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Legende der acht Hundekrieger


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Die Totengedenkfeier

Inue Shinbei brach bald darauf in Begleitung von Masaki Daizen, den er zuvor dem Fürsten Yoshinari und dem alten Fürsten Yoshizane ausführlich vorgestellt hatte, erneut zur Teilnahme an der Totengedenkfeier in Yûki auf, um die anderen sieben Hundekrieger zu treffen und sie alle nach Awa zu holen. Mit ihnen reisten auch Obayuki Yoshirô und Amasaki Jûichirô nach Yûki ins Land Shimôsa.
Der Wanderpriester Chudai war schon im 1.Monat abgereist und hatte sich in der Zwischenzeit im Wald bei dem alten Schlachtfeld eine sehr schlichte Klause errichtet, um die geplante Gedenkfeier nahe der Burg Yûki im Norden des Landes Shimôsa vor Ort vorzubereiten.


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Da die Zeremonie seiner eigenen Initiative entsprang und nicht im Auftrag des Fürstenhauses Satomi stattfinden würde, benachrichtigte er weder den Burgherrn von Yûki, Fürst Naritomo, noch die Geistlichen der großen Tempel der Domäne von seinem Vorhaben. Aber durch die Steinmetze, die er damit beauftragte, für die Gedenkstätte Stupas und Buddhafiguren herzustellen, sprach sich seine Absicht, feierlich der Gefallenen der Schlacht von Yûki zu gedenken, in der Umgebung herum. Nach und nach fanden sich zehn Tempelpriester aus der Region ein und halfen Chudai mit Rat und Tat. Einer dieser Priester, ein gütiger alter Herr mit Mönchsnamen Seigaku, zeigte Chudai die Stelle, an der Suemoto, der Ahn des Hauses Satomi, gefallen war.
"Ein treuer Gefolgsmann des Herrn Suemoto ließ den Gefallenen ordentlich feuerbestatten und übergab die Urne mit dessen sterblichen Überresten sowie Schwert und Rüstung meinem Tempel
Nôge-In, wo ich sie bis heute verwahre. Nach Abschluss der Feier werde ich Euch alles übergeben, damit Ihr diese Andenken nach Awa zu seinen Nachkommen, dem Fürstenhaus Satomi, überführen könnt."
Allerdings waren nicht alle Mönche und Tempelpriester dieser Region ebenso entgegenkommend. Der Priester des bedeutenden Tempels Ippikiji, ein streitbarer Kriegermönch mit Namen Tokuyô, geriet in Zorn, als er von den Vorbereitungen dieser Feier hörte.
"Dass irgendein Bonze aus fremden Landen hier bei uns aufkreuzt und, ohne sich mit den Priestern der wichtigen Tempel zu beraten und den Landesfürsten um seine Einwilligung zu ersuchen, auf eigene Faust eine großartige buddhistische Feier veranstaltet, um sich bei seinem Fürsten lieb Kind zu machen, ist eine Unverschämtheit!", polterte er vor den versammelten Geistlichen seiner Zweigtempel. "Man muss diesem anmaßenden Mönchlein eine schmerzhafte Lektion erteilen!"
Dieser Priester
Tokuyô besaß großen Ehrgeiz und war nicht zimperlich, wenn es darum ging, seinen Einfluss in der Domäne auszuweiten. So hofierte er die Ritter von Burg Yûki, die durch die Umgebung streiften, aber ebendiese Ritter, die sich lieber auf der Jagd vergnügten als ihrem Herrn gehorsam zu dienen, waren mehrheitlich ebensolche skrupellosen Raufbolde wie Tokuyô selbst. Dieser beriet sich mit den Burgrittern, mit denen er Umgang pflegte.


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Kriegermönch Tokuyô


"Wir sollten eine Streitmacht aufstellen und diesen Leuten ihre Feier verderben", schlug er vor.
Einer der Burgritter mit Namen Neoino Motoyori hatte eine Idee.
"Um sie leichter einzuschüchtern, geben wir am besten vor, sie im Auftrag des Fürsten anzugreifen. Dann glauben die wenigen Fremden nämlich, eine riesige Streitmacht erprobter Kämpfer zöge gegen sie zu Felde, und laufen vor Schrecken davon."
Weil die Gedenkfeier allerdings nicht allein als Gebet um den Seelenfrieden des Herrn Suemoto, sondern zu Ehren aller Gefallener der einstigen Schlacht, also auch der toten Angehörigen des Fürstenhauses, gedacht war, weihten die Störenfriede vorsichtshalber den Burgherrn
Yûki Naritomo nicht in ihr Vorhaben ein, denn es bestand durchaus die Möglichkeit, dass der Fürst die Zeremonie gutheißen könnte. So begannen sie, anstelle richtiger Kriegsleute Bauern aus den Dörfern und Strolche zusammenzuscharen, die mit Eisenstangen, Sicheln und Heugabeln bewaffnet eine Streitmacht darstellen sollten. Einige Jagdgenossen der Burgritter führten allerdings auch gute Ausrüstung, Helme, Schwerter und sogar Musketen mit sich. Dies sollte ausreichen, um das Dutzend Fremdlinge zu vertreiben. Weil sich die Bauern aber nur widerwillig rekrutieren ließen, dauerte es dermaßen lange, eine halbwegs schlagkräftige Truppe aufzustellen, dass der Angriff erst nach dem Ende der Feier erfolgen konnte.

Am 16.Tag des 4.Monats im 15.Jahre Bunmei (1483) fand am Ort der einstigen Schlacht um Burg Yûki die durch den Priester Chudai veranstaltete große Totengedenkfeier für Satomi Suemoto statt, der vor genau vierzig Jahren beim Fall dieser Burg erschlagen worden war. Alle Hundekrieger mit Ausnahme von Shinbei waren vor Ort versammelt und hielten unter der Leitung des Mönchs Chudai und in Anwesenheit von Seigaku und der anderen neun assistierenden Geistlichen eine würdevolle Gebetsfeier für Herrn Suemoto und alle anderen Gefallenen der Schlacht ab.


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Priester Chudai leitet die Totengedenkfeier


Shinbei hatte in der Zwischenzeit die Burg Tateyama zurückerobert, Motofuji gefangen genommen und die unheilbringende Seele der Tamazusa samt ihrem Fluch unschädlich gemacht. Er reiste danach zwar sofort nach Hokita, um seine 'Brüder' dort zu treffen, erfuhr im Anwesen des Higaki Natsuyuki jedoch, dass sie schon nach Yûki abgereist waren. 
Obayuki Yoshirô und Amasaki Jûichirô hingegen eilten als Repräsentanten des Fürstenhauses Satomi ohne den Umweg über Hokita direkt nach Yûki und trafen daher vor Shinbei rechtzeitig zur Gedenkfeier ein.
Nach Abschluss der Feierlichkeiten verteilte Mönch Chudai als Dank und Almosen Reis und Münzgeld an alle Geistlichen und Helfer, aber als alle versorgt waren, blieben am Ende noch drei Scheffel Reis und eine entsprechende Menge an Münzgeld übrig. Da kam noch ein sehr alter, halb zerlumpter Mönch, dessen Gesicht entstellt war und dessen Beine lahmten, herbeigehumpelt.
"Ehrwürden, auch für Euch ist noch ein Almosen übrig. Es ist, genauer gesagt, sogar der Anteil für drei Personen. Nehmt alles mit, betrachtet es als Gabe des barmherzigen Buddha!", sprach Chudai.
"Dank sei dem barmherzigen Buddha", antwortete der alte Mann in seiner zerschlissenen Mönchstracht. "Aber ich komme nicht wegen der milden Gabe. Sagt, wie lange wollt Ihr Euch noch hier aufhalten? Ihr wisst wohl nicht, was Euch in Kürze droht? Als Dank für Eure Wohltat gebe ich Euch kund, dass in der Nähe der große Tempel Ippikiji liegt, dessen Priester Tokuyô über diese Feier, zu der er weder benachrichtigt noch geladen wurde, höchst erzürnt ist. Er hat eine Streitmacht aufgestellt, um Euch gefangen zu nehmen und als Spione dem Fürstenhaus von Yûki auszuliefern. Ich hielte es für töricht, wenn Ihr Euch unachtsam von einer Truppe von mehr als hundert Angreifern überrrumpeln lasst, die bereits auf dem Weg hierher ist!"


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Halb zerlumpter alter Mönch


Nach diesen Worten machte der alte Mönch kehrt und schlurfte mit den erhaltenen Gaben den Weg zurück, auf dem er gekommen war
, ohne auch nur seinen Namen zu nennen.
Die Hundekrieger sandten einen Helfer als Kundschafter aus, der kurz darauf zurückkehrte und berichtete, dass eine wild bewaffnete Schar unter der Führung des Tempelpriesters Tokuyô sowie der Burgritter Neoino Motoyori und Katakuna Tsunekado
von drei Richtungen her einen Angriff auf die Gedenkstätte vorbereiteten. Die Hundekrieger entließen daraufhin die Priester um Seigaku, die bei der Feier geholfen hatten, zu ihren Heimattempeln. Diese packten die erhaltenen Spenden ein und schritten gemeinsam fort. Chudai zündete seine Klause an und verließ zusammen mit Obayuki Yoshirô und Amasaki Jûichirô die Stätte der Feier in Richtung Heimweg nach Awa, damit Schwert und Rüstung des Herrn Suemoto sowie die Urne mit seinen sterblichen Überresten bei Kämpfen nicht zu Schaden kämen. Zu seinem Schutz begleitete ihn Inuzuka Shino. Die restlichen sechs Hundekrieger teilten sich in zwei Dreiergruppen, um die Angreifer zu erwarten.
Unglücklicherweise liefen Seigaku und die anderen neun Priester auf ihrem Rückweg den Feinden direkt in die Arme. Für die bewaffneten Gegner war es ein Leichtes, die waffenlosen Geistlichen zu überwältigen und zu fesseln. 
Mit den Leuten, die mit ihren Mistgabeln und Sicheln angriffen, hatten die Hundekrieger freilich keine Mühe. Zuvor hatte Priester Chudai ihnen eingeschärft:
"Die Gebete um den Seelenfrieden der Gefallenen einer früheren Schlacht wären sinnlos, wenn ihr an demselben Ort erneut Leute totschlüget. Achtet bitte darauf, dass keiner der Angreifer ums Leben kommt!"
Die Hundekrieger jagten die Bauern aus den Dörfern, die ohnedies nur unter Zwang in den Kampf gezogen waren, einfach davon und nahmen die Anführer der aus zwei verschiedenen Richtungen angreifenden Truppen, Neoino Motoyori und Katakuna Tsunekado, gefangen. Beide Burgritter waren verletzt, denn Dôsetsu und Genpachi hatten sie so heftig auf den Boden geknallt, dass ihre Beine gestaucht oder gar gebrochen waren. Sie mussten auf ihre Pferde gebunden werden. Aber wo war die dritte Teilstreitmacht unter Kriegermönch Tokuyô?


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Angreifende Bauernkrieger


Inuzuka Shino folgte den Leuten um Priester Chudai in einem Abstand von einigen hundert Metern, denn er befürchtete einen Angriff von hinten auf die sich entfernenden Gefährten. Als sie sich jedoch der Brücke über den Fluss Mategawa näherten, der die Grenze der Domäne von Yûki bildete, tauchten vor ihnen aus dem Uferdickicht Tokuyô und seine Leute auf, die dort auf die Rückkehrenden gelauert hatten. Shino, der nicht mit einem Angriff von vorn gerechnet hatte, rannte nun los, um Chudai und dessen Gefährten beizustehen, aber er befand sich weit hinter ihnen, und bis er die Kämpfenden erreichte, waren Chudai, Obayuki, Amasaki und ihre Begleiter schon überwältigt.
Aber aus der Gegenrichtung, von der Brücke her, rannte noch ein Helfer herzu, ein Knabe, der einen dicken Knüppel schwang und sich auf die Angreifer warf.
"Ihr Bösewichte, meine Wenigkeit kann es nicht gestatten, dass eine Überzahl von Krawallmachern einen waffenlosen Geistlichen und seine Begleiter überfällt! Ich bin einer der namhaften Hundekrieger in Diensten des Fürstenhauses Satomi und heiße Inue Shinbei!"
Von vorne stürmte Shinbei, von hinten Shino in die erschrockene Schar der Angreifer, und nun kam auch noch Masaki Daizen, der mit Shinbeis Geschwindigkeit nicht mithalten konnte, über die Brücke gelaufen. Als er jedoch die Mitte des Steges erreicht hatte, krachte aus der Uferböschung eine Salve Musketenschüsse, und der Getroffene stürzte von der Brücke in den Fluss Mategawa.
Shinbei war zuerst an der Seite des gefangenen Chudai.
"Hochwürden, zu Diensten! Wenn ich mich nicht irre, seid Ihr wohl Priester Chudai, von dem ich schon viel gehört habe", rief er und befreite ihn, Jûichirô und seinen Ziehvater Obayuki Yoshirô von den Fesseln. Es muss kaum erwähnt werden, dass Shino und Shinbei nicht lange brauchten, um stattdessen den Kriegermönch Tokuyô in Bande zu legen und die anderen Angreifer in alle Himmelsrichtungen in die Flucht zu jagen. Die Kerle mit den Musketen wurden aus der Uferböschung in den Fluss geworfen, damit ihre Feuerwaffen unbrauchbar wurden. Ihr Anführer
Osaki Hayatoshi, der Verantwortliche für die Schüsse aus dem Hinterhalt, war entkommen. Shinbei, der gesehen hatte, dass Masaki Daizen getroffen worden und in den Fluss gestürzt war, lief zur Brücke zurück und blickte suchend in das reißende Gewässer - von seinem Gefolgsmann war nichts zu sehen. Ob tot oder nur verwundet, die Strömung musste ihn fortgerissen haben.
In der Zwischenzeit kamen auch die anderen sechs Hundekrieger mit ihren Gefangenen herbei - erstmals waren alle acht Hundekrieger an einem Ort versammelt. Amasaki Jûichirô wandte sich mit seinem Dank an sie.
"Herr Inuzuka und Ihr anderen Hundekrieger, ich bin froh, dass Ihr alle unverletzt seid. Priester Chudai und seine Begleiter wurden ebenso wie ich selbst von den Gegnern überwältigt und gefangen genommen, aber da kam Euer 'Bruder' Inue Shinbei herzugeeilt und hat uns befreit...."


