hervor und übergaben sie dem Abt Chudai. Fürst Yoshinari wies auf den Garten des Tempels und sprach:
"Seht die Päonien im Tempelgarten! Sieht es nicht aus, als ob die päonienförmigen Flecken auf dem Fell des Hundes Yatsufusa und Eure Päonienmale hier als wirkliche Blumen prachtvoll erblüht wären?"
"Sie zeigen, dass Euer Land in Blüte gedeiht und keine Gefahr mehr droht, weder vom Fluch einer Hexe noch durch Angriffe feindlicher Krieger", erklärte Abt Chudai. "Durch die Heirat der acht Hundekrieger mit Euren acht Töchtern sind das
weibliche Yin und das männliche Yang in ein natürliches Gleichgewicht gelangt." 
"Eure Worte sind für uns höchst erfreulich. Wohlan, gehen wir an die Arbeit. Ich beauftrage Euch nun mit der Fertigstellung der Statuen der Vier Himmelskönige und gebe Euch die acht Hundekrieger als Geleit zum Vergraben derselben an den Landesgrenzen. Mit dem Transport der Buddha- und Bodhisattvafiguren und deren Vergrabung auf dem Berg Nokogiriyama beauftrage ich meine Gefolgsleute Masaki Daizen und Eda Munemitsu."
"Und als Geistlichen für die Zeremonie nehmt bitte Priester Nenju mit!", ergänzte Chudai.


botan

Päonien (asiatische Pfingstrosen) im Tempelgarten


Nach der Erfüllung seiner Wünsche erklärte Abt Chudai seinen Rücktritt vom Amt des Tempelpriesters und verkündete, bis an sein Lebensende in der Höhle der Fusehime um ihr Seelenheil zu beten. Mit diesen Worten verschwand er, als hätte er sich in Luft aufgelöst.
Einige Tage später suchten Nenju und Shinbei den Berg Toyama auf, fanden den Eingang zur Höhle jedoch mit einem riesigen Felsen verschlossen. Sie verstanden, dass sie Chudai nie mehr wiedersehen würden.
 
alle8




anfang     home