Legende der
acht Hundekrieger
1
Belagerung der Burg
Wir befinden uns im 2.Jahr Chôroku (1458) zur Zeit der
Herrschaft von Yoshimasa, dem 8.Shôgun
aus dem Hause Ashikaga. Ein Jahr zuvor hatte Vasallenfürst
Ôta
Dôkan in der Kantô-Region in
einer Domäne namens Edo
erstmals eine Burg errichtet.
Im
8.Monat stand im Lande
Awa die Burg Takita dicht vor dem Fall.
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Im
15.Jahrhundert, in dem dieses fiktive Werk von Takizawa Bakin
(1767-1848) spielt, beherrschte die Ashikaga-Dynastie
Japan als
Shôgune, war aber zu schwach, um Frieden und Sicherheit im
Reich zu
gewährleisten. Lokale Fürsten und Lehnsherren hielten
sich
eigene
Armeen, errichteten Burgen und suchten Einfluss und Domänen
nach Möglichkeit zu erweitern, was zu einer endlosen Abfolge
von
blutigen Machtkämpfen in allen Regionen Japans
führte, die
dem 30jährigen Krieg in Deutschland nicht unähnlich
waren.
Die Straßen und Provinzen wurden von Räubern und
Wegelagerern verunsichert, Entführungen, Morde und
Raubzüge
blieben im nahezu rechtsfreien Reich oft ungeahndet. Selbst das
Kaiserhaus in Kyôto wurde durch die Schwertträger
terrorisiert
und
der Kaiserpalast eingeäschert, weshalb die kaiserliche Familie
samt Hofstaat in provisorischen Unterkünften in
Kyôtos
Stadtteil
Muromachi hauste; von daher rührt der Name Muromachi-Zeit
für
die Zeitspanne von 1336 bis 1573.
Die
Kantô-Region
bezeichnet
hauptsächlich die von Bergen umgebene Ebene um das heutige
Tôkyô, das
früher Edo hieß. Die genannte Burg von Edo
wurde mehrfach zerstört und
neu errichtet. Auf dem Gelände der einstigen Burg,
geschützt von den
erhaltenen Mauern und Gräben, residiert heute Japans
Tennô im
Kaiserpalast zu Tôkyô.
Japan
war bis 1870 in "Länder" genannte Provinzen unterteilt, und
das Land Awa
liegt am südlichen Ende der
Bôsô-Halbinsel. Das Geschehen des Werks
spielt fast ausschließlich in
der Kantô-Region in und um das heutige
Tôkyô.
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|
An einem Abend schritt der Burgherr Fürst Satomi
Yoshizane mit seinem
16jährigen Sohn und Erben Yoshinari sowie zwei Vögten
aus
seinem Gefolge über den Burghof. Obwohl Yoshizane noch nicht
einmal vierzig war, stützte er sich auf einen Stock. Nicht
weil er
verwundet wäre, sondern vor Hunger. Auch seine drei Begleiter
wankten wie Menschen, die durch tiefes Wasser waten.
Vor
zehn
Tagen hatte die Belagerung durch den Feind begonnen. In der Burg
lagerten nur Essvorräte für drei Tage, die folgenden
sieben
Tage hatten die Kriegsleute in der Burg so gut wie nichts gegessen. Es
grenzte an ein Wunder, dass die Verteidiger bis jetzt durchgehalten
hatten. Soeben war ein heftiger Sturm aufgekommen, der Regen mit sich
brachte; der Burghof schien zu schwanken wie der Boden der
See. Im
spärlichen Licht lagen hier und da die Leiber verhungerter
Kriegsleute, und die Umrisse derjenigen, die noch aufrecht standen,
bewegten sich allesamt nur kraftlos.
"In
dieser
Lage hat es keinen Sinn, einen Ausbruch zu wagen",
äußerte
Yoshizane endlich seufzend und wandte sich zu seinen
Vögten
um. Er war gekommen, um seine noch kampffähigen
Kriegsleute
zu einem letzten Entlastungsangriff zu sammeln, musste aber
einsehen, dass dies vollkommen unmöglich war.
"Es
ist
unendlich schmerzlich, aber befehlt den Kriegern, die noch laufen
können, die Burg zu verlassen und sich zu ergeben. Ich werde
vorher mit den Meinen Seppuku begehen."
Seppuku, das japanische Wort für Harakiri,
bezeichnet die ehrenvolle Selbstentleibung eines Samurai. Er setzt sich
dabei auf seine Knie, entblößt den Nabel,
stößt
sich das Kurzschwert links in den Unterleib und zieht es bis
zur
rechten Hüfte durchs Gedärm. Im Idealfall assistiert
ihm ein
Gefolgsmann und schlägt ihm danach den Kopf ab, um
ihm schmerzhaftes Leiden bis zum Exitus zu ersparen. Frauen
von
Stand entleibten sich mitunter auf dieselbe Weise, aber es galt als eleganter, sich mit dem Dolch die Halsschlagader
zu durchtrennen.
|
In
diesem Augenblick hörte man aus
dem Schatten eines
Wehrturms vor ihnen eine scheltende Frauenstimme.
"Hör
auf, Yatsufusa!"
Von
dort tauchten ein Hund auf und eine junge Frau, die ihm hinterdrein
lief. Der Hund sah aus wie eine lebendig
gewordene Löwenfigur
am Tor eines Schreins. Das lag
allerdings nur an seiner Größe und an der
Form des Kopfes;
sein Leib war dermaßen abgemagert, dass sich
jede Rippe einzeln
abzeichnete. Die junge Dame war so blass und schmal, dass sie
nahezu durchsichtig wirkte. Es war Yoshizanes Tochter Fusehime, die in
diesem Jahr 17 geworden war. Fusehime trug eine Gebetskette mit
weißen Perlen um den Hals.
Furchterregende Löwenfiguren (Fabelwesen) schützen
die Schreingottheit vor bösen Geistern
Yoshizane rief ihr zu: "Mädel, was ist denn los?"
Atemlos
antwortete Fusehime:
"Ich
habe Yatsufusa ausgeschimpft, weil er das Fleisch eines
gestorbenen Samurai fressen wollte."
Yoshizane
verschlug es einen Augenblick die Sprache. Er setzte sich auf einen
Kasten zur Verwahrung von Pfeilen, der nahebei auf dem Boden stand, und
starrte finster auf den Hund.
"Das
kann ich verstehen. Tiere ertragen Hunger noch schwerer als wir."
Yatsufusa
kauerte sich vor ihm zu Boden und hechelte mit heraushängender
Zunge.
"In
dieser
Nacht werden wir sterben. Fusehime wird auch sterben. Und bevor du
verhungern musst, ist es womöglich barmherziger, auch dich
totzustechen."
Burgherr Satomi Yoshizane
und sein Hund Yatsufusa im Burghof
Von fern, von außerhalb der Burgmauern, erscholl der
Schlachtruf des feindlichen Heeres.
"Wie
dem
auch sei, dieser Anzai Kagetsura ist ein widerwärtiger
Schuft!", knurrte
Yoshizane mit knirschenden Zähnen, die Augen zum Himmel
gerichtet.
In
der Erinnerung daran, wie es zu dieser aussichtlosen Situation kam,
bebte er erneut vor Entrüstung.
Das
Gebiet,
das Yoshizane beherrschte, waren die zwei Distrikte Heguri und Nagasa
von den vier Distrikten im Lande Awa. Aus unbekannter Ursache befiel
eine Krankheit die Reisfelder nur dieser beiden Distrikte, was zu
einer schlimmen Missernte führte. Als gütiger
Fürst erließ
Yoshizane daraufhin den Bauern die Tributpflicht, und deswegen waren in
diesem Sommer die Vorräte in der Burg auf Verpflegung
für
wenige Tage geschrumpft. Yoshizane ersuchte also den Herrn der
benachbarten Distrikte von Awa, Anzai Kagetsura, um
Unterstützung.
Vor wenigen Jahren hatte nämlich eine Insektenplage die Ernte
der
beiden Distrikte Awa und Asahina, die Anzai beherrschte, weitgehend
vernichtet, und auf dessen Hilfeersuchen hatte Yoshizane ihm
unentgeltlich 5000 Gebinde Reis geschickt. Nun hatte Yoshizane einen
jungen Vogt namens Kanamari Daisuke als Boten zu der Burg Tateyama
gesandt,
in der
Anzai residierte, und der war in Tateyama zwar
eingetroffen, aber nie zurückgekommen. Was an seiner Statt
kam,
war die Streitmacht von mehr als 2000 Kriegleuten des Anzai.

Anzai
Kagetsura haftete schon seit Langem der Ruf eines ruchlosen Charakters
an. Als er durch den Boten erfuhr, dass die Vorräte auf Burg
Takita nur für wenige Tage ausreichten, hatte er vermutlich
umgehend Angriffspläne geschmiedet. Es kann
kaum Zweifel
daran geben, dass Kanamari Daisuke getötet worden war, um zu
verhindern, dass er Fürst Satomi
vorzeitig warnte.
Als
man die
böse Absicht des Anzai erkannte, gelang es zwar noch,
ausreichend
Kriegsleute zur Verteidigung zusammenzuziehen, aber der
plötzliche
Überfall bewirkte die Hungersnot auf der Burg.
"Wie
gern
würde ich seinen abgetrennten Kopf sehen!", rief Yoshizane
laut
aus und starrte mit fiebrigen Augen auf den Hund. "Yatsufusa, kannst du
nicht den Anzai totbeißen?"
Der
Hund schloss das Maul und blickte seinen Herrn fest an.
"Wenn
du
mir den Kopf des Kerls bringst, kriegst du für dein ganzes
Leben
so viel Fisch und Fleisch zu fressen, wie du willst - ach was, du
bekommst ein Lehen
wie ein Samurai!"
Es
sah aus, als schüttelte der Hund den Kopf wie ein Mensch.
"Wie,
genügt dir das nicht? Ich soll dir wohl gar Fusehime zur Braut
geben?"
"Herr
Vater, das bitte nicht!", rief Fusehime flehentlich. "Yatsufusa ist
kein gewöhnlicher Hund!"
Mit
einem Mal erstarrte Yoshizane.
"Wa-wa-wau",
tönte es vom Boden her wie ein Knurren aus Yatsufusas Maul.
Auch
Yoshizane wusste, dass Yatsufusa kein gewöhnlicher Hund war.
Nicht
nur, weil er riesig groß und seltsam gebaut war, sondern
auch,
weil er augenscheinlich menschliche Worte weit
besser verstehen konnte als andere Hunde. Und deshalb hatte Yoshizane
unbewusst und ungewollt so mit ihm geredet wie oben geschildert. Aber
letzendlich war er, was es auch mit ihm auf sich haben mochte, doch nur
ein Hund.
Yoshizane
kam wieder zu sich und befand, dass dies eines Burgherrn
unwürdig
sei. Dass ihn derlei herausgerutscht war, schrieb er seinem
schmerzlichen Leid und Zorn zu.
"Hahaha,
sogar jemand wie ich redet Unsinn mit solch einem Tier", sprach
Yoshizane, sich verlegen zu seinen Begleitern umblickend, und stand im
Begriff, sich zu erheben. Aber Yatsufusa verharrte mit gesenktem Kopf
vor
ihm, als wollte er ihm den Weg verstellen, blickte Yoshizane
an und knurrte weiter. Allmählich nahm er den Kopf
hoch, sein
Blick wandte sich empor zu den tuscheschwarzen Wolken, und das Knurren
ging über in ein lautes Heulen.
Yoshizane war
zumute, als hätte man ihn mit Wasser übergossen; er
hob seinen Stock und brüllte:
"Verschwinde,
Yatsufusa!"