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Priester Chudai an der Brücke über den Mategawa


Vom Fluss her kam Shinbei zurückgerannt und rief schon von Weitem: "Ist mein Herr Onkel bei Euch? Herr Inuzuka, Herr Inukai und alle anderen, ich bin Euer 'Bruder' Inue Shinbei!"
"Was, du bist der kleine Daihachi?", rief Kobungo aus. "Ich habe schon von deinen großen Taten gehört. Dass du mit deinen neun Jahren so groß geworden bist! Ich bin dein Onkel Inuta Kobungo...!"
Auch die anderen Hundekrieger stellten sich vor, klopften Shinbei anerkennend auf die Schulter und gelobten erneut, einander auch künftig in jeder Gefahr beizustehen.
Es hätte noch sehr Vieles zu erzählen gegeben, aber einerseits grämte sich Shinbei, bei aller Freude über das Treffen mit seinen 'Brüdern', um seinen erschossenen Gefolgsmann Masaki Daizen, und andrerseits hatten die Gefangenen behauptet, die Attacke auf die Teilnehmer der unangemeldeten Gedenkfeier sei im Auftrag des Burgherrn Yûki Naritomo erfolgt. So folgte eine Beratung, was jetzt zu tun wäre.
"Shinbei, es ist aussichtslos, nach deinem Begleiter zu suchen", äußerte Dôsetsu und wandte sich an die anderen 'Brüder'.
"Es wäre zwar leicht, uns außer Gefahr zu begeben, denn an der Brücke über den Fluss Mategawa endet der Machtbereich des Burgherrn von Yûki. Aber es widerstrebt meiner Ehre, uns einfach aus dem Staub zu machen, und außerdem müssten wir dann vorher die gefangenen Angreifer bestrafen und ihnen die Köpfe abschlagen, aber dem werden sowohl Shinbei als auch Hochwürden Chudai nicht zustimmen. Sollten wir aber ein Gefecht mit der weitaus stärkeren Streitmacht des Burgherrn riskieren, bei dem es sicher ebenfalls zu Blutvergießen käme?"
Priester Chudai meinte: "Was Herr Dôsetsu äußerte, ist völlig richtig. Aber ich schlage vor, wir bleiben einfach vor Ort und stehen den Gesandten des Fürsten Rede und Antwort. Schließlich sind wir nicht in feindseliger Absicht hierher gekommen, sondern haben auch für die Seelen der Toten des Hauses Yûki gebetet. Bei dem Angriff haben wir uns nur gewehrt, die Bauern einfach laufen lassen und keinen der Angreifer getötet. Die Gefangenen sollten wir als Geiseln behalten und für ihre Rückgabe um freien Abzug ersuchen. Falls wir dennoch angegriffen werden, könnt Ihr sie immer noch köpfen."
Jûichirô ergänzte: "Ich habe im Auftrag und als Repräsentant des Hauses Satomi an der Gedenkfeier teilgenommen. Priester Chudai ist dabei, die Urne mit den sterblichen Überresten des Ahnen des Fürstenhauses nach Awa zu überführen. Wenn wir uns hier feige verhielten oder Unrecht begingen, würde die Schande auch auf unseren Fürsten zurückfallen. Unter dem Schutz der Hundekrieger brauchen wir niemanden zu fürchten; stellen wir uns also den Truppen des Burgherrn!"
Shino äußerte:
"Ich hielte es auch um der Urne und des Nachlasses von Herrn Suemoto willen besser, wenn sich eine Auseinandersetzung vermeiden ließe. Es wäre bedauerlich, wenn diese Schätze bei Kampfhandlungen zu Schaden kämen. Aber der heutige Tag geht zu Ende, wir sollten uns ein Obdach suchen und erst morgen eine endgültige Entscheidung treffen."
Diesem Vorschlag stimmten alle zu, und im nahen Wald stießen die Gefährten auf einen alten Tempel, der schon lange nicht mehr aktiv, sondern reichlich zerfallen war. Das Dach war noch dicht, aber auf den Tatamiböden der Halle wucherten Moos und Unkraut. Mit trockenem Laub und Stroh richteten sie die Halle halbwegs wohnlich her. Die Gefangenen wurden in Sichtweite im Tempelbereich an Bäume gebunden.
Das Problem dieser abgelegenen Waldherberge war, dass es hier kein Gasthaus gab, in dem man ein Abendessen bekäme.
Shino, der auf der Suche nach Laub um die Ruinen der Tempelhallen gestreift war, kehrte zurück und meldete aufgeregt:
"Eines der kleinen Nebengebäude steht noch. Darin fand ich eine Jizô-Statue, neben der ein Beutel mit Münzgeld und drei Scheffel Reis liegen! Und stellt euch vor: Der Statue fehlt die Nase, und ihr Gewand ist alt und zerschlissen. Dieser Jizô trägt genau die Gesichtszüge des alten Mönchs, dem wir die restlichen Almosen geschenkt haben und der uns den bevorstehenden Angriff gemeldet hat!"
Kein Zweifel - es musste dieser Jizô gewesen sein, der heute die Gestalt eines alten Priesters angenommen und die Hundekrieger vor den Feinden gewarnt hatte. Und nun hatte er ihnen auch noch ihr Almosen zurückgegeben....!


Jizô ist ein Bodhisattva, der heute als Wegschutzgottheit Reisende und vor allem Kinder beschützen soll. Ursprünglich ist er dafür zuständig, irrenden Seelen des Weg ins Reine Land zu weisen und in der Hölle gepeinigten Sündern das Ende ihrer Strafen zu verkünden. Steinerne Jizô-Statuen stehen oft am Wegrand, bisweilen in Gruppen, und werden von Gläubigen meist mit symbolischen roten Stoffgewändern und Häubchen versehen. 


Der Reis war ausreichend als Abendessen für alle und gab sogar noch ein Frühstück her. Weil sie keinen Topf hatten, schütteten die Gefährten den Reis in Tücher, gaben Wasser hinzu, vergruben das Päckchen im Boden und entfachten über der Stelle ein Feuer. Als Zuspeise gruben sie frische Bambussprossen aus dem Wald und kochten sie auch mit. In ihrem Reisegepäck fand sich sogar etwas Salz....




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Der Bote des Fürsten

Burg Yûki lag beinahe in Sichtweite der Stätte der Gedenkfeier am Vortag. So wunderte es niemanden, dass schon am andern Morgen, als die Hundekrieger gerade mit ihrem Frühstück fertig waren, an die Tür geklopft wurde. Eine Schar berittener und gerüsteter Burgritter zeigte sich vor dem Tempeltor. Deren Anführer sprach:
"Ich bin der Vogt des Burgherrn Yûki Naritomo und heiße Koyama Tomoshige. Ich bin mit einer Nachricht des Fürsten an den Priester Chudai und alle, die an der gestrigen Totengedenkfeier beteiligt waren, gesandt worden. Öffnet das Tempeltor!"
Die Gefolgsleute des Tomoshige, die Lanzen und Schwerter trugen, bezogen vor dem Tempel Aufstellung.
Der Bedienstete, der den Vogt am Tor empfangen hatte, erschien nach einer kurzen Beratung mit den Hundekriegern wieder und gab zur Antwort:
"Es besteht die Gefahr, dass das Tor dieses verfallenen Tempels einstürzt, wenn man es zu öffnen versucht. Geruht, Euch durch die offene Nebenpforte ins Innere zu begeben."
"In meiner Eigenschaft als Burgvogt und Bote des Fürsten ist es unzumutbar, den Tempel durch eine Nebenpforte zu betreten; das käme einer Schmähung des Fürsten gleich. Mir ist bekannt, dass bei Euch ein Junge mit gewaltigen Kräften sein soll. Lasst ihn das Tor aufstemmen."
Shinbei trat daraufhin aus dem Nebentor und erwiderte mit seiner Knabenstimme:
"Zu Diensten. Nicht nur meine Wenigkeit Inue Shinbei, sondern alle Hundekrieger haben gewaltige Kräfte. Mein Onkel Inuta Kobungo ist stark wie ein Ringkampfmeister und wirft sogar wilde Stiere um. Das Tempeltor aufzustemmen ist einfach, aber ich müsste mir die Dreistigkeit herausnehmen, Euch, Herrn Koyama, zu ersuchen, es festzuhalten, damit es nicht zusammenbricht. Das wäre indes nicht minder unter Eurer Würde. Habt also die Güte, Euch durch die Nebenpforte hereinzubegeben."
Shinbei legte während dieser Worte die Hand nur leicht an das Tempeltor, das daraufhin ein gefährlich klingendes Knarren und Knacken von sich gab und auf die vor dem Tor stehenden Ritter und Kriegsleute zu stürzen drohte.


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Tor eines verlassenen Tempels mit offener Nebenpforte


"Haltet ein", rief Tomoshige schnell. "Es mag zwar ein baufälliger, verlassener Tempel sein, aber wenn wegen eines Einwands von mir das Tor zu Bruch ginge, würde ich bis in alle Zukunft dafür getadelt werden. Ich nehme mein voriges Wort zurück und erlaube mir, durch die Nebenpforte einzutreten."
Mit zwei jungen Gefolgsleuten und einigen Dienern betrat Koyama Tomoshige die Tempelhalle. Er mochte um die 50 Jahre alt sein, hatte einnehmende Züge und trat respektvoll auf. Bevor er den Tempel betrat, warf er einen Blick auf die im Tempelhof an die Bäume gebundenen Gefangenen, nahm aber kommentarlos auf dem schlichten Sitzkissen Platz, das für ihn auf den strohbedeckten, moosigen Boden gelegt worden war.
Das Wort ergriff Priester Chudai.
"Ich bin Mönch Chudai, der Verantwortliche für die Gedenkfeier. Ich bin bereit, die Botschaft Eures Herrn anzuhören."
"Ihr seid also derjenige, der am Jahrestag der Schlacht von Yûki eine Gedenkfeier unter Mithilfe von zehn Priestern dieser Domäne durchgeführt hat."
"So ist es. Ich habe das Gelübde abgelegt, am Jahrestag eine Feier des Gebets für den Seelenfrieden für Satomi Suemoto auszurichten, der auf Seiten des Herrn Yûji Ujitomo, dem Vorfahren Eures Burgherrn, sein Leben gelassen hat und der Ahn meines derzeitigen Fürsten ist. Unsere Gebete galten überdies den Seelen aller in der Schlacht Gefallenen beider Seiten. Sämtliche mitgeführten Gaben haben wir als Almosen an Geistliche und Bedürftige dieser Domäne verteilt. Wir kamen in friedlicher Absicht und haben vor, nach dem Ende der Feier nach Awa zurückzukehren. Die genannten zehn Tempelpriester dieser Region, die uns geholfen hatten, waren unaufgefordert aus eigenem Antrieb gekommen. Nur Priester Seigaku nannte seinen Namen und sagte, er sei ein Priester des Tempels Nôge-In."
Tomoshige nickte und wandte sich an die im Hintergrund sitzenden Hundekrieger.
"Darf ich erfahren, weshalb Ihr den Priester des Tempels Ippikiji unserer Domäne und etliche unserer Ritter gefangen und draußen an Bäume gefesselt habt?"
Die Hundekrieger berichteten von dem Angriff der bewaffneten Schar der Mönchskrieger und Burgritter und schilderten den Ablauf der Kämpfe in aller Ausführlichkeit.
"Wir sind keine Streithähne und lieben auch nicht den Kampf", schloss Genpachi die Schilderung ab. "Aber wir wehren uns, wenn man uns nach dem Leben trachtet. Wir sind auch jetzt nur hier geblieben, um uns vor dem Herrn der Burg zu rechtfertigen."
Shinbei ergänzte:
"Wir haben Eure Kämpfer verschont. Keiner ist ums Leben gekommen. Im Gegenteil, beim Kampf an der Brücke über den Fluss Mategawa haben die Angreifer auf Befehl des Osaki Hayatoshi auf einen unserer treuesten Gefolgsleute geschossen, woraufhin er in den Fluss stürzte und von der Strömung fortgerissen wurde."
Dôsetsu mischte sich ein:
"Unser weiteres Vorgehen ist wie folgt: Wir ersuchen die fürstliche Hoheit, das Verbrechen des für die Schüsse verantwortlichen 
Osaki Hayatoshi zu untersuchen und ihn an uns auszuliefern. Ferner bitten wir darum, die gefangen genommenen Priester um Seigaku freizulassen. Wir sind dafür im Gegenzug bereit, unsere Gefangenen, den Priester Tokuyô und Eure Burgritter, freizulassen. Andernfalls werden wir die Gefangenen vor Euren Augen enthaupten. Wir wünschen deshalb mit Nachdruck eine gütliche Einigung mit Austausch der Gefangenen."
"Wir haben darauf geachtet, dass während der Kämpfe niemand ums Leben kommt," erklärte Shino, "weil wir hierher gekommen sind, um der Toten zu gedenken und für ihr Seelenheil zu beten. Es wäre für uns alle sehr schmerzlich, wenn es anstatt der erhofften Einigung zu weiterem unnötigem Blutvergießen käme. Es ist schlimm genug, dass wir durch Osaki Hayatoshi bereits einen edlen Gefährten verloren haben."


