Inuzaka Keno,
der das Oberkommando führte und die Übersicht behielt, sorgte
sich um seinen Bruder Inumura Daikaku, der die Flotte der Angreifer
von hinten her attackieren sollte, aber nirgendwo zu sehen war.
Daikaku hatte zwar wie geplant unter dem falschen Namen Akaiwa Hyakuchû vom
Fürsten Miura Yoshiatsu zehn Schiffe erhalten, um sich der Flotte
des Ôgiyatsu Sadamasa anzuschließen, aber Fürstensohn
Yoshitaka, der die Flotte des Hauses Miura kommandierte, bestand
darauf, dass
Hyakuchû, der sich als Vasall des Hauses Ôgiyatsu ausgegeben hatte, seine Schiffe der Miura-Flottille anschließen
solle.
Hyakuchû behauptete indes, er habe von Ôgiyatsu eine
besondere Aufgabe zugewiesen bekommen, die freies Manövrieren
erforderte, aber der jähzornige, rechthaberische
Yoshitaka bestand auf seiner Forderung. Als Hyakuchû sich dennoch
widersetzte, ließ er seine Schiffe diejenigen des Fremden
einkesseln. Der Streit wogte hin und her und stand im Begriff, zu einem
Waffengang zu eskalieren, als der Wind auf Südost drehte und zum
Sturm wurde. Yoshitaka und Hyakuchû bezichtigten einander der
Schuld am versäumten Auslaufen, als sich der Nachthimmel
über der Bôsô-Halbinsel rot färbte - die Schlacht
hatte begonnen, und die Schiffe des Yoshitaka wie des Hyakuchû
lagen noch immer im Hafen vor der Burg Arai des Hauses Miura.
Yoshitaka stürmte nun wutentbrannt mit blankem Schwert auf das
Schiff des Hyakuchû, der sich daraufhin als Hundekrieger Inumura
Daikaku vom Hause Satomi zu erkennen gab, Yoshitaka niederschlug und gefangen nahm.
Durch den Sturm herbeigewehte brennende Schiffe und Segelfetzen setzten auch die
Flottille des Hauses Miura in Brand, weshalb die Kämpfer des
Yoshitaka an Land flüchteten und sich nach der Gefangennahme ihres
Anführers ergaben. Darüber in Kenntnis gesetzt, kam sein
Vater Yoshiatsu mit all seinen Gefolgsleuten aus seiner strandnahen Burg in den
Hafen gestürmt, aber die dreihundert Mann des Daikaku,
ergänzt um zweihundert Krieger des Hauses Miura, die sich dem
Sieger angeschlossen hatten, ließen aus der Dunkelheit ihren
Kampfruf ertönen und stürmten von allen Seiten auf die
Burgritter zu. Diese hatten gemeint, am Hafen hätte es nur eine
Auseinandersetzung zwischen Offizieren verbündeter
Streitkräfte gegeben; sie waren nicht auf feindliche Truppen hier,
nahe der Burg des Hauses Miura, gefasst und sahen im Dunkeln nicht, wie
viele es
waren. Obwohl sie erprobte Kämpfer waren, liefen sie in hellem Entsetzen davon
oder ergaben sich; als einzigem gelang es Miura Yoshiatsu, auf seinem
Ross in die Burg Arai zurückzufliehen.
Als es tagte, erschien Daikaku mit seinem Gefangenen vor dem Haupttor der Burg und rief:
"Hier steht der Hundekrieger Inumura Daikaku vom Hause Satomi mit Eurem gefangen genommenen Sohn Yoshitaka und ersucht um eine
Unterredung mit dem Burgherrn Miura Yoshiatsu. Lasst
mich bitte in die Burg ein!"
Burg Arai des Hauses Miura
Yoshiatsu bestieg einen Wehrturm seiner Burg und blickte auf Daikaku
herab. Zwei Gardisten befahl er, Musketen anzulegen und auf ein
Zeichen von ihm durch eine Schießscharte den Mann vor dem Tor
zu erschießen.
"Du Verräter Inumura Daikaku, du hast mir meine Schiffe gestohlen
und meinen Sohn gefangen genommen. Und jetzt begehrst du Einlass in die
Burg eines Kriegsmannes, der dir nichts angetan hat? Scher dich fort!"
"Ich kann verstehen, dass Ihr wütend seid, aber hört mich bitte in Ruhe an! Ich habe mir mit einer List von Euch Schiffe geben lassen, aber nicht, um
Euch anzugreifen, sondern um die Flotte des Shogunatsfürsten zu
verfolgen. Es war Euer Sohn, der mich mit Gewalt daran hinderte.
Ich möchte uns beiden weiteren Ärger ersparen, eine
gütliche Einigung erzielen und Euch Euren Sohn Yoshitaka
zurückgeben."
"Halt den Mund, du dreister Kerl! Ich bin Miura Yoshiatsu, der in aller
Welt als ein Recke sondergleichen bekannt und mit dem
Shogunatsfürsten verwandt ist. Du glaubst doch nicht etwa, dass
ich mich auf Verhandlungen mit dir einlasse, nur um meinen Sohn zu
retten?"
Yoshiatsu griff nach seiner Muskete und wollte auf Daikaku anlegen,
stellte aber fest, dass die Lunte nicht entzündet war und auch seine
beiden Gardisten keine Anstalten machten, zu schießen, sondern
ihre Kurzschwerter zogten und Yoshiatsu die Klingen an die Gurgel legten.
"Ihr Burgritter, keine Bewegung, sonst ist euer Herr ein toter Mann!
Öffnet das Burgtor und lasst Herrn Inumura Daikaku ein!", riefen
sie, fesselten Yoshiatsu und brachten ihn in den Empfangsraum. Als Daikaku eintrat,
fielen ihm beinahe die Augen aus dem Kopf. Die Gardisten des
Yoshiatsu waren nämlich Tachikara Hayatoki und Tomaya
Kageyoshi, Ritter des Fürsten Satomi Yoshinari von
Awa, die vor wenigen Tagen als Begleiter von Amasaki
Jûichirô als Gesandte in Richtung Kyôto fortgesegelt waren, um
Shinbeis Freilassung zu erreichen. Wie war es möglich, dass sie
hier als Vertraute des Miura Yoshiatsu auf Burg Arai auftauchten?
"Unsere Gesandtschaft geriet in einen so schweren Sturm, dass wir
fürchteten, unser Schiff könnte überladen sein und
sinken. Im Hafen von Kap Irago stiegen wir mit einigen Begleitern aus
und ruderten mit einem kleinen Rettungsboot in Richtung Awa
zurück. Unterwegs hörten wir, dass Shogunatsfürst
Ôgiyatsu mit einem riesigen Heer Awa
angreifen wolle und eilten
uns, aber von Leuten des Hauses Miura wurden wir hier angehalten
und verhört. Wir konnten ja schlecht sagen, dass wir zum Hause Satomi
gehören, sondern gaben uns falsche Namen und erzählten, wir
seien Krieger, die gegen Satomi mitkämpfen wollen. Burgherr Miura
fragte, ob wir mit Schusswaffen umgehen könnten, und teilte uns
nach bestandener Prüfung seiner Musketiergarde zu, die nach
Abfahrt der Flotte mit ihm die Burg Arai sichern sollte. Als wir sahen,
dass Ihr, Herr Daikaku, vor dem Burgtor steht, gaben wir uns zu
erkennen und nahmen den Burgherrn gefangen."
Daikaku ließ Vater und Sohn Miura Waffen und Fesseln abnehmen,
setzte sie in ein Schiff und ließ die Gefangenen, nachdem er die
Nachricht vom Sieg der Satomi-Flotte erhalten hatte, von einem
Trupp seiner Leute nach Awa bringen. Die Burgritter ließ er
entwaffnen und fortjagen, beauftragte Tachikara Hayatoki, dem er fünfzig
Bewaffnete zuteilte, mit der Bewachung von Burg Arai und zog mit seiner
inzwischen auf fast tausend Kämpfer angeschwollenen Streitmacht
zum Sitz des Shogunatsfürsten Yamanouchi Akisada
in Kamakura. Er hatte nämlich
erfahren, dass Saitô Takazane, der Stellvertreter des
Fürsten, auf die Nachricht der Niederlage der Flotte des Sadamasa
hin aus Furcht vor einem Angriff der Sieger die Festung
mit all seinen Leuten Hals über Kopf verlassen hatte; Daikaku
wollte verhindern, dass
Hôjô Sôun, Fürst von Izu, sich von Odawara aus
der
leerstehenden Burg bemächtigte. Er ließ eine
Sicherungstruppe in der verlassenen Burg und kehrte nach Burg Arai
zurück.
Inuyama Dôsetsu
setzte wieder dem Ôgiyatsu Sadamasa nach, der mit Ôishi
Norikata, dem Sohn des Vasallenfürsten Ôishi Norishige, und
wenigen weiteren Getreuen auf seinem Lastkahn dem Strand von
Shibaura zustrebte. Sie trieben nach einiger Zeit bei Kawasaki an Land
und machten sich auf den Weg in Richtung Burg Isarago.
Ôgiyatsu Sadamasa bei der Flucht auf einem Lastkahn
Weil sie keine
Pferde hatten, nahmen sie auf dem Pferdemarkt von
Kawasaki den Züchtern die besten Rösser fort, schlugen die
protestierenden Händler nieder und flohen zu Ross weiter.
