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Im
15.Jahrhundert, in dem dieses fiktive Werk von Takizawa Kyokutei Bakin
(1767-1848) spielt, beherrschte die Ashikaga-Dynastie
Japan als
Shôgune, war aber zu schwach, um Frieden und Sicherheit im
Reich zu
gewährleisten. Lokale Fürsten und Lehnsherren hielten
sich
eigene
Armeen, errichteten Burgen und suchten Einfluss und Domänen
nach Möglichkeit zu erweitern, was zu einer endlosen Abfolge
von
blutigen Machtkämpfen in allen Regionen Japans
führte, die
dem 30jährigen Krieg in Deutschland nicht unähnlich
waren.
Die Straßen und Provinzen wurden von Räubern und
Wegelagerern verunsichert, Entführungen, Morde und
Raubzüge
blieben im nahezu rechtsfreien Reich oft ungeahndet. Selbst das
Kaiserhaus in Kyôto wurde durch die Schwertträger
terrorisiert
und
der Kaiserpalast eingeäschert, weshalb die kaiserliche Familie
samt Hofstaat in provisorischen Unterkünften in
Kyôtos
Stadtteil
Muromachi hauste; von daher rührt der Name Muromachi-Zeit
für
die Zeitspanne von 1336 bis 1573.
Die
Kantô-Region
bezeichnet
hauptsächlich die von Bergen umgebene Ebene um das heutige
Tôkyô, das
früher Edo hieß. Die genannte Burg von Edo
wurde mehrfach zerstört und
neu errichtet. Auf dem Gelände der einstigen Burg,
geschützt von den
erhaltenen Mauern und Gräben, residiert heute Japans
Tennô im
Kaiserpalast zu Tôkyô.
Japan
war bis 1870 in "Länder" genannte Provinzen unterteilt, und
das Land Awa
liegt am südlichen Ende der
Bôsô-Halbinsel. Das Geschehen des Werks
spielt fast ausschließlich in
der Kantô-Region in und um das heutige
Tôkyô.
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| Seppuku, das japanische Wort für Harakiri,
bezeichnet die ehrenvolle Selbstentleibung eines Samurai. Er setzt sich
dabei auf seine Knie, entblößt den Nabel,
stößt
sich das Kurzschwert links in den Unterleib und zieht es bis
zur
rechten Hüfte durchs Gedärm. Im Idealfall assistiert
ihm ein
Gefolgsmann und schlägt ihm danach den Kopf ab, um
ihm schmerzhaftes Leiden bis zum Exitus zu ersparen. Frauen
von
Stand entleibten sich mitunter auf dieselbe Weise, aber es galt als eleganter, sich mit dem Dolch die Halsschlagader
zu durchtrennen. |





| Der
Shôgun der Dynastie Ashikaga, also der oberste Feldherr des
Reichs, residierte in Kyôto. Um seine Macht reichsweit
durchzusetzen,
verteilte er an seine nächsten Verwandten große
Domänen
im ganzen Reich. Sein für die Kantô-Region
zuständiger
Statthalter, ein enger Verwandter, residierte in Kamakura.
Etwas fernere Verwandte und treue Gefolgsleute, die nicht den
Namen Ashikaga trugen, dem Haus aber dennoch eng verbunden waren,
erhielten weitere Lehen und wurden Shogunatsfürsten
genannt. Nach der Ermordung des 6.Shôguns Ashikaga Yoshinori im Jahr 1441 war die Autorität des Shogunats jedoch erheblich geschwächt und die Loyalität des Statthalters und der Shogunatsfürsten nicht länger gewährleistet; alle mischten im anhaltenden Machtkampf mit, in dem jeder die Oberhand zu gewinnen suchte. |

| Im Buddhismus glaubt man
daran, dass es für Lebewesen sechs Existenzformen
gebe, deren höchste die menschliche ist. Allein aus der
Existenzform des Menschen ist es durch den Glauben an die
Barmherzigkeit des Buddhas und die Befolgung seiner Lehren
möglich,
dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburten zu entrinnen und selbst ein
Buddha zu werden. Die Wiedergeburt in eine der Existenzformen wird ebenso wie das Lebensschicksal der Menschen durch das Karma bestimmt, eine Bilanz aus guten und schlechten Taten der vorigen Existenz. Die Existenzform als Tier ist die drittniederste Stufe: Mensch, Himmelsgeist, Dämon, Tier, Hungerteufel, Höllenteufel. |
| Das Adelshaus Mariyatsu
im benachbarten Land Kazusa war
mit dem Fürstenhaus Takeda, das Kazusa beherrschte, eng
verwandt.
Wie in Europa suchten viele Landesfürsten durch Heiratspolitik
unter den Fürsten der Nachbarschaft Verbündete zu
gewinnen. |