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Vogt Koyama Tomoshige, Gesandter des Fürsten von Yûki


Der Gesandte
Koyama Tomoshige, der sich alles schweigend angehört hatte, ergriff endlich das Wort.
"Ungehörige Handlungen seiner Untertanen fallen als Schande auf ihren Herrn zurück. Die Kunde von den Missetaten seiner Vasallen 
Neoino Motoyori, Katakuna Tsunekado, Osaki Hayatoshi und des Priesters Tokuyô vom Tempel Ippikiji gelangte bereits gestern dem Fürsten Yûki Naritomo zu Gehör. Er sandte mich deshalb als Eilboten auf die Suche nach Euch, um Euch für das erlittene Ungemach aufrichtig um Verzeihung zu bitten. Ich wusste zwar von Eurer edlen Absicht und Eurem ritterlichen Verhalten, wollte mir den Fall jedoch noch einmal aus Eurem eigenen Mund darstellen lassen. Satomi Suemoto war ein untadeliger Vasall des Ahnen des heutigen Fürsten, beide fielen Seite an Seite in der damaligen Schlacht. Die Länder Shimôsa und Awa liegen zwar weit auseinander, aber dass auch in Eurem Fürstenhaus das Gedenken an unsere Ahnen wertgehalten wird, erfüllt uns mit großer Freude und Dankbarkeit. Hätte unser Fürst von dem Vorhaben einer feierlichen Gebetsveranstaltung für den Seelenfrieden der Gefallenen gewusst, hätte er sich mit Sicherheit hierher begeben, um höchstpersönlich daran teilzunehmen. Die Ritter, die vorgaben, im Auftrag des Fürsten gegen Euch zu Felde zu ziehen, werden für den Missbrauch des Namens ihres Herrn zur Rechenschaft gezogen. Auch Eure Forderung nach Auslieferung des Mörders Eures Getreuen ist gerechtfertigt. Hierzu habe ich zu berichten, dass Osaki Hayatoshi während der Kämpfe nicht entkommen, sondern in den Fluss gefallen ist. Er hat sich anschließend in die Büsche geschlagen und bei einem Bekannten Unterschlupf gefunden. Während der Bewirtung mit Sake geriet er jedoch mit dem Mann in Streit, zog sein Schwert und schlug ihm den Kopf ab. Als der Rausch nachließ, erkannte er wohl, dass seine Mordtat unverzeihlich war. Da er seinem Herrn nicht mehr unter die Augen treten konnte, beging er Seppuku. Verzeiht, dass wir ihn deshalb leider nicht mehr an Euch ausliefern können. Gestattet mir, Euch dies als Ersatz auszuhändigen."
Er ließ einen seiner Diener ein Stoffbündel holen, aus dem das abgeschlagene Haupt des Hayatoshi zum Vorschein kam.
"Aber das ist nicht alles. Ich habe noch etwas für Euch", fuhr Tomoshige fort. Ein weiterer Wink, und ein alter Priester trat herein, der sich als Vorgänger des Tokuyô und früherer Tempelpriester des Ippikiji vorstellte. Er berichtete, dass die erwähnten, von den Angreifern gefangen genommenen zehn Priester sich
geweigert hätten weiterzugehen und, gefesselt wie sie waren, von starken Kriegern getragen werden mussten. Dabei wurden sie jedoch immer schwerer, so schwer, dass ihre Träger unter ihrer Last zusammenbrachen. Sie hatten sich in ihre ursprüngliche Gestalt zurückverwandelt, in steinerne Jizô-Boddhisattvas, die vor vielen Jahren als Schutzgottheiten errichtet worden waren, um die irrenden Seelen der Gefallenen der Schlacht von Yûki in die Seligkeit zu geleiten. Kein Wunder, dass diese Jizô-Figuren menschliche Gestalt angenommen und Hochwürden Chudai bei seiner Feier mit Eifer geholfen haben! Und bei dem Tempel Nôge-In, den Priester Seigaku genannt hatte, handelt es sich um diese Tempelruine, in der wir uns befinden. Seigaku war bis zur Schlacht vor vierzig Jahren hier Tempelpriester. Er ist kurz nach der Zerstörung seines Tempels vor Gram gestorben."


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Jizô-Statuen als Weggottheiten


Chudai und alle Hundekrieger falteten die Hände und verneigten sich dankbar in die Richtung, in der früher einmal die Buddhafigur des Tempels gestanden haben dürfte. Dôsetsu wandte sich an Burgvogt Tomoshige:
"Wir dürfen also Eure Ausführungen dahingehend auffassen, dass der Burgherr Yûki Naritomo uns als frei von Schuld betrachtet und uns unsrer Wege ziehen lässt. Dies ist uns eine Ehre, für die wir
bitten, ihm unseren Dank auszurichten. Wir übergeben Euch somit unsere Gefangenen, und falls Ihr es wünscht, lösen wir ihnen auch die Fesseln."
"Nein, sie haben allesamt ihrem Fürsten Schande gebracht. Wir werden sie gefesselt zur Burg bringen und über ihre Taten Gericht halten. Ich darf Euch aber von meinem Herrn
noch ausrichten, dass er Herrn Satomi darum beneidet, solche Gefolgsleute wie Euch zu haben, und dass er sehr froh wäre, Euch persönlich kennen zu lernen und vor Eurer Rückkehr als Gäste in seiner Burg empfangen zu dürfen. Falls es Euch genehm sein sollte, werde ich Euch zu Burg Yûki geleiten."
"Für diese Ehre sind wir aufrichtig dankbar", entgegnete Shino. "Aber Priester Chudai trägt die Urne mit den sterblichen Überresten des Satomi Suemoto, und außer einem 'Bruder' haben
wir Hundekrieger noch nie unseren Fürsten Satomi Yoshinari persönlich kennen gelernt. Ihr werdet verstehen, dass wir darauf brennen, so schnell wie möglich nach Awa zu reisen."
"Das ist sehr bedauerlich. Ich persönlich würde Euch ebenfalls gern am Grenzfluss Mategawa zu einem Abschiedsbankett einladen, aber ich bin heute im Auftrag meines Herrn unterwegs und muss überdies die gefangenen Aufrührer zur Burg führen, weshalb ich mir gestatte, hier von Euch Abschied zu nehmen."
Die Gefangenen wurden Herrn Tomoshige übergeben, und er wollte schon aufbrechen, als Shinbei ihn am Ärmel festhielt.
"Darf ich mir gestatten, noch eine kleine Bitte an Euch zu äußern?"
"Sprecht sie aus."
"Als Fremde in dieser Domäne steht es uns nicht zu, Nachforschungen anzustellen und Leute zu befragen. Meine Wenigkeit möchte deshalb darum ersuchen, falls aus dem Fluss Mategawa
mein Gefolgsmann Masaki Daizen oder sein Leichnam gefunden wird, ihm, falls er noch leben sollte, Schutz zu gewähren und uns andernfalls einen Boten mit der Nachricht seines Todes zu senden."
Er beschrieb Aussehen und Gewandung des Daizen, und Burgvogt Tomoshige gab Shinbei sein Wort, Untergebene mit der Suche zu beauftragen und alles dafür zu tun, dass Daizen, ob lebend oder tot, gefunden und das Fürstenhaus in Awa benachrichtigt werde.



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Überführung der Urne

Die Hundekrieger traten mit Chudai, Jûichirô, Obayuki Yoshirô und ihren Bediensteten den Heimweg an und übernachteten am Ende des Tages in einer Herberge. Dort hielten sie Rat über ihre Rückreise und beschlossen, dass Chudai, der die wertvollen Schätze des Fürstenhauses mit sich führte, zusammen mit allen Bediensteten und Gefolgsleuten den riskanten Seeweg nach Awa vermeiden und den beschwerlichen, aber sicheren Landweg wählen sollte. Die Hundekrieger wollten ihn zwar noch ein Stück begleiten, sich aber dann von ihm trennen und in Hokita Herrn Higaki Natsuyuki aufsuchen.
"Zum einen wäre es eine Unhöflichkeit, ohne einen Besuch bei unserem Wohltäter in der Nähe seines Anwesens vorbeizuziehen", gab Keno zu bedenken, "und zum anderen wird in Awa nach Eintreffen der Urne des Ahnen eine Totenfeier mit siebentägiger Trauer veranstaltet werden, mit der sich der Empfang der Hundekrieger nicht vertragen würde. Gleichzeitig Freude und Trauer, das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Richtet bitte aus, dass wir in Hokita auf einen Boten mit der Nachricht vom Ende der Trauerfeiern warten und uns erst danach dem Fürstenhaus Satomi vorstellen wollen."  
Kenos Vorschlag überzeugte alle. Sie sandten einen Boten auf dem schnellen Seeweg mit dieser Nachricht nach Awa, und dort, wo sich die Wege schieden, nahmen die Hundekrieger Abschied von ihren Begleitern und zogen in Richtung Hokita weiter.

Zwei Tage später erreichten Priester Chudai und seine Begleiter die Grenze zum Lande Kazusa. Dort standen Ritter des Hauses Satomi bereit, um sie bis Awa zu geleiten. An der Grenze zum Land Awa erwartete sie der alte, einstige Burgvogt Horiuchi Kurando mit einer stattlichen Zahl von dreihundert Kriegsleuten, die sie in einer prachtvollen Prozession zum Tempel Enmeiji brachten. Es war für Chudai die erste Rückkehr in seine alte Heimat nach mehr als zwanzig Jahren Wanderung durch fremde Lande. Viele Menschen, alte wie junge, säumten ihren Weg.
Der Tempel Enmeiji war in Shirahama eigens als Ahnentempel für das Fürstenhaus neu errichtet und im Vorjahr fertig gestellt worden. Er hatte noch keinen fest angestellten Tempelpriester. Hier sollte die Urne des Ahnherrn Suemoto ihre letzte Ruhestätte finden, und gleichzeitig sollte die Urne von Isarago, der verstorbenen Gemahlin des alten Fürsten, feierlich überführt werden.
Eine vielköpfige Abordnung von Rittern des Fürstenhauses empfing die Prozession. Vom Tempeltor, das von einem Spalier lanzentragender Gardisten gesäumt war, bis zum Eingang zur Tempelhalle saßen die höchstrangigen Gefolgsleute des Hauses in schwarzem Festornat mit dem fürstlichen Wappen aufgereiht und neigten respektvoll die Häupter, und im Innern der Halle waren die höchstrangigen Geistlichen des Landes versammelt und beteten im Chor Sûtratexte vor der vergoldeten Statue des huldvoll lächelnden Buddhas. Sugikura Kisonosuke verlas eine Botschaft des alten Fürsten Yoshizane, der seinem früheren Vogt Kanamari Daisuke, dem jetzigen Priester Chudai, für die Mühen seiner mehr als zwanzigjährigen Reisen durch die Lande des Reichs und für das Verdienst, die Urne des Suemoto nach Awa überführt zu haben, seinen Dank aussprach. Er wurde vom Fürstenhaus mit einer Priesterrobe aus Goldbrokat entlohnt und zum Leiter der Trauerriten und zum Tempelpriester des Ahnentempels Enmeiji ernannt. Es folgte eine Sûtralesung durch Priester Chudai; danach wurde der Sarg mit der Urne beim Schein von Kerzenleuchtern und Fackeln feierlich in dem Tempelgrab versenkt.