Dôsetsu war ihnen dicht auf den Fersen, aber unterwegs trafen
Kämpfer des Ôta Shinroku, die die Umgebung der Burg sichern
sollten, auf Sadamasa und stellten sich zum Kampf,
um Dôsetsu aufzuhalten und ihrem Herrn, dem
Shogunatsfürsten, die Flucht zu ermöglichen. Während
Dôsetsu mit Shinrokus Schar focht, floh Sadamasa den Fluss Kawasakigawa
entlang bis zur Fährstelle, wo Norikata nach dem Fährmann
rief. Anstelle eines Fährmanns erschienen jedoch am
gegenüberliegenden Ufer bewaffnete Kriegsleute, deren Anführer rief:
"Herr
Ôgiyatsu Sadamasa, legt die Rüstung ab und die Waffen
nieder! Euch bleibt kein Fluchtweg offen. Von hinten her verfolgt Euch
Inuyama Dôsetsu, und hier steht eine Streitmacht unter der
Führung von Kominato Sakan, die von unserem Feldherrn, dem Hundekrieger Inuzaka Keno, in geheimer
Sondermission gegen Euch entsandt wurde. Teilt uns bitte mit, ob Ihr
Euch lieber in Gefangenschaft ergeben oder Seppuku begehen wollt!"
"Herr Kominato, hört mich bitte einen Augenblick an!", rief
Norikata zurück. "Ich bin Norikata, der Sohn des
Vasallenfürsten Ôishi Norishige. Für einen Samurai ist
Gefangennahme die schlimmste Schmach. Ich werde hier anstelle meines
Herrn Seppuku begehen. Schneidet mir dann den Kopf ab, aber lasst
meinen Herrn dafür laufen!"
"Nein, Norikata", fiel ihm Sadamasa ins
Wort, "das kommt nicht in Frage. Du bist ein treuer Gefolgsmann; aber wenn schon, dann nehmen wir
uns hier gemeinsam das Leben."
Norikata rief wieder: "Habt Ihr die Worte meines Herrn gehört,
Herr Kominato? Ich ersuche erneut darum, mir den Kopf abzuschlagen und
meinem Herrn die Flucht zu gestatten!"
"Was soll dieser eines Samurai unwürdige Kuhhandel? Schämt
Ihr Euch nicht?", erwiderte Sakan. "Nicht wir sind es, die diesen Krieg
vom Zaun gebrochen haben, sondern der Shogunatsfürst hat uns
mit einer gewaltigen Streitmacht angegriffen. Wir haben uns nur
verteidigt. Würde Herr Ôgiyatsu denn im Falle
unserer Niederlage unseren Fürsten, Herrn Satomi,
verschonen, falls dieser um sein Leben bäte? Unser Fürst ist
ein milder Herrscher. Wir bringen Euch zwar als Gefangene nach Awa,
aber Euer Leben ist dort nicht in Gefahr, Ihr könnt beruhigt sein."
"Die Schande, als Gefangener vorgeführt zu werden, ist für
einen Samurai unerträglich. Herr Ôgiyatsu wird sich als
Zeichen der Unterwerfung eigenhändig den Haarknoten abschneiden
und ihn Euch anstelle seines Hauptes ausliefern...."
"He, Norikata!", protestierte Sadamasa, "ich bin schließlich
Shogunatsfürst. Mir den eigenen Haarknoten abzuschneiden wäre eine
Schmähung meiner Ahnen vom Hause Ashikaga, das seit vielen
Generationen den Shôgun stellt, und eine Schande für meine Kinder und Kindeskinder. Lieber nehme ich mir das Leben!"
Norikata erinnerte Sadamasa daran, dass Takauji, der erste Shôgun
des Hauses Ashikaga, sich in einer ähnlichen Lage ebenfalls den
Haarknoten abgeschnitten hatte, und brachte ihn tatsächlich dazu,
das Kurzschwert zu ziehen und sich den Knoten abzuschneiden. Sakan
nahm die Trophäe an, denn es wäre ein Verstoß gegen
den Befehl seines Fürsten gewesen, Feinde, die sich ergeben, zu
töten oder zu köpfen; er bestand aber darauf, Norikata als
Gefangenen nach Awa mitzunehmen. Daraufhin schnitt sich auch
Norikata
den Knoten ab, um bei seinem Herrn bleiben zu dürfen, was Sakan
jedoch ablehnte. Beide Gegner wurden entwaffnet, mit Booten auf die
andere Seite des Flusses gebracht und, weil es sich um einen
Shogunatsfürsten handelte, ungefesselt von den Kriegern des
Kominato Sakan in Richtung der Burg Isarago geleitet, aber auf dem Weg
begegneten ihnen vereinzelte Trupps von Kämpfern der vernichteten
Flotte, die ihren Fürsten
ohne Helm und Haarknoten als Gefangenen erblickten und berichteten,
dass Burg Isarago längst von Truppen des Hauses Satomi eingenommen und
besetzt worden sei.
Ôgiyatsu Sadamasa ohne Helm und Haarknoten
"Wir haben uns zwar eine gute Strategie ausgedacht,
aber jener Inuzaka Keno, der uns diese Niederlage beibrachte, der Leute
entsandte, die uns hier abfangen und dafür sorgte, dass
während unserer Abwesenheit Burg Isarago besetzt wird, denkt immer
zwei oder drei Schritte im Voraus, mit dem können wir uns einfach nicht
messen", stöhnte Sadamasa. Ihm blieb als Zuflucht nur
die entlegene Burg Kawagoi im Herrschaftsgebiet seines Vasallen Ôishi Norishige,
wo er von nur dreißig gewöhnlichen Burggardisten empfangen
wurde.
Fall der Burg Isarago
Selbstverständlich sorgte sich Inuzaka
Keno um die Geiseln in Burg Isarago. Kaum war die
Seeschlacht entschieden, ließ er sein Schiff nach Shibaura segeln
und ging mit seinen Offizieren Komori Takamune, Chiyomaru Toyotoshi
und etwa zwanzig
Kämpfern, die bei ihm waren, an Land. Dort sahen sie, dass eine
Schar feindlicher Kriegsleute, die mit ihren halbverbrannten
Schiffen an Land geschwemmt worden waren, sich sammelte und in Richtung
Burg Isarago
zog.
"Niemand kennt euch hier. Holt euch aus einem der Schiffwracks Fahnen
der Ôgiyatsu-Streitmacht, dann mischt euch unter die feindlichen
Kämpfer und dringt mit ihnen in die Burg ein", befahl Keno seinen
Mitstreitern. Diese erreichten zusammen mit den versprengten Feinden die
Burg, während Keno, der von den Feinden womöglich erkannt worden wäre,
sich abseits hielt. Einer der Flüchtigen rief:
"Gardisten der Burg! Wir sind Kämpfer des Ôgiyatsu Tomoyasu, Vizekommandeur der
Seestreitmacht, die zum Angriff auf Awa
gesegelt ist. Wir haben eilige Nachricht, lasst uns ein!"
Die Torgarde sah durch die Ausblickscharten, dass die Leute Fahnen der
eigenen Truppe trugen und auch bekannte Gesichter mit dabei waren. Sie
informierten Nirami Rikinda, den Offizier der Torwache, der die
Nebenpforte öffnen ließ. Die Geflüchteten berichteten im Burghof,
dass die Flotte weitgehend vernichtet und ihr Befehlshaber Tomoyasu von
einem feindlichen Pfeil getroffen im Meer untergegangen sei. Es
dürfte nicht lange dauern, bis die Sieger hierher kämen, um
die Burg anzugreifen.
Nirami Rikinda erschrak über diese Nachricht und ließ den
Kommandeur der Burggarde, Mitano Gyoranji, in Kenntnis der Lage setzen.
Die Kämpfer in der Burg rüsteten sich jedoch
nicht zur Verteidigung, sondern bereiteten in höchster Todesangst ihre Flucht vor. Mitano
Gyoranji versuchte, seine Männer zu beruhigen und in Stellung zu
bringen, als aus einem der Nebengebäude der Burg Flammen schlugen
und dicker Rauch aufstieg. Unbekannte Kriegsleute stürmten aus
diesem Bau hervor und griffen die Gardisten mit gezückten
Schwertern an.
"Hier stehen Komori Takamune und Chiyomaru Toyotoshi, die
Vorhut von Inuzaka Keno, dem Oberbefehlshaber der Streitmacht des
Hauses Satomi. Wer es wagt, sich mit uns anzulegen, stelle sich zum
Kampf!"
Nun war die Verwirrung
komplett. Wie konnte eine feindliche Vorhut schon jetzt so einfach in die Burg gelangen? Die
ohnehin zur Flucht bereiten Gardisten öffneten
das Burgtor und rannten davon, was das Zeug hielt. Ohne
Kämpfer konnte Mitano Gyoranji nichts ausrichten. Er machte sich
mit den Fliehenden aus der Burg davon. Inzwischen waren mehr als
dreitausend Kriegsleute aus Awa, die Keno auf ihren Schiffen
nachgefolgt waren, vor der Burg eingetroffen. Sie sahen nur zu, wie die
feindlichen Kämpfer in Scharen aus der Burg davonliefen,
fingen sich Pferde der Burgritter ein, die ebenfalls durch das offene
Tor gelaufen
kamen, und hielten dann mit Inuzuka Keno und seinen Offizieren beritten
an der Spitze feierlich Einzug in Burg Isarago des
Shogunatsfürsten Ôgiyatsu Sadamasa.