Yatsufusa stand auf und rannte davon. Seine Gestalt war kurz
davor, auf dem
Weg in Richtung Burgtor im Dunkel zu verschwinden - da fiel
irgendetwas von einem Zweig des großen Zelkovienbaums
herunter
direkt auf den Rücken des Hundes, der, ohne sich um den Reiter
zu scheren, stracks weiterlief.
"Was
war
denn das?" - "Es sah aus wie ein Tier", sagten die
beiden Vögte
Sugikura Kisonosuke und Horiuchi Kurando, einander anblickend.
Nach
kurzem Zögern
fragte Yoshizane:
"Könnte
es sein, dass es ein Marderhund
gewesen ist?"
"Wie,
ein Marderhund?", rief sein Sohn Yoshinari verblüfft.
"Ich
hatte
dir doch erzählt, dass Yatsufusa mit der Milch einer
Marderhündin aufgewachsen ist", murmelte Yoshizane in
die
nächtliche Finsternis hinein. "Und jetzt fällt es mir
wieder
ein, Kurando, Kisonosuke.... Als Tamazusa tot war, ist es
doch
ein Marderhund gewesen, der ihr Blut geschlürft hat!"
"Tamazusa?",
fragte Yoshinari mit verwundertem Gesicht. "Wer ist Tamazusa?"
Nicht
nur Yoshinari, sondern auch Sugikura und Horiuchi blickten Yoshizane
fragend an.
"Nein,
es
hat nichts zu bedeuten." Yoshizane schüttelte den
Kopf.
"Ich erinnerte mich nur an alte Begebenheiten."
Auf
dem Weg
zum Wohngebäude murmelte Yoshizane aber, als würde er
sich selbst
verhöhnen: "Kurando, Kisonosuke, falls der Geist dieser
Tamazusa noch
in der Burg weilen sollte, dann wird sie unser Untergang heute Nacht
gewiss sehr freuen."
Yoshinari
mit seinen sechzehn Jahren konnte davon nichts wissen, aber Sugikura
Kisonosuke und Horiuchi Kurando müssten sich daran noch
erinnern. Dass sie beide vorhin bei der Nennung des Namens
Tamazusa
betretene Gesichter gemacht hatten, bewies, dass er ihnen bekannt
war, aber sie begriffen nicht, weshalb ihr Herr diesen unheilvollen
Namen eben jetzt genannt hatte.

Japanischer
Marderhund (Tanuki, Nyctereutes viverrinus)
In Märchen und Legenden verwandelt er sich, ebenso wie der
Fuchs, gern in menschliche Gestalt und bringt Menschen Unheil

Fluch der schönen Hexe
Siebzehn
Jahre war es nun her, dass der junge Satomi
Yoshizane, nichts weiter als
ein geschlagener Kriegsmann, nur mit seinen beiden Gefolgsleuten Sugikura
Kisonosuke und Horiuchi Kurando
nach Awa geflohen war.
Der Kriegszustand im Reich, in dem der Freund von gestern zum Feind von
heute wird, dauerte zwar bis zur Gegenwart an, aber schon damals
erschütterten Aufstände, Verrat und
Machtkämpfe zwischen
dem Shogunat in Kyôto und seinem Statthalter in
Kantô, zwischen dem Statthalter und den
Shogunatsfürsten,
zwischen den Shogunatsfürsten
und den
regionalen Fürstenhäusern die acht Länder
der Kantô-Region,
was vor siebzehn Jahren zur gewaltsamen Auseinandersetzung um
die Burg
Yûki im Lande Hitachi führte. Yûki Ujitomo erhob sich zur
Unterstützung des Sohns des
Kantô-Shogunatsfürsten
Ashikaga Mochiuji, der durch den Vasallenfürsten Uesugi Norizane
vernichtet worden
war. Es kam daraufhin zu Krieg und Schlachten zwischen den Truppen des
Shogunats und den angreifenden Verbündeten des Fürsten
Uesugi Norizane, und nach dreijähriger Belagerung fiel die
Burg
Yûki im 4.Monat des 1.Jahres Kakitsu (1441).
Der
Shôgun der Dynastie Ashikaga, also der oberste Feldherr des
Reichs, residierte in Kyôto. Um seine Macht reichsweit
durchzusetzen,
verteilte er an seine nächsten Verwandten große
Domänen
im ganzen Reich. Sein für die Kantô-Region
zuständiger
Statthalter, ein enger Verwandter, residierte in Kamakura.
Etwas fernere Verwandte und treue Gefolgsleute, die nicht den
Namen Ashikaga trugen, dem Haus aber dennoch eng verbunden waren,
erhielten weitere Lehen und wurden Shogunatsfürsten
genannt.
Nach der Ermordung des 6.Shôguns Ashikaga Yoshinori im Jahr
1441
war die Autorität des Shogunats jedoch erheblich
geschwächt
und die Loyalität des Statthalters und der
Shogunatsfürsten nicht länger
gewährleistet; alle mischten im anhaltenden Machtkampf mit, in
dem
jeder die Oberhand zu gewinnen suchte.
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Das Haus Satomi stand in Treuepflicht auf Seiten des Ashikaga
Mochiuji, und der junge Yoshizane hatte gemeinsam mit seinem Vater
Suemoto als Verteidiger der belagerten Burg an dem Krieg teilgenommen;
beim Fall der Burg fiel Suemoto im Kampf, und Yoshizane samt
seinen beiden Vasallen gelang
mit knapper Not die Flucht nach Awa.
In diesem Land trafen die Flüchtigen auf einen Bettler. Er
hieß
Kanamari Hachirô und war ein Gefolgsmann des Herrn der Burg
Takita gewesen. Nachdem sie einander Namen und Herkunft
offenbart hatten,
klagte Hachirô dem Satomi Yoshizane sein Geschick.
"Habt Ihr gesehen, wie in diesem Land Volk und Bauern
darben? Der Herr über die beiden Distrikte hier ist Yamashita
Sadakane, unter dessen Knute seit etlichen Jahren alle leiden. Dieses
Haus
Yamashita stellte allerdings nicht schon seit immer den
Fürsten; bis vor
einigen Jahren war Jinyo Mitsuhiro der rechtmäßige
Burgherr.
Ich selbst entstamme einem Geschlecht, das mit dem Hause Jinyo entfernt
verwandt ist, während Yamashita ein Gefolgsmann niederster
Herkunft, der Sohn eines Hirten ist. Herr Mitsuhiro aber verliebte sich
eines Tages Hals über Kopf in eine schöne Frau namens
Tamazusa. Diese betrog ihn jedoch durch eine heimliche Liebschaft mit dem
hübschen Yamashita und hielt den Fürsten zum Narren,
indem
sie ihn zu üppigen Festen und Gelagen verleitete. Ich ermahnte
meinen Herrn unzählige Male und zog mir damit zuletzt seinen
Zorn
zu, wurde aus seinen Diensten entlassen und streife seitdem bettelnd
durch die Lande.
Tamazusa ist eine betörende Schönheit mit der
seltsamen Vorliebe, sich als liebsten Gefährten
einen Marderhund
zu halten. Womöglich ist auch Yamashita ein Marderhund in
menschlicher Gestalt. Es gelang ihm mit teuflischer List, die
Herrschaft über dieses Gebiet an sich zu reißen. Und
zwar
gab es unter den hiesigen Bauern zweie, Somaki Bokuhei und Sunozaki
Mukuzô, die trotz ihres Bauernstandes Mut besaßen
und mit
dem Schwert umzugehen verstanden. Sie waren der Ansicht, dass die
schlimmste Plage dieser Lande Yamashita Sadakane sei, und trachteten
ihm insgeheim nach dem Leben.
Ein Landstrich in Awa mit Namen Aomiko ist seit
alters für die Zucht ausgezeichneter Pferde
bekannt.
Yamashita stammte von ebendort und pflegte deshalb auf einem
Schimmel aus seiner Heimat durch die Lande zu reiten. Eines Tages,
als Yamashita im
Gefolge seines Herrn Jinyo
Mitsuhiro
zur Jagd
ritt, schossen Somaki und Sunozaki mit dem Bogen
tödliche Pfeile auf den Reiter des Schimmels, aber
der Tote
war -o weh, wie war das möglich?- nicht Yamashita
Sadakane, sondern ihr Herr Jinyo
Mitsuhiro.
Yamashita hatte schon vorher gewittert, dass ein Anschlag
auf ihn bevorstehe, und daher Herrn
Mitsuhiro listig
seinen eigenen Schimmel
zum Reiten angeboten.
Die beiden Attentäter wurden gestellt, der eine auf der Stelle
geköpft, der andere gefangen genommen und später
hingerichtet. Auf diese Weise hatte Yamashita diejenigen, die
eigentlich ihn umbringen wollten, dazu benutzt, um sich seines Herrn zu
entledigen. Er selbst wurde Burgherr, Tamazusa machte er
öffentlich zu seiner Mätresse und frönt
seitdem nach
Herzenslust dem Laster und der Tyrannei."
Das erzählte Kanamari
Hachirô. Und dass er all das auf seinen Wanderungen
als Verstoßener
erfahren habe.
"Vor Kurzem bin ich heimlich nach Awa zurückgekehrt mit der
Absicht, Yamashita zu vernichten, aber dieser wird gut bewacht.
Außerdem ist mein Gesicht, obwohl ich als Bettler abgemagert
bin,
noch vielen Leuten bekannt. Mir ist bewusst, dass es kein leichtes
Unterfangen ist, dem Yamashita nachzustellen. Nun
seid Ihr
mir kürzlich aufgefallen. Ihr seht nicht aus wie
gewöhnliche
Leute, sondern unerwartet vornehm wie Herren von Stand. Ich bin Euch
nachgegangen und dachte mir schon, dass Ihr Ritter seid, die nach dem
Fall der Burg Yûki hierher gelangt sind. Ich wende mich daher
mit
der Bitte an Euch, zu geruhen, mir aus Ritterlichkeit zu helfen, den
Yamashita Sadakane, der sich dieser Domäne bemächtigt
hat, zu
erschlagen und das Volk aus höchster Not zu erretten."
Satomi Yoshizane und seine Gefolgsleute beschlossen,
diesem
Wunsch zu entsprechen. Sie riefen die Bauern auf, sich zusammenzutun
und einen Aufstand zu wagen. Unter den bedrängten Feinden
fanden
sie Helfer, und mithilfe dieser Verräter zwangen sie
Yamashita Sadakane im schwarzen Rauch seiner brennenden Burg, sich
selbst
den Tod zu geben.
Diese Vorfälle von damals standen Satomi Yoshizane jetzt
lebhaft vor Augen.
Im Hof der eroberten Burg Takita wurde im Abendschein die gefangen
genommene Tamazusa vorgeführt.
"Tamazusa, schau mich an!", schimpfte Kanamari Hachirô. "Du
hast
durch deine Verführungskünste nicht nur dieses Land
zugrunde
gerichtet, sondern dich zur Mätresse des ungetreuen
Gefolgsmannes
hergegeben, der seinen Herrn mit einer List ums Leben gebracht
hat. Ist dir das bekannt, du widerliche Hure, die unter zwei Burgherren
um ihrer eigenen Wollust willen dem Volk Jammer und Leid bescherte?"
Die gefesselte Tamazusa erhob ihren Kopf und erwiderte:
"Was redet Ihr denn da? Wer sich der Lust ergeben hatte, das war nicht
ich. Es war der eigene Wunsch Eures einstigen Herrn und des Herrn
Sadakane.
Und diejenigen, die ihren früheren Herrn umgebracht haben,
waren das
nicht Eure eigenen Schüler?"
Kanamari
Hachirô fehlten die Worte zu einer Antwort. Somaki
Bokuhei und Sunozaki
Mukuzô, die auf Jinyo Mitsuhiro die
tödlichen Pfeile
abgeschossen hatten, waren in der Tat Männer, die Hachirô
im Waffenhandwerk geschult hatte.
"Ihr sagtet, ich hätte unter zwei Burgherren das Land zugrunde
gerichtet, aber waren das nicht all die männlichen Ritter, die
allen beiden Burgherren gedient und sich nicht geschämt
haben,
dafür ihren Vasallenlohn anzunehmen? Und seid nicht Ihr,
wiewohl von Eurem
Herrn verstoßen, gerade eben mit Männern aus fremdem
Land,
von denen niemand weiß, wer sie sind, zu Felde gezogen und
habt diese Burg zu Fall gebracht? Welche Schuld sollte ausgerechnet ich
daran haben, ich, eine Frau? Freude und Leid einer Frau, so sagt man,
werden ihr durch fremde Menschen zuteil. Selbst wenn Ihr meint, es sei
eine Schande, von Herrn Mitsuhiro und Herrn Sadakane innig geliebt zu
werden, welche andere Wahl hätte ich als schwache Frau
denn
gehabt?"
Tamazusa, die mit wirrem, schwarzem Haar und unter Tränen diese
Worte erwiderte, war so schön anzusehen wie eine Blume im
heftigen
Regen. Für Yoshizane sah sie ganz und gar nicht aus wie die
von
Hachirô
beschriebene Hexe, die das Land ins Verderben gestürzt haben
soll.
"Mit dem, was diese Frau sagt, hat sie durchaus nicht unrecht", sprach
er, an Hachirô gewandt. Er gewahrte, dass Kanamari
Hachirô
mit bebenden Lippen schwieg, und erteilte Sugikura
Kisonosuke, der im Burghof stand, den Befehl:
"Kisonosuke,
lös ihr die Fesseln!"