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Priester Chudai im Brokat-Ornat beim Ritual im Tempel Enmeiji


An den folgenden sieben Trauertagen suchten der alte Fürst Yoshizane, der amtierende Fürst Yoshinari und sämtliche Vögte, Burgherren und Gefolgsleute des Hauses Satomi das Grab auf und beteten für das Seelenheil des Ahnherrn. Für die verstorbene Fusehime, die nach wie vor am Berg Toyama begraben lag, wurde eine Gedenkstele errichtet.
Nach Ende der Trauerzeit rief Satomi Yoshizane den Priester Chudai zu sich.
"Von Amasaki Jûichirô habe ich bereits von Euren überragenden Verdiensten gehört; diese guten Nachrichten haben mir große Freude bereitet. Es ist Euch gelungen, in mehr als zwanzig Wanderjahren nicht allein die verlorenen Perlen der Gebetskette meiner Tochter Fusehime, sondern auch ihre acht Söhne ausfindig zu machen. Überdies habt Ihr durch die Rückführung der sterblichen Überreste meines gefallen Vaters, seines Schwertes und seiner Rüstung sowie der Gedenkfeier für die Gefallenen der Schlacht um Burg Yûki erheblich mehr geleistet, als ich je erwartet hätte. Trotz dieser unschätzbaren Verdienste erteile ich Euch noch einen weiteren Auftrag. Ich bitte Euch, zusammen mit Amasaki Jûichirô noch eine Fahrt anzutreten und alle acht Hundekrieger aus Hokita nach Awa zu holen."
"Euer Lob für die Sühne meiner früheren Schuld beschämt mich. Es ist mir eine hohe Ehre, Euch auch diesen Wunsch zu erfüllen. Mit größter Freude übernehme ich den Auftrag, Eurer Güte und meiner einstigen Verlobten Fusehime zuliebe."

Alle acht Hundekrieger und Obayuki Yoshirô, der Shinbei nicht von der Seite weichen wollte, waren derweil in Hokita eingetroffen. Ihr Gönner Higaki Natsuyuki hatte leider in der Zwischenzeit einen Schlaganfall erlitten, war halbseitig gelähmt und konnte nicht mehr sprechen. Man sah ihm aber die Freude über den Besuch der Recken an. Seine Tochter Omoto und ihr Ehegatte, Natsuyukis wackerer Ziehsohn Aritane, kümmerten sich liebevoll um den Kranken. Shinbei und Yoshirô waren noch nicht hier zu Gast gewesen und stellten sich vor. Die herzliche Aufnahme und Bewirtung durch Aritane stand der früheren Gastfreundschaft des Natsuyuki nicht im Geringstan nach.
Zehn Tage später trafen Chudai und Jûichirô ein, um die Hundekrieger abzuholen. Sie überbrachten den Dank des Fürsten von Awa und luden Aritane und seine Mitstreiter ein, in die Dienste des Hauses Satomi zu treten, aber sie lehnten es ab, weil sie hier ihre Felder hatten und den kranken Natsuyuki pflegen mussten.
"Aber falls Ihr wegen Eures Beistands bei den Gefechten der Hundekrieger in Not geraten solltet, stehen Euch jederzeit die Tore der Burgen in Awa offen", beteuerte Chudai im Namen seines Herrn und überreichte Aritane zwanzig Goldstücke als Dank für seine Hilfe, die Bewirtung und Verpflegung der Hundekrieger.
"Eine Bezahlung kann ich keinesfalls annehmen. Wir haben den jungen Männern geholfen, weil wir in ihnen aufrechte Menschen sahen."
"Es ist kein Geld der Hundekrieger, sondern Ausdruck der Dankbarkeit unseres Herrn. Herr Natsuyuki hat vor Yûki an der Seite von Herrn Bansaku, Shinos Vater, und von Suemoto, dem Ahnen des Fürsten von Awa, gefochten, und deshalb möchte Euch das Fürstenhaus seine tiefe Verbundenheit auf diese Weise ausdrücken."
Widerwillig nahm Aritane das Geld entgegen. Weil die Sendboten Chudai und Jûichirô auf Eile drängten, nahmen die Hundekrieger noch am selben Nachmittag Abschied; die Männer aus Hokita begleiteten sie noch bis nach Senju. Dort lagen zwei Schiffe bereit, die ihnen aus Awa entgegengesandt worden waren. Mit Reiseproviant versehen, den Aritane ihnen mitgegeben hatte, legten die Schiffe mit den Hundekriegern an Bord ab, fuhren den Sumidafluss abwärts und nahmen beim Erreichen der See Kurs auf Awa. 



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Alle Hundekrieger in Awa

Mit gutem Reisewind fuhren die Schiffe die Nacht hindurch, und als der Morgen graute, waren die Berge von Awa und die weißen Strände von Shirahama schon in Sicht. Eine gewaltige Schar von Rittern empfing die Hundekrieger am Hafen und geleitete sie zum Tempel Enmeiji. Dort wurden sie von den Vögten der Burgen Takita, Sitz des alten Fürsten Satomi Yoshizane, und Inamura, Sitz des Landesherrn Satomi Yoshinari, erwartet, die den Hundekriegern mitteilten, dass sie vom Fürstenhaus mit Freude erwartet würden. Zuerst sollten sie dem alten Fürsten Yoshizane vorgestellt werden, am folgenden Tag dessen Sohn Yoshinari. Im Tempel lag für alle festliche Gewandung bereit; edle Rösser wurden von Rossknappen herbeigeführt. Die Hundekrieger, an ihre übliche Reisekleidung gewöhnt, mussten erst überredet werden, im Burgritter-Ornat die Rösser zu besteigen, und dass für Shinbei 'sein' Ross Seigaiha bereit stand, braucht wohl nicht eigens erwähnt zu werden.


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Burgritter im Ornat eilen zum Empfang der Hundekrieger


"Mit Ausnahme von Shinbei haben wir noch nichts Besonderes für das Haus Satomi geleistet; dieser Aufwand ist für uns zu viel der Ehre", versuchten Shinbeis 'Brüder', sich vor den Formalitäten zu drücken, aber Priester Chudai mahnte, sie sollten sich dem Befehl ihres Herrn fügen;
aus Respekt vor dem Ansehen des Fürstenhauses lasse auch er sich im Priesterornat in der fürstlichen Sänfte tragen. Mit Obayuki Yoshirô und den Vögten an der Spitze setzte sich die festliche Prozession im Schritttempo in Bewegung.

Nach dem offiziellen Empfang
in Burg Takita, bei dem die Hundekrieger mit Namen, Herkunft und Vorzeigen ihrer Kristallkugeln eingehend vorgestellt wurden, ergriff Satomi Yoshizane das Wort.
"Es war der Wunsch des Fürsten von Awa, dass ich Euch als Erster begrüßen solle. Ihr entstammt zwar von Geburt her anderen Familien, aber ich betrachte Euch dennoch als meine eigenen Enkel. Die Perlen der Gebetskette meiner Tochter Fusehime, die jeder von Euch trägt, sind der Beweis, dass ihre Seele Euch erwählt hat und als ihre eigenen Kinder schützt. Dass Shinbei mich, meinen Sohn, den Fürsten und den Erbfolger Yoshimichi aus höchster Bedrängnis befreit hat, ist ein Zeichen, dass Fusehimes Seele über uns alle wacht. Ihr anderen Hundekrieger sagt zwar, Ihr hättet noch nichts für das Haus Satomi geleistet, aber es waren Shino und Dôsetsu, die meine entführte Tochter Gonokimi, die sich jetzt Hamaji nennt, gerettet und zurückgebracht haben, und Euer aller Verdienst ist,
dass nach der würdigen Gedenkfeier in Yûki die Urne mit den Reliquien meines Vaters trotz des Überfalls eines neiderfüllten Geistlichen in unserem Ahnentempel ihre letzte Ruhe finden konnte. All dies kann nur dank einer Fügung des Karmas und der spirituellen Kraft meiner verstorbenen Tochter zustande gekommen sein. Falls Ihr gewillt seid, in den Dienst dieses Hauses zu treten, ginge ein großer Wunsch von Fusehime, mir selbst und dem Fürsten von Awa in Erfüllung."
Alle Hundekrieger verneigten sich respektvoll und gelobten feierlich, dem Hause Satomi treu zu dienen. Yoshizane überreichte daraufhin jedem Hundekrieger ein wertvolles Schwert und ließ sie zu ihren Wohnungen führen. Es waren neu gebaute, großzügig angelegte Häuser mit Schreibzimmer,
Gästeraum und Schlafzimmer; sie standen nahe bei den Wohnungen von Myôshin, Yoshirô, Otone, Hikute und Hitoyo und deren Kindern.


aller heimkehr

Dôsetsu, Keno, Daikaku, Kobungo, Genpachi, Shinbei, Shino - der achte, Sôsuke, schoss vermutlich dieses Foto


Der Rest des Tages war ein tränenreiches, privates Wiedersehen. Myôshin konnte gar nicht mehr aufhören mit dem Weinen, als sie Shinbei und Kobungo wiedersah, und über das Wiedersehen mit Dôsetsu freuten sich Otone, Hikute und Hitoyo nicht weniger.
"Ein solcher Freudentag wie heute kommt nicht häufig vor", lächelte Dôsetsu. "Ich hatte mir große Sorgen um euch gemacht, nachdem ihr am Arameyama mit den Totenschädeln von Rikiji und Shakuhachi durch die Horden der angreifenden Feinde hindurchgeritten seid, und bin glücklich, dass ihr alle wohlbehalten am Leben seid. Und darüberhinaus sind auch Rikiji und Shakuhachi in zweiter Generation wieder da!"
Obayuki Yoshirô, dessen große Taten von allen gepriesen wurden, scherzte, damit die Frauen endlich aufhörten zu weinen:
"Ich bin doch nicht mehr gewesen als eine Fliege auf dem Schweif eines Rosses. Je edler das Ross ist, desto mehr Licht fällt auch auf die Fliege."  
Mit Sake und endlosen Gesprächen verflog die Zeit wie im Flug, aber weil anderntags der Empfang beim Fürsten anberaumt war, zogen sich die Hundekrieger am späten Abend in ihre neuen Häuser zurück, wo ihnen zahllose Diener aufwarteten und die Nachtruhe vorbereiteten.
Davon abgesehen, gab es noch ein freudiges Wiedersehen. Fräulein Hamaji sah der einstigen Hamaji nämlich immer ähnlicher, und wenn immer Inuzuka Shino ihr hübsches Gesicht sah, flammten in seinem Herzen erneut zahllose zärtliche Gefühle auf.


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Romanze in Awa



Der Empfang bei Fürst Yoshinari verlief ähnlich wie am Vortag bei Yoshizane. Yoshinari ernannte Shinbei zum Herrn von Burg Tateyama in Kazusa und verlieh den anderen Hundekriegern ebenfalls Titel als Burgherrn, aber nur pro forma, denn so viele herrenlose Burgen gab es in Awa nicht. Damit waren die Hundekrieger zwar den Vögten des Fürstenhauses untergeben, standen aber rangmäßig über allen Offizieren der Ritterschaft. Ein jeder erhielt dasselbe Gehalt von 500 Gebinden Reis pro Monat. Auch Yoshinari dankte ihnen für die Rettung seiner Tochter Hamaji und sonstigen Verdienste um das Fürstenhaus Satomi und entließ seine neuen Untergebenen mit der Bitte, sich nach ihrer langen Wanderschaft und den vielen bestandenen Kämpfen auszuruhen.


Die Menge eines Gebindes Reis variierte je nach Zeit und Ort. Als Faustregel galt einst, dass ein Gebinde Reis der Menge entspricht, von der ein erwachsener Mann sich ein Jahr lang ernähren kann. Zur Zeit von Takizawa Bakin waren die Gebinde kleiner und reichten nur noch für wenige Monate. Ausgezahlt wurde jedoch nicht in natürlichem Getreide, sondern dessen Gegenwert in Münzgeld, Gold und Silber. 


In den folgenden Tagen pilgerten die Hundekrieger zum Berg Toyama, um am Grab ihrer 'Mutter' Fusehime Blumen niederzulegen, für ihren Schutz zu danken und um ihr Seelenheil zu beten, und wanderten zu der Höhle mit der Statue des En no Gyôja nahe dem Sunosaki-Schrein, von wo der Hund Yatsufusa einst die Gebetskette mit den wundersamen Kristallperlen gebracht hatte.