| NIN | 仁 | Menschlichkeit | ![]() |
| GI | 義 | Pflichtbewusstsein | |
| REI | 礼 | Anstand | |
| CHI | 智 | Bildung | |
| CHÛ | 忠 | Treue | |
| SHIN | 信 | Vertrauen | |
| KÔ | 孝 | Gehorsam | |
| TEI | 悌 | Brüderlichkeit |
| Der Eremit En no Gyôja
(634-706) wird als wundertätiger Heilkundiger des Altertums
verehrt. Die buddhistische Gebetskette ähnelt unserem Rosenkranz. Sie besteht traditionell aus 108 Perlen aus Holz oder Schildpatt sowie einer größeren Abschlussperle, die den Buddha und die 108 Schriftrollen seiner Lehre versinnbildlichen. Die acht hier genannten Schriftzeichen entsprechen den "Acht konfuzianischen Tugenden", die zur Zeit des Verfassers in Japan als das Ideal eines Samurai galten. Die Menschlichkeit umfasst Humanität und Empathie, das Pflichtbewusstsein enthält Gerechtigkeit und Zuverlässigkeit, der Anstand umfasst auch die Wahrung der standesgemäßen Etikette und Verehrung von Höherstehenden und Gottheiten. Die Bildung geht einher mit Wissensdurst, Gelehrsamkeit und der Klugheit, das Erlernte auch anzuwenden. Treue galt dem Herrn und dem Tennô, der Gehorsam galt den Eltern und Ahnen. Das Vertrauen galt den Mitmenschen und gebot, ein gegebenes Wort zu halten. Die Brüderlichkeit bedeutet unverbrüchlichen Zusammenhalt zwischen Verwandten. |


| In
Ostasien wird Tusche,
aus Ruß und Fett hergestellt, in
seifenartigen Stücken gehandhabt. Diese Tuschestücke
sind
wasserlöslich und werden auf einem speziell dafür
geformten Reibstein
unter Zugabe von Wasser zu flüssiger Tusche gerieben.
Die Schwärze der Tusche hängt ab von der Dauer des
Reibens.
Mit dem Pinsel wird diese Tusche dann als Schriftzeichen oder
Gemälde zu Papier gebracht. Durch unterschiedliche
Zusätze
gab es auch farbige und goldene Tusche, etwa zum Abschreiben von
Sûtras auf dunkel gefärbtem Papier. |


| Für das Verständnis des Textes ist dieser weinrote Einschub nicht wichtig. Hier soll aber gezeigt werden, wie der Autor Bakin im Japanischen auch mit den Schriftzeichen spielt. Beginnen wir mit den Schriftzeichen für "Mensch" 人 und für "Hund" 犬. Fügt man diese beiden Schriftzeichen zu einem einzigen zusammen, entsteht mit einer leichten kalligrafischen Variante das Zeichen 伏. Dieses Zeichen ist Teil des Namens Fusehime 伏 姫, zeigt also, dass Fusehime und ihr Hund eine Einheit bilden. Bakin erläutert, dass die Wahl dieses Namens für Yoshizanes erstes Kind schon ein Hinweis auf die karmatische Verbindung zwischen Mensch und Hund und auf den Fluch der Tamazusa "ich stürze die Kinder des Hauses Satomi in die Existenzform von Hunden" sei. Aber es geht noch weiter. Der "Marderhund" hat das Schriftzeichen 狸, dessen linker Teil eine kalligrafische Variante von 犬 (Hund), und der rechte Teil 里 das Schriftzeichen sato ist, welches für das Haus Satomi 里見 steht. Der Marderhund stellt sich damit auch optisch dar als Tamazusas Hundefluch, der auf dem Hause Satomi lastet. |



| Der Autor Takizawa
Kyokutei Bakin
lebte im 19.Jh., als in Japan Feuerwaffen längst verbreitet
waren.
Er irrt aber, wenn er Jägern und Kriegsleuten im
15.Jahrhundert
schon Musketen andichtet. Die ersten Europäer, die nach Japan
gelangten, waren portugiesische Seefahrer, die 1543 in
einem Sturm
Schiffbruch erlitten und an japanische Gestade verschlagen wurden. Erst
gegen Ende des 16.Jhs. wurden in Japan Feuerwaffen nachgebaut und
eingesetzt.
Wir gönnen ihm aber diese dichterische Freiheit.
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| Für das Verständnis des Textes ist dieser weinrote Einschub nicht wichtig. Hier soll aber gezeigt werden, wie der Autor Bakin im Japanischen auch mit den Schriftzeichen spielt. Zerlegt man die Schriftzeichen des Namens Yatsufusa 八房 in ihre Einzelteile 八 ,一, 尸, 方, ergibt sich, wie Bakin selbst erläutert, der Sinn: "Aus einem 一 Leichnam 尸 (fliegen) acht 八 (Symbole) in alle Himmelsrichtungen 方 (davon)." Seit dem Altertum gelten in Asien Schriftzeichen auch als Orakelsymbole, Vornamen sind bis heute mitunter das Ergebnis von Divinationen. Das berühmteste Beispiel ist der Eigenname des chinesischen Diktators Mao Zedong. Ze bedeutet "Sumpf" und dong bedeutet "Osten", hier sind durch Divination ein Naturelement und eine Himmelsrichtung zu einem ansonsten sinnlosen Eigennamen kombiniert worden. |