Die
schöne Hexe Tamazusa
"Ich bin Euch für die Gnade zu Dank verpflichtet!", rief
Tamazusa in irrer Freude, während Hachirô knurrte:
"Bloß das nicht, das darf nicht sein! Ich habe alles mit
angesehen und
weiß, dass du keineswegs eine armselige Frau bist, sondern
vielmehr eine ebensolche Verbrecherin wie Sadakane, das ist
hier
doch jedermann vollkommen klar!"
Mit wütendem Gesicht blickte er Yoshizane an.
"Herr Yoshizane, nun sind Sadakane und alle treulosen Ritter tot. Was
soll das Volk des ganzen Landes, das sich gegen die
Tyrannei erhoben hat, davon halten, wenn Ihr hernach einzig dieses Weib
verschont? Das ergibt doch keinen Sinn!"
"Meint Ihr?"
Yoshizane gab sich widerwillig geschlagen. Er nickte finster.
"Also gut, schlagt ihr den Kopf ab!"
Kanamari
Hachirô selbst zog sein Schwert und stieg nieder in den
Burggarten.
Tamazusa aber achtete nicht auf ihn, sondern blickte zu Yoshizane auf.
"Herr Satomi, Ihr wollt mich töten lassen?"
Yoshizane schwieg.
Da verwandelte sich Tamazusas schönes Gesicht in die Fratze
einer Teufelin. Sie schrie:
"Verflucht! Kanamari Hachirô, wenn du dem Gebot des Herrn
Satomi,
mich zu verschonen, zuwiderhandelst und mich tötest, ist der
Tag,
an dem du durch dein eigenes Schwert umkommst, nicht mehr fern. Und erst
recht Herr Satomi, ein Mann, dessen Wort nichts gilt, der erst
befiehlt, mich zu verschonen, sich dann aber von
Hachirô
einwickeln lässt und nach Belieben über fremde Leben
befindet!"
Yoshizane war zwar ein furchtloser Mann, aber dabei fröstelte
es
ihn unversehens am Rücken. Diese Frau ist wahrhaftig eine
Hexe,
schauderte es ihn.
"Alle Menschen erhalten den Lohn für ihre Worte. Wenn ihr mich
töten wollt, so tötet mich! Durch meinen Fluch sollen
die
Kinder und Kindeskinder des Hauses Satomi in die Existenzform von
Tieren
stürzen, ich mache sie zu elenden Hunden!"
Die Schwertklinge des Hachirô blitzte auf, und das Haupt
der schönen Hexe fiel abgeschlagen zu Boden. Tamazusas Leib
brach
neben dem abgetrennten Haupt mitten in dem Meer von Blut zusammen, das
ihm entquoll. Die Luft des dunkelnden Abends stand auf einmal still,
und Yoshizane vernahm im Innern seiner Ohren einen Laut wie von
finsteren Wolken entzündet.
Auch Kanamari Hachirô, der niederen Kämpfern befahl,
den
Leichnam in dem Gefilde außerhalb der Burg zu verscharren,
war
ein wenig blass geworden.
Im Buddhismus glaubt man
daran, dass es für Lebewesen sechs Existenzformen
gebe, deren höchste die menschliche ist. Allein aus der
Existenzform des Menschen ist es durch den Glauben an die
Barmherzigkeit des Buddhas und die Befolgung seiner Lehren
möglich,
dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburten zu entrinnen und selbst ein
Buddha zu werden. Die Wiedergeburt in eine der Existenzformen wird ebenso wie das
Lebensschicksal der Menschen
durch das Karma
bestimmt, eine Art von Bilanz
aus guten und schlechten Taten der vorigen Existenz. Die Existenzform
als Tier ist die drittniederste Stufe: Mensch, Himmelsgeist,
Dämon, Tier, Hungerteufel, Höllenteufel.
|
Satomi
Yoshizane, der mit seltsam bedrückten Gefühlen den
Kriegsleuten nachblickte,
die Tamazusas toten Leib auf einer hölzernen Trage
fortschafften, hörte sie plötzlich
vor Schreck
aufschreien. Er sah es auch: Gerade als die Bahre unter dem
großen Zelkovienbaum entlang kam, war ein Schatten zu sehen,
der
von den Ästen herabgesprungen kam.
"Ein Marderhund!" - "So ein Biest!" - "Kusch, schschsch!"
Die Kämpfer, die die Bahre hinten trugen,
lärmten laut,
und zwei oder drei Samurai zogen ihre Schwerter und kamen gelaufen,
woraufhin die Gestalt des schwarzen Tiers sich wieder
emporschwang
und im dichten Laub der hohen Zelkovie verschwand. Da endlich
fiel
Yoshizane wieder ein, dass dieses Weib mit Namen Tamazusa stets einen
Marderhund gehalten und geliebt hatte. Die Kämpfer
berichteten,
dass dieser Marderhund aus dem Leib Tamazusas, dort, wo ihr Kopf
abgetrennt worden war, laut schlürfend ihr Blut gesaugt habe,
bevor er wieder auf den Baum gesprungen sei.
Siebzehn Jahre war das nun her. Mit Ausnahme eines einzigen
unerwarteten Ereignisses ging es seitdem, trotz der Kriege allerorts im
Reich, hier in Awa seltsamerweise friedlich zu.
Das unerwartete Ereignis war der Selbstmord des Kanamari
Hachirô.
Satomi Yoshizane,
der geschlagene Samurai auf der Flucht,
dem unverhofft die Herrschaft über einen Teil des Landes Awa
in den
Schoß gefallen war, war Kanamari
Hachirô für diese Gabe des Himmels mehr als sonst
jemandem verpflichtet. Als Ausdruck
seiner Dankbarkeit wollte er ihn am Tanabata-Fest jenes Jahres zum Herrn der
Zweigburg von Tôjô in dieser Domäne ernennen. Ohne
ersichtliche Ursache
schlitzte sich Hachirô
bei diesem Fest jedoch urplötzlich den Leib auf. Dem
erschrockenen
Yoshizane, der hinzueilte und ihn nach dem Grund befragte, antwortete
Hachirô mit seinen letzten Atemzügen:
"Mein Handeln galt nicht dem Erringen solch hoher Ehren, sondern
hatte einzig das Ziel, die untreuen Ritter und Yamashita Sadakane, die
diese
Domäne an sich gerissen hatten, ihrer Strafe
zuzuführen. Aber
bedenke ich es recht, so war die direkte Ursache dafür, dass
ich
meinen Herrn verlor, die Waffenausbildung meiner Schüler. Es
ist
genau so, wie Tamazusa gesagt hatte. Wenn ausgerechnet ich
dafür
mit einer eigenen Burg belohnt würde, dürfte der
Totengeist
der Tamazusa darüber lachen. Als Abbitte an meinen Herrn und
um vor
der Seele der Tamazusa nicht lachhaft zu wirken, und auf dass die
Gerechtigkeit in dieser Welt ihren Lauf nehme, habe ich Seppuku begangen...."
Dem verdattert vor ihm stehenden Yoshizane hallten im Ohr die Worte '...
ist der Tag, an dem du durch dein eigenes Schwert umkommst, nicht mehr fern'
nach, die Tamazusa an ihrem Ende gesprochen hatte, und es war ihm, als
hörte er in der Tat ihr höhnisches Lachen.
"Herr Yoshizane, macht bitte dieses Land Awa zu dem
blühendsten,
friedlichsten Land im ganzen Reich! Die Seele des Hachirô
wird
darüber wachen. Und du, mein Sohn Daisuke, du bist zwar noch
im
zarten Kindesalter, aber es ist der Wunsch deines Vaters, dass du der
allertreueste Gefolgsmann des Hauses Satomi wirst, merk dir das gut!"
Nach diesen Worten fiel Hachirô vornüber und schloss
für immer die Augen.
Sein Sohn Daisuke war während der Zeit, als Hachirô
durch
die Lande streifte, zur Welt gekommen und damals ein Knabe von 5 Jahren.
Abgesehen von diesem Vorfall waren die Jahre in Frieden vergangen. In
dem Jahr, in dem Satomi Yoshizane zum Herrn über die Burg
Takita
geworden war, erhielt er vom Adelshaus Mariyatsu in Kazusa eine Braut
mit Namen Isarago, die ein Jahr später Fusehime, und wieder
ein
Jahr später Yoshinari zur Welt brachte.
Das Adelshaus Mariyatsu
im benachbarten Land Kazusa war
mit dem Fürstenhaus Takeda, das Kazusa beherrschte, eng
verwandt.
Wie in Europa suchten viele Landesfürsten durch Heiratspolitik
unter den Fürsten der Nachbarschaft Verbündete zu
gewinnen.
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Bei seiner Herrschaft trachtete Yoshizane danach, durch humanes Handeln
Kanamari Hachirôs letzten Wunsch, Awa zu dem
blühendsten,
friedlichsten Land im ganzen Reich zu machen, möglichst zu
erfüllen. Das Volk seiner Domäne war ihm zugetan, und
sein
Land allein wurde von allen Wogen und Stürmen der
Kriegszeit
verschont.
Trotz alledem war heute der Tag gekommen, an dem der Burg Takita und
Yoshizanes Familie wie aus heiterem Himmel der Untergang
drohte.
Acht Kristallperlen
Der Hund Yatsufusa war jetzt, mit dem Marderhund auf dem
Rücken,
irgendwohin fortgelaufen. Bedenkt man es recht, war Yatsufusa ein
eigenartiger Hund, von einer Marderhündin gesäugt
herangewachsen. Deswegen war das Wesen, das plötzlich
aufgetaucht
war und sich dem Yatsufusa hinzugesellt hatte, womöglich
ebendiese
Marderhündin gewesen, aber dass Satomi Yoshizane
dabei gleichzeitig die Erinnerung an jenen Marderhund nicht
losließ, den die betörende Hexe Tamazusa seinerzeit
als
Lieblingstier hielt, lag sicherlich daran, dass in dieser Nacht der
Fall seiner Burg bevorstand.
'Dumme Gedanken....!' Yoshizane schüttelte den Kopf. 'Wo
kommen
die bloß her? Selbst wenn der frühere Marderhund der
Tamazusa wieder hier erschienen wäre und sich mit Yatsufusa
zusammengetan hätte, was sollte das schon bedeuten?'
Regentropfen begannen, ihm das Gesicht zu netzen. Unter tuscheschwarzem
Wolkenhimmel brach die Nacht endgültig herein, sogar der Sturm
begann zu heulen. Das passende Wetter für den Untergang einer
Burg.