Kurz nach dem 10.Tag des 7.Monats wurden Priester Chudai und alle Hundekrieger zu einer Besprechung gebeten. Der frühere Fürst ergriff das Wort.
"Ich habe heute lange mit dem Herrn von Awa über einige Dinge beraten. Wie Ihr wisst, hat Kanamari Hachirô, der treue Gefolgsmann des einstigen Fürsten Jinyo Mitsuhiro, sich selbst entleibt, und sein Sohn Kanamari Daisuke hat wegen eines Vergehens und des Todes seiner Verlobten Fusehime die Mönchsgelübde abgelegt und heißt nun Hochwürden Chudai. Er hat nicht nur seine alte Schuld vollständig gesühnt, sondern auch Fusehimes Wunderperlen und Euch Hundekrieger hierher geführt. Er wird es jedoch ablehnen, wenn ich ihn darum bäte, in den weltlichen Stand zurückzukehren. Somit ist das Geschlecht der Fürstenvasallen Kanamari ohne Nachfolge und würde erlöschen. Nun seid Ihr Hundekrieger zwar durch eigene Eltern zur Welt gekommen, karmatisch jedoch mit Fusehime als deren Söhne verbunden. Chudai hat Euch gesucht und betreut; als einstiger Verlobter der Fusehime ist er sozusagen Euer karmatischer Vater. Um Euch an unser Haus anzubinden, beschlossen wir, Euch zusätzlich zu Euren bisherigen Namen noch den Familiennamen Kanamari zu verleihen, so dass beispielsweise Herr Shino den vollständigen Namen Inuzuka Shino Kanamari Moritaka trüge. Falls Ihr keine Einwände habt, würde ich diese Anbindung und Namensverleihung vom Kaiserhaus in Kyôto und vom Herrn Shôgun Ashikaga Yoshihisa in aller Form genehmigen und besiegeln lassen. Was meint Ihr dazu?"
Dôsetsu antwortete: "Es gibt keinen Grund für uns, die wir durch das Karma zu Brüdern geworden sind, Euren Vorschlag abzulehnen. Fräulein Fusehime ist unsere spirituelle Mutter, und ihre Seele hat uns oftmals in großer Gefahr beschützt. Dass wir ihre Kristallperlen besitzen, bezeugt diese wundersame Verbindung. Priester Chudai, der mehr als zwanzig Jahre nach uns gesucht und uns zusammengeführt hat, ist somit sozusagen unser Vater. Es ist also folgerichtig, dass wir ihm wie einem Vater Gehorsam schulden und seinen Namen Kanamari annehmen. Ich bin davon überzeugt, dass alle meine Brüder dasselbe empfinden."
Keiner der Hundekrieger widersprach ihm.

"Herr Fürst, die Hundekrieger sind einverstanden", sprach Yoshizane.

Yoshinari wandte sich an den stumm dabei sitzenden Chudai, der bisher kein Wort geäußert hatte - er saß wie in Meditation versunken da und glich einer hölzernen Statue.
"Hochwürden, Ihr habt nichts dazu gesagt. Äußert freiweg Eure Meinung!"
"Angesichts meiner geringen Verdienste ist mir dies zu viel der Ehre", sprach Chudai bedächtig. "Die Ernennung zum Tempelpriester und überdies zum spirituellen Vater und Namensgeber der Herren Hundekrieger war nicht mein Wille. Ich habe alle weltlichen Gelüste von mir abgetan und wünsche nichts weiter, als in der Höhle der Fusehime am Berg Toyama zu wohnen und bis an mein Lebensende um ihr Seelenheil zu beten."


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Fusehime ist unvergessen


"Verzeiht, dass wir Euch erst jetzt angehört und über Euren Kopf hinweg entschieden haben. Für die Stelle eines Tempelpriesters kennen wir aber keinen Geistlichen, der so dafür geeignet wäre wie Ihr. Könnt Ihr uns jemanden empfehlen?"
"Im Lande Kai hatte ich als Priester des Tempels Shigetsuin einen jungen Novizen namens Nenju, einen Waisenknaben, der sehr lernbegierig und von edlem Charakter ist. Er ist derjenige, der trotz seiner jungen Jahre die Ränke des Awayuki Nashirô und der untreuen Ehefrau Nabiki aufgedeckt und es uns ermöglicht hat, Shino aus einer Notlage zu befreien und Eure Tochter Hamaji zu retten. Er ist zwar noch zu jung für ein so verantwortungsvolles Amt, aber ich möchte ihn nach Awa kommen lassen und als Schüler ausbilden. Er hat das Zeug zu einem klugen, bedeutenden Geistlichen."
"Gut, dann hört mich an. Ich komme Euch entgegen und entbinde Euch von der Bürde als spiritueller Vater der Hundekrieger. Sie sollen zwar den Namen Kanamari erhalten, aber als Adoptivsöhne Eures Vaters Hachirô gelten. Dafür bleibt Ihr noch zehn Jahre lang im Amt als Priester des Tempels Enmeiji. Während dieser Zeit steht es Euch frei, bisweilen das Grab der Fusehime zum Gebet aufzusuchen. Wäre das für Euch akzeptabel?"
Chudai neigte sein Haupt in Dankbarkeit für das Entgegenkommen seines Fürsten.
Yoshinari wandte sich wieder an die anderen Anwesenden.
"Wen wollen wir als Boten zu Kaiserhaus und Shôgun senden? Ich meine, wir sollten einen der Hundekrieger auswählen."
Sofort trat
der neunjährige Shinbei vor und rief:
"Um diesen Auftrag gestattet sich meine Wenigkeit zu bewerben! Ich bin am Berg Toyama aufgewachsen und außer nach Edo und Yûki noch nirgendwohin gekommen. Ich kenne ja kaum mein Heimatland Awa! Meine Brüder sind schon durch alle Länder des Reichs gestreift, einige sogar in Kyôto gewesen. Um als Hundekrieger eigene Erfahrungen zu sammeln, erlaube ich mir, in aller Form darum zu ersuchen, mir diese Aufgabe anzuvertrauen!"
Die anderen Hundekrieger lächelten und nahmen es Shinbei nicht übel, dass er sich als Allerjüngster so eifrig vorgedrängelt hatte.
Schnell fasste sich der überraschte Yoshinari und sprach:
"Ich fürchte zwar insgeheim, dass Shinbei sich mit den Gepflogenheiten der Welt nicht gut auskennt und sich beim Auftreten an Kaiserhof und Shogunat nicht der Etikette entsprechend benehmen könnte, aber wegen seiner Jugend wird man ihm manchen Fauxpas nachsehen. Daran, dass Shinbei diese Aufgabe bewältigen könnte, habe ich keinerlei Zweifel, seit ich gesehen habe, wie er den Räuberhauptmann Motofuji erledigt hat."
So kam es, dass Shinbei als Gesandter nach Kyôto ausgewählt wurde; als Vizegesandter sollte ihn Amasaki Jûichirô begleiten. Obayuki Yoshirô, der trotz seiner inzwischen 70 Jahre noch flink und gesund war, wollte gleichfalls an der Seite seines Zöglings Shinbei mitreisen, wurde aber aufgrund seines hohen Alters nicht berücksichtigt. Da er sich ohne Aufgaben in Awa langweilte und nutzlos fühlte, schlich er sich heimlich auf das im Hafen bereitliegende Schiff.


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Obayuki Yoshirô



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Die Seeräuber von Kap Irago

Nachdem das mit fast 30 Truhen voller Gold und Silber als Geschenke für Kaiserhaus und Shôgun beladene Schiff davongesegelt war und Kurs auf den Hafen Shimoda in Izu nahm, unterhielt sich Inue Shinbei an Bord mit seinem Stellvertreter Amasaki Jûichirô.
"Mein Ziehvater Obayuki hat sich weder am Abend bei der Abschiedsfeier noch heute Morgen beim Auslaufen aus dem Hafen blicken lassen; meint Ihr, dass er schmollt, weil er nicht mitfahren durfte?"
"Es ist gut möglich, dass er sich das zu Herzen nahm. Er wollte Euch ja unbedingt begleiten. Er wird betrübt bei seiner Familie sitzen."
"Nein, ich bin hier!", rief es hinter ihnen, und aus seinem Versteck hinter Segel- und Tauwerk tauchte Obayuki Yoshirô auf. "Ich bin heute in aller Frühe gekommen, habe dem Kapitän weisgemacht, ich sei Euer Adjutant, und mich danach an Bord versteckt."
"Onkel, weißt du nicht, dass es in Awa streng nach Recht und Gesetz zugeht und selbst für Angehörige des Fürstenhauses keine Ausnahme gemacht wird?"
"Die Verantwortung für mein Zuwiderhandeln gegen den Befehl des Fürsten nehme ich auf mich. Selbst wenn mir nach meiner Rückkehr der Kopf abgeschlagen wird, kann ich Euch nicht allein auf eine so gefährliche Fahrt ziehen lassen."
Was konnten Shinbei und Jûichirô anders tun, als Obayuki Yoshirô als Gefolgsmann mitzunehmen?

In Awa gab es ebenfalls Sorgen. Yoshirô hatte Otone gesagt, er gehe, um Shinbei zu verabschieden, war aber seither nicht mehr aufgetaucht und nirgendwo zu finden. Hitoyo lief zu Dôsetsu und berichtete, dass Yoshirô verschwunden sei.
"Er hat ja so inständig darum gebeten, mitgenommen zu werden, und weil es ihm nicht gestattet wurde, wird er wohl auf eigene Faust das Schiff bestiegen haben."
Dôsetsu hatte den Fall durchschaut, wusste aber, welche Strafe auf ein Vergehen gegen Befehle des Fürsten stand.
"Wir sollten es zuerst dem alten Fürsten Yoshizane melden. Ich werde ihn aufsuchen."
Yoshizane war zwar über die Eigenmächtigkeit des Herrn Obayuki alles andere als erbaut, wollte aber nicht zulassen, dass der Ziehvater des Shinbei, der ihm am Grab seiner Tochter vor den Leuten des Motofuji
das Leben gerettet hatte, für seinen Ungehorsam zur Rechenschaft gezogen würde. Nur durfte es nicht an die Öffentlichkeit gelangen, dass Yoshizane dafür das Gesetz beugen wollte.
"Auf Unbotmäßigkeit steht auch in Awa die Todesstrafe. Aber ich werde es so darstellen, als hätte ich selbst Herrn Obayuki die Teilnahme gestattet und es nur dem Fürsten Yoshinari noch nicht mitgeteilt. Meldet es ihm, aber haltet geheim, dass es eine Ausrede von mir ist."
So glaubte Fürst Yoshinari, sein Vater hätte Obayukis Reise genehmigt, und sowohl die Hundekrieger als auch Otone und ihre Töchter Hitoyo und Hikute, die über die List des alten Fürsten Bescheid wussten,
schwiegen dankbar und erleichtert über den Fall. 


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Nein, ich bin hier! --- Obayuki Yoshirô auf dem Schiff