Tief im Innern der Burg befanden sich die Frauengemächer. In einem
der Räume saßen Frau Kawahori, die alte Mutter des
Shogunatsfürsten, und Hakohime, die noch kaum zwanzigjährige
junge Gemahlin des Ôgiyatsu Tomoyasu. Sie war eine zarte Prinzessin vom
Kaiserhof in Kyôto und weder an
Kälte noch Not oder gar Kämpfe gewöhnt. Mit Schrecken hörten
die Damen das Geschrei aus dem Burghof. Den Rufen entnahmen sie,
dass Feinde dabei waren, die Burg zu erobern.
Fürstenmutter Kawahori und die junge Ehegattin Hakohime
"Uns bleibt keine Möglichkeit zu entkommen", sprach Fürstenmutter Kawahori.
"Wir müssen uns auf unser Ende gefasst machen."
Sie zog ihren
Damendolch, um der entsetzten Hakohime und sich selbst die
Kehle durchzuschneiden. In diesem Augenblick wurde die Schiebetür
aufgestoßen. Ein einzelner Kriegsmann mit einer blutigen
Schwertlanze in den Händen stürmte herein und schlug Frau Kawahori den Dolch aus der Hand.
| Eine Schwertlanze (naginata)
ist eine Lanze, die keine Spitze zum Stechen, sondern eine
Klinge zum Schneiden trägt. Durch ihren langen
Schaft ist sie zwar einem Schwert überlegen, aber etwas
unhandlich. Aus diesem Grund wird sie nicht von den Samurai, den
Offizieren, sondern
von den einfachen Kämpfern des Fußvolks geführt. In der Enge der
Räume einer Burg ist sie eher hinderlich. |
In einem anderen Gemach in demselben Gebäude hielten sich die
Geiseln Myôshin, Hikute und Hitoyo auf, bewacht von zwei
Gardisten. Auch diese Frauen hörten das Getöse, freuten
sich aber, dass die Burg von den Kriegern aus Awa erobert wurde.
"Die Verteidiger der Burg
scheinen zu fliehen", äußerte
Myôshin. "Wir sind wohl in Sicherheit, aber wie wird es den
anderen Damen in der Burg ergehen? Ich mache mir Sorgen um
die Fürstenmutter und die junge Gattin Hakohime. Wenn ihnen
etwas
zustoßen
sollte, täte es mir leid um sie."
"Unsere Gardisten stehen nicht vor der Tür", stellte Hikute fest.
"Ich will mit Hitoyo nach den Damen der Burg sehen, damit sie sich nicht
gar den Tod geben!"
Die beiden jungen Frauen stolperten beinahe über die Leichen ihrer
beiden Gardisten, die blutend im Gang lagen. Sie hörten Schreie aus einem
anderen Damengemach und stürzten hinein. Dort hatte der
Kriegsmann soeben Frau Kawahori den
Dolch aus der Hand geschlagen und seine Schwertlanze fallen gelassen. Als Hikute und Hitoyo hereingestürmt
kamen, wandte er sich um, schob den Helm in den Nacken und zeigte sein Gesicht. Der
geharnischte Krieger war niemand anders als Otone!
"Frau Mutter! Was ist....? Wie kommt Ihr...?", stammelten Hikute und Hitoyo verblüfft, und Otone sagte lächelnd:
"Ich hatte mir Sorgen um euch und um die Damen der Burg gemacht und kam
gerade rechtzeitig, als sie sich das Leben nehmen wollten."
"Aber was hat Eure Kriegerausrüstung zu bedeuten?"
"Ihr wundert euch natürlich, was es mit dieser seltsamen
Aufmachung auf sich hat", lachte Otone. "Dazu später mehr, aber
erst solltet ihr euch in den Burggarten retten; es kann sein, dass die
Burg in Brand gerät."
"Otone, Ihr seid zur rechten Zeit gekommen", rief Myôshin erleichtert, "Ihr seid unsere Rettung!"
Otone mit Schwertlanze in der Burg
Inuzaka Keno sandte Komori Takamune aus, um nach den Geiseln zu suchen.
"In der Burg müssten sich auch Fürstenmutter Kawahori und die Gattin des
Ôgiyatsu Tomoyasu befinden. Bringt sie ebenfalls her und achtet
darauf, dass ihnen nichts zustößt!"
Takamune
stieß auf die Damen, die gerade ihre Gemächer
verließen, und führte alle in den Burghof, wo sie von Keno
erwartet wurden.
"Welch ein Glück, dass Ihr alle wohlbehalten seid",
begrüßte er sie. "Oma Otone, wie hast du dich denn
verkleidet? Ich muss sagen, die Kriegerrüstung steht dir nicht
übel, und du wirst dafür sicher einen Grund haben. Wie ist
es euch ergangen?"
Myôshin begann zu berichten.
"Wir waren in einem Raum der Burg unter Arrest, und uns ist nichts
geschehen. Aber wegen der heutigen Auseinandersetzung in der Burg
wollten unsere Aufseher, die sich wohl in Hikute und Hitoyo verliebt
hatten, die beiden entführen und mit ihnen flüchten, wurden aber
plötzlich von einem Kriegsmann mit einer Schwertlanze erschlagen.
Nun fürchteten wir das Schlimmste für die Damen des Burgherrn
und eilten in deren Gemächer, wo dieser Kriegsmann sie gerade
davor bewahrte, sich umzubringen. Der Kriegsmann
entpuppte sich zu unserer Überraschung als Otone...!"
Nun erzählte Otone, dass sie als Helferin auf das Leitschiff
der Branderflotte beordert worden sei, die Krieger betrunken gemacht und
das Schiff dadurch am Auslaufen gehindert habe.
"Danach erschoss ich den
Befehlshaber und sprengte das Schiff in die Luft. Ich sprang ins Wasser und schwamm auf das Festland zu, aber das Meer
war so eisig, dass ich nur mit allergrößter Mühe das
Ufer erreichte und dort kraftlos auf die Felsen sank. Ich wäre
dort beinahe erfroren, denn in dieser Winternacht wehte ein starker
Sturm, und meine Gewänder waren durchnässt, so dass ich in
eine Ohnmacht sank. Am Strand standen Schaulustige, die das brennende Schiff
sehen wollten, das ich gesprengt hatte, und als sich der Himmel in der
Ferne auf einmal rot färbte,
kamen noch mehr Leute ans Ufer gelaufen, um sich den Brand der Flotte
anzuschauen. Ein Fischer namens Norishichi fand mich dort liegen und
hielt mich wohl erst für tot, aber als er merkte, dass ich noch
lebte, brachte er mich in sein kleines Haus am Ufer. Seine Ehefrau bettete
mich an die Feuerstelle und flößte mir Suppe ein, so
dass ich mich dank der Güte dieser einfachen Leute im Lauf des
Tages
wieder vollkommen erholte."
Dem Fischerehepaar erzählte Otone eine Geschichte von Schiffbruch
im Sturm, und die beiden drängten sie, auch noch die kommende Nacht
in ihrem Haus zu verbringen, aber unter dem Vorwand, nach weiteren
Überlebenden ihres gesunkenen Schiffes suchen zu wollen,
verließ Otone ihre Gastgeber und Lebensretter. Sie wollte zu Burg
Isarago eilen und sich um Myôshin und die beiden jungen Frauen
kümmern. Just da wurde ein ruder- und steuerloses Schiff mit an den Mast gefesselten Kriegsleuten ans Ufer
geschwemmt, die um Hilfe riefen. Otone erkannte, dass es Kämpfer des
Sadamasa waren, die nach Burg Isarago zurückkehren wollten. Unter
der Bedingung, mitgenommen zu werden, löste sie den Männern
die Fesseln, aber diese genierten sich, mit einer Frau um Einlass zur
Burg bitten, und legten ihr deshalb
Kriegerausrüstung an. Weitere versprengte Krieger schlossen sich
dem Trupp an; dass es sich um Kenos Leute handelte, ahnte Otone nicht,
ebensowenig, wie die Kämpfer aus Awa ahnten, dass sich in der
Schar der Entkommenen auch die als Mann verkleidete Otone befand.
Nachdem Otone in die Burg gelangt war, wollte sie die
Frauengemächer aufsuchen, aber in diesem Augenblick gaben sich
Chiyomaru Toyotoshi und Komori Takamune als Vorhut der Streitmacht des
Inuzaka Keno zu erkennen, woraufhin die Burgritter kopflos zu
fliehen begannen. Otone hob eine fortgeworfene Schwertlanze auf und
hörte in dem Trakt der Frauengemächer, wie die zwei Gardisten
verabredeten, Hikute und Hitoyo zu
entführen. Sie erschlug beide Männer mit der Schwertlanze und
betrat den Raum der Fürstenmutter, genau rechtzeitig, um
deren Selbstmord zu verhindern.
Hikute und Hitoyo
Keno befahl, die Fesseln der Fürstenmutter und der jungen Prinzessin Hakohime zu lösen.
"Die Damen können nichts für den Krieg. Führt sie in ihre
Gemächer zurück, bewacht sie, damit sie sich nichts antun,
aber behandelt sie mit Respekt und als Personen von Stand!"