Fürst und Burgherr Satomi Yoshizane
In einem Saal in der Burg setzte sich Yoshizane mit seiner Gemahlin
Isarago, seinen Kindern Fusehime und Yoshinari sowie seinen
Vögten
Sugikura und Horiuchi im Kreis um eine Öllampe. Sake gab es
nicht,
in den Trinkschalen war Wasser; Zuspeisen gab es auch nicht, auf dem
Teller lagen Eicheln von den Bäumen.
"Fusehime, Yoshinari... Dass ich euch in eurem jungen Alter den Tod
geben muss, schmerzt mich sehr. Aber vor siebzehn Jahren, als euer Vater in
dieses Land gelangte, war er ein herrenloser Samurai auf der Flucht
nach verlorenem Kampf. Seid dankbar für die siebzehn Jahre, in
denen ihr ein glückliches Leben führen konntet",
sprach
Yoshizane zwar gefasst, aber den Ärger über
seine eigene
Dummheit, in
der Hungersnot
schmählich um Hilfe ersucht zu haben, und die brodelnde Wut
gegen
den Feind, der ihn daraufhin angegriffen hatte, konnte er nur schwer
unterdrücken.
Die Wasserschalen machten die Runde. Nun würde der Burgherr
den
Seinen und sich selbst den Tod geben, die beiden Vögte
würden
Feuer legen und sich dann entleiben. Den Rittern war freigestellt
worden, sich durch Flucht in Sicherheit zu bringen, aber
ohne Ausnahme
gelobten
alle,
mit ihrem Herrn zu sterben.
Yoshizane raffte sich auf.
"Yoshinari, du bist als erster dran...."
Auf einmal waren von außen seltsame
Geräusche
zu hören; es klang, als kämen eilige Schritte
über den
Bohlengang getrappelt.
"Was gibt's?"
Horiuchi Kurando neigte verwundert den Kopf zur Seite, stand auf und
öffnete die Schiebetür.
Im strömenden Regen legte Yatsufusa beide
Vorderpfoten wie
zur Verbeugung auf den Holzboden.
Im Maul trug er einen frisch abgetrennten menschlichen Kopf.
"Yatsufusa, was hast du getan?", schrie Yoshizane und sprang auf. In
diesem Moment löste sich der Kopf aus Yatsufusas Maul, rollte
heran und blieb genau so auf dem Boden liegen, dass er hierher zu
blicken schien. Vor Entsetzen standen allen, die das sahen, die Haare
zu Berge. Im nächsten Augenblick stieß Sugikura
Kisonosuke
einen unbeschreiblichen Schrei aus und rief:
"Das ist Anzai Kagetsura!"
Danach stellten sie fest, dass der Schädel nicht mit dem Schwert
abgetrennt, sondern abgebissen worden war. Dieses blutverschmierte
Haupt mit verklebtem, wirrem Haar und vor Angst aus den Höhlen
hervorgetretenen Augäpfeln schien kein menschlicher Kopf zu
sein,
aber es konnte keinen Zweifel geben, dass es die hochmütigen,
machtgierigen Züge des feindlichen Feldherrn Anzai Kagetsura
trug.
Die Männer standen da wie festgenagelt. Hinter sich
hörten sie Fusehime sagen:
"Herr Vater, Yatsufusa hat den Befehl, den Ihr ihm vorhin erteilt habt,
getreulich ausgeführt."
Auf dem Boden des von schwarzem Wind und schwarzem Regen gepeitschten
Landes hob Yatsufusa den Kopf und bellte laut. Der Marderhund musste
irgendwo geblieben sein, er war nicht zu sehen.

Yatsufusa bringt das Haupt des Anzai Kagetsura
Gleichzeitig war in der Ferne, von außerhalb der
Burg, ein
gewaltiges Getöse unter den Feinden bis hierher zu vernehmen.
Es
war ganz offenkundig kein Kriegsruf, um Stärke zu
zeigen,
sondern das Geschrei der Aufregung über ein unerwartetes,
schlimmes Ereignis.
Mit diesem überraschenden Vorfall nahm die Lage eine Wende.
Angesichts der kopflosen Leiche ihres Feldherrn waren die Feinde
verwirrt, lösten den Belagerungsring und begannen,
sich
zurückzuziehen. Als Yoshizane dies erfuhr, befahl er einen
Gegenangriff, und die Streitmacht des Hauses Satomi, die ihre letzten
Kräfte mobilisierend die Verfolgung aufnahm, trieb die Feinde
nicht nur in die Flucht, sondern unterwarf sie vollends.
Satomi Yoshizane herrschte fortan auch über die beiden
Distrikte des Anzai.
Es
muss nicht eigens betont werden, dass sich in dieser Notlage der
Hund Yatsufusa den allergrößten Verdienst
erworben hatte. Die vorzüglichsten Köstlichkeiten,
die Land
und Meer zu bieten haben, wurden ihm vorgesetzt, aber
Yatsufusa
rührte nichts davon an. Satomi
Yoshizane selbst wollte ihn füttern,
aber Yatsufusa
verweigerte alles. Schließlich lag er am Boden, jappte mit
gefletschten Zähnen und heraushängender Zunge so
sehr, dass
sich sein Leib mit den hervorstehenden Rippen krümmte, und
knurrte
furchterregend. Er drohte jeden, der sich mit Fressen näherte,
anzuspringen. Zuletzt musste Yatsufusa an die Kette gelegt werden, und
niemand wagte, sich ihm zu nähern. Aber eines Abends im
Herbst....
"Herr Vater, etwas Seltsames ist passiert!", rief Fusehime, die mit
besorgtem Gesicht in das Gemach ihrer
Eltern geschlüpft kam.
"Was ist denn geschehen?"
"Die Perlen mit den Schriftzeichen von meiner
Gebetskette....",
sagte
Fusehime, die sich niedergesetzt hatte und ihre Kette vorzeigte,
"....das Schriftzeichen SHIN ist auf einmal spurlos verschwunden!"
Yoshizane hielt die Kette vor die Öllampe und durchleuchtete
sie. Er sah es und seufzte.
Diese Gebetskette trug Fusehime immer wie eine doppelte
Halskette
als Schmuck. Ihre
Kette war auch ein wundersamer Gegenstand. Es war Yatsufusa gewesen,
der sie
ihr einmal gebracht hatte.
Damit hat es die folgende Bewandtnis:
Bis
zu ihrem siebten Lebensjahr sprach Fusehime kein Wort und lachte auch
niemals. Dabei war Yoshizanes Tochter ein so wunderschönes
Kind,
dass sie anmutete
wie nicht von dieser Welt. Umso mehr
schmerzte es ihre Eltern, dass sie stumm blieb. Seit sie drei Jahre alt
war, führten die Vögte Sugikura Kisonosuke und
Horiuchi Kurando sie
abwechselnd jeden Monat einmal zum Gebet zu der Gottheit des Schreins
von Sunosaki innerhalb
der Domäne, und als das Mädchen sieben Jahre alt war,
hörte Kisonosuke eine seltsame Geschichte. In einem Bauernhaus
in
der Nähe des Schreins gebe es einen Hund, der von einer
Marderhündin gesäugt worden sei.
Er begab sich dorthin und fand heraus, dass dieser Hund
tatsächlich existierte. Der
Bauer
berichtete, dass die Mutter des Hundes kurz nach seiner Geburt eines
Nachts von Wölfen totgebissen worden sei. Der Welpe aber,
dessen Augen
noch
nicht einmal geöffnet waren, wuchs ganz normal
heran. Das kam dem Bauern so wunderlich vor, dass er ihn näher
beobachtete und herausfand, dass Nacht für Nacht eine
Marderhündin herbeikam und den Welpen säugte. Der
junge Hund
war bald groß genug, um sich selbst Futter zu suchen, und
wuchs
zu einer Größe und Gestalt heran, die einer
Schreinlöwenstatue glich.

Yatsufusa (Scherenschnitt von Miyata Masayuki)
Mochte die Sache mit der Marderhündin wahr sein oder nicht,
Größe und Figur des Hundes beeindruckten Kisonosuke
jedenfalls so sehr,
dass er sich das Tier geben ließ und zur Burg mitbrachte.
Weil der
Hund auf seinem weißen Fell acht schwarze Flecken hatte,
deren Form
Päonienblüten glichen, nannte man ihn Yatsufusa (acht
Flecken), wobei das Wort "fusa" auch den
Kelch einer Blume bezeichnet.
Damals fiel niemandem die betörende Dame
Tamazusa ein, die einst einen Marderhund als Liebslingstier gehalten
hatte.
Erstaunlicherweise liebte Fusehime diesen Hund über alles. Und
der
Hund hing ebenfalls zahm an Fusehime. Und nur wenig später
öffnete Fusehime, damals 7 Jahre alt, erstmals den Mund und
rief
"Yatsufusa!"
Fortan begann sie normal zu sprechen und auch zu
lachen.