Gut die Hälfte der Reise war zurückgelegt, als das Schiff bei Kap Irago in ein Unwetter geriet und sich in den nahen Hafen rettete. Irago war früher ein blühendes Hafenstädtchen gewesen; alle Schiffe auf der Fahrt nach Westen, nach Kyûshû oder gar nach China machten hier Halt und frischten ihre Vorräte auf. Herbergen, Gaststätten, Theater und
Freudenhäuser säumten den Hafen, es wimmelte von Matrosen und Bediensteten, aber im Zuge der Ônin-Kriege, als sich Heere allerorts im Reich Gefechte ohne Ende lieferten, war auch dieser Hafenort verwüstet worden. Heute standen am verlassenen Hafen nur noch ein paar armselige Fischerhäuser; es gab nicht einmal eine Schänke oder einen Kaufladen. Im Hafen lag nur noch ein weiteres Schiff, ein kleines Handelsschiff, das gepökeltes Walfleisch und andere Lebensmittel nach Edo transportierte.
Nach dem Ende des Regens kam starker Sturm auf, so dass wegen des hohen Seegangs an eine schnelle Weiterfahrt nicht zu denken war. Am nächsten Morgen tauchte ein Samurai mit rotbrauner Amtsmütze und einem Dutzend Gefolgsleuten im Hafen auf und rief:
"Ich bin im Auftrag des Herrn Tonario Korechika, dem Burgherrn dieser Domäne, entsandt worden und heiße Shitara Shikujirô. In jüngster Zeit machen Seeräuber diese Gegend unsicher, weshalb ich Besatzung und Ladung aller Schiffe, die hier festmachen, überprüfen muss."
Er bestieg das kleine Handelsschiff, ließ sich Anzahl der Matrosen, Zielort und Ladung nennen und überzeugte sich von der Richtigkeit der Angaben. Anschließend kam er zu dem Schiff der Gesandten von Awa. Der Kapitän gab Auskunft zu Ziel der Fahrt und Anzahl der Besatzung, aber als der Samurai die Ladung kontrollieren wollte, stellte sich ihm Shinbei in den Weg.
"Wir sind eine Gesandtschaft des Fürsten von Awa und können nicht zulassen, dass sich Unbefugte an unserer Ladung vergreifen."
"Hör mal, du Knirps, mit so einem Milchgesicht lasse ich mich gar nicht ein. Wer hier ohne Genehmigung des Herrn dieser Domäne ankert, wird im Fall von Widerstand auf die Burg geführt und muss sich für die Aufsässigkeit verantworten, ist dir das klar?"
"In unserem Reich sind, außer bei direkten Kriegshandlungen, seit jeher alle Reisewege, Berge, Flüsse, Herbergen und Häfen für jedermann offen und frei zugänglich", gab Shinbei erbost zurück. "Es ist doch erlogen, dass dazu die Genehmigung irgendeines Herrn erforderlich wäre!"
Shinbei hob mit jeder Hand einen schweren eisernen Anker über den Kopf des Shikujirô, der augenblicklich erbleichte und einen Schritt zurücksprang.
"Verzeiht den unhöflichen Ton, aber wegen der Piraten bin ich beauftragt, alle Schiffe zu überprüfen. Es ist ein Befehl meines Herrn. Ich bin aber bereit, eine Abordnung Eurer Leute zwecks Aussprache auf die Burg zu geleiten."
Shinbei beriet sich mit seinem Vize Jûichirô, und der meinte, dass sie zwar in Eile seien, es jedoch dem Fürsten Satomi Schande bereiten könnte, wenn sie hier Ärger mit der Obrigkeit bekämen. So willigte Shinbei ein, Jûichirô, Yoshirô und eine Anzahl Matrosen zur nahen Burg führen zu lassen; Shinbei selbst wollte bleiben, um das Schiff und seine Schätze zu bewachen. Weil sich die Matrosen an Bord langweilten, rissen sich alle darum, zum Empfang auf der Burg mitzugehen. Shinbei konnte nur gerade noch die letzten zehn Seeleute daran hindern, ebenfalls von Bord zu gehen.
"Da haben wir wirklich Pech gehabt", grummelten sie und fläzten sich verärgert auf die Planken. Ihr Unmut steigerte sich noch, als ein Händlerboot zum Schiff gerudert kam und allerlei Sorten Sake und Zuspeisen feilbot und Shinbei seinen Leuten
untersagte, etwas davon zu kaufen.
"Wenn hier Seeräuber in der Nähe sind, gilt höchstes Misstrauen, größte Vorsicht. Ihr bekommt an Bord ausreichend zu essen, da braucht ihr nichts zuzukaufen."
Der Händler wendete sein Boot und verkaufte seine Waren an die Matrosen des anderen Schiffs, die mit dem Sake anstießen und sich vergnügt über die Zuspeisen hermachten.
"Herr Inue, es ist unbarmherzig, uns nicht zu erlauben, uns mit etwas Sake die Zeit zu vertreiben, da Ihr uns schon nicht zur Burg habt mitgehen lassen. Schließlich bezahlen wir ihn selbst und verschwenden keine Gelder aus der fürstlichen Kasse!"
Shinbei kam es zwar verdächtig vor, dass in einem so menschenleeren Hafen ein Händler mit seinen Waren Geschäfte machen wollte, fürchtete aber, dass die Matrosen, denen der Unmut ins Gesicht geschrieben stand, ihm ernstlich zürnen oder von Bord gehen könnten, weshalb er ihnen den Einkauf
widerwillig gestattete. Sie holten sich Krüge voller Sake und begannen gleich zu zechen; einer brachte aus Dankbarkeit einen Becher zu Shinbei und forderte ihn auf mitzutrinken. Als Shinbei aber den Becher zur Hand nahm, flog seine Kristallkugel wie ein Blitz aus seiner Tasche und schlug ihm den Becher aus der Hand. Das Gefäß zerschellte am Boden, und das Getränk ergoss sich über die Planken. Zugleich gewahrte Shinbei, dass seine Matrosen nach wenigen Schlucken grün und grau im Gesicht wurden, sich über die Reling übergaben und dann ohnmächtig niedersanken.
"Die Seele von Fusehime, meiner Beschützerin, hat mich vor dem Getränk gewarnt. Der Sake ist vergiftet!", durchfuhr es Shinbei. Er tat, als wäre er auch benommen und lehnte sich in der Kapitänskajüte wie ein Bewusstloser an die Wand. Aus halb geschlossenen Augen sah er, wie die Matrosen des Handelsschiffs in das Boot des Sakeverkäufers sprangen und auf sein Schiff zugerudert kamen.


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Piraten kommen gerudert


"Die stecken also alle unter einer Decke!", murmelte er wachsam. Mehr als ein Dutzend Räuber enterten sein Schiff und kamen direkt auf die Kajüte zu, unter der sie die Ladung vermuteten. Als sie nahe waren, sprang Shinbei auf, packte die hereindringenden Piraten und warf sie krachend auf die Planken, ins Hafenwasser und aufs Ufer, wobei sich viele die Knochen brachen. Aber die Räuber waren so zahlreich, dass er ihren Anführer nicht bemerkte, der hinter seinem Rücken in den Laderaum schlich und sich eine Kiste mit Goldstücken auf die Schultern lud. Als Shinbei ihn endlich gewahrte, sprang er soeben samt seiner Beute ins Boot und ruderte in aller Eile davon. Shinbei nahm Anlauf, sprang in das etwa acht Meter entfernte Boot und warf sich auf den Piratenhauptmann. Dieser nannte sich Kairyûô Gorô und war als der stärkste und gefährlichste Seeräuber Westjapans gefürchtet. Zwar kam er Shinbei an Kraft nicht gleich, war aber gewandt und gerissen. Es gelang ihm, das schwankende Boot, auf dem Shinbei keinen Halt fand, zum Kentern zu bringen und zusammen mit Shinbei ins Wasser zu fallen. 'Ein Tiger mag noch so stark und wild sein, im Wasser ist ihm der kleinste Fisch überlegen', sagt das Sprichwort, das auch auf Shinbei zutraf. Der Junge war im Bergwald aufgewachsen und konnte kaum schwimmen. Der Seeräuber hingegen war flink wie eine Wasserratte und versuchte, Shinbei zu ertränken, aber Shinbei wurde durch seine Kristallperle immer wieder zur Oberfläche aufgetrieben. Er hatte dabei jedoch alle Mühe, die Angriffe des starken Gegners Gorô zu parieren, der sein Kurzschwert wider Shinbei schwang.
In diesem Augenblick kam Obayuki Yoshirô allein von dem Weg zur Burg zurück, sah, dass Shinbei in Nöten war, schnappte sich ein im Hafenbecken dümpelndes Boot und ruderte pfeilschnell auf die im Wasser kämpfenden Männer zu. Als einstiger Fährmann Yasuhei war er mit allen Tücken von Gewässern vertraut. Es gelang ihm, unbemerkt hinter Gorô zu fahren und ihm das Ruder über den Schädel zu hauen. Dann sprang er als geübter Schwimmer ins Wasser und hieb dem Piraten schließlich den Kopf ab.
"Das war Rettung in höchster Not!", ächzte Shinbei dankbar, als er mit Yoshirô zu seinem Schiff zurückruderte. "Ich habe meine Kräfte überschätzt. Den Motofuji habe ich zweimal leicht besiegt und war davon überzeugt, mit allen Gefahren und Gegnern spielend fertig zu werden. Heute habe ich im Wasser die Strafe für meinen Hochmut erhalten. Ohne den Schutz durch meine 'Mutter' Fusehime und ohne Euer beherztes Eingreifen wäre ich jetzt sicherlich tot. Aber ich habe noch ein gewaltiges Unglück verschuldet. Eine Truhe voller Goldstücke wurde von dem Piraten geraubt und ist vom gekenterten Boot im Meer versunken, ebenso wie das wertvolle Schwert, das ich erst vor wenigen Tagen von unserem Fürsten erhalten habe. Ich werde noch hier und jetzt Seppuku begehen!"
"Halt, Shinbei, einen Augenblick!", rief Yoshirô, zog seine Gewänder aus und tauchte im Hafenbecken. Einige Augenblicke später kam er an die Oberfläche zurück, warf die Kiste mit dem Gold ins Boot und händigte Shinbei das verlorene Schwert aus. 
Shinbei verneigte sich bis zum Boden.
"Onkel, was Ihr alles könnt! Dass Ihr entgegen dem fürstlichen Befehl mit an Bord gekommen seid, war eine Fügung des Schicksals. Ohne Euch wäre meine Gesandtschaft gescheitert. Aber wo sind die anderen, die zur Burg geführt wurden?"
"Auf dem Weg hat uns eine Räuberbande überfallen. Daraufhin wandten sich auch der vermeintliche Samurai und seine Begleiter mit gezückten Schwertern gegen uns. Beide Scharen gehörten zusammen und hatten uns in eine Falle gelockt. Wir kämpften um unser Leben, als plötzlich ein Schlachtruf ertönte und eine Streitmacht des Burgherrn aus dem Wald auftauchte. Gemeinsam haben wir alle Räuber getötet oder gefangen genommen. Einige unserer Matrosen wurden verletzt, aber niemand kam ums Leben. Jûichirô ist wohlauf."
Schon bald erreichten Jûichirô und die Matrosen sowie die Streitkräfte des Burgherrn Tonario Korechika den Hafen; Korechika war persönlich mit in den Kampf gezogen und ließ sich auf einem Klappstuhl nieder. Inue Shinbei verließ sein Schiff und trat respektvoll vor ihn.
"Es ist mir eine Ehre, unverhofft an diesem Ort dem jungen Hundekrieger Inue Shinbei vom Fürstenhaus Satomi zu begegnen", äußerte Korechika. "Wir sind schon lange darauf aus, den Piraten, die in unserer Domäne ihr Unwesen treiben, das Handwerk zu legen. Unsere Späher meldeten uns heute, dass sich eine Schar dieser Kerle auf unsere Burg zubewege, weshalb ich mit etwa dreihundert Streitern zu Feld gezogen bin. Dank Eurer mutigen Gegenwehr und tatkräftigen Hilfe konnten wir alle Räuber fangen oder ausmerzen. Wie ich zu meiner großen Freude sehe, seid auch Ihr unversehrt. Ich gestehe, dass ich Herrn Satomi um solche Gefolgsleute wie Euch beneide!" 
Shinbei dankte seinerseits für die Rettung seiner Gefährten aus höchster Not im Bergwald und übergab Korechika die gefangenen und verletzten Seeräuber sowie den abgeschlagenen Kopf ihres Hauptmanns 
Kairyûô Gorô.


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Gefangene Seeräuber


Der Burgherr wollte Shinbei und Jûichirô zu Gast auf seine Burg bitten, hatte aber Verständnis dafür, dass sie als Gesandte ihres Herrn schnellstmöglich weiterfahren wollten. Stattdessen stellte er ihnen ein Schiff samt Besatzung zur Verfügung,
mit dem Shitatsuka Kijiroku, ein treuer Gefolgsmann des Amasaki Jûichirô, als Bote mit Berichten an die Fürsten Yoshinari und Yoshizane und an die Hundekrieger nach Awa fuhr. Shinbei äußerte sich in seinem Schreiben selbstkritisch und pries besonders die Verdienste des Obayuki Yoshirô, verbunden mit der Bitte um Vergebung seiner eigenmächtigen Mitreise. Er wusste ja nicht, dass Yoshizane schon dafür gesorgt hatte, dass Yoshirô straflos bleiben würde. Das Blatt, auf dem die Bitte um Vergebung für Shinbeis Ziehvater geschrieben stand, zeigte man daher nur dem Fürstenvater Yoshizane, hielt es jedoch vor Fürst Yoshinari geheim.



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Gesandtschaft nach Kyôto


Nachdem Shôgun Ashikaga Yoshimasa in Kyôto seine baldige Abdankung angekündigt und seinen Bruder Yoshimi, der dazu aus dem Mönchs- in den Laienstand zurückversetzt werden sollte, als Nachfolgekandidaten nominiert hatte, gebar ihm eine Nebengemahlin einen Sohn. Der bis dahin ohne männlichen Erben gewesene Yoshimasa widerrief daraufhin die Nominierung seines Bruders und proklamierte diesen Knaben namens Yoshihisa zu seinem Nachfolger. Zwischen den Anhängern des Yoshimi und loyalen Streitkräften des Shogunats, die Yoshihisa unterstützten, kam es daraufhin zu jenen Auseinandersetzungen, die als Ônin-Kriege in die Geschichte eingingen, Kyôto in Schutt und Asche legten und zu einem reichsweiten Flächenbrand an Kriegen ausarteten, die auch nach dem Ende der Kämpfe in Kyôto noch jahrelang im ganzen Reich Leid und Zerstörung mit sich brachten. Den Sieg bei den Kämpfen in Kyôto errang das Shogunatsfürstenhaus Hosokawa, das auf Seiten des unmündigen Shôguns Yoshihisa focht und
sich nun als dessen Beschützer aufspielte, in Wirklichkeit jedoch Shogunat und Politik nach Belieben dominierte, während der abgetretene frühere Shôgun Yoshimasa seine Reichtümer mit Ausfahrten, Theateraufführungen, Teezeremonien, Festgelagen sowie erotischen Eskapaden verprasste.