Da Chiyomaru gerade das gefangene Personal der Burg herbeiführte,
ließ Keno auch die Dienstmägde und den Burgkoch
frei, beorderte sie wieder in ihre vorige Stellung und befahl
ihnen, die beiden Damen zu versorgen. Er wandte sich an die Damen:
"Verehrte Fürstenmutter, die Besetzung dieser Burg ist nur eine
vorübergehende Maßnahme, für die ich um
Verständnis bitte. Wir haben nicht vor, sie ganz zu
übernehmen. Euer Sohn, der Shogunatsfürst, ist vermutlich
noch am Leben, befindet sich jedoch auf der Flucht. Wie es Euren
Enkeln Tomoyoshi und Tomoyasu geht, ist mir leider unbekannt."
Als nächster traf Priester Chudai, der den Schamanen Fûgai
Dôkin gemimt hatte, aus seiner Berghöhle auf der Burg ein.
Keno dankte
ihm für seine großartige Hilfe und ließ ein Schiff
vorbereiten, um ihn zusammen mit Otone, Myôshin, Hikute und
Hitoyo nach Awa zurückzubringen. Zum Abschied schenkte die
dankbare Fürstenmutter ihrer Retterin Otone, die sie am Selbstmord
gehindert hatte, drei Garnituren kostbarer Gewandung, die
Otone aus Höflichkeit annehmen musste.
Gegen Mitternacht traf Kominato
Sakan mit seinem Gefangenen Ôishi Norikata ein. Er
erstattete Keno Bericht über den Erfolg seiner Mission und
überreichte ihm den Kasten mit dem abgeschnittenen Haarknoten des Ôgiyatsu
Sadamasa.
Anderntags trat Keno vor den gefangenen
Ôishi Norikata.
"Das Haus Ôishi ist das mächstigste Vasallenhaus des
Shogunatsfürsten. Euer Vater und Ihr habt es versäumt, Euren
Herrn von dem grundlosen Feldzug gegen das Haus Satomi abzuhalten.
Unser Fürst hat noch niemals ein Nachbarland angegriffen. Wir
haben die Flucht des Ôgiyatsu Sadamasa vorhergesehen und Euch
deshalb an der Fährstelle abgefangen. Sadamasa ist immerhin der
Shogunatsfürst dieser Region; ich billige es, dass er nicht als
Gefangener vorgeführt, sondern in eine ferne Burg vertrieben
wurde. Aber Ihr müsst Euch Eurer Verantwortung stellen."
Norikata schwieg lange, bevor er sich zu einer Antwort durchrang.
"Herr Inuzaka, ich habe einen Fehler begangen. Ich kann jetzt nur noch um Nachsicht bitten."
Keno wandte sich an seine Gefolgsleute.
"Die Burg Ôtsuka des Hauses Ôishi ist ohne Herrn. Nach der Niederlage in
dieser Schlacht dürften die Ritter die Burg verlassen haben. Herr
Kominato, besetzt mit tausend Kriegsleuten die Burg, damit sich dort
keine Räuber einnisten!"
"Und was wird mit der Zweigburg Shinobunooka?", fragte Sakan.
"Um die dürfte sich Dôsetsu schon gekümmert haben", lächelte Keno.
An diesem Tag stach auch das Schiff des Priesters Chudai mit den vier Frauen und dem Gefangenen Ôishi Norikata
in See. Auch der Haarknoten des Sadamasa wurde mit demselben Schiff an
den Fürsten Satomi Yoshinari übersandt. Otone bat nach dem
Auslaufen darum, zuerst noch einmal am Strand von Shibaura anzulegen.
Sie stieg aus dem Schiff und lief zu dem Holzhaus des Fischers
Norishichi.
"Erinnerst du dich noch an mich?", fragte sie dessen Ehegattin, denn
Norishichi war noch nicht vom Fischen zurück. "Du hast mich so
liebenswürdig gesund gepflegt, nachdem dein Mann Norishichi mich
halbtot auf den Klippen gefunden und mir das Leben gerettet hatte.
Seinerzeit habe ich, ohne mich recht zu bedanken, euer Haus verlassen.
Ich habe euch eine falsche Geschichte vorgeflunkert und gehöre in
Wahrheit als Gattin des Gefolgsmanns Obayuki Yoshirô zum Hause
Satomi. Ich möchte euch meinen Dank erweisen, bevor ich nach Awa
zurückkehre."
Sie überreichte der Frau die seidenen Gewänder, die sie auf
Burg Isarago von der Fürstenmutter erhalten hatte und legte noch ein Goldstück dazu. Die Augen
der alten Fischersfrau glänzten vor Freude über diese
unverhoffte, kostbare Gabe. Noch während sie sich unter
Tränen der Dankbarkeit bis zum Boden verbeugte, eilte Otone wieder
auf ihr Schiff zurück, das sogleich Kurs auf die Küste von Awa nahm.
Danach forschte Keno nach dem Grab des Herrn Kawagoi Gonnosuke, das er
in einem heruntergekommenen Tempel fand. Der alte Tempelpriester
berichtete, dass das Haus Kawagoi bei dem Shogunatsfürsten in
Ungnade gefallen sei und dieses Grab deswegen keinen Gedenkstein trug.
Keno erteilte dem Tempelpriester den Befehl, das Grab des Herrn Kawagoi
standesgemäß und mit Gedenkstein herzurichten und sagte ihm
zu, auch die Renovierung seines Tempels zu finanzieren.
Inuyama Dôsetsu, der durch Ôta Shinroku von der Verfolgung
des Ôgiyatsu Sadamasa abgehalten worden war, wandte sich in der
Tat gegen die Burg Shinobunooka, nachdem Shinroku ihm mit Booten über den Fluss Kawasakigawa entkommen war. Nach einem siegreichen
Scharmützel mit feindlichen Kämpfern unter Führung der entflohenen
Offiziere Mitano Gyoranji und Nirami Rikinda erreichte Dôsetsu Burg Shinobunooka.
Dôsetsu auf dem Weg zur Burg Shinobunooka
Zu seiner Überraschung wehten auch auf dieser Burg, wie in Isarago, bei
seiner Ankunft schon die Fahnen des Hauses Satomi über den Mauern.
Dôsetsu fragte sich, wer ihm hier zuvorgekommen sein könnte, und wurde
zu seiner Überraschung von Ochiayu Aritane aus Hokita empfangen.
"Wir haben uns nach der Zerstörung unserer Heimat Hokita nach
Shimôsa in den Tempel Gikyôin zurückgezogen",
berichtete Aritane. "Als wir
von dem Feldzug des Ôgiyatsu Sadamasa erfuhren, besorgten wir uns
mit Unterstütztung des Tempelpriesters Ausrüstung und wollten
dem Haus Satomi zu Hilfe eilen, aber unsere Truppe von 250
Kämpfern schlug leider unterwegs einen falschen Weg ein und
verirrte sich in den Bergen, und als wir nach etlichen Umwegen die
Straße nach Kônodai wieder erreichten, hörten wir,
dass die
Angreifer bereits geschlagen waren. Um nicht vollkommen nutzlos in den
Krieg gezogen zu sein, wandten wir uns gegen Burg Shinobunooka, wo
unser Mitstreiter Sechisuke eingekerkert war, gaben uns als Gesandte
des Herrn Ôgiyatsu Tomoyoshi, Sohn des Shogunatsfürsten,
aus, erhielten Einlass und vertrieben die eingeschüchterten
Burgritter. Wir konnten Sechisuke und viele gefangene Bauern aus den
Nachbardörfern von Hokita noch lebend aus dem Kerker befreien."
Am folgenden Tag erschien eine Abordnung der Bauern aus den
Dörfern um Hokita und um Burg Shinobunooka, die die Auslieferung
der gefangenen
Offiziere Mitano Gyoranji und Nirami Rikinda verlangten, die sie grausam geknutet, sowie der Burgritter Nezuno Yachûji und
Anaguri
Sensaku, die in Hokita viele unschuldige
Bauern getötet hatten. Dôsetsu
ließ den Dorfleuten diese Männer ausliefern, und die Bauern
köpften die Tyrannen und Mörder ihrer Angehörigen.
Dôsetsu schlug Aritane vor, als Burgherr in Shinobunooka zu
bleiben, aber dieser ersuchte darum, mit seinen Gefährten in
ihre frühere Heimat Hokita ziehen und die niedergebrannten Anwesen
wieder aufbauen zu dürfen. Dôsetsu erfüllte ihm den
Wunsch und besetzte mit seinen Offizieren und tausend Kämpfern die Burg.
Friedensschluss
Der
Krieg war zu Ende. Fürst Satomi Yoshinari kehrte zu seiner Burg
Inamura zurück. Im Feldlager von Sunosaki hielten Shinbei und
einige Getreue Wacht und bauten
die Wehranlagen ab. Inuzuka Shino, Inukai Genpachi, Inuta Kobungo und Inukawa Sôsuke
wurden zurückberufen und hielten mit dem Erbfolger Yoshimichi an
der Spitze und ihren Gefangenen in einer würdigen Prozession
Einzug in Awa.
Weil die Gefangenen allesamt Burgherren, Fürsten oder deren
Söhne waren, wurden sie nicht in den
Kerker geworfen, sondern erhielten Wohnräume in einem neu errichteten
Anwesen, das sie zwar nicht verlassen durften, in dem sie sich jedoch
frei bewegen konnten. Yoshinari trug dafür Sorge, dass sie
standesgemäß bewirtet und nicht gedemütigt wurden. Dort
wohnten Ashikaga Nariuji, Chiba Yoritane, Ôishi Norishige und Norikata
und Nagao Tamekage Tür an Tür. Ihre engsten Gefolgsleute
blieben bei ihren jeweiligen Herren. In einem anderen Flügel des Anwesens
waren Miura Yoshiatsu und sein Sohn Yoshitaka untergebracht.