Yatsufusa und Fusehime
Und wieder einige Zeit danach begab sich Kanamari Daisuke
mit dem Mädchen auf Wallfahrt zu dem Schrein der Gottheit von
Sunosaki, um ihr zu danken. Auch Yatsufusa nahm er mit.
Daisuke war damals erst zwölf Jahre alt, aber Yoshizane
hatte ihn
als edlen Sohn des getreuen Hachirô bereits in diesem Alter
zum Burgvogt gemacht.
Bei dieser Wallfahrt war Yatsufusa in eine Höhle in den Bergen
hinter dem Sunosaki-Schrein gelaufen, in der eine Steinfigur
des En no Gyôja verehrt wird, und kam mit dieser
Gebetskette
im Maul zurück. Die Perlen schienen aus Kristall zu sein, aber
acht der 108 Perlen besaßen einen besonderen Glanz, und im
Innern
schwebten mysteriöse Schriftzeichen. Sie waren weder mit Lack
aufgetragen noch
in den Kristall eingraviert - aus dem Innern der durchsichtigen Perlen
leuchteten sie, je ein Schriftzeichen in jeder dieser acht Perlen:
| JIN |
仁 |
Menschlichkeit |
 |
| GI |
義 |
Gerechtigkeit |
| REI |
礼 |
Anstand |
| CHI |
智 |
Klugheit |
| CHÛ |
忠 |
Treue |
| SHIN |
信 |
Vertrauen |
| KÔ |
孝 |
Gehorsam |
| TEI |
悌 |
Brüderlichkeit |
Der Eremit En no Gyôja
(634-706) wird als wundertätiger Heilkundiger des Altertums
verehrt.
Die
buddhistische Gebetskette
ähnelt unserem Rosenkranz.
Sie besteht traditionell aus 108 Perlen aus Holz oder Schildpatt sowie
einer größeren Abschlussperle, die den Buddha und
die
108
Schriftrollen
seiner Lehre versinnbildlichen. Die acht hier
genannten Schriftzeichen entsprechen den "Acht konfuzianischen
Tugenden",
die zur Zeit des Verfassers in Japan als das Ideal eines Samurai
galten. Die Menschlichkeit
umfasst Empathie und Ehrfucht vor dem Leben, die Gerechtigkeit entspringt hohem Pflichtbewusstsein, der
Anstand umfasst auch die Wahrung der standesgemäßen
Etikette. Die Klugheit beinhaltet neben Wissen und Bildung auch den Listenreichtum eines Odysseus. Treue
galt dem Herrn und dem Tennô, der Gehorsam galt den Eltern
und
Ahnen. Jemand, dem man Vertrauen entgegenbringen kann,
hält sein Wort und begeht keinen Verrat. Die
Brüderlichkeit
bedeutet
den unverbrüchlichen Zusammenhalt zwischen engen Verwandten.
|
Seitdem trug Fusehime diese Gebetskette als Schmuck um ihren Hals.
Aber das war nicht alles. Die Kristallperlen besaßen
auch wundersame Kräfte. Wenn sich Fusehime unwohl
oder krank
fühlte, brauchte sie nur eine davon in den Mund zu nehmen, um
auf
der Stelle wieder gesund zu werden. Aber diese Wirkung zeigte sich nur
bei Fusehime.
Fusehimes Gebetskette mit den wundertätigen Kristallkugeln
Entführung in eine fremde Welt
Also,
Yoshizane besah sich auf Fusehimes Worte hin die auf
ihrer
Gebetskette aufgereihten Kristallperlen; in der Tat war das SHIN
gänzlich verschwunden und nirgends sonst zu sehen.
"Das ist....", rief er, aber in diesem Moment erhob sich in der Ferne
ein ganz und gar ungewöhnliches Geschrei.
"He?"
Der Lärm kam sehr schnell näher, und dann fiel die
Schiebetür des Gemachs der drei beieinander sitzenden Personen
um.
Es erschien Yatsufusa. Die durchgerissene Kette nachschleifend, lief er
schnurstracks zu Fusehime und schnappte sich ihren Ärmel.
"Was machst du, Yatsufusa?"
Der entsetzte Yoshizane lief zum Deckenbalken, ergriff den
dort
verwahrten Speer und löste seine Hülle. Vor der
umgeworfenen
Tür drängten sich Gefolgsleute und Mägde,
die dem Hund
nachgelaufen waren. Mit dem langen Ärmel von Fusehimes Gewand
im
Maul gab Yatsufusa ein furchterregendes Knurren von sich. Allein seine
blutunterlaufenen, funkelnden Augen genügten schon, um die
Leute auf
Abstand zu halten.

Im Film sitzt Fusehime im Burggarten
Fusehime, vor Angst beinahe von Sinnen, beugte sich aus dem Sitzen zu
Yatsufusa nieder.
"Yatsufusa, geh fort. Du willst nicht? Wenn du nicht weggehst, wirst du
bestraft, auch wenn du nur ein Tier bist."
Ihrem Vater, der den Speer zum Zustechen bereit hielt,
rief sie
aufblickend zu:
"Halt, Herr Vater, wartet bitte! Ich verstehe genau, was Yatsufusa auf
dem Herzen hat."
"Was denn?"
"Ich habe schon lange darüber nachgedacht. Herr Vater, Ihr
habt
Yatsufusa doch versprochen, mich ihm zur Braut zu geben, wenn er Euch
den Kopf des Feindes bringt. Weil Ihr Euer Versprechen nicht haltet,
ist Yatsufusa zornig. Mir ist vollkommen klar, warum er jetzt
wütend ist."
"Red nicht solchen Unsinn!"
"Das ist kein Unsinn. Habt Ihr nicht gesehen, dass das Schriftzeichen
SHIN (Vertrauen)
aus der Gebetskette, die Yatsufusa mir gebracht hatte, verschwunden
ist?"
"......"
"Eigentlich verbietet mir der Respekt, Euch solche Worte zu sagen, aber
ein Mann von Stand, der nun einmal der Herr eines Landes ist, darf
sein gegebenes Wort keinesfalls wieder
zurücknehmen. Was man versprochen hat, muss
man halten."
"Mädchen, was denkst du dir eigentlich?"
"Ich denke, dass ich Yatsufusas Braut werden muss."
Ihre Mutter Isarago schrie auf.
"Was sagst du denn da! Im Herbst soll doch deine Hochzeit mit Kanamari
Daisuke stattfinden!"
Fusehime schüttelte den Kopf.
"Seit Herr Daisuke als Bote zur Burg Tateyama gesandt wurde, fehlt von
ihm jede Spur. Er wird gewiss tot sein."
"Aber trotzdem, als Braut eines Tiers.....!"
"Yatsufusa ist kein gewöhnliches Tier", gab Fusehime
zurück.
"Aber seht doch, weshalb ist dann das Schriftzeichen SHIN von der
Gebetskette verschwunden? Ich sehe darin einen Wink des Himmels."
Yoshizane rann der Schweiß aus allen Poren. Und zwar, weil
Fusehime 'ein
Mann
von Stand, der nun einmal der Herr eines Landes ist, darf sein
gegebenes Wort keinesfalls wieder zurücknehmen' gesagt hatte.
Ihm fiel nämlich ein, dass Tamazusa
ihm kurz
vor ihrem Ende vor
siebzehn Jahren genau denselben Vorwurf gemacht
hatte.
Und damals hatte sie weiter gesagt, durch
ihren Fluch sollen die
Kinder und Kindeskinder des Hauses Satomi in die Existenzform von
Tieren
stürzen, sie mache sie zu elenden Hunden. Und nun... seine
Tochter... als Braut eines Hundes....! Das darf nicht sein, das darf
einfach nicht sein! 'Ein Wink des
Himmels...' Ist das nicht eher ein Wink der
Hölle?, wollte
Yoshizane schreien, aber seine Zunge versteinerte gleichsam, er brachte
kein Wort heraus.
"Also, was hast du vor?", fragte ihre Mutter.
"Geruht herzusehen. Yatsufusa hält mich am Ärmel
fest. Wohin
Yatsufusa geht, werde ich mit ihm gehen", antwortete Fusehime. "Herr
Vater, Frau Mutter, betrachtet mich bitte nicht länger als
Lebende. Ohne Yatsufusas Hilfe wäre unsere Burg
zerstört, und
wir alle wären tot. Überdies verdanke ich es
Yatsufusa, dass
ich meine Sprache gefunden habe. Ich bin es ihm schuldig, mich seinem
Willen zu fügen."
Endlich gewann Yoshizane seine Sprache wieder.
"Fusehime, dieser Hund ist von teuflischen Geistern besessen."
"Wenn er von teuflischen Geistern besessen ist, werde ich ihn davon
erlösen."
Mit glitzernden Tränen in den Augen wandte sich das
Mädchen an den Hund.
"Hör, Yatsufusa, wohin du auch gehst, ich werde dich
begleiten."
Sie wollte sich ihre Kette wieder um den Hals hängen und
blickte sie dabei kurz an.
"Oh!!!", rief sie, "das Schriftzeichen SHIN ist wieder da!"
Yoshizane besah sich die Perlen und stellte fest, dass seine Tochter
recht hatte. Erneut entfuhr ihm ein Seufzer.
"Herr Vater, der Himmel sieht alles. Es ist eindeutig, dass Ihr Euer
Versprechen halten müsst."
Fusehime stand auf und folgte Yatsufusa, der sie hinter sich
herzog. Einmal noch sah sie sich um.
"Sobald Yatsufusa erlöst ist, kehre ich zu Euch
zurück. Bitte sucht bis dahin nicht nach mir."
Sie sah nicht mehr aus wie ein irdisches Wesen. Gerade eben hatte
Fusehime gesagt, dass Yatsufusa kein gewöhnlicher Hund sei,
aber
Yoshizane spürte, dass auch Fusehime kein
gewöhnliches
Mädchen war. Sie war zwar seine Tochter, aber von
überirdischer Schönheit und im Herzen vollkommen
keusch und
rein.
"Herr Gemahl, wollt Ihr Euch das tatenlos mit ansehen?", jammerte
Isarago, sich unter Tränen zu Boden werfend.
"Ich will eine Weile sehen, worauf es hinausläuft", presste
Yoshizane hervor.
Als er unter seinen Gefolgsleuten, die ihren Augen kaum trauen mochten,
die Blicke von Sugikura
Kisonosuke und Horiuchi Kurando gewahrte, befahl er ihnen:
"Ich weiß nicht, wohin Fusehime geht. Gebt ihr das Ross
Seigaiha zu reiten. Und holt ihr Kleidung
aus ihrem Gemach!"
Seigaiha war sein allerbestes Ross, ein Prachtpferd aus Aomiko.
"Ach ja, und bitte noch das Lotos-Sûtra, Pinsel, Tusche,
Reibstein und ein wenig Schreibpapier!", rief Fusehime im Fortgehen.
In
Ostasien wird Tusche,
aus Ruß und Fett hergestellt, in
seifenartigen Stücken gehandhabt. Diese Tuschestücke
sind
wasserlöslich und werden auf einem speziell dafür
geformten Reibstein
unter Zugabe von Wasser zu flüssiger Tusche gerieben.
Die Schwärze der Tusche hängt ab von der Dauer des
Reibens.
Mit dem Pinsel wird diese Tusche dann als Schriftzeichen oder
Gemälde zu Papier gebracht. Durch unterschiedliche
Zusätze
gab es auch farbige und goldene Tusche, etwa zum Abschreiben von
Sûtras auf dunkel gefärbtem Papier.
|
Vorneweg lief der Hund Yatsufusa, dem vor Freude der Geifer von den
Lefzen troff. Danach bestieg Fusehime, ganz in Weiß
gekleidet, zu
ihrem Schutz nur einen kurzen Dolch im Gürtel, das Ross
Seigaiha,
das ein kleines Bündel Reisegepäck trug, und ritt
seitlich
aufsitzend schaukelnd von dannen. Yatsufusa war bereits ein Hund von
stattlicher Größe, aber Seigaiha war auch weit größer als gewöhnliche Pferde.
Es war eine helle Mondnacht im Herbst, als diese seltsame Gruppe aus
Mensch und Tieren die Burg Takita verließ.
Fusehime
Yoshizane wandte sich um zu seinem Gefolge.
"Einer von euch. Ihr nach! Aber nicht mit vielen Leuten. Damit
wir sie nicht aus den Augen verlieren."
"Ich gehe...!", erbot sich der Ritter Amasaki Jûrô und
trat hervor. Er war zwar ein aus
dem Land Awa
gebürtiger Samurai, hatte aber wagemutig auf Yoshizanes Seite
gekämpft, als der den Yamashita entmachtete. Jetzt war er um
die
Mitte Vierzig. Er war auch derjenige, der Yoshizane das Ross Seigaiha
verehrt hatte.
Nachdem sich Amasaki Jûrô gemeldet hatte, folgten
etwa zehn
weitere Samurai seinem Beispiel, darunter Amasakis eigener Sohn
Jûichirô.
Nach geraumer Zeit erreichten der Hund und Fusehime den Bergwald von
Toyama, der sich nördlich der Burg Takita erhebt. Abgesehen
von
seiner Höhe sind die Hänge des Toyama steil, und
riesige
alte Bäume bilden einen dichten Wald, weshalb sich selbst
Jäger nur selten dort hintrauen. Yatsufusa stieg in dem Wald,
den
nicht einmal das Mondlicht aufhellte, einen Pfad hinauf, den man kaum
einen Pfad nennen konnte, und Seigaiha stieg hinterher. Den Rittern,
die sie verfolgten, brach der Schweiß aus allen Poren; so
wilde
Kämpfer sie auch sein mochten, vor Furcht waren sie am ganzen
Leib
nassgeschwitzt. Wo der Wald endete, konnte man das machtvolle Rauschen
eines reißenden Gewässers hören. Es war der Fluss
Tanikawa, der
den Wald begrenzte. Als Amasaki mit seinen Leuten dort ankam, waren
Fusehime und die Tiere schon auf dem anderen Ufer angelangt; im
Mondlicht sahen die Ritter, wie Fusehime drüben vom Pferd
stieg. Das Ross
hatte offenbar samt Fusehime auf dem Rücken den Fluss
passiert.
Die Samurai blieben stehen. Der Tanikawa war zwar allenfalls 30 Meter
breit, aber seine reißende Strömung gischtete
schäumend
an zahllose Felsen. Amasaki hatte es schon geahnt, dass ein Ross wie
Seigaiha dort hinüberkäme.
Fusehime blickte herüber, schickte sich dann aber wortlos an,
mitsamt
Hund und Pferd in den Wald auf der Gegenseite weiterzugehen.
"Heda, heedaa, Seigaiha!", schrie Amasaki, der das nicht mit ansehen
konnte. "Kehr um und bring mich auch ans andere Ufer!"
Daraufhin schnappte sich der Hund die Zügel des Rosses, die am
Boden schleiften, und zog es zurück ans Ufer. Seigaiha kam
herüber, ohne sich das Geringste aus Fluten und
Felsen zu
machen.
"Gut, und jetzt reite ich auch auf die andere Seite!",
verkündete
Amasaki, schwang sich auf das Ross und preschte in den Tanikawa hinein.
Als er aber etwa die Mitte erreicht hatte, erhob sich
plötzlich
eine riesige, gleichsam zornige Woge, in deren silbriger Gischt
Seigaiha stürzte.
"Oh! Mein Vater....!", schrie Jûichirô entsetzt
auf, aber
es war vergeblich. Amasaki Jûrô wurde samt seinem
Ross von
der Strömung fortgerissen.
Yatsufusa wandte sich empor zum Mond und stimmte ein lautes Geheul an.