Nach seiner Ankunft im Hafen Naniwa sandte Inue Shinbei, Leiter der Gesandtschaft des Hauses Satomi, zuerst einmal seinen Ziehvater Obayuki Yoshirô in die Kaiserstadt, um die dortigen Machtverhältnisse zu erkunden und herauszufinden, wie das Anliegen der Gesandtschaft dem Kaiserhaus und Shogunat
am günstigsten vorgetragen werden könnte.
"Die wirkliche Macht liegt derzeit in den Händen des Herrn Hosokawa Masamoto, der Vormund und Stellvertreter des etwa 17jährigen Shôguns Yoshihisa ist", berichtete Yoshirô. "Masamoto ist der Sohn des Siegers der Ônin-Kriege, Hosokawa Katsumoto. So wie Masamoto das Shogunat beherrscht, dominiert das Shogunat das Kaiserhaus und kontrolliert dessen Einkünfte. Das hat zur Folge, dass am Kaiserhof selbst die zu Großkanzler oder Regenten ernannten Höflinge diese Titel nur als Zierde tragen, aber nichts zu vermelden haben. Sie sind ärmer als die Kaufleute in der Hauptstadt und werden für die Gaben, die wir dem Kaiserhaus zugedacht haben, unser Gesuch sofort bewilligen und besiegeln. Shôgun Yoshihisa soll im Gegensatz zu seinem Vater das Zeug zu einem guten Regenten haben und mit Eifer lernen und studieren, aber gegenüber seinem Vormund Masamoto kann er sich natürlich nicht behaupten."
Shinbei sandte eine Nachricht an das Haus Hosokawa, erläuterte das Anliegen der Gesandtschaft und erhielt eine Audienz beim Shogunatsfürsten Masamoto. Seine Jugend und zugleich sein respektvolles, ritterliches Auftreten, und nicht zuletzt die großzügigen Geschenke für das Kaiserhaus, den jungen Shôgun und das Haus Hosokawa nahmen Masamoto so für ihn ein, dass er das Gesuch wohlwollend weiterleitete und den gewünschten kaiserlichen Erlass, vom Shôgun gleichfalls besiegelt, schon nach wenigen Tagen an Shinbei aushändigen ließ. Shinbei war hocherfreut, dass alles so schnell und glatt abgelaufen war. Er bat den Vogt Kôsai Mataroku, der als Mittler zwischen Gesandtschaft und Fürsten fungierte, Herrn Hosokawa im Namen des Fürsten von Awa seinen untertänigsten Dank auszurichten und ihm mitzuteilen, dass die Gesandtschaft am folgenden Tag nach Awa zurückreisen werde.


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Vogt Kôsai Mataroku


"Auch wir sind angetan von Euren großzügigen Gaben und Mühen der weiten Reise", gab Mataroku freundlich zurück. "Ich soll Euch jedoch bitten, vor Eurer Abreise noch einmal zu einer Audienz zum Fürsten zu kommen. Er erwartet Euch morgen früh um zehn Uhr."
Auf dem Rückweg zur Herberge meinte Shinbei verwundert:
"Was gibt es denn jetzt noch zu besprechen? Alles ist doch erledigt, wir haben den Erlass, und sie haben die Goldstücke. Mir kommt das seltsam vor."
So kam es, dass Shinbei, Jûichirô und Yoshirô anderntags erneut im Palast des Shogunatsfürsten vorstellig wurden. Vogt Kôsai Mataroku empfing sie und geleitete sie in einen Raum.
"Zu seinem größten Bedauern ist Herr Hosokawa heute Morgen zum Kaiserhof gerufen worden. Er wird Euch leider erst am Nachmittag empfangen können."
Er ließ den Gästen ein fürstliches Mittagsmahl auftragen, aber außer dem ausgezeichneten Essen gab es für sie nur langes Warten. Erst gegen 14 Uhr erschien Mataroku erneut und verkündete, dass der Fürst sie zur Audienz erwarte. 
"Dass ich euch von der Abreise abgehalten und zu mir gebeten habe, entspringt nicht meinem eigenen Wunsch", äußerte Fürst Masamoto. "Es ist mittlerweile auch in Kyôto bekannt, dass du, Inue Shinbei, trotz deiner jungen Jahre ein Kriegsmann bist, der in allen Bereichen Hervorragendes leistet, weshalb dir in allen acht Provinzen der Kantô-Region niemand gleichkommt. Du hast ganz allein den aufsässigen Burgräuber Hikita Motofuji zweimal gefangen genommen. Nun weiß natürlich auch unser junger Shôgun, der höchst lernbegierig ist und sich in freien Stunden in allen Künsten zu bilden pflegt, dass du gerade hier zu Gast bist. 'Lasst die Gesandtschaft nach Awa zurückreisen, behaltet aber Inue Shinbei hier, ich möchte seine Fähigkeiten kennen lernen', befahl er mir. Ich bitte euch deshalb, dies als eine außerordentliche Ehre zu betrachten und den Sachverhalt dem Fürsten von Awa kundzutun."
"Eure dankenswerten Worte laben mir das Herz. Aber als Gesandter meines Fürsten ist es die Pflicht meiner Wenigkeit, erst einmal nach Awa zurückzukehren. Später werde ich, falls mein Herr es gestattet, zurückkehren und mir erlauben, Euren Wunsch zu erfüllen."
"Halt den Mund, Shinbei!", herrschte Masamoto ihn an. "Was nimmst du dir heraus? Es ist eine grobe Unhöflichkeit, sich einem Befehl des Shôguns zu widersetzen, und diese Grobheit fällt als Schande auch auf deinen Herrn, den Fürsten von Awa, zurück. Selbst wenn wir dich hier ein oder zwei Jahre lang behielten, stände das vollkommen im Ermessen des Herrn Shôgun."
Vogt Mataroku nahm Shinbei in Schutz und wies auf dessen Jugend und Herkunft aus ländlicher Provinz hin, wo man sich mit den Gepflogenheiten der Hauptstadt wenig auskenne. Auch der erfahrene Jûichirô beeilte sich zu sagen:
"Shinbei ist noch sehr jung und darauf erpicht, den Bericht über die vollendete Mission seinem Herrn
persönlich vorzutragen. Habt bitte Verständnis für seinen jugendlichen Übereifer. Selbstverständlich werden wir einem Befehl des Herrn Shôgun Folge leisten."
"Herr Inue, habt Ihr verstanden?", fragte Mataroku.
"Ich habe eine unverzeihliche Unhöflichkeit begangen", gab Shinbei kleinlaut zurück, "und ersuche untertänigst, meiner Wenigkeit die aus mangelnder Erfahrung geäußerten Widerworte gütigst nachzusehen. Einerseits bin ich meinem Herrn zu Gehorsam verpflichtet, andererseits fühle ich mich durch das Wort des Herrn Shôgun gebunden, weshalb ich mich in einem Zwiespalt befinde und bestrebt bin, den ehrenhaftesten Weg aus der Klemme zu finden. Ich werde mich daher dem Wunsch des hohen Herrn fügen."
Der Shogunatsfürst, der bisher missmutig geschwiegen hatte, knurrte daraufhin:
"Shinbei, du hast deinen Fehler hoffentlich eingesehen. Dein Stellvertreter Amasaki kann zurückreisen und Herrn Satomi Bericht erstatten, aber du bist von heute an ein Bediensteter des Herrn Shôgun Yoshihisa. Du wirst nicht länger in einer Herberge, sondern in meinem Anwesen wohnen. Hol deine Sachen und mach dich fertig. Ich lasse dich morgen abholen."


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Shogunatsfürst Hosokawa Masamoto


Auf dem Weg zu ihrer Unterkunft redeten Jûichirô und Yoshirô auf Shinbei ein, er solle sich nicht grämen, sondern es als große Ehre auffassen, dass er hier zurückgehalten werde, aber Shinbei erwiderte:
"Mir kommt das reichlich verdächtig vor. Erstens hat der Fürst meine Fähigkeiten übertrieben, die weder lehrbar noch erlernbar sind. Zweitens war er heute Morgen angeblich zu einer Besprechung am Kaiserhof, vermutlich, weil er irgendetwas im Schilde führt; und drittens will er mich wie eine Geisel aus dem Haus eines unterworfenen Gegners in sein Anwesen einsperren. Ich sehe das nicht als Ehre, sondern als eine Art Bestrafung an, weiß aber nicht, wofür. Jedenfalls habe ich ein ungutes Gefühl."
Amasaki Jûichirô versuchte, Shinbei zu trösten.
"Was auch immer
sie mit Euch vorhaben, Ihr habt übernatürliche Fähigkeiten und steht unter dem Schutz der Seele von Fräulein Fusehime. Ob Feuer oder Wasser, Ihr werdet alles überstehen und hoffentlich bald nach Awa zurückkehren."
Shinbei beteuerte:
"Sie können mir eine noch so hohe Vergütung oder Stellung bieten, um mich in die Dienste des Shôguns zu locken, ich werde mich niemals von unserem Fürsten abwenden, sondern mit Sehnsucht den Tag erwarten, an dem ich Euch und meine 'Brüder' wiedersehe. Ich nehme mein Geschick als Strafe des Himmels für meinen Hochmut an."



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Wettstreit im Waffenkampf

Am selben Abend traf Shitatsuka Kijiroku, der als Bote nach Awa gesandt worden war, in der Herberge ein.
"Ich bin mit dem Schiff des Burgherrn Tonario gleich wieder nach Irago zurückgefahren und Euch von da aus mit einem Handelsschiff nachgereist. Der Ungehorsam des Herrn Obayuki ist durch eine List des alten Fürsten ausgebügelt worden; Herr Yoshizane dankt ihm ausdrücklich für seinen großartigen Einsatz beim Kampf gegen die Piraten", berichtete Kijiroku.
"Welch
unglaubliches Glück hat mir mein Karma beschert, obwohl ich nicht mehr geleistet habe als die Fliege auf dem Schweif des Rosses!", jubelte Yoshirô. Schon als Fährmann Yasuhei hatte er sich unter Aufopferung seiner Söhne für die Hundekrieger so heldenmütig eingesetzt, dass er nun zweifellos vom Himmel dafür belohnt wurde.
"Großartig, dann brauchen wir für Herrn Yoshirô nichts mehr zu befürchten", antwortete Jûichirô. "Aber dich brauchen wir hier nicht mehr, Kijiroku, alles ist erledigt, wir reisen morgen zurück."
"Nein", warf Shinbei ein. "Kijiroku kommt mir gerade richtig. Ich behalte ihn hier, denn niemand im Hause Hosokawa kennt sein Gesicht. Er muss sich unter einem Vorwand, etwa als Händler, Zutritt zum Anwesen verschaffen und soll mir als Kontaktmann zu Yoshirô dienen. Der Onkel bleibt weiterhin in dieser Herberge, aber damit es nicht auffällt, soll sich Kijiroku eine andere Unterkunft suchen."
"Diese große Aufgabe kommt dem Versuch gleich, einem mageren Gaul eine schwere Last aufzubürden", zierte sich Kijiroku bescheiden. Er bekam den Dienstbotenpass, den die Bediensteten für das Anliefern der Kisten mit dem Gold und den Geschenken erhalten und nicht zurückgegeben hatten, damit er in das Anwesen gelange.