Ein Gefangener lag Satomi Yoshinari besonders am Herzen. Zusammen mit
seinem Herrn Ôgiyatsu Tomoyoshi wohnte Inado Yorimitsu nicht bei
den anderen Gefangenen, sondern im Gästehaus des Fürsten.
"Ich betrachte Herrn Inado als einen makellosen Samurai, der zwar aus
Treue zu seinem Herrn mit in den Krieg gegen uns zog, zugleich aber
stets zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden weiß und
deswegen Sôsuke und Kobungo das Leben gerettet hat. Ich betrachte
ihn daher nicht als Gefangenen, sondern als meinen Gast",
äußerte der Fürst. Er berichtete Kobungo und
Sôsuke auch, weshalb Keno den Sohn des Shogunatsfürsten,
Tomoyoshi, durch Yorisuke von der Reederei Inue in Ichikawa mit einem
Boot nach Awa entführen ließ.
"Keno befürchtete nämlich, dass sich Herr Inado das Leben
nähme, falls sein Herr Tomoyoshi im Gefecht umkäme. Allein
aus Dankbarkeit für Herrn Inado ließ sich Keno die Finte
einfallen, Tomoyoshi ohne Kampf sicher nach Awa zu bringen."
Die beiden Hundekrieger bewunderten erneut Kenos umsichtige Planung, besuchten im Gästehaus ihren Lebensretter und
berichteten ihm, dass ihn der Fürst als seinen Gast betrachte.
Alle zurückgekehrten Kämpfer bekamen fürstliche Belohnungen; dem Herrn
Jidanda und seinem Bruder Funazô, die weder Heimat noch
Einkommen hatten, übertrug der Fürst die Aufgabe, zusammen
mit anderen Offizieren die Burg Kônodai zu bewachen, und Masaki
Daizen wurde wegen seiner Verdienste nicht allein in diesem Krieg,
sondern auch als Shinbeis Mitstreiter beim Kampf gegen Hikita Motofuji
zum persönlichen Gefolgsmann des Fürsten ernannt und erhielt
ein wertvolles Schwert.
Fürst Yoshinari verliest die Ernennungsurkaunde für Masaki Daizen
Von Burg Isarago traf nach dem Jahreswechsel eine Botschaft von Inuzaka
Keno ein. Er bat darum, den Priester Chudai mit einer großen
Gebetsfeier um das Seelenheil aller Gefallenen zu betrauen und
teilte mit, dass er die Reisvorräte und Gelder, die auf Burg
Isarago gelagert waren, an die Bevölkerung verteilen lasse, der
diese Erträge abgepresst worden waren und deren Felder,
Häuser, Handwerk und Schiffe wegen der Kriegszüge Schaden genommen hatten.
Yoshinari meinte, dass es sich nicht zieme, allein die Feinde, die
Kämpfer, Angehörige und Burgen verloren hatten, für
die Schäden aufkommen zu lassen; so stellte er selbst ebenfalls
Reis
und Bargeld bereit. Er erteilte den Priestern der Tempel in
Shibaura, Kônodai und Gyôtoku den Auftrag, im neuen Jahr
auch an den Stätten der Schlachten Totengedenkfeiern abzuhalten
und bei dieser Gelegenheit mit diesen Gaben den Bauern die erlittenen
Schäden zu ersetzen. Auch vor der Küste fuhr ein Schiff mit
Priester Chudai aufs Meer hinaus. Er hielt ein Ritual für das Seelenheil der
Gefallenen der Seeschlacht ab, dem auch die gefangenen Fürsten und
Burgherren, von den anwesenden Hundekriegern flankiert, als Zuschauer
am Strand beiwohnen und ihrer toten Vasallen gedenken durften.
Staunend und beschämt nahmen die Gefangenen diese Güte des
Fürsten Satomi Yoshinari zur
Kenntnis. Je mehr sie sich wunderten, dass sie trotz ihrer Niederlage
im Krieg so menschlich und standesgemäß behandelt
wurden, desto mehr bereuten sie das Unrecht, das sie begangen hatten.
Sie wünschten sich nichts sehnlicher als einen Vertrag, der den
Frieden besiegelte. Dazu waren jedoch Gesuche der beiden
unterlegenen und entkommenen Shogunatsfürsten Ôgiyatsu
Sadamasa und Yamanouchi Akisada erforderlich, weshalb die
Gefangenschaft auch weiterhin andauerte.
Am 28.Tag des 3.Monats im 16.Jahre Bunmei (1484) kehrte der Gesandte
Amasaki Jûichirô aus Kyôto zurück und
berichtete:
"Zweimal gerieten wir auf der Fahrt in starke Stürme; das erste Mal stiegen Tachikara
Hayatoki und Tomaya
Kageyoshi aus, damit das Schiff nicht unterging, und das zweite Mal
retteten wir uns mit knapper Not im stark beschädigten Schiff in Ise ans Ufer bei Akogi. Das ist die
Domäne des Hauses Kitabatake, und der dortige Landvogt Abiki Nobuo
nahm uns zunächst freundlich auf. Weil unser Schiff jedoch mit Gold und Geschenken beladen
war, verdächtigte er uns der Seeräuberei und sperrte uns in Arrest.
Wir beteuerten, dass wir als Gesandte des Hauses Satomi unterwegs nach
Kyôto seien und zeigten das Schreiben mit Eurem Siegel vor, aber
weil die Häuser Kitabatake und Satomi in keinerlei näherem
Kontakt stehen, argwöhnte Abiki Nobuo, dass es eine Fälschung
sein könnte. Er entsandte Kundschafter nach Ostjapan, die nicht
nur unsere Aussagen bestätigten, sondern auch berichteten, dass
Shogunatsfürst Ôgiyatsu eine gewaltige Streitmacht gegen Awa
führte und dass Inue Shinbei, um dessen Freilassung wir in
Kyôto bitten wollten, inzwischen nach Awa zurückgekehrt sei.
Herr Abiki ließ uns sofort frei und entschuldigte sich für
seinen Verdacht und die Verzögerung unserer Mission durch den
Arrest. Er gab uns alle Waren zurück und stellte uns als Abbitte
ein sehr großes, brandneues Schiff samt Mannschaft für die
Weiterfahrt zur Verfügung.
Weil Shinbei nach Awa zurückgekehrt war, erwog ich, ebenfalls nach Awa
zurückzureisen, entschloss mich dann jedoch, wegen des Kriegszugs
des Shogunatsfürsten eine Protestnote bei
Shôgun und Kaiserhaus einzureichen. Shogunatsfürst Hosokawa
Masamoto unterstützte mein Anliegen, trug es bei Shôgun und
Kaiserhof vor und erwirkte, dass in Kürze eine offizielle
Delegation des Kaiserhofs mit einem Erlass des Tennô in Awa
eintreffen wird."
Fürst Satomi Yoshinari lobte die Umsicht des Jûichirô
und gab Order, dass alle Hundekrieger zum Empfang der kaiserlichen Delegation nach Awa zurückkehren
sollten. Daikaku ließ eine kleine Truppe in Burg Arai, Keno
desgleichen in Burg Isarago, und Dôsetsu in Burg Shinobunooka;
alle trafen kurz nacheinander in Burg Inamura beim Fürsten
Yoshinari ein und erstatteten Bericht über die jeweilige Lage. Der
hitzige Dôsetsu ereiferte sich:
"Es war zwar befohlen worden, in der Schlacht möglichst wenige
Feinde zu töten und solche, die sich ergeben, gefangen zu nehmen,
aber weshalb wurde der größte aller Feinde, der
mächtigste aller Fürsten, Ôgiyatsu Sadamasa, obwohl man
ihn hätte fangen können, einfach laufen gelassen? Das
ergibt doch keinen Sinn! Dem Kerl hätte ich sofort den Kopf
abgeschlagen!"
"Bruder Dôsetsu, ich verstehe, dass du hinter dem Todfeind deines
früheren Herrn her bist", erwiderte Shino. "Aber dieser Feldzug
war ein Verteidigungskrieg des Hauses Satomi.
Deine persönliche Fehde musste in diesem Fall zurückstehen. Für
einen günstigen Friedensschluss zu unseren Bedingungen ist es
vorteilhafter, wenn die feindlichen Feldherren überleben, ihre
Niederlage eingestehen und von sich aus um Frieden bitten."
"Ich sehe ein, was du sagst, Bruder Shino. Du hast sicherlich Recht", lenkte
Dôsetsu ein und verlor fortan kein weiteres Wort des Unmuts, wofür
ihn alle Brüder aufrichtig lobten.
Am Tag nach der Ankunft der kaiserlichen Gesandtschaft versammelte
Fürst Yoshinari seine Gefangenen und stellte sie den Hundekriegern
gegenüber. Diese erläuterten vor der kaiserlichen Delegation die Gründe für ihre Taten und Konfrontationen
mit den Häusern Ôishi, Chiba und Ôgiyatsu,
während die feindlichen Fürsten, Burgherren und deren Söhne die
Köpfe gesenkt hielten, ihre Fehler zugaben und um Verzeihung baten.