Amasaki Jûrô versucht, den Fluss zu
überqueren (Scherenschnitt von Miyata Masayuki)
Anlässlich der Nachricht vom Tod des Amasaki
Jûrô erfuhr Satomi
Yoshizane,
dass die Bauern aus der Gegend am Fuß des Berges
Toyama zu
sagen pflegten, seit alter Zeit ertrinke jeder, der den Fluss Tanikawa
überqueren wolle, und niemand sei jemals in den Wald auf der
anderen Seite hineingelangt; dieser Fluss sei die Grenze zwischen
dieser und einer fremden Welt.
Zwar machte ihn das keineswegs bange, aber Yoshizane stellte
fortan alle Versuche ein, Fusehime nachzuspüren. Die Art und
Weise, wie Fusehime ihr Elternhaus verlassen hatte, enthielt Zeichen,
die ihn bewogen, davon abzusehen.
Ihre Mutter Isarago jedoch weinte
weiterhin um ihr Kind und erkrankte schließlich. Als
Yoshizane
gewahrte, wie ernst es um seine kranke Gemahlin stand, scharte er
seine beiden Vögte und etwa dreißig Ritter um
sich und brach
auf in Richtung Toyama.
Dies geschah ein Jahr später, nämlich im Herbst des Jahres nach dem Fortgang
Fusehimes.
Für das Verständnis des Textes ist dieser weinrote Einschub nicht wichtig.
Hier soll aber gezeigt werden, wie der Autor Bakin im Japanischen auch
mit den Schriftzeichen spielt. Beginnen wir mit den Schriftzeichen
für "Mensch" 人 und für "Hund" 犬.
Fügt man diese beiden Schriftzeichen zu einem einzigen zusammen,
entsteht mit einer leichten kalligrafischen Variante das Zeichen 伏. Dieses Zeichen ist Teil des Namens
Fusehime 伏
姫, zeigt also, dass Fusehime und ihr Hund eine Einheit bilden. Bakin
erläutert, dass die Wahl dieses Namens für Yoshizanes erstes
Kind schon ein Hinweis auf die karmatische Verbindung zwischen Mensch
und Hund und auf den Fluch der Tamazusa "ich stürze die Kinder des
Hauses Satomi in die Existenzform von Hunden" sei.
Aber es geht noch weiter. Der "Marderhund" hat das Schriftzeichen 狸, dessen linker Teil eine kalligrafische Variante von 犬 (Hund), und der rechte Teil 里 das Schriftzeichen sato ist, welches für das Haus Satomi 里見 steht. Der Marderhund stellt sich damit auch optisch dar als Tamazusas Hundefluch, der auf dem Hause Satomi lastet.
|
Der verhexte Hund
Wie
hatten Fusehime und Yatsufusa dieses Jahr verlebt?
Vom Berg Toyama aus kann man an seltenen klaren Tagen bis zur Bucht von
Tateyama, ja sogar das Kap von Sunosaki sehen, aber meistens verwehren
Wolken und Nebel die Sicht. Dort strömt auch der genannte
Fluss
Tanikawa mit seinen felsengespickten Schluchten in steilen
Sprüngen zu Tal. Etwas entfernt davon tut sich in der Felswand
eine Höhle auf, und nahe deren Zugang liegt
ein Felsplateau,
flach wie ein Schreibtisch. In der Höhle wohnte Fusehime auf
einem
Lager aus Stroh, und Yatsufusa schlief draußen vor dem Eingang.
Fusehime hatte zu ihm gesagt:
"Yatsufusa, wie versprochen bin ich deine Braut geworden. Aber nur im
Herzen. Ansonsten rühr mich bitte nicht an!"
Yatsufusa
betrat niemals die
Höhle der
Fusehime. Er brachte ihr alle
Tage aus dem umliegenden Wald mit Früchten beladene Zweige.
Aus
dem Fluss holte er ihr Fische. Alles legte er vor dem Eingang zur
Höhle nieder. Davon ernährten sich das
Mädchen und der
Hund, so dass sie keinen Hunger litten. Wurde Fusehime krank, nahm sie
eine der Wunderperlen ihrer Kette in den Mund und war sogleich wieder
gesund. An Tagen mit Sturm und Regen setzte sich Yatsufusa wie die
Löwenfigur eines Schreintors vor dem Eingang aufrecht hin und
schützte Fusehime vor Wind und Unwetter. Yatsufusa hatte seine
Freude an diesem Leben auf dem Berg mit Fusehime und sah vollkommen
zufrieden aus. Manchmal aber, wenn Fusehime Langeweile hatte, aus ihrer
Höhle kam und mit ihm spielte, begann beim Umhertollen von
Yatsufusas Lefzen der Geifer zu tropfen, und seine Augen blitzten auf
unerwartete Art. Er ließ ein Knurren vernehmen, richtete sich
drohend auf seinen Vorderpfoten auf und schien Fusehime anspringen zu
wollen. Das war schon mehrfach vorgekommen. In solchen Fällen
zog
Fusehime ihren Dolch hervor und und schrie:
"Yatsufusa, benimm dich anständig! Wenn du nicht
aufhörst, stoße ich mir diesen Dolch durch die
Kehle!"
Dann legte sich Yatsufusa zu Boden und neigte seinen Kopf tief vor ihr
nieder.
Häufig setzte sich Fusehime an ihren Felsentisch, schrieb
Sûtras ab und rezitierte aus dem Lotos-Sûtra, und
Yatsufusa
saß vor dem Höhleneingang und hörte ihr
aufmerksam zu.