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Kijiroku preist seine Süßwaren an


Nach der Abreise von Amasaki Jûichirô machte
Kijiroku seine Sache ausgezeichnet. Er gelangte mit seinem Passierschein in das fürstliche Anwesen und machte sich als freundlicher Süßwarenhändler durch günstige Preise und kleine Geschenke bei den Burgrittern und Bediensteten schnell einen Namen. Es dauerte nicht allzu lange, bis er die wahre Ursache für Shinbeis Arrest erfuhr.
Der Sohn des Vogts Kôsai Mataroku war zusammen mit dem jungen Fürsten Hosokawa Masamoto aufgewachsen. Weil er jedoch sehr streitlustig und undiszipliniert war, endete seine Karriere als künftiger Kriegsmann, als er bei einem Streit zwei niedere Höflinge des Kaisers totschlug. Dank der Fürsprache des Hauses Hosokawa und einer ansehnlichen Summe Schmerzensgeld für das Kaiserhaus kam dieser Sohn des Herrn Mataroku zwar mit dem Leben davon, wurde aber in den geistlichen Stand versetzt. Er machte sich indes auch als Tempelmönch einen Namen als rauflustiger Störenfried, weshalb er schließlich in eine ferne Provinz geschickt wurde und in der Domäne des Burgherrn Yûki Naritomo
im Tempel Ippikiji landete. Sein Mönchsname war Tokuyô.
Dass dieser Kriegermönch Tokuyô, der die Hundekrieger nach der Trauerfeier des Priesters Chudai überfallen hatte, ein Sohn des Vogts Kôsai Mataroku war, konnte Shinbei nicht ahnen.
Nach seiner Gefangennahme wurde Tokuyô von Fürst Naritomo wegen früherer Verdienste um das Haus Yûki zwar nicht geköpft, aber aus Yûki verbannt. Er war daraufhin zusammen mit einem Schüler namens Kensaku zu seinem Vater nach Kyôto zurückgekehrt. Hier schwärzte er sowohl seinen Fürsten
Yûki Naritomo als auch das Haus Satomi nach Kräften an und log, dass sich Yûki in Shimôsa und Satomi in Awa zu einem gemeinsamen Aufstand verschworen und ihn, der dagegen Widerstand leistete, auf Betreiben des Priesters Chudai von Awa durch eine gewaltige Streitmacht unter der Führung von Schlagetots, deren Namen alle mit Inu- anfangen, aus seinem Tempel vertrieben hätten. Und just dieser Inue Shinbei, der ihm zusammen mit Inuzuka Shino am Fluss Mategawa eine Schlappe bereitet und ihn gefangen genommen hatte, sei zu fürchten, weil er über gewaltige Kräfte verfüge. Wenn man ihn hier festnähme und umbrächte, würde das verschwörerische Haus Satomi entscheidend geschwächt. Sein Vater, Vogt Mataroku, wandte ein:
"Wir haben keinen Beweis für einen geplanten Aufstand des Hauses Satomi im fernen Awa. Und dass der Knabe Shinbei, der ja noch nicht mal erwachsen ist, ein Bösewicht mit solch gewaltigen Kräften sein soll, kann ich auch nicht glauben. Wenn wir ihn ohne handfesten Grund hinrichteten, käme es in Ostjapan womöglich zu Aufständen und Widerstand gegen die Shogunatsherrschaft. Aber wir könnten ihn unter dem Vorwand von Schaukämpfen auf Wunsch des Shôguns hier behalten und gegen namhafte Kämpfer antreten lassen. Wenn er dabei zufällig ums Leben kommen sollte, kann man uns in Awa keinen Vorwurf machen."
All das erfuhr Kijiroku im Anwesen des Shogunatsfürsten, in dem er jetzt als beliebter Süßwarenhändler ein- und ausging.
Er wusste zwar, wo Shinbei einquartiert war, es dauerte aber einige Zeit, bis er auch in dessen Räume gelassen wurde. An seiner Stimme erkannte Shinbei, dass Kijiroku gekommen war, und bestellte für den nächsten Tag Süßigkeiten für sich und die gesamte Dienerschaft, und Kijiroku versteckte eine schriftliche Nachricht in der Füllung der Kuchen, die für Shinbei bestimmt waren. So erfuhr Shinbei von der Anwesenheit seines Widersachers Tokuyô und von den Plänen, ihn einen Wettkampf bestreiten zu lassen.

Um die Mitte des Monats wurde Shinbei vor den Shogunatsfürsten Hosokawa Masamoto zitiert, der ihm eröffnete, dass er zu einem Schaukampf anzutreten habe. Es gehe nicht um Leben und Tod; gefochten werde mit Holzschwertern und Spießen, die anstelle einer scharfen Spitze mit Kreide gefüllte Stoffbeutel trugen. Der Wettkampf finde noch am selbigen Tag statt, Shinbei solle sich bereit halten. Die Arena war der sandige Pferdedresssurplatz des Fürstenhauses, gesäumt von grasbewachsenen Dämmen, auf denen die Zuschauer Platz nahmen. Die Kontrahenten wurden einander vorgestellt, und als Shinbei den hasserfüllt auf ihn starrenden Kriegermönch Tokuyô erblickte, tat er, als wäre er überrascht.
Alle wurden mit einem fürstlichen Mahl bewirtet, Shinbei getrennt von seinen Gegnern, und danach begann der Wettkampf. Als erster trat ein hochgerühmter Schwertkämpfer an, der 'das Milchgesicht' nicht für voll nahm. Shinbei parierte dessen Angriffe nur mit seinem Stock und wartete, bis sein Partner sich müde gefochten hatte. Dann schlug er ihm das Holzschwert aus der Hand und gab ihm einen Tritt, dass er sich mehrfach überkugelte. Der nächste Gegner, ein Speerkämpfer, hatte Shinbeis Kraft gesehen und tat daher so, als hätte er Krämpfe in den Beinen, um nicht antreten zu müssen. Der dritte, mit Lanze und zu Pferd, in schwarze Gewandung gehüllt, war nach wenigen Angriffen von Shinbeis Kreidebeutel nahezu vollständig weiß bekleckert und musste aufgeben. Das Gewehrschießen sollte vom galoppierenden Pferd auf eine Zielscheibe vorgehen, aber der Gegner verlangte, die Zielscheibe auf dem Kopf des Partners zu placieren. Er wollte nämlich dadurch, dass er Shinbei erschösse, die Schmach der Niederlagen seiner Vorgänger ausmerzen. Masamoto durchschaute und verbot es, denn die Art Shinbeis, seine Gegner fast mühelos zu besiegen, bereitete ihm beträchtliches Vergnügen, und außerdem hatte er vor, diesen kraftvollen jungen Mann in den Dienst des Shogunats zu stellen; ein als Versehen getarnter Mordanschlag passte ihm nicht in den Kram. Weil Shinbei auch beim Schießen Sieger blieb, kam als letzter sein Widersacher Tokuyô mit einer 40 kilo schweren Stange aus Eisen zum Zuge. Für Shinbei war zuvor eine 50 kilo schwere Eisenstange geschmiedet worden, von der Tokuyô hoffte, dass sie für den Knirps viel zu schwer wäre. Mehrere Männer mussten sie herbeitragen, aber Shinbei nahm sie mit einer Hand auf und klemmte sie sich unter den Arm.
Hasserfüllt brüllte Tokuyô:
"Ha, du Däumling, noch grün hinter den Ohren! Du bist doch hoffentlich darauf gefasst, dass ich dich jetzt auf dem schnellsten Weg ins Jenseits befördern werde! Du brauchst nicht viel zu leiden, ich mache es kurz mit dir!"


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Tokuyô beim Wettkampf


"Ich soll wohl über deine Witze lachen?", gab Shinbei zurück. "Du hast mich doch am Fluss Mategawa in Yûki kennen gelernt. Mir scheint, du hast noch nicht genug!"
Weil Shinbei wusste, dass Tokuyô der Sohn des Vogts Kôsai Mataroku und in seiner Jugend ein Weggefährte des Fürsten Masamoto war, hieb er ihn nicht gleich um, sondern tat so, als wären beide gleich stark, bis den Kriegermönch mit seiner 40 kilo-Stange die Kräfte verließen. Dann hieb er ihm die Stange aus der Hand, dass die Funken sprühten, packte ihn am Gürtel und hob ihn hoch über seinen Kopf. Zu Shôgun und Fürsten gewandt, die auf ihren Ehrensitzen zusahen, fragte Shinbei, ob er seinen Gegner fallen lassen oder sanft auf den Boden legen solle."
"Der Kampf ist entschieden, leg ihn vor mir nieder!", erhielt er vom Burgvogt Mataroku eilig zur Antwort, womit der Wettkampf zu Ende war. Anderntags verlieh ihm Fürst Masamoto den Siegerpreis, ein prachtvolles Schwert, mit der Andeutung, dass der Shôgun Kriegsleute wie Shinbei liebend gern in seinen Dienst stellen würde. Shinbei zog sich mit "zu viel der Ehre" aus der Schlinge, aber ob er damit die Überreichung des Schwertes oder den Eintritt in den Dienst meinte, blieb auch dem Fürsten unklar.
Die Dienerschaft in seiner Wohnung betrachtete den Knaben Shinbei fortan mit völlig anderen Augen und behandelte ihn mit höchstem Respekt. Seine Siege gegen die berühmtesten Meister aller Waffengattungen machten im Nu in ganz Kyôto Furore. Einfache Leute hielten Shinbei für eine Gottheit oder ein Himmelswesen in Menschengestalt, schrieben seinen Namen auf Papier und hefteten es zur Abwehr böser Geister an die Türen ihrer Häuser. Wenn Kinder plärrten oder unartig waren, brauchte die Mama nur zu sagen "Warte, ich hole den Shinbei", und schon wurden die zornigsten Kinder still und brav.

Nicht nur durch Kijiroku, sondern auch durch das Gerede in der Stadt erfuhr Yoshirô von Shinbeis Siegen. Einerseits freute er sich darüber, fürchtete aber andererseits, dass Shinbei nun erst recht nicht freigelassen, sondern in den Dienst des Shôguns gezwungen würde.
Dies war in der Tat die Absicht des Fürsten Hosokawa Masamoto. Er behandelte Shinbei fortan wie einen Vertrauten, nahm ihn mit zu Ausfahrten, lud ihn zu seinen Festgelagen und überhäufte ihn mit Geschenken. Shinbei wollte nichts davon annehmen, aber auch nicht unhöflich sein. So führte er penibel
Buch über alles, was er erhalten hatte, jedes Gewand mit dem fürstlichen Wappen, jedes Goldstück und jeden Fächer, legte alles in eine Truhe und hielt seine Dienerschaft an, es gut zu bewachen.
Eines Tages stellte ihn der Fürst zur Rede.
"Das wertvolle Schwert, das ich dir als Siegerpreis überreichte, habe ich noch kein einziges Mal an deiner Hüfte gesehen. Gefällt es dir nicht?"
"Zu Diensten. Es ist ein wunderbares Stück, ich schätze es nicht weniger als alle sonstigen dankenswerten Gaben, die ich von Euch erhalten habe. Ich habe jedoch für Euer Haus nicht das Geringste geleistet und bin nur ein unbedeutender Gefolgsmann des Fürsten eines fernen, kleinen Landes. Deshalb trage ich weiterhin das Schwert, das ich von meinem Herrn erhalten habe, und das Gewand mit dem Wappen des Fürsten von Awa, bis es mir zerschlissen vom Leib fällt. Ich bitte untertänigst um Verständnis dafür, dass ich als rechter Samurai meinem Herrn die Treue wahre, und gestatte mir vielmehr, um meine baldige Entlassung und Erlaubnis der Rückkehr in meine Heimat zu ersuchen."


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Shogunatsfürst Hosokawa Masamoto


"Dem Herrn Shôgun wurde gemeldet, dass sich Fürst Satomi von Awa mit dem Fürsten Yûki Naritomo zu einem gemeinsamen Aufstand gegen das Shogunat verschworen habe. Im Frühsommer dieses Jahres sind Kriegstruppen aus Awa nach Yûki gekommen und haben den Tempel Ippikiji, dessen Priester Tokuyô dem Shôgun die Treue hielt, angegriffen und den Priester gefangen genommen; als Mitverschwörer hat Fürst Naritomo diesen Tempelpriester des Landes verwiesen, weshalb er jetzt in Kyôto ist. Aus diesem Grund kann dir die Rückkehr nach Awa nicht gestattet werden."
Shinbei fiel aus allen Wolken. Er stellte den wahren Sachverhalt ausführlich dar und betonte, dass es um eine friedliche Totengedenkfeier ging und dass die angeblichen Truppen nur aus ihm, seinen sieben 'Büdern' und einigen Helfern bestanden.
"Meine Wenigkeit gestattet sich, darauf hinzuweisen, dass die gütige Herrschaft des Fürsten von Awa und die gerechte Regierung des Fürsten von Yûki auch in Kyôto bekannt sein sollten. Wer könnte so einfältig sein zu glauben, dass zwischen so weit auseinander liegenden Domänen eine Verschwörung wider das Shogunat geschmiedet würde? Die Kontakte zwischen Awa und Yûki beschränken sich auf gegenseitigen Respekt. Ich erlaube mir, Euch zu empfehlen, Späher in die Ostlande zu entsenden, um herauszufinden, welcher Sachverhalt der Wahrheit entspricht."
"Das ist ein guter Rat, ich werde ihn beherzigen. Aber lass nichts davon verlauten, es soll geheim bleiben. Auch meinen Vogt Mataroku weihe ich nicht ein."


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Shinbei im Palast des Fürsten Hosokawa


Fürst Masamoto, dem an Frauen nichts gelegen war, fand zunehmend Gefallen an Shinbei, dessen Version der Geschehnisse von Yûki wesentlich glaubwürdiger klang als das, was ihm aus Tokuyôs Mund zugetragen worden war. Er bewunderte nicht allein Shinbeis Talente und Treue zu seinem Herrn in Awa, sondern hoffte insgeheim, dass Shinbei, wenn er ihn nur lange genug in Kyôto festhielte, seine Heimat im Laufe der Zeit vergäße. Nicht zuletzt reizten den Fürsten auch Shinbeis Schönheit und Jugend, aber dieser ließ keine vertrauliche Nähe zu, sondern wahrte stets höflich und respektvoll Distanz, nippte bei Gelagen nur mäßig am Sake und fragte bei jeder sich bietenden Gelegenheit, ob ihm die Rückkehr nach Awa nicht bald gestattet würde.


 
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