Fürst Satomi tat kund, dass er ihnen ihre Burgen zurückzugeben
beabsichtige und sie keineswegs unbegrenzt in Awa festsetzen wolle. Aber
Voraussetzung für ihre Entlassung sei das Gesuch ihrer Herren, mit
Satomi Frieden zu schließen.
Mit gesenkten Köpfen: Vogt Inado, Vater und Sohn Miura und die anderen Gefangenen
Der Gesandte aus Kyôto verlas den kaiserlichen Erlass, der den grundlosen
Angriffskrieg der Shogunatsfürsten streng tadelte, die humane
Strategie der Verteidigung des Hauses Satomi pries und einen baldigen
und dauerhaften Friedensschluss anmahnte. Überdies verlieh der
Kaiser dem Fürsten, seinem Vater Yoshizane und seinem Erbfolger
Yoshimichi Hofränge und den acht Hundekriegern Ländereien als
Lehen.
Yoshinari äußerte seinen untertänigsten Dank für
die ungewöhnliche Gunst des Tennô, und die Hundekrieger
taten es ihm gleich. Zuletzt gab Yoshinari jedoch zu bedenken, dass die
Bedingung für einen Friedensschluss eine Bitte der unterlegenen
Shogunatsfürsten sei.
Daraufhin erhoben sich einige der Gefolgsleute des kaiserlichen Boten,
die am Rand der Versammlung gesessen hatten, und knieten vor dem
Fürsten nieder.
"Herr Fürst, diese Bedingung ist leicht zu erfüllen. Wir
gehören nämlich in Wirklichkeit nicht zum Gefolge der
kaiserlichen Delegation, sondern sind Abgesandte der
Shogunatsfürsten und sollten das Gesuch um einen Friedensschluss
überreichen. Um
zu erfahren, wie dieses Dokument aufgenommen würde, baten wir die
kaiserliche Gesandtschaft, auf die wir auf dem Weg zu Euch stießen, uns
in ihrem Gefolge mitzunehmen. Ich bin Ôta Shinroku, Vasall des Ôgiyatsu Sadamasa, und bei mir sind Saitô Takazane, Vogt des Yamanouchi Akisada, Hara Tanesuke, Vogt des Hauses
Chiba, Shimokôbe Yukikane, Burgvogt des Ashikaga Nariuji aus
Koga, Naoe Shôji, Bevollmächtigter des Hauses Nagao und Misaki Amanji, Vogt des Burgherrn
Miura. Anstelle unserer Herren bitten wir untertänigst um
Verzeihung und Annahme des Gesuchs um einen Friedensschluss."
Sie überreichtem dem Fürsten ein versiegeltes
Schriftstück, während der kaiserliche Gesandte um
Entschuldigung wegen der eigenmächtigen Mitnahme der Abordnung der
feindlichen
Fürsten bat.
Kurz darauf wurde der Friedensvertrag auch von Fürst Yoshinari
besiegelt und von den anwesenden Gefangenen mit unterzeichnet. Die
besonderen Bedingungen des Hauses Satomi waren, dass die Kommune von
Hokita mitsamt ihrer Felder und den umliegenden fünf Dörfern
keinem Fürsten unterstehen, sondern als unabhängige,
exterritoriale Domäne anerkannt werden solle, und dass alle entflohenen
Kämpfer und Überläufer straffrei blieben.
Für den 21.Tag des 4.Monats wurde die Übergabe der
besetzten Burgen vereinbart. Im Anschluss an die Unterzeichnung des
Vertrages gab Fürst Yoshinari ein Bankett, zu dem auch die
Unterhändler um Ôta Shinroku
geladen waren. Sieben der acht Hundekrieger freuten sich und leerten
gemeinsam mit ihren ehemaligen Feinden die Becher; nur
Dôsetsu saß schweigend abseits, als ginge ihn das alles
nichts an.
Die Brautverlosung
Die
entlassenen Gefangenen erhielten von Fürst Satomi Yoshinari je ein
stattliches Ross geschenkt und wurden in den nächsten Tagen nach
und nach von ihren Herren durch Offiziere mit Schiffen abgeholt, um in
ihre zurückgegebenen Burgen zurückzukehren. Nur aus Koga
trafen so wenige Männer ein, um den Statthalter Ashikaga Nariuji abzuholen, dass
er sich vor den anderen Entlassenen schämte und auf dem Landweg
nach Koga zurückkehrte. Aus Mitleid stellte ihm Inuzuka Shino eine
Hundertschaft Krieger als Ersatz für sein unansehnliches Gefolge
zur Verfügung und begleitete ihn persönlich bis nach
Kônodai. Nach einem Abschiedsmahl verabschiedete sich Nariuji, und Shino richtete an ihn
die Worte:
"Vor
einigen Jahren sind wir uns schon einmal auf Eurer Burg unter sehr unerfreulichen Umständen begegnet. Ich war dort, um Euch den Schatz
Eures Hauses, das Schwert Murasame,
zurückzugeben, aber leider hatte mir vorher ein Neider arglistig
die Klinge vertauscht. Ihr erinnert Euch sicher noch an die Ereignisse
jenes Tages. Zum heutigen Abschied nach dem Ende der Feindschaft
gestatte ich mir, dem Wunsch meiner Vorfahren willfahrend, Euch das
Eigentum Eures Hauses zu überreichen. Ich wünsche, dass Ihr es
als Unterpfand der einstigen Verbundenheit zwischen meinen und Euren
Vorfahren und als Zeichen der Aussöhnung zwischen den Häusern
Ashikaga und Satomi betrachten mögt."
Shino nahm das Schwert aus der Brokathülle, zog es aus der Scheide
und schwang es vor den Augen des Nariuji. Ein Wasserstrahl
entsprühte seiner Klinge. Nariuji nahm beschämt und mit einer
tiefen Verbeugung sein Eigentum in Empfang und bekräftigte noch
einmal die künftige Freundschaft mit dem Hause Satomi, bevor er
mit seinen wenigen Gefolgsleuten in Richtung Koga davonritt.
Shino überreicht das Schwert Murasame
Die
kaiserliche Gesandtschaft überwachte die Übergabe der Burgen
und Entlassung der Gefangenen, bevor sie einige Wochen später
reich beschenkt nach Kyôto zurückreiste. Die Delegation
wurde von allen acht Hundekriegern, Priester Chudai und Kanamari
Jûichirô begleitet. Sie fuhren mit dem Schiff bis nach
Ôiso und reisten von dort auf dem Landweg nach Kyôto. Die
Hundekrieger wollten dem Kaiserhof ihren Dank für die Verleihung
der Lehen aussprechen, und Chudai und Jûichirô fuhren als
Repräsentanten des Fürstenhauses Satomi mit. Alle wurden
sowohl von Shôgun Yoshihisa als auch vom Tennô empfangen
und belobigt. Der Tennô händigte den Gästen aus Awa
einen Erlass aus, der Chudai zum Abt beförderte und Fusehime als
Gottheit anerkannte, der auf dem Berg Toyama ein Schrein errichtet
werden dürfe. Ohne Verzögerung erhielten sie auch die Erlaubnis
zur Rückreise und besuchten auf dem Heimweg die Stätte, an
der Shinos Vorfahr Ôtsuka Shôsaku gefallen war. Dem
Priester des Tempels, der die Urne mit dessen sterblichen
Überresten verwahrte, finanzierten sie die Errichtung eines
würdigen Grabs samt Gedenkstein.
Nach der glücklichen Rückkehr aller Hundekrieger fand gegen
Ende des Sommers im Hause Satomi eine große Versammlung statt.
Der Fürst verlas ein Dokument, das allen, die sich im Krieg
für ihn eingesetzt hatten, seinen Dank aussprach und ihnen je nach
Rang und Verdienst die Belohnungen auflistete. Die Hundekrieger bekamen jeder eine
eigene Burg im Lande Awa, und zwar:
Burg Tateyama, Burgherr Inue Shinbei.
Burg Tôjô, Burgherr Inuzuka Shino.
Burg Inukake, Burgherr Inuzaka Keno.
Burg Mikuriya, Burgherr Inumura Daikaku.
Burg Asahina, Burgherr Inuyama Dôsetsu.
Burg Konagasa, Burgherr Inukawa Sôsuke.
Burg Jinyo, Burgherr Inukai Genpachi.
Burg Nago, Burgherr Inuta Kobungo.
Der kleine Makel, dass einige dieser Burgen gar nicht existierten,
wurde dadurch wettgemacht, dass der Befehl erging, sie unverzüglich zu bauen.
Erwähnenswert ist, dass auch die Damen Myôshin, Otone,
Hikute und Hitoyo, deren Verdienste keinesfalls gering waren, als Lohn
wertvolle Damendolche, kostbare Gewänder für Sommer und
Winter sowie einen ansehnlichen Betrag in Gold erhielten. Die Krieger aus
Hokita erhielten als Dank ein an ihr Gebiet angrenzendes
Stück urbaren Landes abgetreten, das ihre Domäne um die Hälfte
vergrößerte. Die Gastwirte aus Ojiya in Echigo, Ishikame
Jidanda und sein Bruder Funazô, wurden in den Samuraistand
erhoben und zu Burgrittern ernannt; sogar die Anführer der
einstigen Raufbolde von Ryôgoku, Mukômizu Isanta und Edokko
Sutekichi, erhielten eine beträchtliche Summe Geld, richtige Kriegernamen
und die Aufnahme in den Samuraistand. Es wurde in der Tat niemand vergessen.