Fusehime und Yatsufusa (Scherenschnitt von Miyata
Masayuki)
All dies mutete an wie Szenen aus einer anderen Welt, aber nach etwa
einem Jahr trug sich etwas zu, das wahrhaftig von einer anderen Welt
war. Fusehime bemerkte nämlich, dass ihre Monatsblutung
ausblieb.
Sie war zwar eine keusche Jungfrau, aber eben doch eine richtige Frau
und
wusste sehr wohl, dass das Ausbleiben der Menstruation eines der
Anzeichen
für eine Schwangerschaft war. Sie neigte verwundert ihren
Kopf,
schüttelte ihn dann aber.
"Ich? Schwanger? Das ist völlig ausgeschlossen."
Aber bald spürte sie, dass sich in ihrem Leib
tatsächlich
etwas zu regen begann; sie zitterte vor Schrecken. Ihr ging durch den
Kopf, dass Yatsufusa kein gewöhnlicher Hund war. Seit dieser
Yatsufusa das Haupt des feindlichen Feldherrn Anzai Kagetsura
abgebissen und die Burg gerettet hatte, war ihr klar geworden, dass
dieser Hund durch irgendeinen Zauber verhext sein musste. Deswegen
hatte
ihr Vater sein Versprechen an Yatsufusa gehalten, und sie hatte sich
ihm als Braut anverlobt, mit Yatsufusa zusammengelebt und gehofft,
dass sie ihn mit dem emsigen Vortragen des Lotos-Sûtras von
seinem Bann erlösen könnte. Es hatte
tatsächlich so
ausgesehen, als lauschte Yatsufusa, seit sie hierher gekommen
waren, stets
sehr aufmerksam ihren Rezitationen des Sûtras.
"Und trotzdem bin ich schwanger? Das kann doch einfach nicht sein!"
Fusehime litt beträchtlich und fand nachts keinen Schlaf.
Es war ein Abend im Herbst. Fusehime, die eine schlaflose Nacht hinter
sich hatte, war unversehens an ihrem Felsentisch eingeschlummert, als
sie im Schlaf von fern Yatsufusas Gebell vernahm. Und dicht an ihrem
Ohr hörte sie eine Stimme.
"Fusehime, ich sage dir, dass du schwanger bist. Du weißt es
sicher schon selber. Und wessen Kinder, glaubst
du, trägst du
im Leib? Yatsufusas Kinder! Hunde sind zwei Monate trächtig,
und
heute oder morgen wirst du acht Hundewelpen gebären!"
Es war die Stimme einer Frau. Ihr warmer Atem strich über
Fusehimes Kopf, und im Traum ergriff Fusehime die Gebetskette, die sie
um den Hals trug.
"Du hast Yatsufusa das Lotos-Sûtra vorgelesen. Yatsufusa hat
die
buddhistische Lehre erkannt. Alles genau, wie ich es geahnt habe. Durch
die seelische Verbindung zwischen Mensch und Hund bist du
trächtig
geworden. Diesen Hund habe ich gesäugt, und nachdem Yamashita
Sadakane von deinem Vater vernichtet worden war, habe ich Yatsufusa
den
Kopf des Anzai Kagetsura
abbeißen lassen,
denn der war, wiewohl Herr der benachbarten Domäne,
ein
dummer, fühlloser Kerl. Und Satomis Kind, nämlich
dich, habe
ich genau, wie ich es mir gewünscht hatte, in die Existenzform
der
Tiere hinabgestoßen!"
In hellem Entsetzen griff sich Fusehime an die Brust und zerriss
dabei versehentlich die Schnur ihrer Gebetskette. In diesem
Augenblick traf ein
Schmerzensschrei ihr Ohr, so laut, dass es ihr beinahe das Trommelfell
zerriss. Diesmal war es kein Traum. Das Wesen, das nah am Ohr zu ihr
gesprochen hatte, war von etlichen der Kristallperlen heftig getroffen
worden. Fusehime blickte auf und sah ein Tier, das im Abendrot der
sinkenden Sonne davonlief. Von dorther kam Yatsufusa herbei. Auch
dessen Gebell war kein Traum. Er war am Flussufer gewesen und hatte
etwas angebellt, und jetzt kam er von dort zurückgerannt. Er
hatte
offenbar das fremde Tier entdeckt. Dieses blieb stehen, ohne vor
Yatsufusa Furcht zu zeigen. Da fiel Yatsufusa wütend
über das
Tier her, aber das wich ihm mit einem Luftsprung flink aus und floh,
sich mehr überschlagend als rennend, zum Fluss hinab,
und
Yatsufusa lief ihm hinterdrein.
Bei diesem Anblick war Fusehime starr wie festgebannt. Das Tier war
eine Marderhündin und hatte gemeint, der Hund sei sein
Verbündeter, aber als er wider Erwarten seine Zähne
gebleckt
und sie angegriffen hatte, war sie erschreckt geflohen. Anders war das
alles nicht erklärbar.
Fusehime verspürte einen ungewöhnlichen Schmerz im
Leib.
Die Marderhündin floh über die Felsen des
reißenden
Flusses, Yatsufusa rannte ihr nach, und als er ans Ufer sprang, fiel
ein Schuss aus dem Dickicht am anderen Ufer. Wie ein Kobold sprang
Yatsufusa hoch in die Luft, stürzte danach ins Wasser und war
nicht mehr zu sehen.

Fusehime krallte ihre Finger auf die Felsplatte. Diese Schmerzen im
Leib, das mussten die Wehen sein! Schwankend sah sie sich um. Um ihren
Felstisch verstreut lagen die Kristallperlen, es waren genau acht.
Sie
las sie auf und sah, dass sie alle ihre Schriftzeichen
enthielten.
'Du
wirst acht Hundewelpen gebären. Ich
habe dich in die Existenzform der Tiere hinabgestoßen!',
hallte jene furchterregende Stimme in ihren Ohren nach.
Fusehime erinnerte sich daran, dass diese Kristallperlen stets ihre
Leiden geheilt hatten.
"Ihr Perlen, erlöst mich von den verhexten Wesen in meinem
Leib!",
ächzte Fusehime und verschluckte eine dieser Perlen nach der
anderen. Aber ihre Schmerzen hörten nicht auf.
Sie sah einen jungen Samurai, der jenseits des Flusses mit der Muskete
in der Hand aus dem
Wald gelaufen kam. Und aus einer anderen Richtung näherten
sich
dem Fluss Stimmen und Schritte eines Trupps von Leuten.
Der Autor Takizawa Kyokutei Bakin lebte
im 19.Jh., als in Japan Feuerwaffen längst verbreitet
waren.
Er irrt aber, wenn er Jägern und Kriegsleuten im
15.Jahrhundert
schon Musketen andichtet. Die ersten Europäer, die nach Japan
gelangten, waren portugiesische Seefahrer, die 1543 in
einem Sturm
Schiffbruch erlitten und an japanische Gestade verschlagen wurden.
Deren Feuerwaffen waren, genauer gesagt, keine Musketen, sondern
Arkebusen, also Vorderlader mit Lunte und Pulverpfanne. Erst
gegen Ende des 16.Jhs. wurden in Japan Feuerwaffen nachgebaut und
eingesetzt. Man nannte sie Tanegashima nach der Insel, auf der die
portugiesischen Schiffbrüchigen gestrandet waren.
Wir gönnen dem Autor aber diese dichterische Freiheit.
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Der
junge Samurai stand gerade im Begriff, die reißende
Stömung des Tanikawa zu durchqueren, als er hinter sich den
Lärm des nahenden Trupps von Leuten vernahm. Er drehte sich
verwundert um.
Eine Schar von mehr als dreißig Rittern kam aus dem Wald.
"Oooh! Mein Herr!", rief der junge Samurai und beugte das Knie.
"Bist du nicht Kanamari Daisuke?", rief aus der Mitte der Schar mit
verwundert aufgerissenen Augen Satomi Yoshizane.
Es war tatsächlich Kanamari Daisuke, den er im vergangenen
Sommer
in die benachbarte Domäne zu Anzai Kagetsura mit der Bitte um
Lebensmittel entsandt hatte. Anstelle von Reis war damals die
Streitmacht des Anzai gekommen und die Schlacht war ausgetragen worden.
Nur Daisuke, der Bote, war nicht zurückgekommen. Alle glaubten
felsenfest, dass er von den Leuten des Anzai umgebracht worden
wäre,
aber er war noch am Leben und wurde ausgerechnet hier gefunden!
Er
war der Sohn des Kanamari Hachirô, der Yoshizane zur
Herrschaft
über ein ganzes Land verholfen hatte, und Yoshizane hatte ihn
deswegen trotz
seiner Jugend
nicht allein zu einem seiner Burgvögte ernannt, sondern wollte
ihm
im vergangenen Herbst auch seine Tochter Fusehime zur Ehefrau geben.
"Mir
fehlen
wahrhaftig die Worte, mich zu rechtfertigen!", sprach Daisuke, der sich
untertänigst zu Boden geworfen hatte, und berichtete in
Kürze, was ihm widerfahren war.
Nachdem er als Bote zu Anzai gekommen war, hieß ihn dieser,
einen
Tag auf die Antwort zu warten. Als sich die Wartezeit immer weiter
verzögerte und vier oder fünf Tage verstrichen waren,
erfolgte ein Mordanschlag. Seine Gefährten wurden alle
getötet, aber Daisuke setzte sich kraftvoll zur Wehr und
entkam
mit knapper Not. Als er in größter Eile zur Burg
Takita
zurückkehrte, war die Burg schon durch Anzai mit einem
eisengleichen Belagerungsring umzingelt. Er wusste nicht, was er tun
sollte und entschloss sich zuletzt, nach Kamakura zu reiten, um bei dem
Statthalter des Shogunats wegen des Überfalls des Anzai Klage
zu
erheben und die Belagerung aufheben zu lassen, aber noch auf dem Weg
nach Kamakura erfuhr er, dass Anzai geschlagen und die Schlacht
entschieden sei.
Beschämt darüber, dass er mut- und ehrlos die
Burg im Stich gelassen hatte, war er seither ohne Ziel
durch
die Kantô-Region gestreift und hatte sich erst jetzt dazu
entschlossen, nach Awa zurückzukehren; dort
hörte er
die Leute erzählen, dass Fusehime von Yatsufusa
entführt worden sei und sich am Berg Toyama aufhalte.
"Näheres ist mir nicht bekannt, aber allein diese Nachricht
ließ
mir das Blut in den Adern stocken. Ich borgte mir von
einem Jäger die Muskete und bestieg diesen Berg. Als ich
vorhin aus dem Dickicht des Waldes spähte, witterte Yatsufusa
mich
offenbar sofort und verbellte mich vom andern Ufer her lauthals. Um ihn
zu erledigen, legte ich Feuer an die Lunte, aber Yatsufusa
lief erst einmal wieder fort. Weil er indes ein zweites Mal zu
wildem
Angriff auf mich losstürmte, habe ich ihn soeben am Ufer des
Flusses erschossen. Und was hat Euch hierher geführt, mein
Herr?"
"Meine Gemahlin Isarago liegt todkrank darnieder. Ich wollte deshalb
Fusehime zurückholen."
Noch während er sprach, erschollen aufgeregte Rufe unter den
Rittern. Jenseits des Flusses zeigte sich Fusehime und schritt auf sie
zu.
Nur
war die Welt auf der anderen Seite ganz rot gefärbt. Das
Flussufer
drüben, die Felsen, der Boden, die Bäume und
Büsche
waren ins Licht der untergehenden Sonne getaucht und brannten in
flammendroter Farbe, als wäre es eine andere Welt. Nur das
Gewand
der Fusehime war seltsamerweise vollkommen weiß.
"Oh, Fusehime!", rief Yoshizane, der bis an den Rand des
Gewässers
geritten war. "Wie schön, dass du wohlbehalten am Leben bist!"
Er wollte ins Wasser hineinreiten.
"Wartet bitte, Herr Vater!", rief Fusehime. "Ihr dürft den
Fluss nicht überschreiten. Hier ist eine andere Welt."
"Fusehime, deine Mutter ist todsterbenskrank. Deswegen ist dein Vater
gekommen, um dich heimzuholen."
Nach einem Augenblick des Schweigens antwortete Fusehime:
"Ich muss jetzt auch sterben."
"Was sagst du?"
"Herr Vater, ich bin mit acht Hundewelpen schwanger."
Yoshizane und sein Gefolge standen wie vom Donner gerührt und
starrten über den Fluss.
Fusehime hatte schon seit jeher halb durchsichtig gewirkt, nun aber
glich sie vollends einem Totengeist aus dem Jenseits.