Im Herbst kam ein Sendbote aus Kazusa vom Vasallenhaus Mariyatsu, dem die
Mutter des Fürsten Yoshinari und seiner Schwester Fusehime
entstammte; nach dem Tod des Fürsten erbat der junge Erbfolger
für seine fünfzehnjährige Schwester zwecks Festigung der
Beziehungen zwischen den befreundeten Häusern einen
standesgemäßen Bräutigam aus dem Hause Satomi.
Vermutlich dachte er an einen der acht Hundekrieger. Dies nahm
Fürst Yoshinari zum Anlass, um den Hundekriegern seine Pläne
für ihre Zukunft zu offenbaren.
"Ich halte es für keinen Zufall, sondern für eine Fügung
des Karmas, dass ich acht Töchter im heiratsfähigen Alter
habe. Niemand anders als Ihr acht Hundekrieger kommt meiner Meinung
nach als deren Bräutigame in Frage. Sofern Ihr keine Einwände
habt, möchte ich schon in allernächster Zeit die Verlobungen
in die Wege leiten."
"Wer wird dann der Bräutigam der jungen Dame aus dem Hause Mariyatsu?", fragte Dôsetsu.
"Ich bin der Ansicht, mein getreuer persönlicher Gefolgsmann Masaki Daizen
ist dafür die rechte Wahl", erwiderte der Fürst, und alle
Hundekrieger nickten zustimmend.
Shinbei meldete sich zu Wort.
"Man liest zwar in alten Schriften, dass Männer mitunter schon im Alter
von sechzehn oder siebzehn Jahren verheiratet wurden. Aber ich bin bei
Weitem noch nicht einmal fünfzehn und ersuche darum, meine
Verlobung noch um einige Jahre hinauszuschieben."
"Du hast dich schon mehrfach durch Kraft, Verstand
und feste Ideale als richtiger Mann erwiesen", entgegnete ihm Yoshinari. "Auch
äußerlich stehst du keinem Siebzehn- oder
Achtzehnjährigen nach. Überdies handelt es sich erst einmal
nur um eine Verlobung; die wirkliche Hochzeit wird erst erfolgen, wenn
alle Burgen errichtet sind und jeder von Euch seine Heimstatt hat. Eine
Verzögerung der Verlobung würde deine künftige Braut
sicher sehr enttäuschen."
Shinbei verneigte sich und akzeptierte den Wunsch seines Herrn.
Die acht Töchter des Yoshinari waren
Shizuo, die mit 19 Jahren Älteste;
Kinoto und Hinagi, beide 18 Jahre; Takeno und Hamaji, jede 17 Jahre; Shiori und Onami,
16 Jahre, und Iroto, die jüngste, die erst 15 war. Alle waren blütengleich
bildschön, anmutig und schlank. Ihr schwarzes Haar reichte im
Sitzen bis zum Boden. Im Vertrauen auf die Wirkmacht der Totenseele
Fusehimes und des Karmas war angeordnet
worden, die Paare durch das Los zu bestimmen.
Die acht Fürstentöchter, links Hamaji
Am Tag der Brautverlosung saßen alle Mädchen
wunderbar herausgeputzt und in schimmernde Seidengewandung
gekleidet, duftend und mit Blüten im aufgebundenen
Haar hinter einem Vorhangständer, so dass sie nicht zu sehen
waren. Jede hielt das Ende einer langen Schnur mit ihrem Namensschildchen. Die anderen Enden
der Schnüre lagen in der Hand eines Offiziers außerhalb des Vorhangs. Daraus ergriff jeder
Hundekrieger eine Schnur.
Auf ein Zeichen hin ließen die Mädchen ihr Ende los, und die
Hundekrieger zogen die Schnur mit dem Namensschild zu sich
heraus.
Es ergab sich, wohl tatsächlich durch wundersame Fügung, dass
Shino Hamaji bekam, und Daikaku, dessen elend ums Leben gekommene
frühere Ehefrau Hinaginu hieß, bekam die Prinzessin mit Namen Hinagi -
das konnte kein Zufall sein. Warum allerdings der
gerade erst elfjährige Shinbei ausgerechnet die älteste
Fürstentochter Shizuo zugelost bekam, bleibt unergründlicher
Ratschluss des Himmels.
Im darauffolgenden Frühjahr wurden auch die
Hochzeiten mit großem Pomp zelebriert; die Befestigungen der
neuen Burgen waren zwar noch unvollendet, aber die Wohnungen der
Burgherren und ihrer Ritter ließen keine Wünsche offen.
Im Laufe der folgenden Monate trafen nach und nach
Gesandtschaften aus allen Nachbarländern und auch von den
früheren Feinden ein. Alle brachten wertvolle Geschenke und baten
um Freundschaftsverträge mit dem Hause Satomi. Boten kamen
aus Koga von Fürst Ashikaga Nariuji, aus Burg Ishihama von
Fürst Chiba Yoritane, aus Hitachi von den Burgherren
Satake, Takaku und Kashima. Aus Musashi und Sagami sandten die
Shogunatsfürsten Ôgiyatsu und Yamanouchi, sowie die
Burgherren Miura Yoshiatsu und Nagao Kageharu fertige Entwürfe
für Freundschaftsverträge, die nur noch besiegelt werden
mussten. Fürst Takeda Nobumasa aus dem Lande Kai schickte seinen
Vogt Amari Hyôe als Boten nach Awa, ja sogar aus dem fernen Mikawa
trafen Boten des Burgherrn Tonario Korechika ein; aus Ise wurde vom
Hause Kitabatake der Landvogt Abiki Nobuo als Besucher zu Burg Inamura
entsandt. Ein Wiedersehen gab es auch mit dem Vogt Koyama
Tomoshige, der aus Yûki als
Botschafter des Fürsten Naritomo nach Awa reiste und
den Priester Eisai mitbrachte, der berichten konnte, dass
die Tempelruine Nôge-In inzwischen wiederaufgebaut worden
sei. Sogar Ebira
Ôtoji beeilte sich, ihren Vasallen Inado Yorimitsu mit dem
Entwurf eines Freundschaftsvertrages zu entsenden, um dem Fürsten
Yoshinari sowie besonders den Herren Inukawa Sôsuke und
Inuta Kobungo ihre Wünsche für ein langes und erfolgreiches
Leben übermitteln zu lassen. Mit allen besiegelte Fürst
Satomi
Nariuji die gewünschten Verträge über Frieden und
Freundschaft zwischen den Domänen und sandte seinerseits
Dankesdelegationen unter der Leitung des Amasaki Jûichirô
zu
allen Vertragspartnern.
In der Folgezeit herrschte auf der gesamten Bôsô-Halbinsel
uneingeschränkter Frieden. Niemand griff zu den Waffen, die Menschen
gingen ihrem Tagewerk nach. Es gab weder aufmüpfige Kinder noch
untreue Gefolgsleute, die Bauern halfen einander beim Bestellen der
Felder, die Kaufleute verlangten keine Wucherpreise. Lag auf dem Weg
ein verlorenes Goldstück, nahm niemand es an sich, und kein
Einwohner verriegelte nachts die Tür seines Hauses. Es gab
keine Missernten, niemand verhungerte oder erfror, denn alle
Untertanen nahmen sich ein Beispiel an Yoshinaris gütiger
Herrschaft.
Die Hundekrieger besaßen ihre eigenen Burgen, aber je vier von
ihnen dienten abwechselnd ihrem Herrn Yoshinari für jeweils ein
halbes Jahr auf Burg Inamura als persönliche Berater; an Festtagen
und aus wichtigen Anlässen kamen alle acht herbei und berieten
gemeinsam die Lage und Politik ihres Landes.
Rückkehr der Kristallperlen
Wir
springen in das 9.Jahr Meiô (1500). Im Verlauf der sechzehn Jahre, die seit dem Ende des großen
Krieges gegen das Haus Satomi vergangen waren, verstarben
nacheinander die früheren Burgvögte Sugikura Ujimoto und
Horiuchi Sadayuki, und am 16.Tag des 4.Monats im 20.Jahre Bunmei (1488) auch der
alte Fürst Yoshizane. Nach dem Ende des Trauerjahrs besuchten
Fürst Yoshinari, sein Sohn Yoshimichi, alle acht Hundekrieger und
die Burgvögte Sugikura Naomoto und Horiuchi Sadazumi den
Ahnentempel Enmeiji zum Abschlussgebet. Abt Chudai wandte sich anschließend an seinen Fürsten:
"Sechzehn Jahre sind vergangen, seit ich auf Euren
ausdrücklichen Wunsch hin das Amt des Tempelpriesters übernommen
habe. Es war nicht mein eigener Wille. Ihr seht, dass mein Schüler
Nenju inzwischen zu einem würdigen Geistlichen herangewachsen ist. Er mag noch jung
sein, hat sich aber durch Fleiß und Hingabe breites Wissen angeeignet, weshalb ich ihm dieses Amt voller Überzeugung
zutraue. Gestattet mir bitte meinen Wunsch nach Entlassung und macht an
meiner Stelle Nenju zum Tempelpriester!"
Abt Chudai und Priester Nenju
"Ich hatte versprochen, Euch nach zehn Jahren aus dem
Amt zu entlassen. Diese Frist ist längst verstrichen, weshalb ich
Eurem Wunsch selbstverständlich willfahre. Erlaubt mir aber eine Frage. Von Nenju
hörte ich, dass Ihr in den letzten Jahren meist an einem
unbekannten Ort weiltet. Niemand sah Euch, niemand wusste, wo
Ihr seid, aber wenn Nenju seine Handglocke läutete, weil er Euch
brauchte, seid Ihr sofort erschienen. Was hat es damit auf sich?"
"Ich will es Euch erzählen. Seit ich die Priestergelübde
ablegte, ernährte ich mich nur noch von pflanzlicher Kost, und
mein einziger Lebensinhalt waren zunächst die Suche nach den
verlorenen Kristallperlen und später meine Gebete um das Seelenheil
der
Fusehime und für das Wohlergehen Eures Hauses. Mein Körper
blieb zwar im Tempel, aber mein Geist weilte in der Felsenhöhle am
Berg Toyama. Darüber vergaß ich meine eigene Existenz. In
diesem Zustand wurde es mir möglich, an jedem Ort körperlich
zu
erscheinen, auf den ich meinen Sinn richtete. So verbrachte ich die
meiste Zeit als Einsiedler am Grab der Fusehime, aber dort
war ich für die Augen der Menschen unsichtbar. Es ist nicht so,
dass ich mich wirklich unsichtbar machen könnte, aber die von
weltlichem
Schmutz getrübten Augen gewöhnlicher
Menschen können mich dort nicht sehen. Nenjus Handglocke
hörte ich jedoch so, als säße er neben mir, und
daher konnte ich mich sofort in diesen Tempel versetzen und sichtbar
werden.
Ich habe Euch aber noch eine Mitteilung zu machen. Im Winter des
16.Jahres Bunmei (1484) wurde bei Shirahama ein großes Stück
Holz an den Strand
geschwemmt. Es war rund 5 m lang, hatte aber einen Umfang von gut 15
Metern. Das Holz war schwarz und duftete nach Aloe. Es handelte sich um
ein Stück Adlerholz. Ich ließ es von einem Schreiner in
55 Stücke schneiden, die ich in Fusehimes Höhle am Berg
Toyama verwahrte. Wenn ich in der Höhle weilte, schnitzte ich
daraus nach und nach 25 Figuren des Buddhas, 25 Bodhisattvas und
Statuen der Vier
Himmelskönige. Aus dem verbliebenen Holzstück fertigte ich
die
Perlen für eine Gebetskette. Daran habe ich zehn Jahre lang
gearbeitet und bin endlich damit fertig geworden. Alle Buddha- und
Bodhisattva-Figuren sind bereits geweiht, die Statuen der Vier
Himmelskönige jedoch noch nicht; sie haben noch keine Augen.
Hierzu möchte ich mit den Hundekriegern sprechen. Alle
Statuen befinden sich in der Felsenhöhle, aber die
Gebetskette habe ich Nenju als Schatz dieses Tempels übergeben. Seht sie Euch an !"
Der Adlerholzbaum
(Aquilaria sinensis)
ist ein immergrüner Baum, dessen Holz bei Pilzbefall oder
Verletzungen ein stark duftendes Harz absondert, das das Holz
durchdringt, schwärzt und dadurch das kostbare Adlerholz entstehen
lässt. Dieses dunkle, harzige Holz gehört zu den
teuersten Rohstoffen der Welt und wird für Parfums,
Räucherwerk und traditionelle Medizin verwendet.
Zu den Vier Himmelskönigen s. Erläuterung in Teil 7, Abschnitt "In der Schwertkampfschule". |
Nenju lief und holte ein Kästchen, dem ein wundervoller Duft entströmte. Fürst
Yoshinari entnahm die Gebetskette und betrachtete sie ehrfürchtig.
Die Perlen waren wunderbar gearbeitet und dufteten weihevoll. Er
reichte sie der Reihe nach allen Hundekriegern weiter.
"Hochwürden, Ihr sagtet, Ihr wolltet Euch mit den Hundekriegern beraten. Sprecht aus, was Ihr auf dem Herzen habt!"
"Die Gebetskette der Fusehime war eine Wundergabe des En no
Gyôja. Sie darf nie mehr in die Hände einfacher Priester
gelangen. Ich habe die hundert normalen Perlen der Kette als Augen für die 50 Buddhastatuen verwendet.
Nun möchte ich die Hundekrieger darum bitten, mir ihre
Kristallperlen zu überlassen, um sie den Vier Himmelskönigen
als
Augen einzusetzen. Danach wünsche ich mir, diese Statuen an den
Grenzen unseres Landes
aller vier Himmelsrichtungen zu vergraben. So werden sie
zu Schutzgottheiten des Landes Awa und seines Fürstenhauses.
Die 50 Buddhafiguren sollen auf dem heiligen Berg der
Bôsô-Region, dem Nokogiriyama, vergraben werden.
Holzgeschnitzte und vergoldete Statuen der Vier Himmelskönige (Brooklyn Museum, New York)
Wenn all
dies vollbracht ist, werde ich sofort mein Amt niederlegen und mich bis
an mein Lebensende als Eremit auf den Berg Toyama zurückziehen.
Den Hundekriegern verkünde ich, dass die acht Tugenden JIN, GI, REI,
CHI, CHÛ, SHIN, KÔ, TEI die Grundlagen für weise,
vorbildliche Machtausübung sind. Ihr verkörpert bereits diese
Tugenden und benötigt fortan Eure Kristallperlen nicht
länger. Ich bin davon überzeugt, dass Fusehimes Seele Euch auch ohne die
Perlen beschützen wird. Ich werde sie den Statuen
der Vier Himmelskönige als Augen einsetzen. Dadurch werdet Ihr
selbst zu den schützenden Vier Himmelskönigen unseres Landes,
und solange Ihr hier lebt, kann keine Macht der Welt
diesem Land etwas anhaben."
Keno antwortete: "Zu diesen Worten von Hochwürden
Chudai möchte ich etwas ergänzen. Wir alle haben
festgestellt, dass die Schriftzeichen in den Kristallperlen, die wir
ständig bei uns tragen, in jüngster Zeit verschwunden
sind...."
Genpachi fiel ihm ins Wort: "Nicht allein die Schriftzeichen in den
Perlen, sondern auch die Päonienmale, die wir alle am Körper
trugen, sind nach und nach verblasst. Jetzt ist davon keine Spur mehr
zu sehen!"
"Das stimmt, auch mir ist aufgefallen, dass das Mal, das Genpachi auf
der Wange trug, seltsamerweise immer blasser wurde", warf Fürst
Yoshinari ein.
Daikaku
meinte: "Alles beruht vermutlich auf den Prinzipien von Ursache und
Wirkung. Mit einer Ursache beginnt etwas, mit der Wirkung endet es.
Ohne die Schriftzeichen und das
Päonienmal hätten wir einander weder erkannt noch erfahren,
dass wir die Söhne der Fusehime sind. Sie waren die Ursache, also
der Beginn. Nun
wurden wir in dieses Fürstenhaus gerufen und haben unsere
karmatischen Aufgaben erfüllt. Das war die Wirkung und somit das
Ende, und deshalb sind
nun die Schriftzeichen und unsere Male verschwunden."
Die Hundekrieger holten ihre Kristallperlen hervor und übergaben
sie dem Abt Chudai. Fürst Yoshinari wies
auf den Garten des Tempels und sprach:
"Seht die Päonien im Tempelgarten! Sieht es nicht aus, als ob die
päonienförmigen Flecken auf dem Fell des Hundes Yatsufusa und
Eure Päonienmale hier als wirkliche Blumen prachtvoll erblüht
wären?"
"Sie zeigen, dass Euer Land in Blüte gedeiht und keine Gefahr mehr
droht, weder vom Fluch einer Hexe noch durch Angriffe feindlicher
Krieger", erklärte Abt Chudai. "Durch die Heirat der acht Hundekrieger
mit Euren acht Töchtern sind das weibliche Yin und das
männliche Yang in ein natürliches Gleichgewicht gelangt."
"Eure Worte sind für uns höchst erfreulich. Wohlan, gehen wir
an die Arbeit. Ich beauftrage Euch nun mit der Fertigstellung der
Statuen der Vier Himmelskönige und gebe Euch die acht Hundekrieger
als Geleit zum Vergraben derselben an den Landesgrenzen. Mit dem
Transport der Buddha- und Bodhisattvafiguren und deren Vergrabung auf
dem Berg Nokogiriyama beauftrage ich meine Gefolgsleute Masaki Daizen und Eda Munemitsu."
"Und als Geistlichen für die Zeremonie nehmt bitte Priester Nenju mit!", ergänzte Chudai.
Päonien (asiatische Pfingstrosen) im Tempelgarten
Nach der Erfüllung seiner Wünsche erklärte Abt
Chudai seinen Rücktritt vom Amt des Tempelpriesters und
verkündete, bis an sein Lebensende in der Höhle der Fusehime
um ihr Seelenheil zu beten. Mit diesen Worten verschwand er, als
hätte er sich in Luft aufgelöst.
Einige Tage später suchten Nenju und Shinbei den Berg Toyama auf,
fanden den Eingang zur Höhle jedoch mit einem riesigen Felsen
verschlossen. Sie verstanden, dass sie Chudai nie mehr wiedersehen
würden.