"Yatsufusa war die Verkörperung eines bösen Geistes,
der das
Haus Satomi verflucht hat. Aber hört gut her. Yatsufusa ist
durch
meine Gebete erlöst worden. Aber eben um seiner
Erlösung
willen trage ich, obwohl ich ihn niemals an mich herangelassen habe,
seine Nachkommen im Leib. Auch das war der üble Wille
des
bösen Geistes. Wenn ich am Leben bliebe, würde ich
acht
Hundewelpen zur Welt bringen."
Fusehime ließ sich in aufrechter Haltung auf ihre Knie
nieder.
"Ich habe aber soeben eine Stimme des Himmels vernommen. Falls ich den
Beweis dafür erbringe, dass ich keusch geblieben bin und mich
niemals mit einem Hund eingelassen habe, wird dieser Beweis zum Zeichen
des Himmels auf irdischem Boden dafür werden, dass in dieser
Welt
die Unschuld über das Böse siegen wird. Ich bin dazu
geboren,
dieses Zeichen zu setzen!"
Was
sollte
das heißen? Niemand verstand die Bedeutung des Gesagten. Aber
Herr Satomi und seine Ritter standen, als wären sie erstarrt,
und
sahen mit Entsetzen, wie Fusehime aus ihrem Gürtel den
blitzenden Dolch hervorzog.
"Seht her, Herr Vater! Fusehime legt Zeugnis für ihre Reinheit
ab!"
Fusehime stellte nur ein Knie hoch, ließ aber Gewand und
Gürtel, wie sie waren, stieß sich den Dolch in die
linke
Seite und zog ihn mit einem Ruck nach rechts. In diesem Augenblick
verfärbte sich die einzige Gestalt, die in jener roten Welt
weiß geblieben war, in flammendes Blutrot. Es sah in aller
Augen
so aus, als hätte sich eine große
Päonienblüte
entfaltet.
Ein blutschwerer Wind wehte vom anderen Ufer herüber.
"Oooh!"
Ein unbeschreiblicher Laut ertönte aus
aller
Kehlen. Durch den blutroten Wind schossen nämlich Blitze
über
ihre
Köpfe hinweg. Als sich der rote Nebel lichtete, war Fusehimes
am
Boden liegende Gestalt zu sehen. Endlich wollte Yoshizane in
wahnwitziger Entschlossenheit erneut in den Fluss hineinreiten, als
viele seiner Ritter riefen:
"Seht doch, schaut!" - "Was ist das denn?"
Alle blickten zum Himmel auf, wohin etliche Finger wiesen, und trauten
ihren Augen nicht.
Vor dem blutroten Himmel im Westen kreisten glänzend
leuchtende Objekte, genau acht an der Zahl. Sie zogen eine Zeitlang
wirr über den
Himmel hin, ordneten sich dann aber fächerartig an
und verwanden
wie Sternschnuppen in Richtung Norden.
Das Gelöbnis des Mönchs
Satomi Yoshizane
und seine
Leute, die den Lichtern eine Weile verblüfft nachgeblickt
hatten,
kamen endlich zu sich und überquerten den Fluss, denn sie
durften
Fusehime sich nicht selbst überlassen. Ihr Vater galoppierte
zu
Fusehime und schloss sie in seine Arme. Schon zu Lebzeiten
hatte
sie feenhaft gewirkt, aber jetzt trug ihr Ausdruck nicht nur das
gewöhnliche Totenlächeln, sondern strahlte, man kann
es
nicht anders sagen, geradezu himmlische Seligkeit aus.
Im Film und im Originaltext von Bakin stirbt Fusehime in den Armen ihres Vaters
Auch die Höhle, in der Fusehime gelebt hatte, nahmen sie in
Augenschein und fanden nahe der Felsplatte, die ihr als Schreibtisch
gedient hatte, ihre zerrissen zu Boden gefallene Gebetskette.
Yoshizane, der sie aufgehoben und näher betrachtet hatte, rief:
"Alle acht Kristallperlen sind fort! Die Perlen, in denen die
Schriftzeichen JIN, GI, REI, CHI, CHÛ, SHIN, KÔ,
TEI
geleuchtet haben, fehlen!"
Kanamari Daisuke blickte zum Himmel, als wäre ihm etwas eingefallen.
"Waren das nicht die acht Leuchtzeichen, die vorhin am Himmel schwebten
und dann irgendwohin fortgeflogen sind?"
Für das Verständnis des Textes ist dieser weinrote Einschub nicht wichtig.
Hier soll aber gezeigt werden, wie der Autor Bakin im Japanischen auch
mit den Schriftzeichen spielt. Zerlegt man die Schriftzeichen des Namens Yatsufusa 八房 in ihre Einzelteile 八 ,一, 尸, 方, ergibt
sich, wie Bakin selbst erläutert, der Sinn: "Aus einem 一
Leichnam 尸 (fliegen) acht 八 (Kristallperlen) in alle Himmelsrichtungen 方 (davon)."
Seit dem Altertum gelten in Asien Schriftzeichen auch als
Orakelsymbole.
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Später begruben sie Fusehime unter einer Zypresse
nahe ihrer
Höhle, aber ihren Tod und die mit eigenen Augen soeben
geschauten
Wunderzeichen konnten sie weder glauben noch recht begreifen. Ihnen
war, als bewegten sie sich selbst wie Wesen in einer Zauberwelt.
Yoshizane war wohl ebenso zumute. Mit Blick auf Fusehimes
Grabhügel murmelte er fassungslos wie im
Selbstgespräch:
"Wie konnte das nur geschehen....?"
Da bemerkte er, dass Kanamari Daisuke wie kraftlos in die Knie sank. In
seiner Hand sah er ein Kurzschwert blinken. Mit dem Stock, den er in
der Hand hielt, schlug er ihm das Schwert aus der Hand.
"Daisuke, was hast du vor?"
"Mein Herr, gestattet mir, Fräulein Fusehime in den Tod zu
folgen!" Er warf sich zu Boden. "Wäre ich als
Fusehimes
Anverlobter ohne mein törichtes Zaudern zur Burg Takita
zurückgekehrt, hätte Fusehime niemals gesagt, sie
würde
die Braut eines Hundes. Selbst durch meinen Tod kann ich eine solche
Schuld nicht sühnen. Bedenke ich, dass meine
Nachlässigkeit
zu solchem Jammer geführt hat, quält mich
das bis in die
Seele. Als Sühne dafür.... nein, vor allem, weil
Fusehime nun
nicht mehr am Leben ist, ist es für mich sinnlos,
weiterzuleben...."
"Dummkopf!", schalt ihn Yoshizane. "Du willst wohl nach deinem ersten
Fehler
gleich einen zweiten begehen, Daisuke? Schon dein Vater hat sich
selbst entleibt. Wenn sich zwei Generationen, Vater und Sohn, sinnlos
den Tod geben, werden die bösen Geister lauthals
darüber
lachen."
"....."
"Wenn dir zum Sterben zumute ist, lass dir lieber die
Mönchsglatze scheren und bete
für Fusehime
um Frieden im Jenseits. Hier, dazu übergebe ich dir ihre
Gebetskette." Mit diesen
Worten hängte er ihm Fusehimes Kette um den Hals.
"Die acht Wunderperlen fehlen aber..."
Daisuke sah Yoshizane wie betäubt an. Dann aber rief er auf
einmal:
"Oh, mein Herr! Ja, ich werde Mönch!" Seine Augen
leuchteten geradezu. "Ich werde
durch das Reich wandern und die acht verschwundenen
Kristallperlen suchen!"
"Was meinst du damit?"
Kanamari
Daisuke richtete seinen inneren Blick auf die bleiche Welt des
Jenseits, in der
die Sonne nicht leuchtet.
"Ich betrachte es als meine wahre Aufgabe, künftig das
Rätsel
um diese Wunderzeichen zu lösen. Vorhin hatte Fusehime gesagt,
ihr
Tod solle zum Zeichen
des Himmels auf irdischem Boden dafür werden, dass in dieser
Welt
die
Unschuld über das Böse siegen wird. Um die Bedeutung
dieser
Worte zu begreifen, muss ich die acht magischen Kristallperlen
wiederfinden. Das halte ich für die Pflicht eines Mannes, der
dazu
ausersehen war, Fusehimes Ehegemahl zu werden. Wohlan, mag es auch
viele
Jahre dauern, ich gelobe, zu gehen und nicht eher nach Awa zurückzukehren,
bis
alle 108 Perlen dieser Gebetskette wieder vollständig sind."
Ein junger Samurai aus dem Kreis der Ritter ringsumher erhob den Kopf
und sprach:
"Wenn es mir gestattet sein sollte, möchte ich als
Gefährte des Herrn Kanamari mit ihm ziehen."
Es war Jûichirô, Sohn jenes Amasaki
Jûrô, der im
Vorjahr auf dem Weg hierher im Fluss Tanikawa ums Leben gekommen war.

Entführung der Fürstentochter
Wir
befinden uns im 2.Jahr Bunmei (1470), das sind elf Jahre nach dem Ende
des vorigen Kapitels. Im Frühling dieses Jahres ereignete sich im
Haus des Fürsten Satomi Yoshizane von Awa ein neuerlicher Vorfall.
Elf Jahre zuvor, um die Zeit von Fusehimes Tod, war auch ihre Mutter
Isarago ihrer Krankheit erlegen, und ein Jahr später zog sich Fusehimes Vater
Yoshizane aus der aktiven Politik zurück. Sein Nachfolger als Burgherr
und Landesfürst wurde sein Sohn Yoshinari, der ein weiteres Jahr
später heiratete. Danach kamen Jahr für Jahr Kinder zur Welt,
aber mit Ausnahme eines Knaben, des Erbfolgers, waren es seltsamerweise ausschließlich Mädchen.
Während dieser Zeit begannen in der Hauptstadt Kyôto die Auseinandersetzungen, die
man heute die "Ônin-Kriege" nennt und die auch in der
Kantô-Region zu bewaffneten Konflikten führten;
allein das Land Awa blieb davon verschont.
Mit
dem Rücktritt des Shôguns Ashikaga Yoshimasa 1464 begann ein Streit um seine Nachfolge. Er selbst und einige der
Landesfürsten bevorzugten Yoshimasas Bruder, der allerdings zuvor
buddhistischer Mönch geworden war. Eine andere Fraktion setzte
sich für seinen unmündigen, 1465 geborenen Sohn Yoshihisa ein
in der Hoffnung, unter einem Kleinkind ihre eigene Machtposition
ausbauen zu können. Beide Seiten sammelten Verbündete, und
1467 eskalierte der Konflikt zu einem offenen Krieg, in dessen Verlauf
Kyôto vollkommen verheert wurde und der auch auf die Länder
Westjapans übergriff. Mit dem Sieg des Fürstenhauses
Hosokawa, das für Yoshihisa gefochten hatte und nun die Kontrolle über das Shogunat erlangte, endeten
1477 zwar
die Ônin-Kriege in der Hauptstadt, aber in allen Teilen des
Reichs setzten sich die Machtkämpfe der Landesfürsten
untereinander, mit großer Grausamkeit ausgetragen, noch
jahrzehntelang fort.
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Kanamari Daisuke hatte sich
damals, vor elf Jahren, in Mönchstracht auf Reisen begeben und war
seitdem nicht mehr zurückgekehrt. Friede ist zwar sehr erfreulich, aber durch die Burg Takita in Awa tobten
fast nur kleine Mädchen.
Eines Tages im Frühling des genannten 2.Jahres Bunmei erlaubte Satomi Yoshizane
sich angesichts seiner dreijährigen Enkelin Gonokimi, die
ihrer Tante Fusehime am ähnlichsten sah, zu scherzen:
"Anfangs habe ich mich über die Schar meiner Enkelinnen gefreut, aber es sind alles lauter Fusehimes....!"
Gleich danach aber wurde Gonokimi, die sich mit Dienstmägden unter den Bäumen im Burggarten erging, von den scharfen Klauen eines riesigen Adlers, der mit flatternden Schwingen vom Himmel
herniederstieß, blitzschnell erfasst und über die Wolken
hinaus in die Weiten des Himmels entführt. Yoshizane, der halb von
Sinnen bei den entsetzten, irre aufschreienden Mägden stand,
stöhnte wie im Selbstgespräch:
"Weh mir, ich habe wieder etwas Schlimmes gesagt!"